Marmorpapier: Farbe auf dem Schleimgrund

Marmorpapier entsteht, wenn Farben mit Ochsengalle auf einem eingedickten Grund schwimmen und auf Papier abgenommen werden. Oft dient es als Vorsatz im Buch.

Text: Redaktion · 6 Minuten · Stand

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Marmorpapier ist ein Buntpapier, das nicht bemalt wird: Farben mit Ochsengalle schwimmen zuerst auf einem eingedickten Grund aus Wasser und Tragant oder Carrageen, werden dort mit Kamm oder Stab zu einem Muster gezogen und erst dann vom Papier abgenommen. Seit dem 17. Jahrhundert dient es als Vorsatz im Bucheinband, und jeder Bogen ist ein Abzug, von dem keiner dem anderen genau gleicht.

Der Grund, die Farbe, die Galle

Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin beschreibt den Ablauf so: Wasser wird mit Tragant, einem Pflanzengummi, vermischt und in ein Becken gefiltert. Die Pigmente werden zerrieben und mit Ochsengalle angesetzt. Mit einem Pinsel spritzt man sie auf die Oberfläche. Kämme oder Stäbchen formen daraus ein Muster. Dann wird das schwimmende Bild auf einen Bogen übertragen, der Bogen abgetropft und zum Trocknen aufgehängt. Als bevorzugte Farbmittel nennt die Bibliothek nach der Encyclopédie Indigoblau, Rot aus Brasilholz, Krapp- oder Florentiner Lack und Ocker.

Statt Tragant kann der Grund auch aus Carrageen bestehen. Die Bibliothek der University of Adelaide beschreibt dieses Rotalgengewächs von den Atlantikküsten Europas und Nordamerikas als Grundlage des traditionellen Grundes. Man kochte Wasser, ein Konservierungsmittel und Carrageen etwa zehn Minuten lang, ließ die Masse abkühlen, siebte sie ab und ließ sie abgedeckt 24 Stunden kühl ruhen, bis sie gallertartig war. Danach kam sie mindestens einen Zoll hoch in eine Wanne. Ein pulverförmiger Auszug, das Carrageenan, löst sich laut derselben Quelle in warmem Wasser und erspart Kochen und Sieben.

Die Ochsengalle ist die Gallenflüssigkeit aus der Gallenblase von Rindern. Sie sorgt nach der Adelaide-Seite dafür, dass sich die Farbe auf dem Grund ausbreitet, statt abzusinken oder sich mit den anderen Farben zu vermischen. Gemischt wurde fein geriebenes Pigment mit destilliertem Wasser und einigen Tropfen Galle. Stimmte die Mischung, breitete sich ein aufgetropfter Farbtropfen zu einem Kreis von etwa drei Zoll aus. Wie launisch dieser Stoff sein konnte, zeigt eine Anekdote aus dem Victoria and Albert Museum: Der englische Marmorierer Charles Woolnough beklagte, ein Metzger habe ihm verdünnte Galle verkauft.

Kämmen und Abziehen

Bevor das Papier auf die Farbe kommt, wird es nach der Adelaide-Seite mit Alaun vorbehandelt, damit die Farben haften. Den Bogen legt man von der Mitte her auf, um Luftblasen zu vermeiden, hebt ihn ab, spült den Grund ab und trocknet ihn flach oder auf einer Schnur. Wachs oder Firnis konnten eine härtere Oberfläche geben.

Das Muster entsteht nach der Adelaide-Seite mit Stab und Kamm; mit einem Strohhalm bläst man die Farbe an. Die Spitzen von Stab und Kamm tauchen dabei nicht in den Grund ein, sondern bewegen nur die Farbschicht. Für die Kämme empfiehlt die Adelaide-Seite Messingstifte, weil sie nicht rosten. Ein Kamm mit zwei Zoll Abstand zwischen den Stiften ergibt das Muster, das „Pfau“ oder „Bouquet“ heißt. Das Metropolitan Museum unterscheidet gekämmte und ungekämmte Papiere, je nachdem, ob die Farbe vor dem Abziehen zu einem regelmäßigen Muster geordnet wird. Wird am Ende Weiß aufgetropft, ziehen sich die Farben davor eng zusammen. So entsteht die feine Äderung ungekämmter italienischer Papiere.

