Scherenschnitt und Silhouette
Die Silhouette, ein Profil in Schwarz, wurde im 18. Jahrhundert in Frankreich Mode. Der Scherenschnitt gilt in der Schweiz und China als lebendige Tradition.
Scherenschnitt heißt im Deutschen zweierlei: die Silhouette, ein Kopf im Profil, schwarz auf hellem Grund, nur Umriss, und das gefaltete Blatt, das sich zu einem symmetrischen Ornament öffnet. Die Silhouette wurde im 18. Jahrhundert von Frankreich aus in ganz Europa Mode, der Scherenschnitt als Volkskunst gilt in der Schweiz und in China als lebendige Tradition. Dahinter stehen verschiedene Geschichten: die eines Porträts für wenig Geld, die einer umstrittenen Lehre vom Gesicht und die einer Volkskunst.
Ein Name aus der Finanzpolitik
Das Landesmuseum Zürich beschreibt in seinem Schulmaterial zur Ausstellung von 2015, wie im 18. Jahrhundert in Frankreich die Mode der Silhouettenschneiderei aufkam. Der Name gehe auf den Finanzminister Étienne de Silhouette zurück, der Scherenschnittporträts als günstige Alternative zur Miniaturmalerei empfohlen habe. Von Frankreich aus habe sich die Mode in ganz Europa verbreitet.
Das Smithsonian American Art Museum erzählt die Herkunft etwas anders. In einem Blogbeitrag vom Januar 2012 heißt es, die Forschung nehme an, dass der Name des Ministers wegen seiner Sparpolitik mit den schwarz-weißen Bildnissen verbunden wurde. Mit Blick auf seine Sparsamkeit habe man preiswerte Dinge oft „à la Silhouette“ genannt. Vorher seien die Bilder als shades, profiles oder shadow pictures bekannt gewesen. Beide Quellen verbinden das Wort mit dem Minister und mit dem geringen Preis. Ob er die Porträts selbst empfahl oder sein Name nur wegen seiner Sparpolitik an ihnen hängen blieb, beantworten sie unterschiedlich.
Unter den bekannten Vertretern nennt das Landesmuseum Johann Wolfgang von Goethe und den Genfer Maler Jean Huber. Silhouetten hingen als Andenkenbilder in bürgerlichen Salons. Mit der Fotografie endete diese Praxis. Für die Vereinigten Staaten datiert das Smithsonian den Wandel auf die Mitte des 19. Jahrhunderts, als die Fotografie verbreiteter wurde.
Wie ein Schattenriss entsteht
Das Smithsonian unterscheidet drei Haupttypen: gemalte Silhouetten, ausgeschnittene Hohlschnitte, bei denen das Profil aus dem Blatt fällt und der Rest auf dunklen Grund gelegt wird, und geschnittene, aufgeklebte Figuren. Dazu kamen mechanische Hilfen. 1802 stellte Charles Willson Peale in seinem Museum in Philadelphia einen Physiognotrace auf, ein Gerät zum Nachfahren des Profils. Bedient wurde es laut Smithsonian von Moses Williams, einem versklavten Mann, der damit genug verdiente, um sich freizukaufen.
Wie man ohne Maschine arbeitete, zeigt eine Tafel, die die Houghton Library der Harvard University in einem Beitrag ihrer Assistenzkuratorin Caroline Duroselle-Melish beschreibt. Sie stammt aus einem Schreiblehrbuch des Johann Merken, der offenbar in Elberfeld arbeitete und das Werk 1782 und 1785 in zwei Teilen veröffentlichte. Der Zeichner sitzt hinter einem beweglichen Rahmen mit einer Glasscheibe, die auf der Schulter der dargestellten Person ruht. Auf ein durchscheinendes, geöltes Papier auf dem Rahmen zieht er den Umriss des Profils nach. Merken erwähnt außerdem den Pantografen (Storchschnabel) als weiteres Werkzeug. Duroselle-Melish liest die Tafel weniger als Anleitung denn als Hinweis darauf, wen man mit einem Schattenriss beauftragen sollte.
