Hanfstoff: wie Gewebe aus Hanf entsteht

Hanfstoff entsteht über Röste, Brechen, Schwingen, Hecheln, Spinnen und Weben. Erkennbar ist er am EU-Etikett, das Hanf getrennt von Leinen führt.

Text: Redaktion · 8 Minuten · Stand

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Faktencheck läuft. Einzelne Angaben in diesem Beitrag prüfen wir gerade noch einmal an den Quellen.

Hanfstoff entsteht aus dem Hanfstängel in sechs Arbeitsschritten, Röste, Brechen, Schwingen, Hecheln, Spinnen und Weben, die nach der Fachliteratur der Leinenherstellung aus Flachs entsprechen. Laut einem Übersichtsaufsatz der Textilforscherin Malgorzata Zimniewska vom Institut für Naturfasern und Arzneipflanzen in Posen von 2022 sind Hanffasern im Aufbau mit Flachsfasern vergleichbar. Ob ein Stoff aus Hanf besteht, steht in der EU auf dem Etikett: Die Textilkennzeichnungsverordnung (EU) Nr. 1007/2011, anwendbar seit dem 8. Mai 2012, führt Hanf in Anhang I als eigene Faser unter Nummer 8, getrennt von „Flachs bzw. Leinen“ unter Nummer 7.

Auf einen Blick

  • Die EU-Verordnung beschreibt Hanf als Bastfaser aus den Stängeln des Hanfes (Cannabis sativa), Leinen als Bastfaser aus den Stängeln des Flachses (Linum usitatissimum).
  • Eine ausreichende Wasserröste dauert nach Zimniewska ein bis zwei Wochen, weniger lange als die Röste auf dem Feld.
  • Beim Schwingen entstehen Langfasern in Zöpfen, die anschließend gehechelt werden, und Hanfwerg, also kürzere, verworrene Fasern.
  • Aus einer Tonne rohem Hanfstroh entstehen nach Zimniewska etwa 70 bis 80 Kilogramm feines Garn aus Langfasern.
  • „100 %“, „rein“ oder „ganz“ darf nach Artikel 7 der Verordnung nur auf Erzeugnissen stehen, die ausschließlich aus einer Faser bestehen.

Wie löst die Röste die Faser aus dem Stängel?

Die Röste ist ein Rotteprozess: Mikroorganismen lösen die Kittsubstanzen, vor allem Pektine, die die Faserbündel an den holzigen Kern binden. So beschreibt es der englischsprachige Wikipedia-Eintrag zur Röste. Bei der Tauröste bleibt das Stroh in Reihen auf dem Feld liegen und wird von Pilzen besiedelt; bei der Wasserröste liegt es in Becken oder Gewässern, wo anaerobe Bakterien die Pektine abbauen.

Der Eintrag nennt für die Tauröste zwei bis fünf Wochen, für die Wasserröste einige Tage. Zimniewska nennt für das traditionelle Verfahren fünf bis sieben Tage, für eine ausreichende Wasserröste ein bis zwei Wochen. Bei zu langer Röste greifen laut Wikipedia Enzyme die Zellulose der Faser an.

Die Tauröste hat die Wasserröste weitgehend abgelöst, nach dem englischsprachigen Eintrag wegen geringerer Kosten und höherer Faserausbeute, nach Zimniewska wegen der Umweltbelastung: Die Wasserröste wurde wegen großer Abwassermengen in vielen Ländern verboten. Auch die Alternativen haben Nachteile: In einer von ihr zitierten Ökobilanz schnitt die Enzymröste schlechter ab als die Feldröste, und chemische Verfahren nennt sie nicht umweltneutral.

Was geschieht beim Brechen, Schwingen und Hecheln?

Brechen, Schwingen und Hecheln trennen die Faser mechanisch vom Holz. Beim Brechen wird der Holzkern in kleine Stücke zerkleinert, die Schäben; beim Schwingen werden sie von der Faser getrennt; beim Hecheln wird die Langfaser parallel gelegt und weiter gereinigt. So beschreibt es die Wikipedia für Flachs; für Hanf nennt der Eintrag zur Hanffaser, gestützt auf das Fachbuch „Bast and other plant fibres“ (Franck, Hrsg., 2005), dieselben Schritte. Beim Schwingen entstehen nach Zimniewska Langfasern in Zöpfen und Hanfwerg.

Spinnbare Langfasern sollten nach dem Eintrag zur Hanffaser 150 bis 1.500 Millimeter lang sein. Für die Dekortikation, die maschinelle Entholzung, zieht Zimniewska eine Grenze: Sie liefere schlecht getrennte, stark verunreinigte Faserbündel geringer Qualität. Langfasern für hochwertige Textilien laufen nach ihr über die Hechelmaschine, die sich nur für Flachs- und Hanflangfasern verwenden lässt.

