Historische Seilereien: vier Orte in Europa
Historische Seilereien stehen in Venedig (1579), Rochefort (1670), Karlskrona (1692) und Chatham (1787): 300 bis 374 Meter lange Hallen für Tauwerk aus Hanf.
Laut Denkmalinventaren, Werften und Museen stehen vier historische Seilereien Europas in alten Marinewerften: die Corderie della Tana in Venedig (Bau ab 1579), die Corderie Royale in Rochefort (in Betrieb seit 1670), die Repslagarbanan in Karlskrona (1692) und die Ropery in Chatham (1787 bis 1790). Seilereien sind Werkstätten, in denen Fasern zu Seilen und Tauen gedreht werden; in diesen 300 bis 374 Meter langen Hallen wurde Hanf zu Tauwerk für Segelschiffe. In Chatham wird bis heute gewerblich Tauwerk hergestellt, Venedig und Rochefort sind Ausstellungsorte, und in Karlskrona ist der Besuch nach dem Welterbe-Faltblatt eingeschränkt.
Auf einen Blick
- Die Corderie della Tana in Venedig ist nach Camillo Tonini 316 Meter lang und 21 Meter breit; den Bau von 1579 entwarf Antonio Da Ponte.
- Die Corderie Royale in Rochefort misst nach dem Inventar des französischen Kulturministeriums 373 Meter und ist seit dem 10. Oktober 1967 als Monument historique geschützt.
- Die Ropery in Chatham ist nach dem Denkmalregister der Grafschaft Kent 1.140 Fuß lang, rund 347 Meter, und entstand 1787 bis 1790.
- Die Repslagarbanan in Karlskrona ist nach SVT 300 Meter lang und wurde 1692 gebaut; Tauwerk entstand dort bis Anfang der 1960er Jahre.
- Ein Linienschiff ersten Ranges brauchte nach der Werft in Chatham rund 31 Meilen Tauwerk, etwa 50 Kilometer.
Warum waren Seilereien so lang?
Ein Tau wurde in einem Stück über die ganze Länge des Gebäudes geschlagen, deshalb bestimmt die Halle die Länge des Taus. Schlagen heißt, mehrere Garne zu einem Seil zu verdrehen. Nach Tonini kam der Hanf in Ballen nach Venedig, wurde gekämmt, gesponnen und aufgespult; ein Rad drehte die Garne zum Seil, ein mit Steinen beschwerter Wagen hielt es gespannt. In Rochefort lagerte und spann man den Hanf nach dem Inventar des Kulturministeriums im Dachgeschoss und schlug das Tau im Erdgeschoss. Wie die Faser aus dem Stängel gewonnen wird, erklärt Hanffaser als Material.
1. Venedig: Was war die Tana im Arsenale?
Die Tana war die Seilerei der Republik Venedig; ihr heutiger Bau am Rio della Tana stammt von 1579. Ihren Namen hat sie nach Tonini vom Handelsplatz Tana an der Mündung des Don ins Asowsche Meer, von wo venezianische Galeeren im 14. und 15. Jahrhundert unter anderem Hanf für Tauwerk zurückbrachten. Schon 1303 richtete das Arsenale nach Tonini die Caxa del Canevo ein, ein Amt für den Hanfbedarf; das Verona-Projekt Antica Corderia datiert einen Vorgängerbau auf die Jahre 1304 bis 1322.
Nach dem Fall Konstantinopels war der Weg ins Schwarze Meer versperrt. Der Hanf kam nach Tonini dann vor allem aus dem Umland von Bologna und Ferrara; später setzte die Republik ein Anbaumonopol im Veneto durch, mit Schwerpunkt um Este, Montagnana und Cologna.
Den Neubau von 1579 entwarf nach Tonini Antonio Da Ponte, der auch die Rialtobrücke baute. Die Halle ist 316 Meter lang, 21 Meter breit und hat drei Schiffe auf 84 großen Pfeilern; die Antica Corderia nennt 317 Meter und eine Bauzeit von 1579 bis 1583. Die Historikerin Teresa Fava Thomas beschreibt, wie staatliche Aufseher Preise und Güte des Hanfs überwachten und die Taue nach Qualität eingestuft wurden. Nach einem Lehrheft der Biennale trugen venezianische Taue zwei rote Fäden als Herkunftszeichen.
Was man heute sieht: Die Halle ist ein Ausstellungsort der Biennale. Nach Tonini zog 1980 die Architekturausstellung ein, 1983 wurde der Bau renoviert; nach Fava Thomas zeigte die Tana im Frühjahr 2025 die Architekturbiennale. Wann die Halle außerhalb der Ausstellungen zugänglich ist, haben wir nicht geprüft.
