Der Club des Hashischins und die Literatur
Der Club des Hashischins traf sich etwa 1844 bis 1849 im Pariser Hôtel Pimodan. Gautier schrieb 1846 einen Bericht, Baudelaire 1860 eine moralische Abrechnung.
Der Club des Hashischins war nach der englischsprachigen Wikipedia ein loser Kreis von Pariser Schriftstellern und Künstlern, der sich etwa von 1844 bis 1849 im Hôtel Pimodan auf der Île Saint-Louis traf, dem heutigen Hôtel de Lauzun. Literarisch greifbar ist er vor allem durch zwei Texte: Théophile Gautiers „Le Club des Hachichins“, im Februar 1846 in der Pariser Zeitschrift Revue des Deux Mondes erschienen, und Charles Baudelaires „Les Paradis artificiels“ von 1860, dessen Haschisch-Teil mit einem Kapitel über Moral endet. Den medizinischen Hintergrund bildet ein Buch des Psychiaters Jacques-Joseph Moreau aus dem Jahr 1845.
Auf einen Blick
- Ort: Das Hôtel de Lauzun am Quai d’Anjou 17 hieß damals Hôtel Pimodan und gehört seit 1928 der Stadt Paris.
- Gastgeber: Die Abende fanden nach einem Bericht der Libération in der Wohnung des Malers Fernand Boissard de Boisdenier statt.
- Literatur: Gautiers Text erschien 1846, Baudelaires Buch 1860, dessen Haschisch-Teil vorab im September 1858.
- Gäste: Belegt sind Boissard, Gautier, Baudelaire und ein Besuch Honoré de Balzacs; für Eugène Delacroix fanden wir keinen Beleg aus erster Hand.
Was war der Club des Hashischins?
Der Club war eine lose Abendgesellschaft im Umfeld der Pariser Romantik, kein Verein mit Satzung. Der Name bedeutet sinngemäß „Haschischesser“; neben Gautiers Schreibweise „Hachichins“ stehen „Haschischins“ bei der Stadt Paris und „Hashischins“ in englischsprachigen Texten. Wie das ähnlich klingende Wort „Assassine“ zu seiner eigenen Legende kam, erzählt unser Stück über die Assassinen und das Haschisch.
Die Libération beschrieb die Treffen 2013 als monatliche Abende. Nach ihr und der Stadt Paris wurde dabei Haschisch in Form einer grünen Konfitüre gegessen; die Libération nennt sie „dawamesk“ und schreibt sie dem Arzt Moreau zu.
Wo trafen sich die Hashischins?
Treffpunkt war ein Stadtpalais aus dem 17. Jahrhundert. Nach Angaben der Stadt Paris beauftragte der Kaufmann Charles Gruyn 1656 den Architekten Charles Chamois. 1842 erwarb Baron Pichon das Haus und vermietete Teile davon an Schriftsteller, darunter Baudelaire, Gautier und Roger de Beauvoir.
Nach der Libération bewohnte Baudelaire von 1843 bis 1845 eine kleine Wohnung unter dem Dach, Gautier lebte einige Monate ab November 1848 im Haus. Die Abende fanden im ersten Stock bei Boissard statt, der die Insel im April 1849 verließ.
Seit 2013 arbeitet im Haus das Institut d’études avancées de Paris. Besichtigen können Sie es derzeit nicht: Die Stadt meldet es bis auf Weiteres als geschlossen (Stand der Seite: 24.01.2025).
Welche Rolle spielte der Arzt Moreau?
Der Psychiater Jacques-Joseph Moreau (1804–1884), bekannt als „Moreau de Tours“, lieferte die medizinische Seite der Geschichte. Nach dem Katalog „Heirs of Hippocrates“ der University of Iowa war er Schüler des Psychiaters Jean-Étienne Esquirol und schloss sein Studium 1830 in Paris ab.
Sein Buch „Du hachisch et de l’aliénation mentale. Études psychologiques“ erschien 1845 bei Fortin, Masson in Paris. Der Iowa-Katalog fasst die Grundgedanken zusammen: Moreau hielt Träume für einen Zugang zu gestörten seelischen Funktionen und war überzeugt, man müsse einen Zustand selbst erfahren haben, um ihn zu verstehen; dafür machte er sich selbst zum Versuchsgegenstand. Für die Psychiatriegeschichte ist das Buch das Dokument einer Methode, keine Grundlage für heutige Aussagen über Cannabis. Wie weit die Kulturgeschichte der Pflanze zurückreicht, skizziert unsere kurze Geschichte des Hanfs.
Was schrieb Gautier 1846?
