Zinn: Gießen und Gebrauch

Zinn schmilzt bei rund 232 °C und ließ sich mit wenig Hitze gießen. Marken auf der Unterseite zeigen Stadt und Meister, und eine stabile Patina darf bleiben.

Text: Redaktion · 7 Minuten · Stand

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Faktencheck läuft. Einzelne Angaben in diesem Beitrag prüfen wir gerade noch einmal an den Quellen.

Zinn ist ein weiches Metall, das bei etwa 232 °C schmilzt und sich deshalb mit wenig Hitze in Formen gießen lässt. Daraus entstand über Jahrhunderte ein eigenes Handwerk, mit Zünften, Marken und einem Haushalt voller Teller, Schüsseln und Kannen. Geblieben sind Stücke mit grauer Patina und kleinen Stempeln auf der Unterseite.

Ein Metall mit niedrigem Schmelzpunkt

Zinn schmilzt bei etwa 232 °C. Das Österreichische Museum für Volkskunde nennt den „sehr niedere[n] Schmelzpunkt von 232° C“ als besonderes Merkmal des Metalls und zieht daraus eine praktische Folge: Zinnmodel ließen sich nicht zum Backen verwenden. Die englische Wikipedia gibt den Schmelzpunkt genauer mit 231,93 °C an. Sie beschreibt Zinn als weich, dehnbar und stark kristallin. Biegt man einen Stab, knistert es hörbar. Im Englischen heißt das „tin cry“, es entsteht durch Zwillingsbildung in den Kristallen.

Rein kommt Zinn nach dem Wiener Faltblatt in der Natur nie vor. Bevor es zu Blechen oder Stangen gegossen werden kann, ist eine aufwendige Aufbereitung nötig. Wirtschaftlich wichtiges Erz ist laut Wikipedia allein der Kassiterit, ein Zinnoxid. Die Priesterhäuser Zwickau schreiben, Zinn werde seit Jahrtausenden gewonnen und verarbeitet, lange vor allem als Bestandteil der Bronze. Seit dem 15. Jahrhundert werde es auch direkt verarbeitet.

Legierungen

Reines Zinn ist weich. Das Lexikon von wissen.de beschreibt, dass dem erhitzten Zinn Härtemittel zugesetzt wurden, zunächst Blei, später auch Kupfer und Antimon. Ein Konservierungshandbuch zu Blei und Zinn datiert den Wechsel vom Blei zu Antimon und etwas Kupfer ins 18. Jahrhundert. Pewter, die englische Bezeichnung für Zinnlegierungen dieser Art, besteht nach der Wikipedia zu 85 bis 90 Prozent aus Zinn, der Rest ist meist Kupfer, Antimon und Bismut.

Der Bleianteil wurde mit der Zeit auch eine Frage der Ordnung. Das Wiener Faltblatt nennt eine Verordnung von 1770 unter Maria Theresia, die die Kennzeichnung regelte. Feinzinn durfte danach höchstens 10 Prozent Blei enthalten. Das Feinzinn aus Schlaggenwald im Erzgebirge musste laut derselben Quelle ohne Bleizusatz hergestellt werden. Die Universität Marburg beschreibt für das sogenannte Edelzinn eine Legierung aus teurem Feinzinn, die eine hellere Farbe und einen besonderen Klang ergeben sollte.

Zinnpest

Zinn hat zwei Erscheinungsformen. Unterhalb von 13,2 °C kann weißes, metallisches Zinn in graues Zinn übergehen. Das Center for Advanced Life Cycle Engineering der University of Maryland beschreibt die Folgen: Das Volumen nimmt um etwa 27 Prozent zu, das graue Zinn ist mechanisch schwach und zerfällt zu Pulver. Meist beginnt der Vorgang an einer Kante, einer Ecke oder der Oberfläche. Der Anfang ist langsam und schwer vorherzusagen, in kalter Lagerung kann er Monate bis Jahre dauern. Danach geht es vergleichsweise schnell. Legierungszusätze wie Blei, Antimon und Bismut bremsen die Umwandlung nach derselben Quelle.