2. Rochefort: Was zeigt die Corderie Royale?
Die Corderie Royale war der Bau, mit dem das Marinearsenal von Rochefort 1670 den Betrieb aufnahm; sie lieferte Tauwerk für die königliche Flotte und die Kolonien in Amerika. So steht es im Inventar des französischen Kulturministeriums, das den Bau François Blondel zuschreibt und für 1669 an der Westseite angesetzte Strebepfeiler nennt. Die englischsprachige Wikipedia datiert den Baubeginn auf 1666; verarbeitet wurde dort nach ihr französischer Hanf und Hanf aus Riga.
Das Inventar verzeichnet die Länge mit 373 Metern bei 8 Metern Breite; der Verband der Kulturbegegnungszentren ACCR nennt 374 Meter. Um 1820 veränderten Erfindungen des Ingenieurs Hubert die Arbeit, 1850 kam eine Dampfmaschine hinzu. 1839 arbeiteten dort nach dem Inventar 52 Arbeiter und rund dreißig Sträflinge. Die Fertigung endete Anfang des 20. Jahrhunderts, 1944 brannte der Bau aus und blieb Ruine; ab 1976 wurde er wiederhergestellt.
Was man heute sieht: Im Bau sitzt das Centre International de la Mer, das nach der ACCR seit 1985 Kulturbegegnungszentrum ist. Laut France Vélo Tourisme beginnt der Rundgang mit einer immersiven Schau zur Geschichte des Hauses; danach führen Stationen durch Spinnen, Schlagen und Knotenkunde, dazu kommen Wechselausstellungen, eine maritime Buchhandlung und ein Laden für Tauwerk.
3. Chatham: Wird in der Ropery noch gearbeitet?
Ja, in Chatham wird Tauwerk weiterhin gewerblich hergestellt, in einem Gebäude von 1787 bis 1790. Seile entstehen dort nach der Werft seit 1618, zuerst in zwei langen Holzbauten. Das heutige doppelte Seilhaus datiert die Werft auf 1786 bis 1791, das Denkmalregister von Kent auf 1787 bis 1790. Oben wurde gesponnen, im Erdgeschoss auf der Seilbahn das Tau geschlagen. Die Länge gibt das Register mit 1.140 Fuß an, die Werft spricht von über 1.100 Fuß; die Museums Association nennt die Seilbahn eine Viertelmeile lang.
Der Rohstoff kam nach der Werft aus dem Süden Russlands über Ostseehäfen wie Riga und hieß deshalb Riga-Hanf. Er lagerte in den Hemp Houses, deren nördlicher Teil von 1729 stammt; im Hatchelling House von 1787 kämmten Arbeiter die Faser über Bretter mit Eisenstiften. 1803 waren es dort 19 Hechler. Seit 1864 übernahmen Maschinen das Hecheln und Spinnen. Nach der Museums Association stellte Chatham zeitweise jährlich rund 10.000 britische Tonnen (tons) Tauwerk für die Royal Navy her; einen Zeitraum nennt sie nicht.
Was man heute sieht: Seit dem 26. März 2022 zeigt die Ropery Gallery im Hatchelling House historische Maschinen, Fasern aus aller Welt und ein Hanfkabel aus dem Wrack der 1703 gesunkenen Stirling Castle, aus neun Strängen gedreht. Danach betreten Besucher die Seilbahn. Nach der Werft gibt es täglich eine halbstündige Ropery Experience; die Vorführung der Seilmacher beginnt montags bis freitags außer an Feiertagen um 14.15 Uhr (Stand der Seite: 26.03.2026). Beides ist im Eintritt enthalten.
4. Karlskrona: Wo steht die Repslagarbanan?
Die Repslagarbanan steht auf Lindholmen im Marinestützpunkt Karlskrona; sie ist ein Holzbau von 1692 und 300 Meter lang. So berichtet SVT im November 2019; der Bau sei bis auf neue Fenster und Strom weitgehend unverändert. Nach dem Welterbe-Faltblatt von Visit Karlskrona entstand dort bis Anfang der 1960er Jahre Tauwerk aller Art für die Segelschiffe der schwedischen Flotte. Der Marinehafen Karlskrona steht seit 1998 auf der Welterbeliste der UNESCO.
Was man heute sieht: Nach SVT schlug die Seilerin Britt-Marie Samuelsson dort 2019 von Hand Tauwerk aus geteertem Hanf, ohne Maschinen, und führte Besucher; Taue für die Marine trugen einen marineblauen Faden als Karlskrona-Zeichen. Das Faltblatt von 2023 weist auf Einschränkungen beim Besuch einzelner Bereiche hin. Führungen vermittelt das Karlskrona Turistcenter, dazu gibt es einen virtuellen Rundgang.