Lavater und das Lesen von Gesichtern
Die Tafel bei Merken geht auf eine Vignette aus dem zweiten Band der Physiognomischen Fragmente zurück, die Johann Caspar Lavater zwischen 1775 und 1778 in Leipzig veröffentlichte, so die Houghton Library. Lavater (1741 bis 1801) war Pfarrer, Philosoph und Schriftsteller. Nach einem Bericht des Evangelischen Pressedienstes von 2021 behauptete er in diesem Werk, man könne am Gesicht Charakter, Werte oder Intellekt eines Menschen erkennen. Als Hilfsmittel diente ihm der Schattenriss des menschlichen Kopfes. Im späteren 18. Jahrhundert wurde das gegenseitige Physiognomieren in Gesellschaft zur Mode.
An der Debatte beteiligten sich nach dem Bericht auch Goethe und Alexander von Humboldt; ihre Positionen beschreibt er nicht. Deutlichen Widerspruch erhob schon damals der Göttinger Physiker Georg Christoph Lichtenberg (1742 bis 1799). Seine Schrift Über Physiognomik; wider die Physiognomen erschien 1778 bei Johann Christian Dieterich in Göttingen. Das Deutsche Historische Institut Washington fasst sie in seiner Quellensammlung zusammen: Lichtenberg kritisiert die Physiognomik als modischen Aberglauben. Er trennt sie von der Pathognomik, der Lehre vom Ausdruck der Gemütsbewegungen, der er eine gewisse Berechtigung zugesteht, weil sie dem Willen und dem Verstand des Menschen Raum lässt.
Das Landesmuseum Zürich hält in seinem Material fest, dass Lavaters Theorie wissenschaftlichen Kriterien nicht standhält, und verweist auf ihren Missbrauch im Nationalsozialismus. Das Museum Otto Schäfer in Schweinfurt zeigte 2021 eine Ausstellung unter dem Titel Menschen-Kenntnis?, die nach dem Bericht des Pressedienstes zum Nachdenken über Stereotype anregen sollte. Die Silhouette ist in dieser Geschichte also nicht nur Bildnis, sondern auch Material einer Lehre, die heute als widerlegt gilt.
Scherenschnitt in der Schweiz
In der Schweiz entstehen Scherenschnitte nach Angabe des Landesmuseums seit dem Ende des 17. Jahrhunderts. Nonnen verzierten Heiligenbilder, in Bürgerhäusern war die Silhouettenkunst ein Zeitvertreib. In seiner Ausstellung von 2015 zeigte das Landesmuseum etwa die Apotheke des Chorherrn Johann Heinrich Rahn, um 1790 bis 1800, von unbekannter Hand, und den Liebesbrief der Elisabeth Wild von Stäfa von 1810. Die klassische Technik beschreibt das Museum so: „Ein Papier wird gefaltet, und die Motive werden hineingeschnitten“. So entstehen symmetrische Figuren.
Eine eigene Linie beginnt im 19. Jahrhundert mit Johann Jakob Hauswirth. Das Historische Lexikon der Schweiz gibt als Geburt Juli 1809 in Saanen an, als Tod den 29. März 1871 in L’Etivaz, Gemeinde Château-d’Œx. Er war Holzfäller und Köhler und schnitt als Autodidakt. Über sein Leben vor dem vierzigsten Lebensjahr ist wenig Genaues bekannt, farbige Arbeiten sind ab 1847 belegt. Er schnitt Szenen aus dem Landleben, Alpfahrten und Blumenarrangements, verkaufte sie rund um Château-d’Œx, kleinere Stücke dienten den Bauern als Buchzeichen. Mit der Zeit klebte er Papierlagen collageartig übereinander. Als Zeichen setzte er einen Berner Mutz auf ein Wappen. Seine Werke bewahrt das Musée du Vieux Pays-d’Enhaut in Château-d’Œx.
Louis David Saugy (1871 bis 1953) war Briefträger und begann nach dem Kontakt mit Hauswirths Arbeiten selbst zu schneiden, so das Landesmuseum. Er arbeitete oft collageartig mit Blumen und Figuren. SRF schreibt ihm zu, Perspektive und Dynamik in die Bilder gebracht zu haben. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde der Scherenschnitt als Heimatkunst populär, nach dem Zweiten Weltkrieg ließ das Interesse nach. Eine Ausstellung im Gewerbemuseum Winterthur 1985 und der Verein Freunde des Scherenschnitts belebten ihn nach Darstellung des Landesmuseums wieder.
