Herodot, die Skythen und der Hanf
Herodot beschrieb im 5. Jahrhundert v. Chr., wie Skythen Hanfsamen auf glühende Steine warfen. Was Funde aus Pazyryk und Jirzankal davon bestätigen.
Laut dem vierten Buch der „Historien“ Herodots aus dem 5. Jahrhundert v. Chr. wächst im Land der Skythen Hanf, die Thraker fertigen daraus Kleider, und die Skythen werfen nach einer Bestattung Hanfsamen unter einem Zelt aus Wollmatten auf glühende Steine. Archäologen haben Entsprechungen gefunden: In Grabhügel 2 von Pazyryk im Altai, ausgegraben 1947 bis 1949, lagen Hanfsamen, ein Gestell und ein Metallgefäß mit Steinen; im Gräberfeld Jirzankal im Pamir wies ein Forschungsteam 2019 Cannabisspuren in rund 2.500 Jahre alten Holzbecken nach. Ob Herodots Schilderung im Einzelnen zutrifft, klären die Funde nicht.
Auf einen Blick
- Herodot beschreibt den Hanf der Skythen in Buch IV, Kapitel 74 und 75 der „Historien“; das griechische Wort lautet kannabis (κάνναβις).
- Nach Herodot wächst der Hanf dort wild und angebaut; die Thraker fertigen daraus leinenähnliche Kleider.
- Nach einer Bestattung werfen die Skythen laut Herodot unter einem mit Wollmatten bedeckten Gestell aus drei Stangen Hanfsamen auf glühende Steine.
- In Grabhügel 2 von Pazyryk, ausgegraben unter Sergei Rudenko, lagen nach Natalia Polosmak Hanfsamen in einer Lederflasche und auf Steinen in einem Kessel.
- In Jirzankal im östlichen Pamir wurden zehn Holzbecken aus acht Gräbern chemisch untersucht; die Studie erschien im Juni 2019 in Science Advances.
- Die Funde aus Pazyryk gehören heute zur Sammlung der Staatlichen Eremitage in St. Petersburg.
Was berichtet Herodot über den Hanf?
Herodot beschreibt den Hanf als Faserpflanze und als Teil eines Brauchs nach Bestattungen, in einem Abschnitt über die Skythen. Das British Museum nennt die Skythen nomadische Krieger, deren Grabhügel über die Steppe von Nordchina über Südsibirien bis ans nördliche Schwarze Meer verstreut liegen. Der griechische Geschichtsschreiber lebte nach Katheryn Linduff und Karen Rubinson etwa von 490/480 bis 424 v. Chr. Wir lesen ihn in der englischen Übersetzung von A. D. Godley aus den Jahren 1920 bis 1925, die im Textbestand der Perseus-Sammlung frei zugänglich ist.
Kapitel 74 setzt mit der Pflanze ein. Der Hanf sei dem Flachs „sehr ähnlich, nur viel dicker und höher“ (unsere Übersetzung nach Godley), er wachse von selbst und werde auch angebaut. Die Thraker machten daraus Kleider, die nur ein Kenner des Hanfs von Leinen unterscheiden könne. Wie aus dem Stängel Gewebe wird, lesen Sie in Hanffaser als Material.
Was geschieht nach Herodot im Zelt?
Bei Herodot gehört der Hanf zu einer Reinigung nach der Bestattung. Gewöhnliche Verstorbene werden nach Kapitel 73 vierzig Tage lang auf Wagen von Freund zu Freund gefahren und dann begraben. Danach salben und waschen die Skythen ihre Köpfe und stellen drei Stangen auf, die oben zusammenlaufen und mit Wollmatten bedeckt werden; in eine Grube in der Mitte kommen glühende Steine.
In Kapitel 75 kriechen sie mit den Samen unter die Matten und werfen sie auf die Steine. Die Samen schwelen und geben Dampf ab, den nach Herodot kein griechisches Dampfbad übertreffen könne. Er deutet den Vorgang als Ersatz für das Waschen, denn mit Wasser wüschen die Skythen ihren Körper nie. Unmittelbar danach beschreibt er, wie skythische Frauen Zypressen-, Zedern- und Weihrauchholz mit Wasser zu einer Paste für Körper und Gesicht zerreiben. In Herodots Ordnung handelt der Abschnitt also von Reinigung und Körperpflege.