Was verbindet die vier Orte?
Alle vier Seilereien gehörten zu staatlichen Marinewerften, und ihr Hanf kam oft von weit her: nach Venedig zeitweise vom Don, nach Rochefort und Chatham auch über Riga. Die Herkunftsfäden in Venedig und Karlskrona zeigen, dass Tauwerk als geprüfte, gekennzeichnete Ware galt. Wie der Hanf nach Europa kam, erzählt Eine kurze Geschichte des Hanfs; wie aus derselben Faser Stoff wird, steht in Hanfstoff: wie Gewebe aus Hanf entsteht.
Häufige Fragen
Wie lang ist die Corderie Royale in Rochefort?
Die Corderie Royale ist nach dem Inventar des französischen Kulturministeriums 373 Meter lang und 8 Meter breit, der Verband ACCR nennt 374 Meter. Die Seilerei ging 1670 in Betrieb und ist seit 1967 als Monument historique geschützt.
Wo wurde in Venedig Tauwerk hergestellt?
In Venedig entstand Tauwerk in der Corderie della Tana, der Seilerei des Arsenale am Rio della Tana. Die Halle von 1579 ist nach Camillo Tonini 316 Meter lang und dient heute der Biennale als Ausstellungsort.
Kann man in Chatham beim Seilschlagen zusehen?
Ja, in der Ropery der Historic Dockyard Chatham zeigen Seilmacher nach Angaben der Werft montags bis freitags außer an Feiertagen um 14.15 Uhr ihre Arbeit, dazu gibt es täglich die halbstündige Ropery Experience. Beides ist im Eintritt enthalten (Stand der Seite: 26.03.2026).
Was wir nicht wissen
Die Website der Biennale di Venezia und die Seite der Provinzverwaltung Blekinge zur Repslagarbanan konnten wir am 15. Oktober 2026 nicht öffnen. Wann die Tana außerhalb von Ausstellungen zugänglich ist, welche Bereiche der Repslagarbanan derzeit offen sind und ob dort noch von Hand Tauwerk entsteht, haben wir deshalb nicht geprüft. Für Rochefort widersprechen sich die Quellen beim Ende der Fertigung: Die Wikipedia nennt 1867, das Inventar Anfang des 20. Jahrhunderts. Die Längenangaben weichen je Quelle um ein bis zwei Meter ab, für Chatham nennen Werft und Register unterschiedliche Baujahre. Weitere Seilereien, etwa in Portsmouth, haben wir nicht aufgenommen, weil wir keine geprüften Angaben zum Besuch fanden.
Hinweis: Dieser Beitrag informiert über Geschichte, Kultur und Handwerk und ruft weder zum Konsum noch zum Erwerb von Cannabis auf. Stand: 15.10.2026.
Quellen
- Camillo Tonini: The routes of hemp (Venezia News, 29.06.2022) (öffnet in neuem Tab)
- Teresa Fava Thomas: Arsenale (World History Encyclopedia, 25.08.2025) (öffnet in neuem Tab)
- Antica Corderia Verona: The Venetian Corderia (öffnet in neuem Tab)
- La Biennale di Venezia: Biennale Educational 2020, Percorso azzurro (PDF) (öffnet in neuem Tab)
- Ministère de la Culture, Plateforme ouverte du patrimoine (POP), Inventaire général: Corderie de l'arsenal, Rochefort (Notice IA17000294) (öffnet in neuem Tab)
- Association des Centres culturels de rencontre (ACCR): Corderie Royale (öffnet in neuem Tab)
- France Vélo Tourisme: Corderie Royale – Centre International de la Mer (öffnet in neuem Tab)
- Wikipedia (englisch): Corderie Royale (öffnet in neuem Tab)
- The Historic Dockyard Chatham, Master Ropemakers: Our buildings (öffnet in neuem Tab)
- The Historic Dockyard Chatham: The Ropery (Seite zuletzt geändert am 26.03.2026) (öffnet in neuem Tab)
- Kent County Council, Kent Historic Environment Record: Scheduled Monument Chatham Dockyard, the Ropery (1003556) (öffnet in neuem Tab)
- Museums Association: Learning the ropes – redesigning the new Ropery Gallery at the Historic Dockyard Chatham (Museums Journal, März 2022) (öffnet in neuem Tab)
- Cajsa Bengtsson: Hon är Sveriges enda kvinnliga repslagare (SVT Nyheter Blekinge, 08.11.2019) (öffnet in neuem Tab)
- Visit Karlskrona: Världsarvsfolder (PDF, 2023) (öffnet in neuem Tab)
- UNESCO World Heritage Centre: Naval Port of Karlskrona (öffnet in neuem Tab)