Auf Bundesebene steht die Tradition auf der Liste der lebendigen Traditionen in der Schweiz (Stand der Liste 2017). In der Auswahl, die am 5. September 2011 verabschiedet und vom Bundesamt für Kultur veröffentlicht wurde, heißt der Eintrag „Découpages du Pays-d’Enhaut“, Kanton Waadt. Mit der Aktualisierung vom 3. Juli 2017 lautet der Titel „Découpages du Pays-d’Enhaut et du Simmenthal“, nun für die Kantone Waadt und Bern. Der Kanton Bern führt den Scherenschnitt zusätzlich in seiner eigenen Liste der lebendigen Traditionen.
Im Dezember 2022 berichtete SRF, dass der Verein Scherenschnitt Schweiz im Musée du Vieux Pays-d’Enhaut ein neues Zentrum gefunden hat. Das Haus war zwei Jahre lang um- und ausgebaut worden, Sammlung und Bibliothek des Vereins sollten dort untergebracht werden.
Papierschnitt in China
Eine eigene Tradition beschreibt die UNESCO. Der Zwischenstaatliche Ausschuss nahm den chinesischen Papierschnitt 2009 auf seiner vierten Sitzung in Abu Dhabi in die Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit auf (Entscheidung 4.COM 13.09). Nach dem Eintrag ist er eine Volkskunst, die in ganz China und bei verschiedenen ethnischen Gruppen vorkommt. Papier wird geschnitten oder mit dem Meißel graviert, farbig oder ungefärbt belassen, zunehmend auch mit moderner Technik bearbeitet. Die Motive sind vielfältig und regional verschieden, im Süden Chinas eher fein und zart.
Die Schnitte schmücken Fenster, Betten und Zimmerdecken, begleiten Hochzeiten, Geburtstage und Zeremonien und dienen Bitten, etwa um Regen oder zur Abwehr böser Geister. Ausgeübt wird die Kunst laut UNESCO überwiegend von Frauen, weitergegeben von der Mutter an die Tochter, meist schon in der Kindheit und besonders auf dem Land. Die Entscheidung des Ausschusses hält fest, dass viele lokale Ausprägungen auf der nationalen Liste des immateriellen Kulturerbes Chinas stehen.
Wo Sammlungen zu sehen sind
Wer Scherenschnitte im Original sehen möchte, findet sie in mehreren Häusern, die in unseren Quellen genannt sind. Das Landesmuseum Zürich zeigte 2015 zehn historische Scherenschnitte aus dem 18. bis 20. Jahrhundert neben über hundert zeitgenössischen Arbeiten. Das Musée du Vieux Pays-d’Enhaut in Château-d’Œx bewahrt Werke Hauswirths und beherbergt das Zentrum des Vereins Scherenschnitt Schweiz. Die Houghton Library in Harvard widmete Silhouetten die Ausstellung Silhouettes: from Craft to Art, das Smithsonian American Art Museum führt Hohlschnitte und geklebte Silhouetten in seiner Sammlung. Ob die genannten Ausstellungen noch laufen, haben wir nicht geprüft; Öffnungszeiten nennen wir nicht.
Wie Bilder vor der Fotografie entstanden, erzählt auch die Geschichte der Camera obscura. Und wie Gegenstände im Bild Bedeutung tragen, zeigt das Stillleben.
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Stand: 14. Oktober 2026. Alle Angaben beruhen auf den unten genannten Quellen; das Abrufdatum steht jeweils bei der Quelle.
Häufige Fragen
Woher kommt das Wort Silhouette?
Das Wort geht auf den französischen Finanzminister Étienne de Silhouette zurück. Nach dem Landesmuseum Zürich empfahl er Scherenschnittporträts als günstige Alternative zur Miniaturmalerei. Das Smithsonian American Art Museum berichtet dagegen, sein Name sei wegen seiner strengen Sparpolitik mit den preiswerten schwarz-weißen Bildnissen verbunden worden.
