Das Stillleben: Dinge im Bild
Ein Stillleben zeigt unbelebte Dinge in gewählter Anordnung. Die Gattung blühte im 17. Jahrhundert in den Niederlanden und reicht bis zu Cézanne und Morandi.
Ein Stillleben ist ein Gemälde, dessen Hauptgegenstand unbelebte Dinge sind; der Begriff geht auf das niederländische „stilleven“ zurück und wurde um 1650 gebräuchlich, in einem Jahrhundert, in dem die Gattung in den Niederlanden besonders verbreitet war. Ein Tisch, ein Tuch, ein paar Dinge darauf: Mehr braucht ein Stillleben nicht. Gerade diese Beschränkung stellt eine Aufgabe: Wie sieht Zinn aus, wenn Licht darauf fällt, wie ein leeres Glas, wie eine Uhr? Dieser Text folgt der Gattung von ihrem Namen über die Werkstätten des 17. Jahrhunderts bis ins 20. Jahrhundert, und zwar entlang von Bildern, die Museen heute zeigen und beschreiben.
Ein Wort aus dem Niederländischen
Die National Gallery in London definiert Stillleben als Gemälde, deren Hauptgegenstand unbelebte Dinge sind: Früchte, Speisen, Gegenstände des Alltags. Der Begriff geht nach ihrem Glossar auf das niederländische „stilleven“ zurück. Um 1650 sei er als Sammelname für diese Art von Bildern gebräuchlich geworden, später kam das französische „nature morte“ hinzu. Der Duden bestätigt die Herkunft für das Deutsche: „Stillleben“ ist eine Lehnübersetzung von niederländisch „stilleven“, beeinflusst vom englischen „still life“. Er umschreibt das Wort als Darstellung von Dingen, besonders Blumen, Früchten und Gegenständen des Alltags, in künstlerischer Anordnung. Empfohlen wird die Schreibung mit drei l, „Still-Leben“ mit Bindestrich gilt als Variante.
Wichtig ist das Wort „Anordnung“. Ein Stillleben bildet keinen zufälligen Tisch ab. Es ist eine Auswahl, die der Maler trifft, und damit eine Aussage über Dinge.
Die Niederlande im 17. Jahrhundert
Nach dem Glossar der National Gallery war das Stillleben in den Niederlanden des 17. Jahrhunderts besonders verbreitet. Zwei Maler, die das Rijksmuseum und das Mauritshuis beschreiben, arbeiteten in Haarlem. Pieter Claesz ließ sich nach Angaben des Rijksmuseums um 1620/21 dort nieder und arbeitete bis zu seinem Tod in der Stadt. Er malte ausschließlich Stillleben, darunter Frühstücks-, Bankett- und Vanitasbilder. Willem Claesz Heda wurde in Haarlem geboren und starb dort, er lebte von 1594 bis 1680. Das Rijksmuseum nennt ihn als Mitglied der Haarlemer Lukasgilde, der Malerzunft, mit einer eigenen Werkstatt, in der mehrere Maler ausgebildet wurden.
Das Mauritshuis in Den Haag schreibt beiden eine gemeinsame Entwicklung zu. Claesz habe zusammen mit Heda das „monochrome Bankettstück“ entwickelt, ein Stillleben mit stark beschränkter Palette. Wie das aussieht, zeigt Claesz’ „Stillleben mit Tazza“ von 1636 im Mauritshuis. Ein großes Glas beherrscht das Bild, um es herum stehen Zinnteller mit einer Zitrone, Oliven, einem Brötchen und Nüssen. Rechts liegt eine silberne Trinkschale, eine Tazza, auf der Seite. Die Farben sind nach Angaben des Museums vor allem Grau, Braun und Grün. Jeder Gegenstand fängt das Licht auf eigene Weise. Signiert und datiert hat Claesz das Bild auf der Klinge eines Messers.
Hedas „Stillleben mit silberner Tazza“ von 1630 im Rijksmuseum arbeitet mit ähnlichen Dingen: einem Glas, einer Tazza, einer kleinen Uhr, zwei Zinntellern, Oliven und Walnüssen auf einem teilweise gedeckten Tisch. Das Museum beschreibt die Pinselführung als glatt vertrieben, die Glanzlichter als scharf abgesetzten, pastosen Farbauftrag. Gemalt wurde von hinten nach vorn, auf eine einzelne Eichentafel von 40,5 mal 56 Zentimetern.
