Die Seilerbahn: wie aus Faser Tau wurde

Seiler verarbeiteten Hanf und Flachs im Rückwärtsgehen zu Garn und schlugen es auf langen Bahnen zu Tau. Einige Bahnen sind in Museen erhalten.

Text: Redaktion · 7 Minuten · Stand

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Ein Tau entsteht nicht an der Werkbank, es braucht Strecke: Bevor Maschinen die Arbeit übernahmen, gingen Seiler mit gehechelten Fasern wie Hanf und Flachs viele Meter rückwärts, weg von einem Rad, das gedreht wurde; so entstand Garn, das auf der Bahn zu Litzen und Seil geschlagen wurde. Diese Seilerbahnen, niederdeutsch auch Reeperbahnen, waren lang und gerade; manchmal ist von ihnen nur ein Straßenname geblieben. Dieser Text folgt dem Handwerk von der Faser bis zum fertigen Tau und zu den Orten, an denen man seine Bahnen heute noch sehen kann.

Reep, Reepschläger, Reeperbahn

Das Wort, um das es geht, ist niederdeutsch. Das Lexikon von wissen.de erklärt „Reep“ als Schiffstau, Seil oder starke Leine. Die Stadt Waren (Müritz) schreibt auf einer Informationstafel, Seil heiße auf Plattdeutsch „Reepe“. Die Wikipedia fasst zusammen, dass Seile früher vom Reepschläger, also dem Seiler, von Hand auf Seilerbahnen gedreht wurden, die auch Reeperbahnen hießen.

Ganz deckungsgleich sind die beiden Berufsnamen nicht. Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) unterscheidet sie nach Produkt und Kundschaft. Reepschläger fertigten schweres Seilwerk und Taue für die Schifffahrt, ihre Werkstätten lagen vor allem an der Küste, und ihre Ware ging von den Hansestädten aus in den Export. Seiler arbeiteten dagegen eher für Landwirtschaft und Fischerei, auch im Binnenland, meist in kleinen Betrieben für den örtlichen Markt. Das Museumsdorf Volksdorf in Hamburg trennt ähnlich zwischen Küstenseilereien für Schiffsseile und Binnenseilereien, die für Dörfler, Städter, Bauern und Handwerker arbeiteten.

Hamburg: eine Bahn vor dem Tor

Die Hamburger Reeperbahn verdankt ihren Namen dem Handwerk. Planet Wissen leitet ihn von der niederdeutschen Bezeichnung für Seilerbahn ab. Die Universität Hamburg beschreibt die Vorgeschichte genauer. Vor 1626 arbeiteten die Hamburger Reepschläger in dem Gebiet, aus dem später die Neustadt wurde. Als der Platz dort nicht mehr reichte, wurde die Arbeit vor die Stadttore verlegt. Von 1626 bis zum Ende des 19. Jahrhunderts fertigten die Reepschläger nördlich der heutigen Straße Schiffstaue aus Hanf, auf Arbeitsflächen von 400 Metern Länge. An den ursprünglichen Standort erinnert noch die Straße Drehbahn nahe dem Gänsemarkt. Gefragt war das Hamburger Tauwerk, so die Universität, weil die Stadt ein Hafen- und Handelsplatz war.

Planet Wissen spricht für das 17. und 18. Jahrhundert von einer geraden, 300 Meter langen Allee vor den Stadttoren. Das Tauwerk aus Faserhanf sei dort in langen Bahnen gelegt, gedreht und anschließend geteert worden. Abnehmer waren nach dieser Darstellung vor allem der Bergbau und die Schifffahrt, die es als Takelage brauchte. Mit der Industrialisierung begann das Handwerk auf der Straße auszusterben, und ihre ursprüngliche Bedeutung geriet in Vergessenheit.

Wie Hanf als Rohstoff über Jahrhunderte in Mitteleuropa verankert war, erzählt Eine kurze Geschichte des Hanfs.