Wie wird aus der Faser ein Garn?

Aus der Faser wird Garn je nach Faserlänge auf unterschiedlichen Spinnsystemen. Gehechelte Langfasern laufen im traditionellen Spinnsystem der Leinenindustrie, das Zimniewska für Hanfgarne für besonders geeignet hält; sie schränkt aber ein: Es braucht schwer zu findende Spezialmaschinen, die Entwicklung sieht sie eher beim Baumwollsystem. Beim Nassspinnen lösen sich nach der Wikipedia, beschrieben für Flachs, in einem Wasserbad bei 70 Grad die Pektine, sodass die Fasern sich leichter verziehen lassen. Kurzfasern aus dem Schwingen werden kardiert, also gekrempelt; Zimniewska nennt dafür dickere Garne für schwere Gewebe, etwa Polsterstoffe. Gehecheltes Werg lässt sich nach ihr nass oder trocken spinnen.

Bei der Kotonisierung werden die Faserbündel in Elementarfasern zerlegt, damit sie auf Maschinen der Baumwollspinnerei laufen; beim Flachs entsteht so nach der Wikipedia Flockenbast mit Fasern bis etwa 40 Millimeter. Zimniewska schreibt, der Hanf verliere dabei seine eigenen Eigenschaften, gewinne aber Mischbarkeit mit anderen Natur- und Chemiefasern. Nach Carus gab es in den 1920er-Jahren im Zuge des deutschen Autarkiestrebens Überlegungen, die gesamte Baumwolleinfuhr durch kotonisierten Hanf zu ersetzen, angebaut auf etwa einer Million Hektar.

Wie wird aus Garn ein Hanfstoff?

Aus Hanfgarn wird Stoff gewebt; hanfeigene Webverfahren nennen unsere Quellen nicht, wohl aber den Gebrauch. Wegen seiner gröberen Faserbündel, schreibt der Hanfhistoriker Michael Carus, wurde Hanfgarn vor allem für Ober- und Arbeitskleidung eingesetzt, Flachs und Nessel für die feineren Gewebe. Gewebe aus Hanffasern in Leinwandbindung, bei der sich Kett- und Schussfäden abwechselnd kreuzen, werden nach der Wikipedia auch Hanfleinen genannt. Wo aus derselben Faser Tauwerk wurde, erzählt unser Beitrag über die Seilereien in Venedig, Rochefort und Chatham.

Zur Ausrüstung, also zur Behandlung von Garn und Stoff, bleiben die Fachquellen knapp. Zimniewska erwähnt Garne aus gebleichtem oder rohgrauem Vorgarn. Zur Pflege fanden wir nur Indizien: Sie schreibt Hanffasern eine hohe Fähigkeit zu, Feuchtigkeit aufzunehmen, und hält fest, dass Textilien aus kotonisiertem Hanf knitterbeständiger sein können. Maßgeblich bleiben die Pflegehinweise am einzelnen Stück.

Worin unterscheiden sich Hanf und Leinen?

Hanf und Leinen sind verwandte Bastfasern aus verschiedenen Pflanzen. Zimniewska beschreibt Struktur und Festigkeit der Hanflangfaser als mit Flachs vergleichbar. Die Unterschiede liegen in Maß und Chemie: Die Elementarfasern des Hanfs sind nach der Wikipedia 5 bis 55 Millimeter lang, seine Faserbündel ein bis drei Meter; beim Flachs messen die Elementarfasern 2,5 bis 6 Zentimeter, die Bündel 50 bis 90 Zentimeter. Hanf enthält zudem mehr Lignin, den Holzstoff der Zellwand, und weniger Zellulose als Flachs, gestützt auf ein Lexikon des nova-Instituts nennt der Eintrag 2 bis 5 Prozent Lignin. Im Mittelalter wurde Hanf nach dem dort zitierten Lexikon des Mittelalters wegen seiner Grobheit selten zu Tuch verarbeitet.

Für Laien bleibt das Etikett die zugängliche Auskunft. Kontrollen der Faserzusammensetzung folgen nach Artikel 19 der Verordnung den Methoden ihres Anhangs VIII oder harmonisierten Normen. Laborverfahren zur Unterscheidung von Hanf und Flachs, etwa Mikroskopie, konnten wir an keiner geöffneten Quelle prüfen.

Was steht auf dem Etikett?