Vanitas: Dinge, die an die Zeit erinnern
Viele niederländische Stillleben verbanden ihre Gegenstände nach der National Gallery mit dem Gedanken an Verfall und an die Nichtigkeit weltlichen Lebens. Solche Bilder heißen Vanitas oder Memento mori. Das lateinische „vanitas“ bedeutet nach dem Glossar Eitelkeit im Sinn von Leere oder vergeblichem Tun. Das Museum verweist auf den Vers 12,8 aus dem Buch Kohelet, auch Prediger genannt.
Harmen Steenwycks „Allegorie der Eitelkeiten des menschlichen Lebens“ entstand um 1640 und hängt in der National Gallery. Ein Schädel, von einem Sonnenstrahl getroffen, ist der Blickfang des Bildes. Daneben liegen eine eben gelöschte Öllampe, eine Taschenuhr und zwei Bücher, ein neues und ein abgegriffenes. Blockflöte, Laute und Schalmei stehen für die Musik, ein japanisches Schwert in lackierter Scheide für Macht und Luxus, eine Muschel für das Sammeln seltener Dinge. Alles ist unter einer Diagonale aufgehäuft, die obere Bildhälfte bleibt leer. Röntgenaufnahmen zeigen laut Museum, dass Steenwyck zunächst eine Büste mit Kranz gemalt hatte, wahrscheinlich einen römischen Kaiser. Später übermalte er sie mit einem Krug. Warum, ist nicht bekannt.
Pieter Claesz’ „Vanitas-Stillleben“ von 1630 im Mauritshuis kommt mit weniger aus: eine gelöschte Kerze, ein leeres Glas, eine Uhr, ein Schädel. Das Museum betont, dass die Dinge nicht zufällig zusammenstehen. Gemalt ist das Bild fast nur in Braun und Grün, nur das Band der Uhr ist blau.
Jan Jansz. Treck füllt seine Vanitas von 1648, ebenfalls in London, dagegen bis an den Rand. Ein Schädel und eine Sanduhr, beide umgestürzt, ein Helm. Dazu ein Halm und eine Muschelschale mit Flüssigkeit für Seifenblasen, Blockflöte und Gambe, ein rheinischer Steinzeugkrug, eine schwarze Lackdose und ein Seidentuch mit Silber- und Goldfäden, das gleich herunterzurutschen scheint. Die National Gallery liest in dem Bild auch eine Gegenbewegung: Menschen und ihr Tun vergehen, die Kunst, auch dieses Gemälde, bleibt.
Wie weit das Nachdenken über Malerei selbst reichen konnte, zeigt Claesz’ „Vanitas-Stillleben mit dem Dornauszieher“ von 1628 im Rijksmuseum. Neben Schädel, Büchern, Rüstung und Instrumenten liegen dort eine Palette mit Pinseln, ein Glas, eine Uhr und eine gelöschte Öllampe. Das Museum versteht das Bild auch als Kommentar zur Malerei, die nur einen Eindruck der Wirklichkeit liefert.
Material als Thema
Wer diese Bilder ansieht, sieht Materialkunde. Glas, Zinn, Silber, Steinzeug, Lack und Porzellan stehen nebeneinander, und jedes verlangt eine andere Malweise. Wie eines dieser Materialien verarbeitet wurde, zeigt unser Beitrag Zinn: Gießen und Gebrauch. Willem Kalfs „Stillleben mit Silberkanne und Porzellanschale“, entstanden zwischen 1655 und 1660 und heute im Rijksmuseum, zeigt eine Kanne aus Silber, eine Uhr und eine Schale aus Wanli-Porzellan. Das Museum hält fest, dass Kalf nicht die gängigen asiatischen Stücke malte, die in der Republik der Niederlande kursierten. Er wählte meist seltene, damals schon Jahrzehnte alte Exemplare und kombinierte zuweilen Elemente verschiedener Objekte. Bei dieser Schale entspricht der Dekor innen den sogenannten Klapmutsen, Schalen mit flachem Rand aus früheren Jahrzehnten desselben Jahrhunderts, die Außenseite folgt einem zeitgenössischen Stück.
