Das Herbarium: wie Pflanzen in Sammlungen kommen

Ein Herbarbeleg ist eine gepresste Pflanze mit Etikett. Die Praxis entstand im 16. Jahrhundert in Norditalien, heute liegen Millionen Belege in Sammlungen.

Text: Redaktion · 7 Minuten · Stand

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Ein Herbarbeleg ist ein Bogen Karton, darauf eine flach gepresste, getrocknete Pflanze, unten rechts ein Etikett mit wenigen Zeilen; Millionen davon liegen in Mappen, die Mappen in Schränken, die Schränke in Magazinen botanischer Gärten, Museen und Universitäten. Die Praxis entstand in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts in Norditalien, mit Luca Ghini als Pionier. Dieser Text erzählt, wie die Form entstanden ist, was auf einem Etikett steht und wofür Forschende die Belege heute nutzen.

Ein Anfang in Norditalien

Wann jemand damit begann, Pflanzen zu pressen, zu trocknen und aufzuheben, lässt sich nicht sagen. Die Fachleute, die die erhaltenen Herbarien des 16. Jahrhunderts zusammengestellt haben, halten die Frage, wer damit anfing, ausdrücklich für nicht zu beantworten und für unerheblich. Ihre Übersicht erschien 2022 in der Fachzeitschrift Webbia, verfasst von R. M. Baldini, G. Cristofolini und C. Aedo.

Was sich sagen lässt: Die Praxis entstand nach dieser Übersicht in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts in Norditalien, mit Luca Ghini als Pionier. Ghini lebte von 1490 bis 1556, stammte aus Croara bei Imola, studierte in Bologna und lehrte dort später Medizin. 1544 ging er nach Pisa. Er legte eine Sammlung von mehreren hundert Belegen an. Erhalten ist davon nichts, vor allem, weil er Belege an Schüler und Kollegen weitergab.

Über diese Schüler lebt die Methode fort. Die Autoren nennen Ulisse Aldrovandi, Cesalpino und den unbekannten Urheber eines Herbariums, das heute als „Anonimo Toscano“ in Florenz liegt und um 1544 bis 1545 entstand. Aldrovandi begann seine Sammlung um 1551 in Bologna, sie enthält einige Pflanzen, die Ghini ihm schickte, und umfasst 4.800 Belege. Insgesamt listet die Übersicht 15 erhaltene Herbarien aus dem 16. Jahrhundert auf, neun davon entstanden in Italien. Als Wiege der Praxis sehen die Autoren die Schule Ghinis und das kulturelle Umfeld von Ferrara und Bologna.

Die frühen Sammlungen sahen anders aus als heute. Manche wurden als Bücher gebunden: Das Herbarium von Platter umfasst acht gebundene Bände, zehn weitere gelten als verloren. Cesalpinos Sammlung war ursprünglich ein Band von 266 Seiten und wurde 2007 aufgelöst. Andere lagen lose, die Pflanzen geklebt oder frei auf den Bögen. Im deutschen Sprachraum stammen zwölf Bände von Hieronymus Harder aus dem späten 16. Jahrhundert, das nennt die Badische Landesbibliothek. Sie erinnert auch daran, dass das Wort Herbar früher ebenso Kräuterbücher mit gemalten oder gedruckten Pflanzenbildern bezeichnete. Wie solche Bücher den Hanf zeigten, lesen Sie in Hanf im Kräuterbuch.

Was ein Beleg ist

Kew beschreibt die Herstellung so: Die Pflanze, möglichst mit Blüten und Früchten, wird zwischen Zeitungspapier gepresst und in der Sonne oder über einem Ofen getrocknet. Dann wird sie mit einem Etikett auf Karton montiert. Die Universität Oldenburg ergänzt, dass dort nur säurefreies Papier verwendet wird.