Das Handwerk und seine Formen

Zinn wurde in Formen gegossen. Nach wissen.de bestanden Modelle und Gussformen anfangs aus Sandstein, Lehm oder Gips, ab dem 16. Jahrhundert aus festeren Metallen wie Blei, Messing oder Eisen. Mehrteilige Stücke wurden nach dem Abkühlen verlötet. Verziert wurde durch Ätzen, Gravieren, Patinieren oder Einlegearbeiten, Reliefs entstanden schon in der Form. Wie eine Metallgussform dieser Zeit aussieht, zeigt ein Stück im Stadtmuseum Mengen: eine zweiteilige Messinggussform des 18. Jahrhunderts, 9,5 Zentimeter hoch, dort als Form für einen Beschlag geführt. Ob darin Zinn gegossen wurde, verzeichnet der Datensatz nicht.

Organisiert waren die Zinngießer in Zünften. Die Universität Marburg nennt als Meisterstück eine Kanne oder ein Gießfass. Erhalten sind gravierte Zunftschilder mit Inschriften und Symbolen. Wissen.de setzt die Werkstätten in Europa seit dem 14. Jahrhundert an und die Blütezeit im 17. und 18. Jahrhundert. Als Orte nennt das Lexikon unter anderem Nürnberg, Augsburg, Ulm, Köln, Lübeck, Hamburg, Bremen und Wien.

Zinn im Haushalt

Im wohlhabenden Bürgertum setzte sich Zinngeschirr nach dem Wiener Faltblatt ab dem frühen 16. Jahrhundert durch. Gefertigt wurden Terrinen, Teller, Schüsseln und Kannen, besonders Kaffeekannen, dazu Zuckerdosen, Salzfässer und Löffel, oft nach silbernen Vorbildern. Zinn galt dort als „Silber des einfachen Mannes“. Die Priesterhäuser Zwickau nennen Wertbeständigkeit, Geschmacksneutralität und den silberähnlichen Glanz als Gründe, warum Zinn für Geschirr und Leuchter geschätzt wurde. In ihrer Ausstellung zeigten sie einen Teller von 1789 mit Bergleuten und kursächsischem Wappen, eine Teekanne von 1806 und eine Rasierschale um 1850.

Nicht jedes Zinnstück war Geschirr. Das Museum Schloss Moritzburg in Zeitz verwahrt Kerzenziehformen aus Zinn, datiert 1801 bis 1815, die für den Haushalt bestimmt waren. Dazu kamen nach dem Wiener Faltblatt Formen für gefrorene Süßspeisen, weil Zinn Kälte gut leitet.

Die Verdrängung begann früh. Im 18. Jahrhundert setzten sich nach derselben Quelle Porzellan und Steingut durch, weil sie leichter zu reinigen und farbiger waren. Später kamen Blech- und Emailgeschirr hinzu. Zwickau datiert den Rückgang auf preiswertes Industrieporzellan ab der Mitte des 19. Jahrhunderts, in Sachsen kam die Zinngießerei in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zum Erliegen. Die Universität Marburg verbindet den Niedergang mit der Auflösung der Zünfte im frühen 19. Jahrhundert.

Marken als Qualitätszeichen

Auf der Unterseite vieler Teller sitzen kleine eingeschlagene Zeichen. Nach der Universität Marburg wurde Zinngerät schon seit dem 14. Jahrhundert mit Stadt- und Meistermarken gekennzeichnet. Das Wiener Faltblatt beschreibt die Funktion: Zinnmarken sollten für die Qualität des Materials bürgen. Meist führte ein Meister das Stadtwappen neben einem eigens entworfenen Meisterzeichen. Wissen.de ergänzt Zinnstempel in Wappenform, Meisterinitialen und Zahlen nach den Regeln der Zünfte.

