Hanf in der Sprache: Kanevas und Canvas

Kanevas und Canvas gehen nach den Wörterbüchern auf das lateinische Wort für Hanf zurück. Gemeint war zuerst ein grobes Tuch, später Stickgrund und Malfläche.

Text: Redaktion · 6 Minuten · Stand

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Faktencheck läuft. Einzelne Angaben in diesem Beitrag prüfen wir gerade noch einmal an den Quellen.

Der Kanevas, ein steifes Gitter aus Fäden für Stickereien, und canvas, im Englischen die Leinwand zum Malen, führen nach Auskunft der Wörterbücher beide auf den lateinischen Namen des Hanfs zurück, wenn auch auf verschiedenen Wegen und in verschiedenen Formen. Im Englischen ist canvas seit der Mitte des 14. Jahrhunderts verzeichnet, damals für ein festes Tuch aus Hanf oder Flachs; ins Deutsche kam Kanevas als französisches Fachwort. An die Pflanze denkt bei beiden kaum jemand. Ihr Name ist geblieben. Dieser Text folgt den Wegen der Wörter, so weit die Nachschlagewerke sie belegen.

Canvas: ein Tuch aus Hanf oder Flachs

Das Online Etymology Dictionary verzeichnet canvas im Englischen seit der Mitte des 14. Jahrhunderts. Gemeint war damals ein festes Tuch aus Hanf oder Flachs. Den Weg ins Englische beschreibt Etymonline über drei verwandte Formen: anglofranzösisch canevaz, altnordfranzösisch canevach und altfranzösisch chanevaz. Alle drei bedeuten demnach „aus Hanf gemacht“. Dahinter steht ein vulgärlateinisches Adjektiv, cannapaceus, das nicht schriftlich überliefert ist, sondern erschlossen wurde. Es ist von lateinisch cannabis abgeleitet.

Das Anglo-Norman Dictionary, das Wörterbuch des Anglonormannischen, zeigt, wie vielgestaltig das Wort in der Schrift war. Es führt unter canevas Schreibungen wie canavace, canevaz, canvas, chanevaz und kanevas. Die Belege reichen ins 13. Jahrhundert zurück. Neben dem Stoff selbst nennt das Wörterbuch ein Stück Tuch, eine Abdeckung aus diesem Stoff und, für die Jahre 1360 und 1361, einen Wollsack. Als Adjektiv bedeutete chanevaz dort „hanfen“ oder „hanffarben“, belegt in einer Handschrift von 1272 bis 1282.

Vom Sack zur Malfläche

Der Wandel, der das Wort heute prägt, kam spät. Nach Etymonline steht canvas seit etwa 1700 besonders für die Fläche, auf der in Öl gemalt wird. Für 1764 ist der Gebrauch für das Gemälde selbst belegt, „ein Ölbild“. Aus einem Gewebe für Säcke und Abdeckungen wurde so der Name eines Bildträgers und schließlich eines Kunstwerks.

Ein Seitenzweig führt in die Politik. Das englische Verb canvass, mit doppeltem s, bedeutete laut Etymonline um 1500 zunächst, jemanden in einem Tuch aus Canvas hochzuwerfen. Seit den 1520er-Jahren stand es im übertragenen Sinn für gründliches Prüfen, nach Etymonline wahrscheinlich vom Sieben durch solches Tuch her. Seit den 1550er-Jahren bedeutet es, um Stimmen zu werben. Die Schreibung mit doppeltem s stammt aus dem 16. Jahrhundert und trennt seither das Verb vom Stoff.

Kanevas: der Stickgrund

Im Deutschen hat sich das Wort auf einen engen Gebrauch zurückgezogen. Der Duden beschreibt den Kanevas als gitterartiges, stark appretiertes Gewebe in Leinwandbindung für Stickereien und ordnet ihn der Fachsprache der Textilindustrie zu. Das Wort ist maskulin, der Plural lautet Kanevas oder Kanevasse.

