Die Camera obscura: ein Raum, der Bilder macht
Eine Camera obscura wirft durch ein kleines Loch ein kopfstehendes Bild in einen dunklen Raum. Sie half Zeichnern und führte zur fotografischen Kamera.
Eine Camera obscura, lateinisch für dunkler Raum, ist ein abgedunkelter Raum mit einer kleinen Öffnung zur hellen Seite: An der gegenüberliegenden Wand erscheint ein Bild der Welt draußen, farbig, bewegt und auf dem Kopf. Bekannt war der Effekt offenbar schon im alten China, außerhalb Chinas beschrieb ihn um 1030 Ibn al-Haytham. Aus diesem Effekt sind über Jahrhunderte Zeichengeräte, Schauräume und schließlich die fotografische Kamera hervorgegangen.
Das Prinzip
Der Name kommt aus dem Lateinischen. Camera heißt Kammer, obscura verdunkelt, zusammen also dunkler Raum. Das National Science and Media Museum in Bradford beschreibt die Grundform so: Macht man ein kleines Loch in den Fensterladen eines abgedunkelten Zimmers, entsteht an der gegenüberliegenden Wand ein umgekehrtes Bild der Szene vor dem Fenster.
Warum umgekehrt, folgt aus der Geometrie gerader Lichtwege. Ein Strahl, der von oben durch das Loch fällt, trifft die Wand unten, ein Strahl von links trifft sie rechts. Die Royal Museums Greenwich formulieren es für ihre eigene Anlage knapp: Das Bild erscheint auf der gegenüberliegenden Fläche seitenverkehrt und kopfstehend.
An diesem Punkt setzt die Linse an. Nach Angabe des Museums in Bradford verwendete man spätestens um die Mitte des 16. Jahrhunderts Linsen, um das Bild heller und schärfer zu machen. Das History of Science Museum der Universität Oxford datiert Linsen von ausreichender Qualität für hellere Geräte auf das frühe 17. Jahrhundert. Die beiden Angaben schließen sich nicht aus: Die eine beschreibt den Einsatz, die andere die Güte der Gläser.
Frühe Beschreibungen
Die Fähigkeit eines kleinen Lochs, ein Bild zu erzeugen, war nach Angabe des Museums in Bradford offenbar im alten China bereits im 4. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung bekannt. Außerhalb Chinas beschrieb den Effekt um 1030 ein Gelehrter, den das Museum unter seinem latinisierten Namen Alhazen führt.
Gemeint ist Abū ʿAlī al-Ḥasan ibn al-Ḥasan ibn al-Haytham. So nennt ihn der Katalog der British Library, dessen Handschriften die Qatar Digital Library zugänglich macht, und gibt als Todesjahr um 1040 an. Dort liegt eine Abschrift seiner Abhandlung über die Gestalt der Sonnenfinsternis, Maqālah fī ṣūrat al-kusūf. Der Katalog beschreibt sie als Text über die Beobachtung von Sonnenfinsternissen mit einer Camera obscura, also mit einem Bild, das Licht durch eine kleine Öffnung wirft. Die Abschrift selbst stammt aus dem 16. Jahrhundert und enthält vier Diagramme. Eine Darstellung des Bildungsprojekts OER Project, verfasst vom Historiker Bennett Sherry, verbindet Ibn al-Haythams Versuche mit der Camera obscura mit seinem Schluss, dass Licht sich geradlinig ausbreitet.
Der Zusammenhang mit der Sonne ist kein Zufall. Auch die Royal Museums Greenwich schreiben, die Camera obscura sei ursprünglich verwendet worden, um Finsternisse zu beobachten, ohne direkt in die Sonne zu sehen. Ein anderes Instrument, das mit Licht und Schatten der Sonne arbeitet, beschreibt Sonnenuhren: Zeit aus Schatten. Für das 15. Jahrhundert nennt das Museum in Bradford die Handschriften Leonardo da Vincis, die eine klare Beschreibung der Bildentstehung durch ein kleines Loch enthalten.
Ein Werkzeug für Zeichner
Lange war die Camera obscura ein Zimmer in einem Haus. Im 17. Jahrhundert kamen nach Angabe des Museums in Bradford kleinere, tragbare Formen hinzu: Zelte, Sänften, sogar Taschenmodelle. Zeichner nutzten sie als Hilfe beim Skizzieren. Beliebt war vor allem die Reflex-Kastenkamera. Ein Spiegel in schrägem Winkel lenkt dort das Bild der Linse auf ein durchscheinendes Papier, wo es aufrecht erscheint.