Muster bekamen Namen. Die Kunstbibliothek zeigt Schnecken-, Wellen- und Kammmarmor aus dem 18. Jahrhundert. Das V&A nennt unter anderem „Spanish wave“ und „Nonpareil“, ein Muster, das im viktorianischen England weit verbreitet war. Daneben gab es eine Variante mit Ölfarben, die laut Adelaide weniger Vorbereitung brauchte, das Muster aber schlechter beherrschen ließ.

Ebru

Die UNESCO hat Ebru, die türkische Kunst des Marmorierens, 2014 in die Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufgenommen. Die Beschreibung nennt Farbpigmente, die auf ein Becken mit öliger Flüssigkeit gestreut und gepinselt und dann auf Papier übertragen werden. Die Farben werden aus natürlichen Pigmenten gewonnen und mit einigen Tropfen Ochsengalle versetzt. Als Motive führt die UNESCO Blumen, Blattwerk, Gitterwerk sowie Moscheen und Monde auf. Die Muster schmücken unter anderem Bucheinbände.

Weitergegeben wird Ebru nach der UNESCO mündlich und in der Praxis, im Verhältnis von Meister und Lehrling. Für die Grundfertigkeiten rechnet die Beschreibung mit mindestens zwei Jahren.

Wie die Technik nach Europa kam

Die Herkunft ist nicht eindeutig. Die Adelaide-Seite referiert Autoren, die das Marmorieren mit dem japanischen Suminagashi verbinden, und hält fest, dass Marmorpapier im Buch nach allgemeiner Auffassung wahrscheinlich aus Persien stammt. Das V&A schreibt, man habe in der Türkei seit Jahrhunderten marmoriert, die Technik stamme wahrscheinlich aus dem benachbarten Persien.

Nach der Kunstbibliothek erreichte das Verfahren Europa im späten 16. Jahrhundert, die Bögen hießen dort „Türkisch Papier“. 1615 erwähnte der englische Reisende George Sandys marmorierte Papiere aus der Türkei. Athanasius Kircher beschrieb das Verfahren 1644, Georg Philipp Harsdörffer 1651. Francis Bacon nannte es nach dem V&A 1627 „chamoletting“. Das V&A vermutet die Anfänge der europäischen Herstellung im frühen 17. Jahrhundert in Deutschland, wo es bereits einen Handel mit verzierten Papieren gab. Die Franzosen, so das Museum, stellten die enge Verbindung zwischen Marmorpapier und Buchbinderei her. In England wurde Marmorpapier laut Adelaide in den 1670er Jahren recht üblich, die eigene Herstellung zog laut V&A aber erst um die 1770er und 1780er Jahre mit dem Kontinent gleich.

Um 1730 legte der Augsburger Fabrikant Georg Christoph Stoy einen Musterkatalog vor, 1770 dokumentierte die französische Encyclopédie die Herstellung in Manufakturen. Nach dem V&A kamen im 19. Jahrhundert Marmoriermaschinen und eigens hergestellte Farben hinzu. Das Museum nennt die Firma von Alois Dessauer in Aschaffenburg, die über 150 Jahre bis ins 20. Jahrhundert bestand.