Für die Faserzusammensetzung dürfen nach Artikel 5 Absatz 1 der Verordnung nur die Bezeichnungen aus Anhang I verwendet werden. Ein Gewebe aus Hanffasern ist danach als Hanf auszuweisen; „Leinen“ bezeichnet in der Verordnung die Faser des Flachses. Für Hanfstoff zählen vor allem diese Regeln (Stand 15.10.2026, keine Rechtsberatung):

  • Rein. „100 %“, „rein“ oder „ganz“ nur bei Erzeugnissen aus einer Faser; bis zu 2 Prozent technisch unvermeidbare, nicht systematisch zugesetzte Fremdfasern ändern daran nichts, bei Streichgarn-Erzeugnissen bis zu 5 Prozent (Artikel 7 Absatz 2).
  • Gemischt. Bezeichnung und Gewichtsanteil aller Fasern in absteigender Reihenfolge (Artikel 9 Absatz 1), bei einem Mischgarn aus Hanf und Baumwolle also beide mit Prozentangabe.
  • Form. Dauerhaft, leicht lesbar, sichtbar und zugänglich, ein Etikett fest angebracht (Artikel 14 Absatz 1).
  • Sichtbarkeit und Sprache. Vor dem Kauf deutlich sichtbar, auch beim Online-Kauf, und in der Amtssprache des Mitgliedstaats, sofern dieser nichts anderes vorschreibt (Artikel 16 Absätze 1 und 3).

Wie viel Hanf wird in Europa angebaut?

Die Anbaufläche in Europa ist gewachsen: Nach Zimniewska nahm sie von 2013 bis 2018 um 70 Prozent zu. Flachs und Hanf zusammen machten 2019 nach ihren Angaben weniger als ein Prozent der Weltproduktion aller Fasern aus, die bei 110 Millionen Tonnen lag.

In Deutschland meldeten nach der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung für 2025 insgesamt 496 Betriebe 5.274 Hektar Nutzhanf, davon 1.478 Hektar in Niedersachsen; für 2026 nennt das Bundeszentrum für Landwirtschaft (BZL) 5.785 Hektar. Das BZL schreibt, es gebe bundesweit nur sehr wenige Anlagen, die Faserstroh aufarbeiten, und bei der Textilherstellung würden anders als bei Baumwolle nur ein Bruchteil oder gar keine Chemikalien benötigt. Belegende Zahlen nennt es nicht; nach Zimniewska hängt die Umweltbilanz schon bei der Röste vom Verfahren ab. Wer Nutzhanf anbauen darf, erklärt Nutzhanf in Deutschland; um Dämmung und Hanfkalk geht es in Hanffaser als Material.

Häufige Fragen

Wie wird Hanfstoff hergestellt?

Die Stängel werden geröstet, damit sich die Fasern vom Holz lösen, dann gebrochen, geschwungen und gehechelt. Gehechelte Langfasern werden im Spinnsystem der Leinenindustrie versponnen, kotonisierte Hanffasern auf Maschinen der Baumwollspinnerei. Aus dem Hanfgarn wird anschließend der Stoff gewebt.

Was ist der Unterschied zwischen Hanf und Leinen?

Leinen stammt vom Flachs, Hanfstoff vom Hanf; beide sind Bastfasern mit vergleichbarem Aufbau. Hanf enthält nach der Wikipedia mehr Lignin als Flachs, und seine Faserbündel sind länger. Die EU-Verordnung (EU) Nr. 1007/2011 führt Hanf und Leinen als getrennte Fasern.

Woran erkennt man Hanfstoff?

Hanfstoff erkennt man in der EU am Etikett: Hanf ist in Anhang I der Verordnung (EU) Nr. 1007/2011 eine eigene Faserbezeichnung, „Leinen“ steht dort für Flachs. „100 %“ oder „rein“ darf nur auf Erzeugnissen aus einer Faser stehen.

Was wir nicht wissen

EU-Anbauflächen und Länderanteile fehlen, weil die Seite der EU-Kommission zum Hanf am 15. Oktober 2026 nicht zu öffnen war. Nicht übernommen haben wir eine Wikipedia-Angabe für 2019 (39.405 Hektar, davon 14.000 in Frankreich) ohne Angabe, ob EU, Europa oder Welt gemeint ist, und Zimniewskas Zahl von 60.000 Tonnen Hanffaser und Werg für 2019, deren Bezugsraum der Aufsatz nicht nennt und deren Anteil an der Naturfaserproduktion sich mit seinen übrigen Zahlen nicht deckt.

Nicht öffnen konnten wir unter anderem das Hanfportal der Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe und einen Fachaufsatz im Journal of Microscopy zur Unterscheidung von Bastfasern. Belegte Angaben zu Drehprobe und Mikroskopie, zu hanfeigenen Web- und Ausrüstungsverfahren und zur Pflege fehlen deshalb. Mehrere technische Angaben, darunter Faserlängen und Ligningehalt, stammen aus der Wikipedia und ließen sich an keiner geöffneten Fachquelle eindeutig nachprüfen; Flachs-Angaben übertragen wir nur auf Hanf, wo eine Quelle das tut.

Hinweis: Dieser Beitrag informiert über Geschichte, Kultur und Forschungsstand und ruft weder zum Konsum noch zum Erwerb von Cannabis auf. Keine Rechtsberatung. Stand: 15.10.2026.

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