Wie das in der Praxis aussah, zeigt ein Gerät im History of Science Museum in Oxford, Inventarnummer 92218. Es ist rund 200 Jahre alt und lässt sich in einen hölzernen Tragekasten zusammenlegen. Eine große Linse sammelt das Licht, ein Spiegel im Winkel von 45 Grad wirft das Bild nach unten auf Papier oder Leinwand. Der Zeichnende sitzt unter einem schwarzen Tuch und zieht die Umrisse nach. Das Museum weist auf eine Eigenheit hin: Der Spiegel stellt das Bild aufrecht, die Linse vertauscht aber links und rechts, gezeichnet wurde also seitenverkehrt. Besonders nützlich war das Gerät laut Museum, um die Perspektive von Landschaften und Gebäuden zu treffen. Im 18. und 19. Jahrhundert nahmen wohlhabende Reisende auf der Grand Tour solche Kameras mit, um italienische Landschaften und antike Ruinen zu zeichnen.
Die Frage nach den Malern
Ob und wie Maler die Camera obscura nutzten, lässt sich nicht für alle gleich beantworten. Das Oxforder Museum unterscheidet deutlich. Für Canaletto gebe es nach Angabe des Museums reichlich Belege, dass er eine verwendete. Für Johannes Vermeer gebe es keinen dokumentarischen Nachweis; nach überwiegender Ansicht in der Kunstgeschichte habe er aber wahrscheinlich eine benutzt.
Mehr lässt sich aus den hier gelesenen Quellen nicht sagen; für Vermeer gibt es keinen dokumentarischen Nachweis. Wie Maler dieser Zeit Gegenstände ins Bild setzten, zeigt unabhängig von dieser Frage die Gattung des Stilllebens; mehr dazu in Das Stillleben: Dinge im Bild.
Vom Bild, das bleibt
Eine Camera obscura bündelt und lenkt Licht, sie hält es aber nicht fest. So fasst es das Oxforder Museum. Erst im 19. Jahrhundert verband man das Gerät mit einem lichtempfindlichen Material, um das Bild zu bewahren. Das Museum in Bradford nennt als die Erfinder, die dafür die tragbare Kastenform nutzten, Wedgwood, Niépce, Daguerre und Talbot.
Joseph Nicéphore Niépce lebte von 1765 bis 1833. Das Harry Ransom Center der University of Texas in Austin bewahrt seine Platte mit dem Titel View from the Window at Le Gras und datiert sie auf 1827. Niépce löste lichtempfindliches Bitumen in Lavendelöl, beschichtete damit eine polierte Zinnplatte und setzte sie in eine Camera obscura. Nach Angabe des Centers belichtete er sie über mehrere Tage im Sonnenlicht. Zu sehen sind Hof, Nebengebäude und Bäume vor dem Fenster seines Arbeitsraums im Obergeschoss. Die Platte misst 16,7 mal 20,3 Zentimeter. Das Center erwarb sie 1963 mit der Sammlung Gernsheim, nachdem sie durch private Hände in Großbritannien gegangen war. Das Oxforder Museum datiert die Aufnahme auf 1826 oder 1827.
Louis-Jacques-Mandé Daguerre (1787 bis 1851) war Maler und Grafiker und bis 1839 vor allem als Betreiber des Dioramas in Paris bekannt. So beschreibt ihn Malcolm Daniel vom Metropolitan Museum of Art. Seit der Mitte der 1820er Jahre suchte Daguerre einen Weg, die Bilder seiner Camera obscura festzuhalten, eines Holzkastens mit Linse, der das Bild auf eine Mattscheibe warf. 1829 schloss er eine Partnerschaft mit Niépce, der 1833 starb, bevor die beiden ein verlässliches Verfahren hatten.
Das Daguerreotypie genannte Ergebnis war jeweils ein Einzelstück auf einer polierten, versilberten Kupferplatte. Sie wurde mit Joddampf lichtempfindlich gemacht, in einer großen Kastenkamera belichtet, mit Quecksilberdampf entwickelt und mit Salzwasser oder Natriumthiosulfat fixiert. Am 7. Januar 1839 sahen Mitglieder der Académie des Sciences Daguerreotypien. Am 19. August 1839 wurde das Verfahren in einer gemeinsamen Sitzung der Académie des Sciences und der Académie des Beaux-Arts Schritt für Schritt erläutert. Daguerre erhielt laut dem Museum eine lebenslange Rente im Tausch gegen die Rechte an seinem Verfahren.
Räume, in die man hineingeht
Neben dem Kasten gab es den begehbaren Raum. Für den Beginn des 19. Jahrhunderts unterscheidet das Museum in Bradford drei Formen: den abgedunkelten Raum mit Linse und Spiegel im Dach, der das Bild auf einen Tisch wirft, verbreitet in Seebädern und Vergnügungsparks; das tragbare Zelt mit Linse und Spiegel an der Spitze; und die Kastenform mit durchscheinendem Papier. Ihre große Zeit hatten begehbare Anlagen demnach im 19. Jahrhundert, erhalten sind nur wenige.