Im Bucheinband

Der Vorsatz verbindet den Buchblock mit den Deckeln. Für diese Aufgabe nennt die Kunstbibliothek Marmorpapier seit dem 17. Jahrhundert. Nach dem Metropolitan Museum diente es für Vorsätze wie für Bezüge. Viele Buchbinder, so das V&A, marmorierten auch die Schnitte. Das Museum beschreibt zudem, wie das Marmorpapier mit der Mechanisierung zurückging: Mit maschinell hergestellten Leineneinbänden blieb es zu Beginn des 20. Jahrhunderts vor allem den verbliebenen Handbuchbindern vorbehalten.

Ein Blick in alte Bände braucht Vorsicht. Die Adelaide-Seite weist darauf hin, dass viele ältere Bücher neu gebunden oder restauriert wurden und ihre Vorsätze später ergänzt sein können. In frühen englischen Einbänden sieht man nach derselben Quelle mitunter Nahtstellen, weil Buchbinder kleine Bögen zusammensetzen mussten.

Bibliotheken und Museen sammeln die Bögen heute eigens. Das Bayerische Nationalmuseum verzeichnet in der Sammlung Hoerschelmann ein getunktes Buntpapier des 19. Jahrhunderts, „marmorartig, in sepia gefleckt“. Die Staatsbibliothek Bamberg zeigte 2023 Buntpapiere aus der Zeit bis 1800 und hält ihre Sammlung sonst in abgedunkelten Magazinen. Die Universitätsbibliothek Wien stellte im selben Jahr vor, wie sich solche Papiere katalogisieren und digitalisieren lassen.

Was Marmorpapier von anderen Buntpapieren trennt

Buntpapier ist nach der Kunstbibliothek Papier, dessen Oberfläche gefärbt, getränkt, bemalt, bedruckt oder geprägt wurde. Marmorpapier ist davon die Gruppe, deren Muster zuerst auf einer Flüssigkeit liegt.

Beim Kleisterpapier dagegen sitzt die Farbe in einem Kleister aus Stärke und Wasser, den Buchbinder auch zum Kleben verwendeten. Die University of Edinburgh beschreibt, wie man den gefärbten Kleister zwischen zwei Bögen streicht und sie auseinanderzieht oder die Masse mit Fingern, Stäben und kammartigen Werkzeugen zeichnet. Weil Kämme hier wie dort vorkommen, ähneln geäderte Kleisterpapiere dem Marmor. Die Buntpapiersammlung Felix Hübel im Deutschen Museum führt sie als eigene Gruppe.

Brokatpapier ist ein Prägedruck. Edinburgh beschreibt glänzendes Metall, das in einem Muster in das Papier geprägt wird. Die Hübel-Sammlung verzeichnet Brokatpapiere mit goldfarbenem Reliefdruck auf geädertem Kleistergrund. Für den Holzmodeldruck schließlich nutzte man nach Edinburgh Druckstöcke mit Druckfarbe oder gefärbtem Kleister.

Wie Papier selbst entsteht, erzählt unser Beitrag über Washi. Was auf dem Vorsatz eines Buchs oft zusätzlich klebt, behandelt das Exlibris.

Häufige Fragen

Wie wird Marmorpapier hergestellt?

Wasser wird mit Tragant oder Carrageen zu einem Grund eingedickt und in ein Becken gefüllt. Pigmente mit Ochsengalle werden auf die Oberfläche gespritzt und mit Kämmen oder Stäbchen zu einem Muster geformt. Dann legt man einen mit Alaun vorbehandelten Bogen auf, hebt ihn ab, spült ihn und lässt ihn trocknen.

Wozu dient Ochsengalle beim Marmorieren?

Ochsengalle ist die Gallenflüssigkeit aus der Gallenblase von Rindern. Sie sorgt nach der Bibliothek der University of Adelaide dafür, dass sich die Farbe auf dem Grund ausbreitet, statt abzusinken oder sich mit den anderen Farben zu vermischen. Stimmte die Mischung, breitete sich ein Farbtropfen zu einem Kreis von etwa drei Zoll aus.

Woher kommt das Marmorpapier?

