Hanffaser als Material: vom Segeltuch zum Hanfkalk

Über Jahrhunderte hielt sie Schiffe zusammen, dann verschwand sie fast vom Markt. Eine Materialgeschichte der Hanffaser: wo sie heute trägt und wo nicht.

Text: Redaktion · 6 Minuten · Stand

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Wer an Hanf als Werkstoff denkt, denkt an das, was hält: Tauwerk, Segeltuch, Säcke. Die Faser aus dem Stängel der Pflanze war über Jahrhunderte ein Material für Dinge, die Zug und Nässe aushalten mussten. Heute taucht sie in Dämmplatten, Mauersteinen und Formteilen für Fahrzeuginnenräume wieder auf. Dieser Text zeichnet nach, wie es dazu kam, was sich belegen lässt und wo die Grenzen liegen.

Ein Material für Schiffe

Im Spätmittelalter war Hanf neben Flachs eine zentrale Industriepflanze. Verarbeitet wurden vor allem Segeltuche, Seile und Säcke. Das fasst der Eintrag zu Hanftextilien in der Wikipedia zusammen, der sich dafür auf das Lexikon des Mittelalters (Christian Reinicke, Bd. 4, 1999) stützt. Die Nutzung ist deutlich älter: Michael Carus nennt in seiner Kulturgeschichte des Hanfes Gewebe aus dem Grabhügel eines keltischen Fürsten bei Hochdorf nahe Stuttgart, etwa 500 v. Chr.

Einen hohen Bedarf erzeugte die Segelschifffahrt. Im 17. Jahrhundert, schreibt Carus, brauchte die Grundausstattung eines Schiffes 50 bis 100 Tonnen Hanffaser. Auch für Papier war die Faser früh ein Rohstoff: Eine Probe aus der Nähe von Xian in China, datiert auf 140 bis 87 v. Chr., bestand nach derselben Darstellung aus Hanffasern.

Der Verlust

Der Niedergang begann nicht im 20. Jahrhundert. Als im 18. Jahrhundert die Baumwollspinnerei mechanisiert wurde, verdrängte Baumwolle die heimischen Pflanzenfasern vom Textilmarkt. Im 19. Jahrhundert kamen laut Carus der Niedergang der Segelschifffahrt und die Konkurrenz von Jute, Sisal und Manilahanf hinzu. Noch 1850 wurden in Frankreich 130.000 Hektar und in Italien 140.000 Hektar Hanf angebaut. In Deutschland, wo der Anbau Mitte des 19. Jahrhunderts noch rund 30.000 Hektar betragen hatte, kam er bis 1910 mit 600 Hektar praktisch zum Erliegen.

Dann folgte die rechtliche Zäsur. Nach Angaben des Bundeszentrums für Landwirtschaft wurde Cannabis in Deutschland 1929 verboten, ab 1982 auch der Anbau von Faserhanf. Erst 1996 durfte Faserhanf wieder angebaut werden.

Eine Abgrenzung

Nutzhanf ist eine landwirtschaftliche Kulturpflanze, kein Genussmittel. Angebaut werden dürfen nur zugelassene Sorten. Der gemeinsame EU-Sortenkatalog führte 2024 nach Angaben der Kommission 116 Hanfsorten. Der Gehalt an Tetrahydrocannabinol darf 0,3 Prozent nicht überschreiten, das nennen sowohl die EU-Kommission als auch die BLE. Betriebe melden den Anbau bei der BLE, bis zum 1. Juli des Anbaujahres. Hier geht es ausschließlich um den Stängel und seine Bestandteile, die Fasern und die verholzten Schäben.

Was aus dem Stängel wird

Die Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe ordnet die Verwendungen nach Faserart. Aus den langen Fasern wird laut FNR Bekleidung hergestellt, aus den kurzen Säcke, Netze, Seile, Geotextilien, Dämmvliese und Autoinnenverkleidungen. Aus den Zellulosefasern entstehen Spezial-, Filter- und Zeitungspapiere, aus den Schäben Baumaterialien und Tiereinstreu. Die EU-Kommission hält fest, die Hanffaser sei der Leinenfaser sehr ähnlich und das Interesse der Textilindustrie wachse.

