Washi: Papier aus Bast
Washi ist japanisches Handpapier aus dem Bast von Kōzo, Mitsumata und Gampi, geschöpft im bewegten Sieb. Es dient in Schiebewänden und in der Restaurierung.
Das Wort Washi bedeutet schlicht japanisches Papier; in diesem Beitrag geht es um das Handpapier, geschöpft aus der inneren Rinde, dem Bast, der Pflanzen Kōzo, Mitsumata und Gampi. Das Handwerk steht seit 2014 auf der Repräsentativen Liste des immateriellen Kulturerbes der UNESCO. Eine klare moderne Definition gibt es nach einem Merkblatt der IFLA nicht, Washi kann von Hand oder maschinell entstehen. Die Fasern sind lang, die Bögen können sehr dünn sein und bleiben dennoch fest. Daraus folgen zwei Verwendungen, die auf den ersten Blick wenig gemeinsam haben: die Schiebewand im japanischen Haus und die Reparatur alter Dokumente in europäischen und amerikanischen Sammlungen.
Woher das Handwerk kommt
Nach dem Wörterbuch JAANUS, das heute vom Media Center for Art History der Columbia University betreut wird, gelangte die Papierherstellung im Jahr 610 aus China nach Japan. Die Angabe stammt aus dem Nihon shoki, einer Chronik, die 720 abgeschlossen wurde. Als datierbares Beispiel nennt JAANUS Papier für einen Zensus von 702, das im Shōsōin in Nara aufbewahrt wird. Der Pflanzenschleim Neri und das bewegte Schöpfen, Nagashi-zuki, entwickelten sich demnach vom späten 8. bis ins 9. Jahrhundert.
Früh diente das Papier Steuerlisten und Abschriften buddhistischer Sutren, später alltäglichen Dingen wie Schiebetüren (Fusuma), Fächern und Schirmen. In der Meiji-Zeit erreichte die Herstellung laut JAANUS 1901 ihren Höhepunkt, mit etwa 200.000 Beteiligten. 1984 waren es weniger als 500 Haushalte.
Drei Pflanzen
Washi ist ein Bastpapier. Die Faser stammt nicht aus dem Holz, sondern aus der inneren Rinde. Das Arboretum der Penn State University beschreibt den Beginn so: Man erntet die Rinde und löst die innere Schicht ab, in der die festen Bastfasern liegen. Drei Pflanzen liefern sie.
Kōzo, die Papiermaulbeere, ist einer der gebräuchlichen Rohstoffe. Das Merkblatt von PAC Japan, veröffentlicht im Programm für Bestandserhaltung des Bibliotheksverbands IFLA, nennt eine Faserlänge von etwa einem Zentimeter und leitet daraus Festigkeit und Biegsamkeit ab. JAANUS schreibt, Kōzo binde gut und ergebe ein sehr zähes Papier. Das Surrey History Centre, ein Archiv in England, beschreibt Kōzo als Pflanze, die nach dem jährlichen Schnitt rund 40 Jahre lang nachwächst. Penn State führt die Pflanze als Broussonetia × kazinoki.
Mitsumata, bei JAANUS Edgeworthia papyrifera, gehört wie Gampi zu den Seidelbastgewächsen, so die IFLA. JAANUS beschreibt das Papier als sehr glatt und geschmeidig. Nach dem Surrey History Centre sind die Fasern kürzer und schwächer als bei Kōzo, das Papier wird weicher und weniger durchscheinend. Die Pflanze braucht drei bis fünf Jahre, bis sie nachgewachsen ist.
Gampi führt JAANUS als Diplomorpha sikokiana, Penn State als Wikstroemia sikokiana. Das Papier ist halb durchscheinend und glänzend. Das Surrey History Centre ordnet Gampi die kürzeren und schwächeren Fasern im Vergleich der drei zu, dazu eine warme Farbe und eine glatte Oberfläche. Leichte Qualitäten sind durchscheinend, hochwertige Faser ist selten.