Ein Aufsatz von Fritz Fahringer in den Blättern für Heimatkunde von 1970 fasst es so: Zinn-, Stadt- und Meistermarken dienen „zur Kennzeichnung von Güte und Herkommen“. Er beobachtet, dass Zinnteller fast immer dreimal mit derselben Marke gestempelt wurden, weil die Marken am Außenboden stark abgenutzt werden. Auf Marken finden sich Aufschriften wie „FEINZINN“, und eine Mainzer Marke nennt englisches Blockzinn als Qualitätsangabe. Ein Beispiel für eine Bildmarke verwahrt das Museumsdorf Cloppenburg: eine Schüssel des Zinngießers Johann Diedrich Siefken aus Westerstede, unter dem Boden mit Engel, Krone und Rose gemarkt.

Zinnfiguren in Kulmbach

Aus demselben Metall entstanden kleine Figuren. Die European Route of Industrial Heritage datiert die Anfänge der Zinnfigur in Deutschland in die Mitte des 18. Jahrhunderts. 1775 richteten die Brüder Johann Gottfried und Johann Georg Hilpert in Nürnberg eine Werkstatt dafür ein. Gegossen wurde meist aus einer Zinn-Blei-Legierung. Frühe Figuren waren flach, im 19. Jahrhundert kamen zunehmend vollplastische hinzu.

Die Bayerische Schlösserverwaltung beschreibt die Herstellung: Ein Graveur ritzt die Figur mit dem Stichel in zwei Platten aus Stein oder Metall, die zu einer Form verbunden werden. Feine Kanäle lassen beim Gießen die Luft entweichen. Nach dem Erkalten wird die Figur entgratet und bemalt.

Das Deutsche Zinnfigurenmuseum liegt auf der Plassenburg in Kulmbach. Seine Sammlung geht nach ERIH auf das Jahr 1929 zurück. Museen in Bayern nennt mehr als 300.000 Einzelfiguren in 150 Dioramen. Ein Diorama zeigt mit 19.385 Figuren den Konradstag 1553, an dem Kulmbach fast vollständig zerstört wurde.

Pflege und Patina

Altes Zinn ist oft patiniert, von mildem Silber bis Anthrazit. Die Pewter Society, eine Sammlervereinigung, schreibt, dass viele Sammler in Großbritannien und Europa diesen Zustand bevorzugen. Zuerst rät sie zu heißem Seifenwasser. Wertvolle alte Stücke sollten nicht ohne Anleitung und Übung restauriert werden. Starke Oxidation kann das Metall durchfressen, besonders bei flachem Gerät wie Tellern und Platten.

Das Konservierungshandbuch zu Blei und Zinn rät, eine stabile, schützende Patina nicht zu entfernen. Es warnt vor Dämpfen organischer Säuren, die aus minderwertigem Papier, manchen Stoffen und Hölzern austreten können. Weil Zinn weich ist, entstehen Dellen und Kratzer leicht. Wie die Patina anderer Metalle entsteht, beschreibt Patina: wie Kupfer und Messing altern.

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Häufige Fragen

Was bedeuten die Marken auf Zinngeschirr?

Zinngerät wurde nach der Universität Marburg schon seit dem 14. Jahrhundert mit Stadt- und Meistermarken gekennzeichnet. Die Marken sollten für die Qualität des Materials bürgen und zeigen meist das Stadtwappen neben dem Zeichen des Meisters, dazu kommen Aufschriften wie „FEINZINN“. Nach einem Aufsatz von Fritz Fahringer aus dem Jahr 1970 wurden Zinnteller fast immer dreimal mit derselben Marke gestempelt, weil die Marken am Außenboden stark abgenutzt werden.

Was ist Zinnpest?

Unterhalb von 13,2 °C kann weißes, metallisches Zinn in graues Zinn übergehen. Dabei nimmt das Volumen um etwa 27 Prozent zu, das graue Zinn ist mechanisch schwach und zerfällt zu Pulver. Der Vorgang beginnt meist an einer Kante, einer Ecke oder der Oberfläche, langsam und schwer vorherzusagen, danach geht es vergleichsweise schnell. Legierungszusätze wie Blei, Antimon und Bismut bremsen die Umwandlung.

Wie pflegt man altes Zinn?