Vom Bündel zum Garn

Am Anfang steht die Hechel. Das Einrichmuseum in Katzenelnbogen verzeichnet einen Hechelkamm aus Eisen mit etwa 15 Zentimeter langen Zinken. Mit solchen Geräten wurden Naturfasern gereinigt und gekämmt, vor allem Flachs und Hanf, aber auch Jute und Kokos. Das Kreismuseum Jerichower Land in Genthin beschreibt für eine Flachshechel des 19. Jahrhunderts, wie die Faserbänder mit Kraft durch einen groben Kamm gezogen wurden, meist mehrmals, und für feineres Garn anschließend durch feinere Kämme. In Waren wurden Hanf und Flachs nach der Informationstafel der Stadt mit Flachsbreche und Hechel vorbereitet, danach begann der Seiler mit dem Vorspinnen zu Fäden.

Wie das Spinnen aussah, zeigt eine Bleistiftzeichnung von Paul Breidenbach aus dem Jahr 1936 im LWL-Freilichtmuseum Hagen. Sie zeigt die Seilerei von Heinrich Lefken in Glandorf, eine Werkstatt von 72 Metern Länge. Der Seiler trägt die losen Fasern in seiner Schürze und hat sie über eine Öse gelegt. Wird das hölzerne Spinnrad gedreht, verspinnt er die Fasern im Rückwärtsgehen zu festem Garn. Darin liegt der Grund für die Länge der Bahnen. Sie lagen deshalb, so die Stadt Waren, in der Regel am Stadtrand oder außerhalb.

Vom Garn zur Litze, von der Litze zum Tau

Im nächsten Schritt wird, wie die Beschreibung zur Zeichnung festhält, das Garn in mehreren Strängen „schnurgeradeaus“ zu einem Seil geschlagen. Die Wikipedia beschreibt den Aufbau in Stufen. Garn ist dort der aus Fasern gesponnene starke Faden, und aus mehreren Litzen wird das Seil geschlagen. Dünne Seile bestehen aus drei bis vier Litzen. Besonders starke Seile, Trossen genannt, setzen sich wiederum aus mehreren dünneren Seilen zusammen, den Kardeelen. Die Drehrichtung heißt Schlag und wird als S- oder Z-Schlag angegeben, mit Großbuchstaben für das Seil und Kleinbuchstaben für die Litzen.

Für das Zusammendrehen auf der Bahn nennt die Tafel in Waren einen Schlitten, der die Kurbel trägt und sich auf die gewünschte Seillänge einstellen lässt. Ein Regionalmagazin beschrieb 2017 eine Vorführung im Seilereimuseum Schöningen. Dort kurbelten Besucher, während der Meister vier rückwärts gesponnene Litzen mit einem Leitholz zusammenführte.

Die Geräte veränderten sich mit der Zeit. Im 19. Jahrhundert wurden nach Angaben des LWL Holzteile, etwa am Seilerrad, durch Metall ersetzt. Ein Kammgeschirr aus Gussstahl erlaubte festeres Seilwerk.

Hanf, Flachs, später Manila und Sisal

Nach der Tafel in Waren arbeiteten die Seiler dort vor allem mit Hanf und Flachs. Der LWL nennt Hanf, Flachs und Sisal als gängige Ausgangsstoffe. Die westfälischen Seilereien bezogen ihre Rohstoffe meist vom Hanfmarkt in Telgte. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts kam die Kunstfaser hinzu, heute arbeitet das Handwerk mit chemischen und natürlichen Fasern und mit Stahldraht.

Eine der Fasern trägt einen Hafen im Namen. Der Duden beschreibt die Manilafaser, auch Manilahanf, als weiße bis ockerfarbene Hartfaser aus einer philippinischen Faserpflanze, verwendet für Seile, Taue, Netze und Säcke, benannt nach der Hafenstadt Manila. Die Wikipedia zählt Baumwolle, Flachs, Hanf, Kokos, Manilahanf und Sisal zu den Faserpflanzen für Seile. Die industrielle Seilherstellung begann ihr zufolge im 19. Jahrhundert. Neben Hanf und Sisal kamen später Stahldrähte und Kunstfasern hinzu, und heute entstehen Seile auf Seilschlagmaschinen.

Was die Hanffaser als Werkstoff ausmacht und wo sie heute verwendet wird, steht in Hanffaser als Material.