Gautiers Text ist Literatur in Gestalt eines Berichts. Gautier (1811–1872) wandte sich nach der Encyclopaedia Britannica in den frühen 1830er Jahren von der Romantik ab und wurde ein Fürsprecher des l’art pour l’art, der Kunst um ihrer selbst willen. „Le Club des Hachichins“ erschien im Februar 1846 in der Revue des Deux Mondes. Nach dem Literaturwissenschaftler Bruno Moreto (Universität São Paulo, 2012) gibt die Nähe zum Protokoll, zum „compte-rendu“, der Erzählung einen amtlichen Anschein, während sie fantastische Züge behält.
In seiner Einleitung zu Baudelaires Werken, abgeschlossen im Februar 1868, begründete Gautier seinen Abschied von den Abenden literarisch: Der wahre Schriftsteller brauche nur seine angeborenen Träume (sinngemäß).
Warum verurteilte Baudelaire den Haschisch?
Baudelaires Buch ist keine Feier, sondern eine moralische Abrechnung. „Les Paradis artificiels“ erschien 1860 bei Poulet-Malassis et de Broise in Paris, wie ein Exemplar der Houghton Library in Harvard belegt. Nach dem Katalog der Bibliothèque nationale de France hat es zwei Teile: „Le Poème du haschisch“, vorab am 30. September 1858 in der Revue contemporaine erschienen, und „Un mangeur d’opium“, das sich an den englischen Schriftsteller Thomas De Quincey anlehnt; Gautier nannte das Buch 1868 halb übersetzt, halb eigenständig.
Der Haschisch-Teil reicht in fünf Kapiteln vom „goût de l’infini“, dem Hang zum Unendlichen, bis zum Kapitel „Morale“. Dort fällt Baudelaires Bilanz ablehnend aus. Sein Maßstab ist der Wille, den er über alle anderen Fähigkeiten stellt. Er spricht von einem „verbotenen Spiel“ (eigene Übersetzung) und argumentiert mit der Arbeit: Wer sich mit einem Löffel Konfitüre alle Güter des Himmels und der Erde verschaffen könne, werde durch Arbeit nie den tausendsten Teil davon erwerben.
Die Literaturwissenschaftlerin Alexandra Wettlaufer hat 1996 gezeigt, dass Baudelaire den Haschischesser unvorteilhaft mit dem Dichter vergleicht: Der eine gleiche dem passiven Gaffer der Boulevards, dem „badaud“, der andere dem Flaneur, dem Spaziergänger, der beobachtet und eine eigene Sicht einbringt. Gautier las das Buch 1868 ähnlich: Baudelaire habe dahinter eine Versuchung des Teufels gesehen, und ein käufliches Glück für die Westentasche sei ihm zuwider gewesen.
Wer war wirklich dabei?
Belegt sind weniger Namen, als die Legende nennt. Sicher sind der Gastgeber Boissard, den Gautier als Herrn des Hauses bezeichnet, und Gautier selbst. Baudelaire wohnte im Haus; Gautier schreibt, er sei bei den Sitzungen nur selten und als bloßer Beobachter zu sehen gewesen. Honoré de Balzac ist durch einen Brief von 1845 an Madame Hanska belegt, den die Libération zitiert (das genaue Datum fehlt uns), und durch Gautiers Erinnerung an eine Soiree. Die Larousse-Enzyklopädie zählt Balzac zu den Mitgliedern; nach den Selbstzeugnissen war er eher ein einmaliger Gast. Balzac berichtete nach der Libération von einem einzigen Versuch an der Seite Gautiers, Gautier gab nach eigener Aussage nach etwa zehn Abenden auf, und bei Baudelaire hielt Gautier einzelne Versuche für möglich, einen fortgesetzten Gebrauch aber nicht.
Anders steht es um Eugène Delacroix, Alexandre Dumas, Gérard de Nerval oder Victor Hugo. Sie tauchen in Aufzählungen auf, etwa in der englischsprachigen Wikipedia, deren Mitgliederliste sich auf ein Lehrbuch und populäre Sachbücher stützt, oder in der Libération, die Delacroix, Dumas und Nerval ohne Beleg unter den Besuchern und Bewohnern des Hauses nennt; Hugo erscheint nur in der Wikipedia. In Gautiers Erinnerung ist Delacroix ein Maler, den Baudelaire bewunderte, kein Gast im Hôtel Pimodan. Einen Beleg aus erster Hand haben wir für keinen der vier gefunden; die Behauptung beruht auf Wiederholung. Nach demselben Grundsatz nennen wir im Beitrag über Künstler, die Cannabis nicht verstecken nur Positionen, die Museen belegen.