Wo das Marmorieren entstand, lassen die Quellen offen; als wahrscheinliche Herkunft des Marmorpapiers im Buch nennen sie Persien, in der Türkei wurde seit Jahrhunderten marmoriert. Nach Europa kam die Technik im späten 16. oder im 17. Jahrhundert, die Bögen hießen dort Türkisch Papier. Die türkische Kunst des Marmorierens, Ebru, steht seit 2014 auf der Repräsentativen Liste des immateriellen Kulturerbes der UNESCO.

Was wir nicht wissen

Die Quellen datieren die Ankunft der Technik in Europa unterschiedlich, auf das späte 16. oder das 17. Jahrhundert. Wo das Marmorieren entstand, lassen sie offen; die frühen japanischen Datierungen haben wir nur aus zweiter Hand. Für das Kleisterpapier stützen wir uns auf englischsprachige Bibliotheken und haben keine deutschsprachige Fachdefinition am Original geprüft. Für die meisten Sammlungsstücke nennen die Kataloge weder Ort noch Hersteller.

Weiterlesen: Indigo: Farbe aus Blättern · Diderots Encyclopédie · Scherenschnitt und Silhouette

Stand: 14.10.2026. Quellen siehe unten.

Quellen

  1. Ebru, Turkish art of marbling (UNESCO, Intangible Cultural Heritage, Representative List, Datei 00644) (öffnet in neuem Tab)ich.unesco.org · abgerufen am
  2. Divers oiled colours: Exploring the history of marbled paper in the National Art Library (Samuel Revell, Victoria and Albert Museum, 2016) (öffnet in neuem Tab)vam.ac.uk · abgerufen am
  3. Marbled endpapers (Lee Hayes, Barr Smith Library, University of Adelaide, 2018) (öffnet in neuem Tab)adelaide.edu.au · abgerufen am
  4. Abstraction before Abstraction – Turkish Paper (Michael Lailach, Kunstbibliothek, Staatliche Museen zu Berlin, auf Google Arts & Culture) (öffnet in neuem Tab)artsandculture.google.com · abgerufen am
  5. Decorated Paper Techniques: A Selection From Watson Library's Special Collections (The Metropolitan Museum of Art, 2014) (öffnet in neuem Tab)metmuseum.org · abgerufen am
  6. The Art of Decorated Papers: Some types of paper (University of Edinburgh, Ausstellung) (öffnet in neuem Tab)exhibitions.ed.ac.uk · abgerufen am
  7. Buntpapier, 19. Jh., Inv. 47/21.2224, Sammlung Hoerschelmann (Bayerisches Nationalmuseum) (öffnet in neuem Tab)bayerisches-nationalmuseum.de · abgerufen am
  8. Brokatpapier auf mehrfarbig geädertem Kleistergrund, PhS 02/00014, Buntpapiersammlung Felix Hübel (Deutsches Museum Digital) (öffnet in neuem Tab)digital-dev.deutsches-museum.de · abgerufen am
  9. Trefferliste Kleisterpapier, einfarbig (braun) geädert, PhS 02/02648, Buntpapiersammlung Felix Hübel (Deutsches Museum Digital) (öffnet in neuem Tab)digital-dev.deutsches-museum.de · abgerufen am
  10. Kleisterpapier, ca. 1890–1910, PhS 02/02429 (Deutsches Museum Digital) (öffnet in neuem Tab)digital.deutsches-museum.de · abgerufen am
  11. Ausstellung zeigt glanzvolle Buntpapiere (epd, Sonntagsblatt, 12.10.2023, zur Staatsbibliothek Bamberg) (öffnet in neuem Tab)sonntagsblatt.de · abgerufen am
  12. Die faszinierende Welt der historischen Buntpapiere (Vortrag Christina Köstner-Pemsel, Universitätsbibliothek Wien, Bibliothekskongress Innsbruck 2023) (öffnet in neuem Tab)uibk.ac.at · abgerufen am

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