Auch außerhalb der Niederlande wurde so gemalt. Das Städel Museum in Frankfurt besitzt Georg Flegels „Stillleben mit Brot und Zuckerwerk“, datiert 1633 bis 1636, ein kleines Bild von 21,8 mal 17 Zentimetern. Flegel wurde nach Angaben des Städel 1566 in Olmütz geboren und starb 1638 in Frankfurt. Das Bild zeigt Brot, Gebäck und in Kandiszucker eingelegte Früchte. Zucker war nach dem Museumstext eine teure Importware von Madeira, die über Antwerpen oder Venedig zur Frankfurter Messe kam. Von einem anderen Handelsgut erzählt Pfeffer: Geschichte eines Handelsguts. Ein Schmetterling, eine Wespe und ein Käfer unten rechts erinnern daran, wie vergänglich diese Dinge sind.
Die Dinge im Stillleben erzählen also zweierlei: vom Handel und Besitz ihrer Zeit und von ihrer Vergänglichkeit. Die National Gallery merkt an, dass der Großteil dieser Symbolik später verblasste, das Stillleben als Bildgegenstand aber bis heute verbreitet ist.
Der Weg ins 20. Jahrhundert
Paul Cézanne (1839 bis 1906) malte um 1892/93 das „Stillleben mit Wasserkrug“, eine Leihgabe der Tate, die in der National Gallery hängt. Es ist unvollendet und gerade deshalb aufschlussreich. Nach der Beschreibung des Museums legte Cézanne zuerst mit verdünnter blaugrauer Farbe die Perspektive und grob die Umrisse fest, dann die Grundfarbe jedes Gegenstands, zuletzt arbeitete er einzelne Dinge genauer aus. Der Wasserkrug ist in Form und Farbe nahezu fertig. Die National Gallery ordnet das Bild in eine Stillleben-Tradition aus Italien und den Niederlanden des 16. und 17. Jahrhunderts ein. Cézanne aber ging es weniger um fotografisch genaue Oberflächen als darum, wie das Auge Dinge wahrnimmt. Statt mit Schattierung modellierte er mit Farbkontrasten, und er zog oft mehr als eine Umrisslinie, etwa an den Flanken des Kruges.
Bei Giorgio Morandi sprechen schon die Werktitel. Das Metropolitan Museum führt ihn als Italiener, 1890 in Bologna geboren und 1964 dort gestorben, und besitzt seine Radierung „Stillleben (Flaschen und Dosen)“ von 1933. Die Estorick Collection in London verzeichnet eine Radierung von etwa 1929 mit dem Titel „Stillleben mit Flasche, Vasen usw. auf einem Tisch“. Im Museo Reina Sofía in Madrid trägt ein Werk den Titel „Natura morta con quattro oggetti e tre bottiglie“, Stillleben mit vier Gegenständen und drei Flaschen. Die National Gallery of Art in Washington besitzt ein Ölbild „Stillleben“ von etwa 1949. Flaschen, Dosen, Vasen: Die Gegenstände sind einfach geworden, die Aufmerksamkeit für sie ist geblieben.
Weiterlesen: Steinzeug und die Deckeldose · Die Wunderkammer: Sammeln, bevor es Museen gab · Die Camera obscura: ein Raum, der Bilder macht
Häufige Fragen
Was ist ein Stillleben?
Die National Gallery in London definiert Stillleben als Gemälde, deren Hauptgegenstand unbelebte Dinge sind, etwa Früchte, Speisen oder Gegenstände des Alltags. Der Begriff geht auf das niederländische „stilleven“ zurück und wurde um 1650 als Sammelname gebräuchlich. Ein Stillleben bildet keinen zufälligen Tisch ab, sondern eine Auswahl und Anordnung, die der Maler trifft.
Was bedeutet Vanitas im Stillleben?