Häufige Fragen
Was war der Club des Hashischins?
Der Club des Hashischins war ein loser Kreis von Pariser Schriftstellern und Künstlern, der sich nach der englischsprachigen Wikipedia etwa von 1844 bis 1849 im Hôtel Pimodan traf, dem heutigen Hôtel de Lauzun. Nach der Libération fanden die Abende monatlich in der Wohnung des Malers Fernand Boissard de Boisdenier statt.
Wer war im Club des Hashischins?
Belegt sind im Club des Hashischins der Gastgeber Fernand Boissard de Boisdenier, Théophile Gautier, Charles Baudelaire als seltener Beobachter und ein Besuch Honoré de Balzacs. Namen wie Eugène Delacroix, Alexandre Dumas, Gérard de Nerval oder Victor Hugo stammen aus späteren Aufzählungen ohne Beleg aus erster Hand.
Was schrieb Baudelaire über Haschisch?
Charles Baudelaire behandelte Haschisch in „Le Poème du haschisch“, dem ersten Teil seines Buchs „Les Paradis artificiels“ von 1860. Das Kapitel „Morale“ fällt ablehnend aus: Baudelaire stellt den Willen über alle anderen Fähigkeiten und spricht von einem „verbotenen Spiel“ (eigene Übersetzung).
Was wir nicht wissen
- Gautiers Texte im Original: Den Text von 1846 konnten wir nicht öffnen; Wikisource und Le Point waren für unser Werkzeug nicht erreichbar. Gautiers Einleitung von 1868 lasen wir nur in englischer Übersetzung; das französische Digitalisat bei Internet Archive war am 15.10.2026 nicht erreichbar.
- Widersprüchliche Daten: Gautier datiert sein Kennenlernen mit Baudelaire im Hôtel Pimodan, bei Boissard, auf Mitte 1849. Nach der Libération wohnte Baudelaire dort aber 1843 bis 1845, und Boissard zog im April 1849 fort.
- Moreau: Sein Buch kennen wir nur aus Katalogen. Ob er bei den Abenden Gast, Gastgeber oder Beobachter war, lässt sich aus unseren Quellen nicht sicher sagen.
Hinweis: Dieser Beitrag informiert über Geschichte, Kultur und Forschungsstand und ruft weder zum Konsum noch zum Erwerb von Cannabis auf. Stand: 15.10.2026.
Quellen
- Ville de Paris: L’hôtel de Lauzun, trésor caché de l’Île Saint-Louis (öffnet in neuem Tab)
- Edouard Launet: Les grands esprits se racontent (Libération, 8. Dezember 2013; Pressespiegel des Institut d’études avancées de Paris, PDF) (öffnet in neuem Tab)
- University of Iowa Libraries, Heirs of Hippocrates Nr. 1667: Jacques Joseph Moreau, Du hachisch et de l’aliénation mentale (Paris 1845) (öffnet in neuem Tab)
- Jacques-Joseph Moreau (Wikipedia, englisch; ergänzend) (öffnet in neuem Tab)
- Bibliothèque nationale de France, Catalogue général: Les paradis artificiels (Notice de titre conventionnel) (öffnet in neuem Tab)
- Houghton Library, Harvard University: Baudelaire’s artificial paradise (Blogbeitrag, 15.11.2012) (öffnet in neuem Tab)
- Charles Baudelaire: Les Paradis artificiels, Le Poème du haschisch (Textausgabe poetes.com, archiviert im Webarchiv DILIMAG der Universität Innsbruck) (öffnet in neuem Tab)
- Théophile Gautier: Charles Baudelaire (Notice, 1868), englische Übersetzung von A. S. Kline (Poetry in Translation) (öffnet in neuem Tab)
- Encyclopaedia Britannica: Théophile Gautier (öffnet in neuem Tab)
- Larousse, Encyclopédie: Charles Baudelaire (öffnet in neuem Tab)
- Alexandra K. Wettlaufer (1996): Paradise Regained. The Flâneur, the Badaud, and the Æsthetics of Artistic Reception in Le Poème du haschisch. Nineteenth-Century French Studies 24 (3–4), S. 388–397 (öffnet in neuem Tab)
- Bruno Penteado Natividade Moreto (2012): Notas sobre Le Club des Hachichins, de Théophile Gautier. Magma 10, S. 82–89 (Universidade de São Paulo) (öffnet in neuem Tab)
- Club des Hashischins (Wikipedia, englisch; ergänzend) (öffnet in neuem Tab)