Das Etikett macht aus einer getrockneten Pflanze ein Dokument. Nach Kew stehen darauf eine Beschreibung der Pflanze, der Fundort, heute auf wenige Meter genau, der Lebensraum, das Datum und der Name des Sammlers, manchmal auch volkstümliche Namen, Nutzungen oder ökologische Notizen. Oldenburg nennt Fundort mit GPS, Sammlerin oder Sammler und Datum als Pflichtangaben, dazu wissenschaftlichen Namen und Familie. Merkmale, die beim Trocknen verloren gehen, etwa die Blütenfarbe, werden notiert. Die Harvard University Herbaria halten fest, Beleg und Etikett seien gleich wichtig. Ohne die Angaben fehlt dem Beleg der Wert für die Forschung.

Typusbelege

Einige Belege tragen eine besondere Last. Der Internationale Code der Nomenklatur für Algen, Pilze und Pflanzen bezeichnet als Holotypus das eine Exemplar oder die eine Abbildung, die der Autor als nomenklatorischen Typus angegeben oder verwendet hat. Solange der Holotypus existiert, legt er in der Regel fest, wofür der Name gilt. Ein Isotypus ist nach dem Code jedes Duplikat des Holotypus und immer ein Exemplar.

Kew zählt nach eigenen Angaben 330.000 Typusbelege und beschreibt sie als Maßstab für die Benennung von Pflanzen.

Drei Häuser, drei Zahlen

Die großen Sammlungen nennen ihre Bestände selbst. Das Herbarium des Botanischen Gartens und Botanischen Museums Berlin wurde nach Angaben des Hauses 1819 gegründet und bewahrt mehr als 3,8 Millionen Belege. Es umfasst alle großen Pflanzengruppen, dazu Pilze und Flechten, außerdem Früchte und Samen, Holzproben und in Alkohol konservierte Stücke.

Die Berliner Sammlung trägt eine Bruchstelle. 1943 wurde der größere Teil des Herbariums in Berlin-Dahlem zerstört. Die Geschichte des Hauses widerspricht aber der Annahme, der alte Bestand sei vollständig verloren: Gerettet wurden nach einer Schätzung von 1949 etwa eine halbe Million Belege, darunter Stücke aus fast allen alten Sammlungen, vor allem unter den erhaltenen Typen.

Kew nennt rund sieben Millionen Belege von Gefäßpflanzen, aus etwa 95 Prozent der Gattungen. Das Herbarium wurde nach Angaben von Kew 1852 gegründet, der Bestand reicht ins späte 17. Jahrhundert zurück. Seit den 1870er-Jahren kam etwa alle dreißig Jahre ein neuer Flügel hinzu. Geordnet sind die Belege nach Familie, Gattung und Art.

Das Muséum national d’Histoire naturelle in Paris schätzt den Bestand des französischen Nationalherbariums auf acht Millionen Belege aus aller Welt. Es verweist auf Sammlungen, die für die Geschichte der Botanik wichtig sind, darunter die von Tournefort, Jussieu, Lamarck und Adanson.

Solche Größen sind selten. Nach Angaben der Harvard University Herbaria gibt es weltweit weniger als 75 Herbarien mit mehr als einer Million Belegen.

Vom Schrank auf den Bildschirm

Ein Beleg im Schrank ist nur dort zu sehen, wo der Schrank steht. Die Digitalisierung ändert das. In Paris wurden nach einem Vortrag von Marc Pignal vom Muséum aus dem Jahr 2013 sechs Millionen Bilder in drei Jahren erzeugt, bis zu 12.000 am Tag, fotografiert mit 300 dpi. Vorher wurden Pakete geöffnet und Barcodes angebracht. Pignal stellte dabei auch die „Herbonautes“ vor, einen Prototyp für ein partizipatives Herbarium.

In Berlin entstehen seit 2004 hochaufgelöste Digitalbilder von Belegen, gefördert unter anderem für Typusbelege und historische Sammlungen wie das Herbarium von Willdenow. 2022 ging das Portal der deutschen Herbarien online. Nach der Pressemitteilung vom 19. Mai 2022 waren dort rund eine Million digital vernetzte Belege aus über zwanzig Sammlungen zu sehen, darunter Fotos von 300.000 historischen Belegen. Von den rund 23 Millionen Belegen in deutschen Herbarien waren damals 13 Prozent digitalisiert. Der Botanische Garten Berlin plante, seine eigene Sammlung bis 2030 vollständig online zu stellen. Auch Kew digitalisiert seinen Bestand.