Das Ende der Handseilerei

Seine Hochphase erlebte das Handwerk nach dem LWL im 19. Jahrhundert, mit Beginn der Industrialisierung. Nach dem Ersten Weltkrieg entstanden dem LWL zufolge Seilfabriken, und die Nachfrage nach handgefertigten Seilen sank; ab etwa 1960 gab es nur noch wenige Kleinbetriebe und einige mittelgroße Handseilereien. Für den südlichen Landkreis Osnabrück nennt der LWL Zahlen: 11 Seilereien im Jahr 1833, 24 im Jahr 1861, 26 im Jahr 1881, 19 im Jahr 1910, 16 im Jahr 1950 und 2 im Jahr 1988. Die Ausbildung zum Seiler dauert heute drei Jahre, je nach Schwerpunkt kommt Seil- oder Netzkonfektion hinzu.

Wie eng Bahn und Stadt zusammenhingen, zeigt eine Episode aus Waren. Als dort 1928 ein Fußweg angelegt werden sollte, musste man sich nach der Informationstafel der Stadt mit Seilermeister Wilhelm Strecker und seiner 150 Meter langen Seilerbahn in den Wiesen auseinandersetzen. Der Weg wurde nie gebaut. Heute erinnert eine der historischen Informationstafeln der Stadt an die Warener Seiler und ihre Bahn.

Wo Seilerbahnen erhalten sind

Einige Bahnen haben in Museen überdauert. Das LWL-Freilichtmuseum Hagen übernahm 1964 die 72 Meter lange Doppelspinnbahn der Seilerei Lefken aus Glandorf und baute sie 1967 wieder auf.

Im Freilichtmuseum Neuhausen ob Eck steht eine Seilerei, die der Seiler Rudolf Häckel 1935 erbaute. Das lange Gebäude besteht aus Werkstatt und Seilerbahn. Es stand ursprünglich in Rottenburg und war dort bis Anfang der 1980er Jahre in Betrieb. Nach Angaben des Museums entstanden darin Seile von bis zu 100 Metern Länge und Taue von bis zu 10 Zentimetern Dicke. Abnehmer waren eine Maschinenfabrik in Rottenburg, der Bergbau im Ruhrgebiet und der Schiffsbau bis nach Marseille.

In Schlotheim errichtete die Firma Müller und Wimmer 1896 eine Spinnbahn, ein für Seilereien typisches Gebäude. Es wurde 1954 zum VEB Spoenta umgesetzt, diente dort bis 1989 der Seilherstellung und wurde 1992 auf das Gelände einer Turmwindmühle versetzt. Seitdem wird es als Seilereimuseum genutzt und bildet mit der Mühle einen Museumskomplex zu Hand- und Maschinenseilerei. Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz führt es auf ihrer Seite zum Tag des offenen Denkmals.

Das Museumsdorf Volksdorf in Hamburg hat seine kleine Seilerei 2018 um eine überdachte Seilerbahn aus Eichenfachwerk erweitert, gebaut von Ehrenamtlichen mit Holz aus dem Volksdorfer Wald. Unter dem Dach lassen sich Seile von höchstens 12 Metern Länge schlagen. Die Anlage ähnelt nach Angaben des Museumsdorfs der denkmalgeschützten Seilerei in Marienfeld in Ostwestfalen.

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Häufige Fragen

Was ist eine Seilerbahn?

Eine Seilerbahn ist eine lange, gerade Bahn, auf der Seiler Fasern im Rückwärtsgehen zu Garn verarbeiteten, während ein Rad gedreht wurde, und das Garn anschließend zu Seilen schlugen. Wegen ihrer Länge lagen die Bahnen in der Regel am Stadtrand oder außerhalb. Niederdeutsch hießen sie auch Reeperbahnen, nach „Reep“ für Schiffstau oder Seil.

Woher hat die Reeperbahn in Hamburg ihren Namen?

Der Name geht auf die Seilerbahnen der Reepschläger zurück, die Taue für die Schifffahrt fertigten. Nach der Universität Hamburg arbeiteten sie von 1626 bis zum Ende des 19. Jahrhunderts nördlich der heutigen Straße und stellten auf Arbeitsflächen von 400 Metern Länge Schiffstaue aus Hanf her. Planet Wissen spricht von einer 300 Meter langen Allee vor den Stadttoren.