Eine davon steht in einem kleinen Gartenhaus im Meridian Courtyard des Royal Observatory in Greenwich. Dort wurden nach Angabe der Royal Museums Greenwich vom späten 17. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts mehrere Camerae obscurae gebaut, die heutige wurde 1994 eingerichtet. Sie wirft ein bewegtes Bild von Greenwich und der Themse in den Raum, mit dem National Maritime Museum und dem Royal Naval College. Wind, Wetter und Sicht entscheiden, ob sie an einem Tag arbeitet; an trüben Tagen bleibt das Bild schwach.
Das Museum in Bradford führte 2011 weitere begehbare Anlagen in Großbritannien auf, mit dem Hinweis, dass nicht alle in Betrieb oder zugänglich seien. Darunter sind die Camera obscura am Castlehill in Edinburgh, die Anlage auf dem Constitution Hill in Aberystwyth, das Observatorium des Dumfries Museum, das Clifton Observatory in Bristol und der Wasserturm an der Stadtmauer von Chester. Eine Anlage hat eine eigene Geschichte: Das Department of the Environment förderte 1990 eine Camera obscura für das Gateshead Garden Festival. Später kaufte sie der Borough Council von Hove und stellte sie im Foredown Tower Countryside Centre in Portslade auf.
Was diese Räume zeigen, ist im Kern dasselbe wie bei Alhazens Sonnenfinsternis oder Niépces Hof: Licht, das durch eine Öffnung fällt und auf der anderen Seite ein Bild ergibt. Nur das Festhalten ist hinzugekommen.
Häufige Fragen
Wie funktioniert eine Camera obscura?
Fällt Licht durch ein kleines Loch in einen abgedunkelten Raum, entsteht an der gegenüberliegenden Wand ein Bild der Szene draußen. Weil sich Licht geradlinig ausbreitet, trifft ein Strahl von oben die Wand unten und ein Strahl von links die Wand rechts; das Bild steht deshalb auf dem Kopf und ist seitenverkehrt. Spätestens um die Mitte des 16. Jahrhunderts setzte man Linsen ein, um das Bild heller und schärfer zu machen.
Seit wann ist die Camera obscura bekannt?
Dass ein kleines Loch ein Bild erzeugt, war nach dem National Science and Media Museum in Bradford offenbar im alten China bereits im 4. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung bekannt. Außerhalb Chinas beschrieb den Effekt um 1030 Ibn al-Haytham, latinisiert Alhazen; von ihm ist auch eine Abhandlung über die Beobachtung von Sonnenfinsternissen mit einer Camera obscura überliefert. Im 15. Jahrhundert folgte eine klare Beschreibung in den Handschriften Leonardo da Vincis.
Was hat die Camera obscura mit der Fotografie zu tun?
Eine Camera obscura bündelt Licht, hält das Bild aber nicht fest. Erst im 19. Jahrhundert verband man das Gerät mit einem lichtempfindlichen Material. Joseph Nicéphore Niépce belichtete um 1827 eine mit Bitumen beschichtete Zinnplatte in einer Camera obscura. Das Verfahren von Louis-Jacques-Mandé Daguerre, die Daguerreotypie, wurde am 19. August 1839 vor der Académie des Sciences und der Académie des Beaux-Arts Schritt für Schritt erläutert.
Was wir nicht wissen
Ob alle 2011 genannten britischen Anlagen heute noch bestehen und zugänglich sind, haben wir nicht geprüft. Für Ibn al-Haytham lag uns keine Museumsquelle mit vollständigen Lebensdaten vor; wir nennen nur das Todesjahr aus dem Bibliothekskatalog. Die Datierung von Niépces Platte geben die Museen unterschiedlich an, 1827 und 1826 oder 1827. Wie Vermeer arbeitete, ist nicht durch Dokumente belegt; die Nutzung einer Camera obscura bleibt eine Annahme der Forschung.
Stand: 13. Oktober 2026. Alle Angaben beruhen auf den unten genannten Quellen, die wir an diesem Tag abgerufen haben.
Quellen
- Introduction to the Camera Obscura (National Science and Media Museum, Blog, 28.01.2011) (öffnet in neuem Tab)
- Camera Obscura (History of Science Museum, University of Oxford, Animate It) (öffnet in neuem Tab)
- Maqālah fī ṣūrat al-kusūf, Ibn al-Haytham (Alhazen), British Library IO Islamic 1270 (Qatar Digital Library) (öffnet in neuem Tab)
- The Universe Through a Pinhole (Bennett Sherry, OER Project, Bildungsprojekt; ergänzend) (öffnet in neuem Tab)
- The Niépce Heliograph (Harry Ransom Center, University of Texas at Austin) (öffnet in neuem Tab)
- Daguerre (1787–1851) and the Invention of Photography (Malcolm Daniel, The Metropolitan Museum of Art, 2004) (öffnet in neuem Tab)
- Camera obscura (Royal Museums Greenwich, Royal Observatory) (öffnet in neuem Tab)