Der Weg zum Gewebe führt nach dem Fachverband Hanftextilien über die Kottonisierung: Die Fasern werden mechanisch oder chemisch verkürzt, gekämmt und verfeinert, damit sie sich auf Maschinen der Baumwollindustrie verarbeiten lassen. Der Anteil bleibt klein. Laut BZL kommt Hanf weltweit bei lediglich 0,5 Prozent der Textilproduktion zum Einsatz.

Im Bau sind die Zahlen konkreter. Das Gebäudeforum klimaneutral der Deutschen Energie-Agentur beschreibt Hanfkalk als Mischung aus Hanfschäben und mineralischem Kalkbindemittel, die Wärmedämmung und Speichermasse in einer Schicht verbindet. Die Wärmeleitfähigkeit liegt dort bei 0,06 bis 0,10 Watt pro Meterkelvin, die Rohdichte bei 250 bis 450 Kilogramm pro Kubikmeter. Dämmstoffe aus Hanffasern, als Matten, Rollen oder Schüttung, erreichen 0,035 bis 0,040 Watt pro Meterkelvin. Die Quelle nennt auch eine Einschränkung: Hanfkalk trägt nicht selbst, er braucht eine separate Tragstruktur. Dazu passt eine Zulassung des Deutschen Instituts für Bautechnik vom 10. Dezember 2024. Sie erlaubt Hanfsteine ausschließlich als unbewehrtes, nichttragendes Ausfachungsmauerwerk bis 4.000 Millimeter Höhe.

Bei Verbundwerkstoffen bleibt die Hanffaser ein Zuschlag unter anderen. Das BZL nennt die Automobilindustrie, die Hanffasern für Verbundwerkstoffe in Innenverkleidungen einsetzt. Die FNR beschreibt, dass bei Naturfaser-Verbundteilen das Heißpressen von Faservliesen mit Kunststoff weit überwiegt, mit mehr als 90 Prozent Marktanteil. Technische Anwendungen verlangen demnach Fasern mit wenig Schäbenanteil, unter 2 Prozent, und Längen von 6 bis 10 Zentimetern.

Die Grenzen

Zwischen Feld und Material liegen mehrere Schritte, und an ihnen hakt es. Nach der Ernte röstet das Stroh auf dem Feld. Die FNR nennt dafür zwei bis vier Wochen, in denen Mikroorganismen und deren Enzyme die Kittsubstanzen (Pektine, Lignin) zwischen den Fasern lösen. Der Fachverband Hanftextilien beschreibt die Tauröste als überlieferte Methode, kontrollierte Wasser- oder Enzymröste als gleichmäßigere Alternative. Danach wird das Stroh gepresst und muss in dafür ausgelegten Anlagen aufgeschlossen werden, damit sich Fasern und Schäben trennen.

An diesen Anlagen fehlt es. Das TFZ in Straubing stellte 2023 fest, in Bayern gebe es keine Aufschlussanlagen, eine regionale Verarbeitung sei ausgeschlossen. Die Vermarktung sei schwieriger als bei anderen Kulturen, die Abnehmer sollten deshalb vor dem Anbau feststehen. Die Faser selbst schwankt: Der Durchmesser streute in den Untersuchungen zwischen etwa 1 und 150 Mikrometern. Das BZL bestätigt das Bild bundesweit. Es gebe nur sehr wenige Anlagen, und ohne sie in der Nähe machten längere Transportwege den Anbau schnell unwirtschaftlich.

Die Fläche ist entsprechend klein und schwankt. In der EU wuchs die Hanf-Anbaufläche nach Angaben der Kommission von 20.540 Hektar im Jahr 2015 auf 33.020 Hektar im Jahr 2022. Frankreich stellt mehr als 60 Prozent der Erzeugung, Deutschland 17 Prozent. In Deutschland meldete die BLE für 2024 gut 7.100 Hektar auf 623 Betrieben, für 2025 noch 5.274 Hektar auf 496 Betrieben. Die Zahl der Betriebe sank nach Angaben der BLE zum dritten Mal in Folge, 2025 bewirtschaftete jeder im Schnitt knapp elf Hektar. Für 2026 nennt das BZL 5.785 Hektar. Zum Vergleich: 1850 waren es allein in Frankreich 130.000 Hektar.