Zur Herkunft nennt der Duden französisch canevas. Das bezeichnete ursprünglich grobes Segeltuch oder Sackleinen. Hier zeigt sich derselbe Bedeutungskern wie bei canvas: ein robustes Tuch für Arbeit und Transport. Im Deutschen ist davon nur der Grund für die Nadel geblieben.

Zwei Wege, ein Ziel

An einer Stelle gehen die Wörterbücher auseinander, und es lohnt, das offen zu sagen. Für die Strecke zwischen Latein und Französisch nennen Duden und Etymonline verschiedene Zwischenstufen.

Der Duden führt französisch canevas auf provenzalisch canabas zurück, ein Tuch aus Hanffasern, und dieses auf spätlateinisch cannabus, Hanf.

Etymonline führt englisch canvas über die anglofranzösische, altnordfranzösische und altfranzösische Form auf das erschlossene vulgärlateinische Adjektiv cannapaceus zurück, und dieses auf lateinisch cannabis.

Die beiden Darstellungen betreffen nicht genau dasselbe Wort, die eine das französische canevas, die andere das englische canvas. Sie widersprechen sich deshalb nicht zwingend. Sie lassen sich aber auch nicht ohne Weiteres zu einer Kette verbinden. Beide enden bei derselben lateinischen Wurzel. Welcher Zwischenweg für welches Wort gilt, müsste ein Fachwörterbuch der romanischen Sprachen klären. Das Anglo-Norman Dictionary verweist für canevas auf das Französische Etymologische Wörterbuch (FEW) unter dem Stichwort cannabis, nennt selbst aber keine Herleitung im Einzelnen.

Hanf: ein Wort von außen

Und das deutsche Wort für die Pflanze selbst? Der Duden nennt mittelhochdeutsch han(e)f und althochdeutsch hanaf. Herkunft: aus einer ost- oder südosteuropäischen Sprache. Eine Verbindung zum griechischen oder lateinischen Wort zieht der Eintrag nicht ausdrücklich.

Etymonline ordnet das englische Gegenstück hemp ein. Altenglisch hieß es hænep, die erschlossene germanische Form ist *hanapiz. Verwandt sind demnach altsächsisch hanap, altnordisch hampr, althochdeutsch hanaf und deutsch Hanf. Das germanische Wort sei wahrscheinlich eine sehr frühe Entlehnung desselben skythischen Wortes, das auch zu griechisch kannabis wurde. Im Eintrag zu cannabis formuliert Etymonline noch vorsichtiger: hemp gehöre möglicherweise in dieselbe Familie. Das griechische kannabis selbst beschreibt das Wörterbuch als ein Wort aus der Sprache der Skythen oder Thraker. Was Herodot über die Skythen und den Hanf schrieb, lesen Sie in Herodot, die Skythen und der Hanf.

Für das Deutsche heißt das: Hanf und Kanevas sind wohl verwandt, aber auf verschiedenen Wegen ins Deutsche gelangt. Hanf kam früh und wurde zu einem germanischen Wort. Kanevas kam als französisches Fachwort mit lateinischer Wurzel. Wie die Laute sich im Einzelnen von kannabis zu hanaf verschoben haben, lässt sich mit den hier geöffneten Quellen nicht belegen. Wir lassen das deshalb offen.

Ein Fund am Rand zeigt, wie nah sich die beiden Linien kommen konnten. Das Etymologische Wörterbuch des Althochdeutschen verzeichnet, mit Fragezeichen, ein Glossenwort kanaba, belegt ab dem 10. oder 11. Jahrhundert und erklärt mit „Fessel, Knebel“. Es deckt sich mit mittellateinisch can(n)aba: Hanf, Hanfseil, -schnur, -strick. Ob kanaba überhaupt ein althochdeutsches Wort war oder nur ein lateinisches in deutscher Umgebung, stellt das Wörterbuch selbst in Frage.

Nachbarn: chanvre und hanep

Im Französischen heißt die Pflanze chanvre. Das Wörterbuch der Académie française leitet es in seiner 9. Auflage von einer veränderten Form des lateinischen cannabis ab, das seinerseits aus dem griechischen kannabis entlehnt sei. Als zweite Bedeutung nennt es den Textilstoff, der aus der Pflanze gewonnen wird.