Godley übersetzt mit „Wollmatten“; die Archäologin Natalia Polosmak gibt die Stelle als Gang in eine Filzjurte wieder. Der Vergleich mit dem Dampfbad ist Herodots eigener, ein griechischer Blick auf einen fremden Brauch.
Was wurde in Pazyryk gefunden?
In Pazyryk lagen Hanfsamen in einem Grab, zusammen mit einem Gestell und einem Kessel mit Steinen. Pazyryk ist ein Gräberfeld mit großen Grabhügeln, Kurgane genannt, im Hochaltai in Südsibirien. Nach St John Simpson, Kurator am British Museum, taute der Boden unter den größeren Hügeln im Sommer nicht auf, sodass ihr Inhalt im Eis erhalten blieb. Radiokarbondaten setzen die fünf großen Gräber in die Mitte des 4. bis ins frühe 3. Jahrhundert v. Chr.; nach Jahrringdaten entstanden sie innerhalb von 48 Jahren.
Nach dem Eremitage-Archäologen Pavel Azbelev untersuchte eine Gruppe um Michail Grjasnow 1929 den Kurgan 1; die Kurgane 2 bis 5 wurden 1947 bis 1949 unter Sergei Rudenko ausgegraben. Rudenkos Bericht erschien 1970 auf Englisch als „Frozen Tombs of Siberia“.
Natalia Polosmak vom Institut für Archäologie und Ethnographie in Nowosibirsk beschreibt die Hanffunde: Samen lagen in einer verzierten Lederflasche und auf Steinen mit Rauchspuren in einem Bronzekessel, wie er aus Kurgan 2 stammt. Linduff und Rubinson bilden aus demselben Grabhügel ein sechsbeiniges Gestell, ein Kupferbecken und Hanfsamen in einem Lederbeutel ab. Simpson schließt aus den verkohlten Samen in den Becken, dass sie im Grab angezündet wurden und ihr Rauch die Kammer füllte.
Polosmak stellt den Fund ausdrücklich neben Herodots Kapitel 75. Die Unterschiede sind ebenso deutlich: sechs Beine statt drei Stangen, Gegenstände im Grab statt eines Brauchs der Lebenden, und der Altai liegt weit östlich der Gegend, über die Herodot schrieb.
Die Pazyryk-Funde gehören zur Sammlung der Staatlichen Eremitage in St. Petersburg; nach Azbelev sind dort vier Säle des Winterpalasts, die Nummern 26 bis 29, der Pazyryk-Kultur gewidmet (Stand des Gesprächs: Februar 2022). Weitere Häuser finden Sie unter Sammlungen und Ausstellungen.
Was zeigen die Holzbecken von Jirzankal?
In Holzbecken aus dem Gräberfeld Jirzankal fanden Forschende die chemische Signatur von Cannabis; die Gräber sind rund 2.500 Jahre alt. Das Gräberfeld liegt im östlichen Pamir im Westen Chinas, die unterste seiner drei Terrassen nach Robert Spengler vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte auf etwa 3.060 Metern. Laut der Wissenschaftsorganisation AAAS wurden aus acht Gräbern zehn Holzbecken geborgen, darin Steine mit deutlichen Brandspuren.
Das Team um Meng Ren untersuchte Rückstände an Holz und Steinen mit Gaschromatographie und Massenspektrometrie. Die Werte entsprachen Cannabis, mit viel Cannabinol (CBN), einem Abbauprodukt des THC (Tetrahydrocannabinol); nach National Geographic fanden sich die Spuren in neun der zehn Becken. Die Kurzfassung datiert das Gräberfeld auf etwa 500 v. Chr. und spricht von Totenzeremonien.