Was hat Lavater mit Silhouetten zu tun?
Johann Caspar Lavater behauptete in seinen Physiognomischen Fragmenten, die zwischen 1775 und 1778 erschienen, man könne am Gesicht Charakter, Werte oder Intellekt eines Menschen erkennen. Als Hilfsmittel diente ihm der Schattenriss des menschlichen Kopfes. Georg Christoph Lichtenberg kritisierte die Physiognomik schon 1778 als modischen Aberglauben, und nach dem Landesmuseum Zürich hält Lavaters Theorie wissenschaftlichen Kriterien nicht stand.
Wo gilt Scherenschnitt als lebendige Tradition?
In der Schweiz steht der Eintrag „Découpages du Pays-d’Enhaut et du Simmenthal“ für die Kantone Waadt und Bern auf der Liste der lebendigen Traditionen, in der Fassung von 2017. Der chinesische Papierschnitt steht seit 2009 auf der Repräsentativen Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit der UNESCO. Dort gilt er als Volkskunst, die überwiegend von Frauen ausgeübt und von der Mutter an die Tochter weitergegeben wird.
Was wir nicht wissen
Warum das Wort Silhouette auf den französischen Minister zurückgeht, erklären die Quellen unterschiedlich; Lebens- und Amtsdaten Étienne de Silhouettes haben wir nicht aus einer geöffneten Quelle belegt. Hauswirths Geburtsjahr gibt das Historische Lexikon mit 1809 an, SRF mit 1808; das Material des Landesmuseums nennt im Begleittext 1807, in den Bildlegenden 1809. Die Einträge auf der Liste der lebendigen Traditionen kennen wir nur aus den Listen des Bundesamts für Kultur, nicht aus der ausführlichen Beschreibung im Inventar. Wie alt der chinesische Papierschnitt ist, sagt der UNESCO-Eintrag nicht; wir nennen deshalb keine Datierung.
Quellen
- Scherenschnitte. Papiers découpés. Silhouette. Paper cuts – Materialien für Schulen (Landesmuseum Zürich, Schweizerisches Nationalmuseum, Ausstellung 09.01.–19.04.2015) (öffnet in neuem Tab)
- Q and Art: Silhouettes (Smithsonian American Art Museum, Blog, 24.01.2012) (öffnet in neuem Tab)
- Blogbeitrag zur Ausstellung Silhouettes: from Craft to Art (Caroline Duroselle-Melish, Houghton Library, Harvard University; Datum nur im URL-Pfad, 04.08.2014) (öffnet in neuem Tab)
- Museum zeigt Schau zu Lavaters umstrittener Physiognomie-Theorie (epd, Sonntagsblatt, 19.09.2021) (öffnet in neuem Tab)
- Georg Christoph Lichtenberg, On Physiognomy; Against the Physiognomists (1778) (German History Intersections, Deutsches Historisches Institut Washington) (öffnet in neuem Tab)
- Hauswirth, Johann Jakob (Hans A. Lüthy, Historisches Lexikon der Schweiz, Version vom 11.08.2005) (öffnet in neuem Tab)
- Jahrhundertealte Tradition: Der Schweizer Scherenschnitt hat ein neues Zentrum (SRF Kultur, 05.12.2022) (öffnet in neuem Tab)
- Finalisierte Auswahl für die Liste der lebendigen Traditionen in der Schweiz, verabschiedet am 5. September 2011 (Bundesamt für Kultur, PDF) (öffnet in neuem Tab)
- Aktualisierung der Liste der lebendigen Traditionen in der Schweiz, Bern, 3. Juli 2017 (Bundesamt für Kultur, PDF) (öffnet in neuem Tab)
- Berner Liste der Lebendigen Traditionen (Kanton Bern, Amt für Kultur, PDF) (öffnet in neuem Tab)
- Chinese paper-cut (UNESCO, Intangible Cultural Heritage, Nomination file No. 00219) (öffnet in neuem Tab)
- Decision of the Intergovernmental Committee: 4.COM 13.09 (UNESCO, Intangible Cultural Heritage) (öffnet in neuem Tab)