Wie dicht Französisch und Englisch im mittelalterlichen England nebeneinander lagen, zeigt ein Beleg im Middle English Dictionary der University of Michigan. In einem Dokument von 1303 wird französisch chanvre mit dem englischen Wort hanep erklärt. Nach Etymonline ist die Bedeutung „Faser aus der Pflanze“ für hemp um 1300 belegt.

Was die Wörter verloren haben

Die Linie, die sich durch alle Einträge zieht, ist die der Arbeit. Das anglonormannische canevas stand für Tuch, Abdeckung, Wollsack, das französische nach dem Duden für grobes Segel- und Sacktuch. Chanevaz hieß „hanfen“ oder „hanffarben“. Erst später wurden daraus Malgrund und Stickgitter, Gegenstände, bei denen niemand mehr an eine Faserpflanze denkt.

Auch das lateinische Wort selbst hat sich verschoben. Etymonline verzeichnet cannabis im Englischen seit 1798 im Sinn von „gewöhnlicher Hanf“, nach dem 1728 eingeführten botanischen Gattungsnamen. Die Bedeutung als Rauschmittel ist dort erst ab 1848 dokumentiert. Die Wörter für Tuch sind im Englischen älter als dieser Sinn.

Wie das Material selbst genutzt wurde und wird, erzählen zwei andere Texte: Eine kurze Geschichte des Hanfs und Hanffaser als Material.

Häufige Fragen

Woher kommt das Wort Canvas?

Englisch canvas geht nach dem Online Etymology Dictionary über anglofranzösisch canevaz, altnordfranzösisch canevach und altfranzösisch chanevaz auf ein erschlossenes vulgärlateinisches Adjektiv cannapaceus zurück, abgeleitet von lateinisch cannabis. Die französischen Formen bedeuten demnach „aus Hanf gemacht“. Im Englischen ist canvas seit der Mitte des 14. Jahrhunderts als festes Tuch aus Hanf oder Flachs verzeichnet, seit etwa 1700 besonders als Fläche für die Ölmalerei.

Was ist Kanevas?

Der Duden beschreibt Kanevas als gitterartiges, stark appretiertes Gewebe in Leinwandbindung für Stickereien. Das Wort stammt aus dem französischen canevas, das ursprünglich grobes Segeltuch oder Sackleinen bezeichnete. Der Duden führt es über provenzalisch canabas, ein Tuch aus Hanffasern, auf spätlateinisch cannabus zurück, Hanf.

Sind die Wörter Hanf und Canvas verwandt?

Wahrscheinlich ja, aber über verschiedene Wege. Hanf, althochdeutsch hanaf, ist nach Etymonline wahrscheinlich eine sehr frühe germanische Entlehnung desselben skythischen Wortes, das auch zu griechisch kannabis wurde; der Duden nennt als Herkunft nur eine ost- oder südosteuropäische Sprache. Canvas und Kanevas kamen dagegen später über das Französische mit lateinischer Wurzel.

Was wir nicht wissen

Die etymologischen Standardwerke für das Deutsche, das Wörterbuch von Kluge und das Etymologische Wörterbuch nach Pfeifer, konnten wir für diesen Text nicht einsehen. Wie genau Hanf aus der germanischen Form entstand und welche Lautregeln dabei wirkten, bleibt hier deshalb offen. Ebenso ungeklärt bleibt, welcher der beiden romanischen Zwischenwege, über das Provenzalische oder über ein vulgärlateinisches Adjektiv, für welches Wort gilt. Formen in weiteren Sprachen, etwa im Niederländischen, haben wir nicht aufgenommen, weil uns kein Wörterbuchbeleg vorlag.

Weiterlesen: Die Seilerbahn: wie aus Faser Tau wurde · Das Herbarium: wie Pflanzen in Sammlungen kommen · Hanfstoff: wie Gewebe aus Hanf entsteht

Stand: 13.10.2026. Die Angaben folgen den genannten Wörterbüchern; Quellen siehe unten.

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