Ein vierter Rohstoff erscheint bei JAANUS nur als Name: Asa, Hanf. Welche Rolle Asa im Shintō spielt, beschreibt Hanf im Shintō: asa in Japan. Mehr über diese Faser steht in unserem Text Hanffaser als Material.
Kochen und Klopfen
Wie die Rinde zur Faser wird, beschreiben die Quellen in ähnlichen Schritten. Für Etchu-Washi aus der Präfektur Toyama nennt der Verband für traditionelle Handwerksindustrien die Ernte der Kōzo-Rinde um November. Die Rinde wird getrocknet und von der äußeren Schicht befreit, dann durch Einweichen oder unter Schnee weich gemacht, gekocht, gebleicht und geschlagen. JAANUS nennt für das Entfernen der dunklen Außenrinde langes Einweichen oder Dämpfen. Früher, so das Surrey History Centre, lagen die Zweige zwei bis drei Tage in Flüssen.
Gekocht wird in einer Lauge, die Angaben dazu unterscheiden sich. Traditionell, so die IFLA, ist es eine milde Lauge aus Holzasche oder Soda; Natronlauge wurde traditionell nicht verwendet. Das Surrey History Centre spricht von Natron. Für Etchu-Washi nennt der Handwerksverband dagegen Natronlauge oder Soda. Danach werden dunkle Teilchen von Hand in kaltem Wasser ausgelesen. Geklopft wird traditionell von Hand, nach dem Surrey History Centre mit einem Holzhammer auf einer Steinplatte.
Schöpfen mit Nagashi-zuki
Vor dem Schöpfen kommt ein Zusatz ins Wasser: Neri. Der Schleim wird aus den Wurzeln der Tororo-aoi gewonnen. Penn State nennt als Pflanze Abelmoschus manihot, ordnet sie der Familie zu, zu der auch der Hibiskus gehört, und nennt die Okra eine Verwandte. Für Etchu-Washi heißt es, die Wurzeln würden zerdrückt, es entstehe ein durchsichtiger Schleim. Die IFLA beschreibt Neri als Dispersionsmittel, er verteilt die Fasern im Wasser. Der Handwerksverband nennt eine zweite Aufgabe: Frisch geformte Bögen kleben nicht aneinander.
Das Schöpfen selbst heißt Nagashi-zuki. Die Pulpe wird mit Sieb und Rahmen aufgenommen und geschüttelt. Nach JAANUS wird dabei wiederholt eine dünne Schicht geschöpft und bewegt, bis der Bogen die gewünschte Stärke hat. Die IFLA spricht von einer flexiblen Form, die UNESCO von einem Sieb aus Bambus, das Surrey History Centre nennt den Rahmen Suketa. Die nassen Bögen werden gestapelt, gepresst und auf Brettern getrocknet, nach dem Surrey History Centre in der Sonne.
Der UNESCO-Eintrag
Im Jahr 2014 nahm der Zwischenstaatliche Ausschuss für das immaterielle Kulturerbe auf seiner neunten Sitzung in Paris „Washi, craftsmanship of traditional Japanese hand-made paper“ in die Repräsentative Liste auf, Entscheidung 9.COM 10.22. Die Entscheidung nennt drei Gemeinschaften: Misumi-chō in der Stadt Hamada in der Präfektur Shimane, die Stadt Mino in Gifu sowie Ogawa und Higashi-chichibu in Saitama. Als zugehörige Papiere führt sie Sekishū-banshi, Hon-minoshi und Hosokawa-shi auf, alle in Japan als wichtige immaterielle Kulturgüter ausgewiesen. Der Eintrag ersetzte den von 2009 für Sekishū-banshi allein.
Was diese Ausweisung bedeutet, erklärt das japanische Amt für kulturelle Angelegenheiten. Der Staat bestimmt besonders bedeutende immaterielle Kulturgüter zu wichtigen und erkennt die Menschen an, die die Technik beherrschen: einzeln, gemeinsam oder als Gruppe.