Vanitas-Stillleben verbinden ihre Gegenstände mit dem Gedanken an Verfall und an die Nichtigkeit weltlichen Lebens; man nennt sie auch Memento mori. Das lateinische „vanitas“ bedeutet Eitelkeit im Sinn von Leere oder vergeblichem Tun. Typische Gegenstände in den beschriebenen Bildern sind ein Schädel, eine Uhr, eine gelöschte Kerze oder Lampe und ein leeres Glas.
Wie schreibt man Stillleben?
Der Duden empfiehlt die Schreibung mit drei l, also „Stillleben“; „Still-Leben“ mit Bindestrich gilt als Variante. Das Wort ist eine Lehnübersetzung des niederländischen „stilleven“, beeinflusst vom englischen „still life“. Im Französischen heißt die Gattung „nature morte“.
Was wir nicht wissen
Die Lebensdaten von Pieter Claesz geben Rijksmuseum und Mauritshuis unterschiedlich an, wir nennen deshalb keine. Für Morandi lagen uns nur Katalogangaben der Museen vor, keine Museumstexte zu seiner Arbeitsweise; Aussagen über seine Methode treffen wir deshalb nicht. Wie viele Stillleben im 17. Jahrhundert in den Niederlanden entstanden und welchen Anteil sie am Kunstmarkt hatten, geben die gelesenen Quellen nicht her. Die Deutung einzelner Gegenstände folgt den Museumstexten; die Forschung ist sich, wie das Rijksmuseum beim Bild mit dem Dornauszieher anmerkt, nicht in jedem Punkt einig.
Stand: 13. Oktober 2026. Alle Angaben beruhen auf den unten genannten Quellen, die wir an diesem Tag abgerufen haben.
Quellen
- National Gallery, London: Glossary, Still life (öffnet in neuem Tab)
- National Gallery, London: Glossary, Still lives (öffnet in neuem Tab)
- National Gallery, London: Glossary, Vanitas (öffnet in neuem Tab)
- Duden online: Stillleben (Rechtschreibung, Bedeutung, Herkunft) (öffnet in neuem Tab)
- National Gallery, London: Harmen Steenwyck, Still Life: An Allegory of the Vanities of Human Life, um 1640 (NG1256) (öffnet in neuem Tab)
- National Gallery, London: Jan Jansz. Treck, Vanitas Still Life, 1648 (NG6533) (öffnet in neuem Tab)
- Rijksmuseum, Amsterdam: Pieter Claesz, Vanitas Still Life with the Spinario, 1628 (SK-A-3930) (öffnet in neuem Tab)
- Rijksmuseum, Amsterdam: Willem Claesz Heda, Still Life with a Silver Tazza, 1630 (SK-C-1694) (öffnet in neuem Tab)
- Rijksmuseum, Amsterdam: Willem Kalf, Still Life with a Silver Jug and a Porcelain Bowl, 1655–1660 (SK-A-199) (öffnet in neuem Tab)
- Mauritshuis, Den Haag: Pieter Claesz, Vanitas Still Life, 1630 (Inv. 943) (öffnet in neuem Tab)
- Mauritshuis, Den Haag: Pieter Claesz, Still Life with Tazza, 1636 (Inv. 1125) (öffnet in neuem Tab)
- Städel Museum, Frankfurt am Main: Georg Flegel, Still Life with Bread and Sweetmeats, 1633–1636 (Inv. 2055) (öffnet in neuem Tab)
- Städel Museum, Frankfurt am Main: Georg Flegel (Personenseite) (öffnet in neuem Tab)
- National Gallery, London: Paul Cézanne, Still Life with Water Jug, um 1892–1893 (L696, Leihgabe der Tate) (öffnet in neuem Tab)
- The Metropolitan Museum of Art, New York: Giorgio Morandi, Still Life [Bottles and Cans], 1933 (46.147.17) (öffnet in neuem Tab)
- Estorick Collection, London: Giorgio Morandi, Still Life of Bottle, Vases, etc., on a Table, um 1929 (öffnet in neuem Tab)
- Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofía, Madrid: Giorgio Morandi (Künstlerseite) (öffnet in neuem Tab)
- National Gallery of Art, Washington: Giorgio Morandi, Still Life, um 1949 (2006.128.28) (öffnet in neuem Tab)