Was die Forschung damit macht

Die Belege sind ein Archiv der Zeit. Kew nennt als Nutzungen unter anderem die Kartierung, wo Arten vorkommen und wie sich das verändert, und die Erfassung von Blüh- und Fruchtzeiten. In der Sammlung wurden auch neue Arten entdeckt, manche davon möglicherweise schon ausgestorben.

Ein Beispiel für die Zeitachse lieferte die Universität Tübingen 2022. Ein Team aus Franziska M. Willems, J. F. Scheepens und Oliver Bossdorf wertete mehr als 6.000 Herbarbelege von 20 früh blühenden Waldpflanzen aus ganz Europa aus. Nach der Pressemitteilung beginnen diese Arten heute im Schnitt etwa eine Woche früher zu blühen als vor hundert Jahren. Je Grad Erwärmung verschob sich die Blüte um 3,6 Tage nach vorn. Die Studie erschien in der Fachzeitschrift New Phytologist.

Auch das Erbgut lässt sich lesen, mit Einschränkungen. Eine Studie in Frontiers in Plant Science von 2019 beschreibt die DNA aus Herbarbelegen als typischerweise stark abgebaut, als Folge der Konservierung und der langen Lagerung. Die Qualität sinkt mit dem Alter des Belegs. Trotzdem untersuchten die Autorinnen und Autoren, unter welchen Bedingungen sich Hunderte Gene aus solchem Material gewinnen lassen. Sie sehen darin Möglichkeiten etwa für die Stammesgeschichte und die Populationsgenetik.

Ein Kulturgut aus Papier

Herbarien sind nicht nur Daten. Die Badische Landesbibliothek beschreibt die Geschichte der Herbarien und der Kräuterbücher als Spiegel des Wandels im Verständnis von Naturerkenntnis und der Veränderungen in der darstellenden Kunst. Die Harvard University Herbaria vergleichen Herbarien mit einer Bibliothek sorgfältig konservierter Pflanzen und sehen in ihnen zunehmend ein Zeugnis der jüngeren Geschichte des Pflanzenlebens. Oldenburg betont, dass Belege auch von Arten erzählen, die es nicht mehr gibt.

In jedem Beleg stecken eine Reise, ein Tag und ein Name. Wer die Mappen öffnet, liest beides: die Pflanze und die Geschichte ihres Sammelns.

Weiterlesen: Sammlungen und Ausstellungen

Häufige Fragen

Was ist ein Herbarbeleg?

Ein Herbarbeleg ist eine gepresste, getrocknete Pflanze, die mit einem Etikett auf Karton montiert ist. Auf dem Etikett stehen unter anderem Fundort, Lebensraum, Datum und der Name des Sammlers; Merkmale, die beim Trocknen verloren gehen, etwa die Blütenfarbe, werden notiert. Ohne diese Angaben fehlt dem Beleg der Wert für die Forschung.

Wer hat das Herbarium erfunden?

Wer zuerst Pflanzen presste und aufbewahrte, lässt sich nach der Fachliteratur nicht klären. Die Praxis entstand in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts in Norditalien, mit Luca Ghini (1490 bis 1556) als Pionier. Seine Sammlung ist nicht erhalten, doch über seine Schüler wie Ulisse Aldrovandi lebte die Methode fort.

Wofür nutzt die Forschung Herbarbelege?

Herbarbelege zeigen, wo Arten vorkamen und wann sie blühten oder Früchte trugen. Ein Team der Universität Tübingen wertete 2022 mehr als 6.000 Belege früh blühender Waldpflanzen aus und fand, dass diese heute im Schnitt etwa eine Woche früher blühen als vor hundert Jahren. Auch Erbgut lässt sich aus Belegen gewinnen, allerdings ist die DNA typischerweise stark abgebaut.