Wo kann man heute noch Seilerbahnen sehen?

Einige Bahnen sind in Museen erhalten. Das LWL-Freilichtmuseum Hagen zeigt die 72 Meter lange Doppelspinnbahn der Seilerei Lefken aus Glandorf, das Freilichtmuseum Neuhausen ob Eck eine Seilerei von 1935 aus Rottenburg. In Schlotheim dient eine Spinnbahn von 1896 als Seilereimuseum, und das Museumsdorf Volksdorf in Hamburg hat seit 2018 eine überdachte Seilerbahn.

Was wir nicht wissen

Die Quellen nennen für die Hamburger Bahnen unterschiedliche Längen, 400 Meter bei der Universität Hamburg und 300 Meter bei Planet Wissen. Ob damit dieselbe Fläche gemeint ist, bleibt offen. Für die Seilerei Lefken nennt eine Quelle das Baujahr 1850 für die Werkstatt, die andere nur die Jahre der Übernahme und des Wiederaufbaus. Den Denkmalstatus der genannten Gebäude haben wir nicht an amtlichen Denkmallisten geprüft. Ein etymologisches Wörterbuch zu „Reep“ haben wir nicht eingesehen.

Weiterlesen: Hanf in der Sprache: Kanevas und Canvas · Das Herbarium: wie Pflanzen in Sammlungen kommen · Hanfstoff: wie Gewebe aus Hanf entsteht

Stand: 13.10.2026. Die Quellen stehen unten.

Quellen

  1. Universität Hamburg, Newsroom: 400 Years of the Reeperbahn (englische Fassung; deutsche Fassung für das Abrufwerkzeug gesperrt) (öffnet in neuem Tab)uni-hamburg.de · abgerufen am
  2. Planet Wissen: Wissensfrage zur Hamburger Reeperbahn und zum Hanf (öffnet in neuem Tab)planet-wissen.de · abgerufen am
  3. wissen.de, Lexikon: Reep (öffnet in neuem Tab)wissen.de · abgerufen am
  4. Wikipedia: Seil (öffnet in neuem Tab)de.wikipedia.org · abgerufen am
  5. Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL), Handwerk und Technik: Seiler (öffnet in neuem Tab)kht.lwl.org · abgerufen am
  6. LWL-Freilichtmuseum Hagen (museum-digital Westfalen): Paul Breidenbach, Inneres einer Seilerei in Glandorf, 1936, Inv. 0001-1367 (öffnet in neuem Tab)westfalen.museum-digital.de · abgerufen am
  7. Stadt Waren (Müritz): Informationstafel Seilerbahn (PDF) (öffnet in neuem Tab)waren-mueritz.de · abgerufen am
  8. visit-mv.com: Historical information boards of the town of Waren (Müritz) (öffnet in neuem Tab)visit-mv.com · abgerufen am
  9. Museumsdorf Volksdorf: Seilerei (öffnet in neuem Tab)museumsdorf-volksdorf.de · abgerufen am
  10. Freilichtmuseum Neuhausen ob Eck: Seilerei (öffnet in neuem Tab)freilichtmuseum-neuhausen.de · abgerufen am
  11. Tag des offenen Denkmals (Deutsche Stiftung Denkmalschutz): Seilermuseum Schlotheim (öffnet in neuem Tab)tag-des-offenen-denkmals.de · abgerufen am
  12. Einrichmuseum Katzenelnbogen (museum-digital Rheinland-Pfalz): Hechel (Hechelkamm), Inv. 00278 (öffnet in neuem Tab)rlp.museum-digital.de · abgerufen am
  13. Kreismuseum Jerichower Land, Genthin (museum-digital Sachsen-Anhalt): Flachshechel, Inv. V5290-I (öffnet in neuem Tab)st.museum-digital.de · abgerufen am
  14. die-region.de: Auf den Spuren eines altehrwürdigen Handwerks, das Seilereimuseum in Schöningen (Regionalmagazin) (öffnet in neuem Tab)die-region.de · abgerufen am
  15. Duden: Manilafaser (öffnet in neuem Tab)duden.de · abgerufen am

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