Die Pewter Society, eine Sammlervereinigung, rät zuerst zu heißem Seifenwasser und schreibt, dass viele Sammler die Patina bevorzugen. Ein Konservierungshandbuch rät, eine stabile, schützende Patina nicht zu entfernen, und warnt vor Dämpfen organischer Säuren aus minderwertigem Papier, manchen Stoffen und Hölzern. Wertvolle alte Stücke sollten nicht ohne Anleitung und Übung restauriert werden.

Was wir nicht wissen

Wann die Zinngießerei in einzelnen Städten begann, haben wir nicht für jeden Ort belegt; die Quellen nennen das 14. und das 15. Jahrhundert. Die Angaben des Wiener Faltblatts zur Verordnung von 1770 sind in sich nicht eindeutig, wir übernehmen nur die Grenze für Feinzinn. Welche Formmaterialien eine einzelne Werkstatt verwendete, lässt sich aus einem Lexikon nicht ableiten. Das Gründungsjahr des Zinnfigurenmuseums haben wir nicht am Original belegt. Eine Pflegeanleitung für Zinngeschirr im täglichen Gebrauch aus einer deutschen Fachinstitution haben wir nicht gefunden.

Stand: 13.10.2026. Dieser Beitrag beschreibt Material, Handwerk und Geschichte. Er enthält keine Kaufempfehlungen. Die Quellen stehen am Ende des Beitrags.

Quellen

  1. Zinn (Sonderausstellung, Faltblatt, Text: Gudrun Hempel, Österreichisches Museum für Volkskunde, Wien, 1990er Jahre) (öffnet in neuem Tab)sammlung.volkskundemuseum.at · abgerufen am
  2. Neue Ausstellung informiert über Zinn-Gebrauchsgeräte (Philipps-Universität Marburg, Pressemitteilung vom 06.03.2008) (öffnet in neuem Tab)uni-marburg.de · abgerufen am
  3. Zinn (Faltprospekt, Priesterhäuser Zwickau, Kulturamt der Stadt Zwickau) (öffnet in neuem Tab)priesterhaeuser.de · abgerufen am
  4. Zinnguss (wissen.de, Lexikon) (öffnet in neuem Tab)wissen.de · abgerufen am
  5. Der Seelenwäger Michael in Zinn- und Meistermarken (Fritz Fahringer, Blätter für Heimatkunde 44, 1970, Historischer Verein für Steiermark) (öffnet in neuem Tab)historischerverein-stmk.at · abgerufen am
  6. Schüssel, Inv. 3397 (Museumsdorf Cloppenburg, museum-digital Niedersachsen) (öffnet in neuem Tab)nds.museum-digital.de · abgerufen am
  7. Messing-Gussform für Beschlag, Inv. 238 (Alte Posthalterei – Stadtmuseum Mengen, museum-digital Baden-Württemberg) (öffnet in neuem Tab)bawue.museum-digital.de · abgerufen am
  8. Kerzenziehformen, Inv. V/C - 422 a/b (Museum Schloss Moritzburg Zeitz, museum-digital Sachsen-Anhalt) (öffnet in neuem Tab)st.museum-digital.de · abgerufen am
  9. Tin Pests (Center for Advanced Life Cycle Engineering, University of Maryland) (öffnet in neuem Tab)calce.umd.edu · abgerufen am
  10. Tin (Wikipedia, englisch) (öffnet in neuem Tab)en.wikipedia.org · abgerufen am
  11. Care and conservation (The Pewter Society) (öffnet in neuem Tab)pewtersociety.org · abgerufen am
  12. Lead and Pewter (Konservierungshandbuch, manual.museum.wa.gov.au; Herausgeber auf der Seite nicht genannt) (öffnet in neuem Tab)manual.museum.wa.gov.au · abgerufen am
  13. German Tin Figure Museum (European Route of Industrial Heritage, ERIH) (öffnet in neuem Tab)erih.net · abgerufen am
  14. Plassenburg – Deutsches Zinnfigurenmuseum (Museen in Bayern, Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen) (öffnet in neuem Tab)museen-in-bayern.de · abgerufen am
  15. Plassenburg: Zinnfigurenmuseum, Entdeckerbogen (Bayerische Schlösserverwaltung, 2022) (öffnet in neuem Tab)schloss.bayern.de · abgerufen am

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