Der Eintrag wurde erweitert. Auf der 20. Sitzung in New Delhi beschloss der Ausschuss im Dezember 2025 einen neuen Eintrag unter gleichem Namen, Entscheidung 20.COM 7.B.51. Er schließt den von 2014 ein und ersetzt ihn. Nach Angabe der Ständigen Vertretung Japans bei der UNESCO kam dabei Echizen-Torinoko-Papier aus der Stadt Echizen in der Präfektur Fukui hinzu.
Die UNESCO beschreibt das Handwerk knapp: Fasern der Papiermaulbeere werden getrennt, in klarem Flusswasser eingeweicht und durch ein Bambussieb geschöpft. Die meisten Bewohner der Gemeinschaften seien beteiligt, vom Anbau der Papiermaulbeere bis zu neuen Produkten. Weitergegeben werde das Wissen in Familien, in Vereinen zur Bewahrung und durch die Gemeinden.
Papier in der Wand
Als Verwendung nennt die UNESCO neben Briefen, Büchern und Dokumenten auch die Einrichtung: Papierschirme, Raumteiler und Schiebetüren. Wie das im Haus aussieht, zeigte das Museum of Modern Art in New York mit der Ausstellung Japanese House and Gardens. Die Pressemitteilung vom April 1955 zur Wiedereröffnung für den zweiten Sommer beschreibt Shōji als Schiebewände aus weißem, durchscheinendem Papier. Zusammen mit hölzernen Wetterläden bilden sie den überwiegenden Teil der Außenwände. Im Inneren trennen Fusuma, Wandschirme aus Papier, alle Räume. Die Paneele sitzen im Tragwerk und lassen sich ganz herausnehmen.
Papier in der Werkstatt
Dieselben Eigenschaften machen Washi für die Restaurierung brauchbar. Die IFLA nennt vier Gründe: Traditionell hergestelltes Washi enthält wenige Verunreinigungen, ist neutral oder alkalisch und altert langsam. Die langen Fasern machen es fest und biegsam. Sehr dünne Bögen sind fast durchsichtig, Text bleibt unter einer Reparatur lesbar. Und mit Stärkekleister lässt sich eine Reparatur durch Feuchtigkeit wieder lösen. Verwendet wird Washi zum Schließen von Rissen, Ergänzen von Fehlstellen, Anfasern, Kaschieren und als Falz.
In der Praxis sieht das unterschiedlich aus. Der Royal Collection Trust beschreibt die Restaurierung zweier sechsteiliger Stellschirme. Rückseitige Risse wurden mit Stärkekleister und Kōzo-Papier geschlossen, die Gitterrahmen auf beiden Seiten mit sechs Lagen Japanpapier belegt, um die Malerei vor dem Holz und vor Bewegungen bei wechselndem Klima zu schützen. Bei früheren Reparaturen in viktorianischer Zeit wurden Risse mit Teilen eines Eisenbahnfahrplans gesichert, vermutlich weil Japanpapier damals nicht ohne Weiteres zu bekommen war.
Die Smithsonian Libraries berichteten 2013 von einem Kurs, in dem Fehlstellen in Pergament mit Mitsumata-Papier ergänzt wurden. Trockenbretter waren mit Kōzo-Papier bespannt, als Ersatz für die hölzernen Karibari-Rahmen der japanischen Papierrestaurierung. Das Surrey History Centre beschreibt Kōzo als festes Papier auch in dünnen Bögen und Mitsumata als Papier vor allem zum Füllen von Fehlstellen.
Ein Bogen aus Bast, gekocht, geklopft und im Sieb bewegt, trägt so zwei Aufgaben: Er lässt Licht in einen Raum, und er hält zusammen, was sonst zerfiele.
Häufige Fragen
Was ist Washi?
Washi bedeutet japanisches Papier und kann von Hand oder maschinell entstehen; eine klare moderne Definition gibt es nach der IFLA nicht. Das traditionelle Handpapier wird aus dem Bast, der inneren Rinde, von Kōzo, der Papiermaulbeere, sowie von Mitsumata und Gampi geschöpft. Die langen Fasern machen auch sehr dünne Bögen fest.