Die Autoren vermuten, dass die Pflanzen mehr THC enthielten als damals übliche Wildpflanzen. Ob sie angebaut oder wild gesammelt wurden, bleibt nach National Geographic offen; Spengler sagte der AAAS, für einen solchen Anbau gebe es in der Antike kaum Belege. Hanf aus dem Gräberfeld Jiayi (8. bis 6. Jahrhundert v. Chr.) enthielt nach National Geographic dagegen kein THC und wurde vermutlich für Faser, Seile und Ölsamen genutzt. Woher die Pflanze stammt, erklärt unser Beitrag Woher der Hanf kommt.
Gibt es weitere Funde?
Ja, ein Fund aus dem Kaukasus, doch er ist schlechter dokumentiert. Im Kurgan Sengileevskoe-2 am Fuß des Kaukasus, rund 30 Meilen östlich von Stawropol, fand der Archäologe Andrey Belinski Goldgefäße, die das Magazin Archaeology auf etwa 2.400 Jahre datiert. Ein Kriminallabor in Stawropol fand in Rückständen darin nach Belinskis Angaben Opium und unter dem Mikroskop Cannabisteilchen. Eine begutachtete Veröffentlichung dieser Analyse haben wir nicht gefunden.
Was bestätigt die Archäologie, und was bleibt offen?
Bestätigt ist der Kern: Im 1. Jahrtausend v. Chr. verbrannten Menschen im Pamir und im Altai Hanf auf heißen Steinen, im Umfeld von Bestattungen. Gestell, glühende Steine und Hanfsamen, die Herodot nennt, tauchen in Pazyryk als Gegenstände auf; statt einer Grube steht dort ein Metallgefäß.
Offen bleibt dreierlei. Erstens die Übertragbarkeit: Weder Pazyryk noch Jirzankal liegen in der Gegend, über die Herodot schrieb. Simpson hält für unklar, ob Herodot den Brauch selbst sah oder davon hörte; die Altphilologin Emily Baragwanath von der University of North Carolina sagt bei National Geographic, Herodots Völkerbeschreibungen seien lange mit Skepsis gelesen worden, die Archäologie finde aber immer wieder Übereinstimmungen mit den „Historien“. Zweitens die Datierung: Jirzankal wird auf etwa 500 v. Chr. datiert, also kurz vor Herodots Geburt, Pazyryk nach seinem Tod. Eine direkte Linie belegt das nicht. Drittens die Deutung: Herodot spricht von Reinigung, die Ausgräber von Ritual und Grabbeigabe. Beides sind Deutungen, keine Befunde.
Nach dem Max-Planck-Institut beruhten Aussagen über Cannabisrauch in den Steppen Zentralasiens lange auf Herodots Text; mit Jirzankal liegt nach Angaben der Autoren ein direkt datierter, naturwissenschaftlich geprüfter Nachweis vor. Wie es in Europa weiterging, erzählt Eine kurze Geschichte des Hanfs.
Häufige Fragen
Was schreibt Herodot über Hanf bei den Skythen?
In Buch IV der „Historien“ aus dem 5. Jahrhundert v. Chr. schreibt Herodot, dass Hanf im Land der Skythen wild und angebaut wächst und die Thraker daraus leinenähnliche Kleider fertigen. Nach einer Bestattung werfen die Skythen nach seinem Bericht unter einem mit Wollmatten bedeckten Gestell Hanfsamen auf glühende Steine. Herodot deutet das als Ersatz für das Waschen mit Wasser.
Was wurde in Pazyryk gefunden?
In Kurgan 2 von Pazyryk im Altai, ausgegraben unter Sergei Rudenko, lagen Hanfsamen, ein sechsbeiniges Gestell und ein Metallgefäß mit Steinen. Die großen Gräber von Pazyryk stammen aus der Mitte des 4. bis frühen 3. Jahrhunderts v. Chr. Die Pazyryk-Funde gehören zur Sammlung der Staatlichen Eremitage in St. Petersburg.
Wie alt sind die Cannabisspuren aus Jirzankal?
Die Studie datiert das Gräberfeld Jirzankal im östlichen Pamir auf etwa 500 v. Chr., also rund 2.500 Jahre zurück. In neun von zehn untersuchten Holzbecken fanden sich chemische Spuren von Cannabis. Die Ergebnisse erschienen im Juni 2019 in Science Advances.