Für Gestalterinnen und Gestalter folgt daraus eine nüchterne Einsicht. Die Eigenschaften der Faser und ihrer Schäben sind für Dämmung, Putz, Vlies und Textil gut beschrieben. Was fehlt, ist die Kette dazwischen: Röste, Aufschluss, regionale Verarbeitung, verlässliche Abnahme. Solange sie dünn bleibt, bestimmt sie, was aus dem Material werden kann.

Weiterlesen: Eine kurze Geschichte des Hanfs

Was wir nicht wissen

Die hier gelesenen Quellen nennen keine Preise je Quadratmeter oder Kilogramm, deshalb lässt sich die Wirtschaftlichkeit nicht beziffern. Unklar bleibt, wie viele Aufschlussanlagen es in Deutschland und in der EU derzeit gibt. Ebenso fehlt eine belastbare Zahl dazu, wie viel Hanffaser tatsächlich in Textilien, Dämmstoffen und Verbundteilen steckt. Ältere Angaben zur Anbaufläche weichen teils deutlich von den aktuellen Meldungen ab und wurden deshalb nicht übernommen.

Quellen

  1. Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE): Nutzhanfanbau 2025, weniger Betriebe bauen weniger an (Pressemitteilung) (öffnet in neuem Tab)ble.de · abgerufen am
  2. Bundeszentrum für Landwirtschaft (BZL): Welches Potenzial hat Hanf als Nutzpflanze? (öffnet in neuem Tab)landwirtschaft.de · abgerufen am
  3. Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe (FNR): Themenportal Pflanzen, Hanf (öffnet in neuem Tab)pflanzen.fnr.de · abgerufen am
  4. Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe (FNR): Themenportal Biowerkstoffe, Verarbeitung von Bioverbundwerkstoffen (öffnet in neuem Tab)biowerkstoffe.fnr.de · abgerufen am
  5. Europäische Kommission, Generaldirektion Landwirtschaft: Hemp (öffnet in neuem Tab)agriculture.ec.europa.eu · abgerufen am
  6. Technologie- und Förderzentrum (TFZ), Straubing: Verwertung und Anbauoptimierung von Hanf als Nachwachsender Rohstoff, Kurzfassung des TFZ-Berichts 78 (2023) (öffnet in neuem Tab)tfz.bayern.de · abgerufen am
  7. Gebäudeforum klimaneutral (Deutsche Energie-Agentur, dena): Hanf, vielseitiger, nachwachsender und regional verfügbarer Baustoff (öffnet in neuem Tab)gebaeudeforum.de · abgerufen am
  8. Deutsches Institut für Bautechnik (DIBt): Allgemeine bauaufsichtliche Zulassung Z-17.25-1299, Ausfachungsmauerwerk aus Hanfsteinen, 10. Dezember 2024 (öffnet in neuem Tab)dibt.de · abgerufen am
  9. Michael Carus: Kulturgeschichte des Hanfes, Kapitel 1 (Leseprobe), in: Müller-Vahl/Grotenhermen (Hrsg.), Cannabis und Cannabinoide in der Medizin, MWV Berlin (öffnet in neuem Tab)mwv-berlin.de · abgerufen am
  10. Wikipedia: Hanftextilie (Einzelbeleg Spätmittelalter: Christian Reinicke, Hanf, in: Lexikon des Mittelalters Bd. 4, 1999, Sp. 1918f.) (öffnet in neuem Tab)de.wikipedia.org · abgerufen am
  11. Fachverband Hanftextilien e. V.: Vom Feld zur Faser (10. Juni 2025) (öffnet in neuem Tab)hanftextil.org · abgerufen am

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