Wie wird Washi hergestellt?
Die innere Rinde wird abgelöst, eingeweicht, in einer Lauge gekocht, von dunklen Teilchen befreit und von Hand geklopft. Ins Schöpfwasser kommt Neri, ein Pflanzenschleim aus den Wurzeln der Tororo-aoi, der die Fasern verteilt. Beim Nagashi-zuki wird wiederholt eine dünne Schicht mit Sieb und Rahmen geschöpft und bewegt, bis der Bogen die gewünschte Stärke hat. Danach werden die Bögen gestapelt, gepresst und auf Brettern getrocknet.
Warum wird Washi in der Restaurierung verwendet?
Traditionell hergestelltes Washi enthält nach der IFLA wenige Verunreinigungen, ist neutral oder alkalisch und altert langsam. Die langen Fasern machen es fest und biegsam, sehr dünne Bögen sind fast durchsichtig, sodass Text unter einer Reparatur lesbar bleibt. Mit Stärkekleister aufgebracht, lässt sich eine Reparatur durch Feuchtigkeit wieder lösen.
Was wir nicht wissen
Die Quellen führen Gampi unter zwei Gattungsnamen; ob es Synonyme sind, haben wir nicht an einer botanischen Datenbank geprüft. Zur Kochlauge nennen sie Holzasche, Soda, Natron oder, für Etchu-Washi, Natronlauge; welche Lauge heute in welchen Werkstätten üblich ist, lässt sich daraus nicht ablesen. Welche Gemeinschaften außer Echizen 2025 hinzukamen, sagt die UNESCO-Entscheidung nicht ausdrücklich. Zahlen zur heutigen Zahl der Werkstätten fanden wir in keiner geöffneten Quelle.
Weiterlesen: Leinen: Flachs als Faser · Hanfpapier: eine Papiergeschichte
Stand: 13.10.2026. Alle Angaben stammen aus den am Ende genannten Quellen.
Quellen
- UNESCO, Intangible Cultural Heritage: Washi, craftsmanship of traditional Japanese hand-made paper (Nr. 02291, Representative List) (öffnet in neuem Tab)
- UNESCO, Decision of the Intergovernmental Committee: 9.COM 10.22 (Paris, 2014) (öffnet in neuem Tab)
- UNESCO, Decision of the Intergovernmental Committee: 20.COM 7.B.51 (New Delhi, 2025) (öffnet in neuem Tab)
- Ständige Vertretung Japans bei der UNESCO: 11 December 2025, Decision to extend the inscription on the Representative List of Intangible Cultural Heritage (öffnet in neuem Tab)
- Agency for Cultural Affairs (Bunkachō): Intangible Cultural Properties (öffnet in neuem Tab)
- JAANUS, Dictionary of Japanese Architectural and Art Historical Terminology (Media Center for Art History, Columbia University): washi (öffnet in neuem Tab)
- The Arboretum at Penn State: Explore the Timeless Connection Between Washi and Botany (Mary Angle, 13.06.2025) (öffnet in neuem Tab)
- Traditional Craft Industries Promotion Association: Etchu Washi (Papers) (öffnet in neuem Tab)
- IFLA Preservation and Conservation Programme, PAC Japan: FAQ, Washi (Japanese paper) (öffnet in neuem Tab)
- Surrey History Centre (Surrey County Council): Japanese paper in Conservation (öffnet in neuem Tab)
- Royal Collection Trust: Folding Screen Paintings, Conserving the screens (öffnet in neuem Tab)
- Smithsonian Libraries, Unbound: Asian Paper Workshop (Katie Wagner, 29.11.2013) (öffnet in neuem Tab)
- The Museum of Modern Art: Pressemitteilung zur Wiedereröffnung von Japanese House and Gardens, April 1955 (öffnet in neuem Tab)