Was wir nicht wissen
Den Volltext der Studie von Ren und Kollegen konnten wir am 15. Oktober 2026 nicht öffnen: Die Verlagsseite war nicht erreichbar, PubMed Central verlangte eine Browserprüfung. Die Zahlen zu Becken und Verbindungen stammen deshalb aus Kurzfassung, Pressemitteilung, AAAS und National Geographic. Die Website der Eremitage konnten wir ebenfalls nicht öffnen; ob die Hanffunde aus Kurgan 2 derzeit ausgestellt sind, wissen wir nicht.
Rudenkos Bericht kennen wir nur aus dem Katalogeintrag; die Angaben zu Pazyryk folgen Polosmak, Linduff und Rubinson sowie dem British Museum. Diese Quellen nennen das Gefäß aus Kurgan 2 teils Bronzekessel, teils Kupferbecken; das Material konnten wir nicht prüfen. Ob Herodot mit „Samen“ nur die Samen oder auch andere Pflanzenteile meinte, lässt sich aus dem Text allein nicht entscheiden; Fachliteratur dazu haben wir nicht geöffnet. Deutsche Übersetzungen haben wir nicht mit Godley verglichen.
Hinweis: Dieser Beitrag informiert über Geschichte, Kultur und Forschungsstand und ruft weder zum Konsum noch zum Erwerb von Cannabis auf. Stand: 15.10.2026.
Quellen
- Herodot, Historien 4.73–4.75, englische Übersetzung von A. D. Godley (Harvard University Press / William Heinemann, 1920–1925), Perseus-Text über das Perseids-Portal (öffnet in neuem Tab)
- Herodot, Historien 4.74, griechischer Text (Perseus-Text über das Perseids-Portal) (öffnet in neuem Tab)
- Ren, M., Tang, Z., Wu, X., Spengler, R., Jiang, H., Yang, Y. u. a. (2019): The origins of cannabis smoking: chemical residue evidence from the first millennium BCE in the Pamirs. Science Advances 5(6), eaaw1391 (Eintrag mit Kurzfassung, Publikationsserver der Max-Planck-Gesellschaft) (öffnet in neuem Tab)
- Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte: The Origins of Cannabis Smoking: Marijuana Use in the First Millennium BC (Pressemitteilung, 12.06.2019) (öffnet in neuem Tab)
- AAAS: Ancient Pots from Chinese Tombs Reveal Early Use of Cannabis (Juni 2019) (öffnet in neuem Tab)
- Michelle Z. Donahue: Earliest evidence for cannabis smoking discovered in ancient tombs (National Geographic, 12.06.2019) (öffnet in neuem Tab)
- Robert N. Spengler III: Zusammenfassung der Jirzankal-Studie für ein allgemeines Publikum (The Science Breaker, 27.11.2019) (öffnet in neuem Tab)
- St John Simpson: Scythians – ice mummies and burial mounds (British Museum, Blog, 23.08.2017) (öffnet in neuem Tab)
- Emily Spicer: Gespräch mit St John Simpson zur Ausstellung Scythians: warriors of ancient Siberia, British Museum (Studio International, 2017) (öffnet in neuem Tab)
- Natalia Polosmak: Beitrag zur Pazyryk-Kultur in SCIENCE First Hand, Rubrik Hypotheses and Facts (PDF, S. 33–55) (öffnet in neuem Tab)
- Katheryn M. Linduff, Karen S. Rubinson: Pazyryk Culture Up in the Altai (Routledge 2022, Auszug als PDF über ResearchGate) (öffnet in neuem Tab)
- Snezhana Atanova im Gespräch mit Pavel Azbelev (Staatliche Eremitage): The Treasures of Pazyryk Kurgans in the Hermitage Museum (Voices On Central Asia, 11.02.2022) (öffnet in neuem Tab)
- S. I. Rudenko: Frozen Tombs of Siberia. The Pazyryk Burials of Iron Age Horsemen, übersetzt von M. W. Thompson (University of California Press 1970), Katalogeintrag eHRAF Archaeology, Yale (öffnet in neuem Tab)
- Andrew Curry: Rites of the Scythians (Archaeology, Juli/August 2016) (öffnet in neuem Tab)