Was wir nicht wissen

Wer die Technik des Pressens zuerst anwandte, lässt sich nach der Fachliteratur nicht klären. Die hier gelesenen Quellen nennen keine aktuelle Zahl der Typusbelege für Berlin und Paris und keinen aktuellen Stand der Digitalisierung in den drei Häusern. Die Zahlen zum Bestand stammen von den Häusern selbst und beruhen auf unterschiedlichen Zählweisen; sie eignen sich nicht für eine Rangfolge. Wie viele Herbarien es weltweit insgesamt gibt, haben wir nicht belegt.

Weiterlesen: Die Seilerbahn: wie aus Faser Tau wurde · Hanf in der Sprache: Kanevas und Canvas · Uppsala: auf den Spuren von Linné

Stand: 13.10.2026. Alle Angaben nach den unten genannten Quellen, abgerufen am 13.10.2026.

Quellen

  1. Baldini, Cristofolini, Aedo: The extant herbaria from the Sixteenth Century: a synopsis, Webbia. Journal of Plant Taxonomy and Geography 77(1), 2022, S. 23–33 (Firenze University Press) (öffnet in neuem Tab)oaj.fupress.net · abgerufen am
  2. Badische Landesbibliothek Karlsruhe: Herbarien. Geschichte und Bedeutungswandel von Pflanzensammlungen und -beschreibungen, Pressemitteilung Nr. 14 vom 20. September 2022 (öffnet in neuem Tab)blb-karlsruhe.de · abgerufen am
  3. Royal Botanic Gardens, Kew: What's in a collection? The Herbarium at Kew (William Milliken) (öffnet in neuem Tab)kew.org · abgerufen am
  4. Royal Botanic Gardens, Kew: The Herbarium (öffnet in neuem Tab)kew.org · abgerufen am
  5. Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, Kustodien: 40 Jahre Herbarium der Uni Oldenburg (öffnet in neuem Tab)uol.de · abgerufen am
  6. Harvard University Herbaria: About (öffnet in neuem Tab)huh.harvard.edu · abgerufen am
  7. International Association for Plant Taxonomy (IAPT): International Code of Nomenclature for algae, fungi, and plants, Artikel 9 (öffnet in neuem Tab)iapt-taxon.org · abgerufen am
  8. Botanischer Garten und Botanisches Museum Berlin, Freie Universität Berlin: Herbarium (öffnet in neuem Tab)bo.berlin · abgerufen am
  9. Botanischer Garten und Botanisches Museum Berlin: History of the herbarium (öffnet in neuem Tab)bgbm-web.bgbm.fu-berlin.de · abgerufen am
  10. Botanischer Garten und Botanisches Museum Berlin: Forschungsprojekte (Digital specimen images at the Herbarium Berolinense) (öffnet in neuem Tab)bgbm-web.bgbm.fu-berlin.de · abgerufen am
  11. Botanischer Garten und Botanisches Museum Berlin: Ein Blick in die Schatzkammern der deutschen Herbarien, www.herbarium.gbif.de geht online, Pressemitteilung vom 19. Mai 2022 (öffnet in neuem Tab)bgbm-web.bgbm.fu-berlin.de · abgerufen am
  12. Muséum national d'Histoire naturelle, INPN: The vascular plants collection (P) at the Herbarium of the Muséum national d'Histoire Naturelle (öffnet in neuem Tab)inpn.mnhn.fr · abgerufen am
  13. Marc Pignal (MNHN): Réutiliser et contribuer, Vortragsfolien, Les musées de France à l'heure du numérique, Ministère de la Culture, 2013 (öffnet in neuem Tab)culture.gouv.fr · abgerufen am
  14. Brewer u. a.: Factors Affecting Targeted Sequencing of 353 Nuclear Genes From Herbarium Specimens Spanning the Diversity of Angiosperms, Frontiers in Plant Science 10:1102, 2019 (öffnet in neuem Tab)frontiersin.org · abgerufen am
  15. Universität Tübingen über idw: Forest plants now flower a week earlier than a century ago, Pressemitteilung vom 28. April 2022 (Willems, Scheepens, Bossdorf, New Phytologist) (öffnet in neuem Tab)idw-online.de · abgerufen am

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