Die Wunderkammer: Sammeln, bevor es Museen gab

Wunderkammern vereinten vom 16. bis 18. Jahrhundert Kunst, Natur, Instrumente und Dinge aus fernen Ländern in einem Raum, als Vorläufer der Museen.

Text: Redaktion · 6 Minuten · Stand

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Kunst- und Wunderkammern hießen nördlich der Alpen die Räume, in denen im 16. bis 18. Jahrhundert oft beisammenlag, was heute auf mehrere Häuser verteilt wäre: ein Straußenei, ein Astrolabium, ein Fächer aus Südindien, ein anatomisches Präparat. Wolfram Koeppe vom Metropolitan Museum of Art beschreibt sie als Vorläufer der modernen Museen und als enzyklopädische Sammlungen von Dingen ganz unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlichen Materials. Den Ausdruck Kunst- und Wunderkammer findet er bereits in der Zimmerischen Chronik von 1564 bis 1566.

Vier Gruppen, eine Welt

Die Bayerische Schlösserverwaltung stellt auf Burg Trausnitz in Landshut eine Kunst- und Wunderkammer aus, die als Zweigmuseum des Bayerischen Nationalmuseums geführt wird. Dort werden vier Gruppen unterschieden, die in fast allen fürstlichen Kammern vorkamen. Artificialia sind von Menschen gemachte Dinge, vor allem solche, in denen ein Naturstoff zum Kunstwerk wird, etwa Pokale aus Bergkristall oder Gefäße aus Serpentin. Naturalia sind Erzeugnisse der Natur, darunter auch Abweichungen und seltene Erscheinungen, geordnet nach Mineral-, Pflanzen- und Tierreich, zu Land und zu Wasser. Exotica kamen aus fernen Ländern, gebracht von Entdeckern und Kaufleuten über Häfen wie Lissabon, Antwerpen, Genua und Venedig. Scientifica schließlich waren Instrumente: Uhren, Astrolabien, Kompasse, Karten und Globen.

Koeppe beschreibt die Scientifica als Belege für die Fähigkeit des Menschen, die Natur zu beherrschen, und die Sammlungen als universal angelegt. Man kann daraus lesen, dass die Ordnung kein Selbstzweck war: Natur, Kunst und Wissen standen im selben Raum und sollten gemeinsam ein Bild der Welt ergeben. Wie später Wissen in Bänden statt in Räumen geordnet wurde, zeigt unser Beitrag über Diderots Encyclopédie.

Eine Theorie aus München

Früh gab es dazu auch eine Schrift. Samuel Quicchelberg (auch Quiccheberg geschrieben), um 1529 in Antwerpen geboren und 1567 oder 1568 in München gestorben, veröffentlichte 1565 die „Inscriptiones vel tituli theatri amplissimi“. Die Neue Deutsche Biographie beschreibt das Werk als Entwurf eines idealen Museums mit angeschlossener Bibliothek. Nach diesem Konzept sei die Münchner Kunstkammer Herzog Albrechts V. gestaltet worden, und die Schrift habe auf spätere Kammern wie Ambras und Prag gewirkt. Das Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte hebt hervor, dass Quiccheberg ein System aus Werkstätten, Laboren und Schauräumen vorschlug.

Albrecht V. gründete seine Kunstkammer in München 1565. Nach Angaben des Bayerischen Nationalmuseums umfasste sie mehr als 6.000 Objekte. Sein Sohn Wilhelm brachte 1579 eine eigene Sammlung aus Landshut nach München und vereinte sie mit der des Vaters. Viele Exotica gelangten über süddeutsche Handelshäuser wie die Fugger und Welser in die bayerischen Kammern, andere über Missionare, darunter Jesuiten, und als Geschenke der Habsburger und der Medici.

Ambras und Dresden

Erzherzog Ferdinand II. (1529 bis 1595), Sohn Kaiser Ferdinands I., ließ die Burg Ambras bei Innsbruck für seine Frau Philippine Welser zum Renaissanceschloss ausbauen. Seine Sammlung stand nach Angaben des Kunsthistorischen Museums Wien in einem eigens dafür errichteten Flügel. In einem Raum standen 20 Kästen, die Objekte darin waren vor allem nach Material geordnet. Koeppe beschreibt Ferdinands Zwiespalt zwischen einer wissenschaftlichen Ordnung des Inhalts und den Ansprüchen einer ästhetischen Präsentation. Die Kunst- und Wunderkammer ist nach Angabe des Museums an ihrem ursprünglichen Ort erhalten.

In Dresden gründete Kurfürst August, der von 1553 bis 1586 regierte, um 1560 eine Kunstkammer. Erstmals erwähnt wird sie nach Angaben des Metropolitan Museum 1572. Sie enthielt Gold, Silber, Bronze, Bergkristall, Edelsteine, Elfenbein, Perlmutt und Straußeneier. Koeppe zufolge wurde sie als Arbeitssammlung mit lehrendem Zweck bezeichnet. Daneben lagen in einem Flügel des Dresdner Schlosses Gewölberäume mit fast zehn Fuß dicken Mauern, die bis ins 18. Jahrhundert als gesicherte Schatzkammer der Kurfürsten dienten. Der Name Grünes Gewölbe ist ab 1586 belegt. August der Starke, Kurfürst von Sachsen und König von Polen, ordnete die Sammlungen zwischen 1723 und 1730 neu und erweiterte die Räume. Besucher konnten nach Angaben von museum.de ab 1724 Teile der Sammlung sehen.

Eine Kammer für die Schule

Nicht jede Kammer gehörte einem Fürsten. In Halle begann die Sammlung der Franckeschen Stiftungen 1698, im Jahr ihrer Gründung durch August Hermann Francke (1663 bis 1727). Francke bat im selben Jahr Kurfürst Friedrich III. um Unterstützung für eine Naturaliensammlung für den Unterricht. Sie sollte den sogenannten Realienunterricht anschaulich machen. Für die Schüler des Pädagogiums war ein wöchentlicher Besuch vorgesehen. Nach dem Bildband der Stiftungen war die Kammer von Anfang an als öffentlich zugängliche Sammlung gedacht.

1736 erhielt Gottfried August Gründler (1710 bis 1775) den Auftrag, ein Ordnungssystem zu entwickeln und den Bestand zu verzeichnen. Er fertigte 16 teils bemalte Sammlungsschränke, sein Inventar zählte 4.696 Objekte. 1741 bezog die Sammlung den ehemaligen Schlafsaal der Waisenknaben im Mansarddach des Historischen Waisenhauses. Zu den Herkünften gehören Stücke aus der Raritätenkammer Friedrichs III., technische Modelle aus der Mechanischen Kammer von Christoph Semler und Objekte, die Missionare der Dänisch-Halleschen Mission (1706 bis 1845) aus Südindien schickten, darunter Fächer, Palmblatthandschriften und ein Büßerschuh. Thomas Müller-Bahlke entdeckte die Kammer zwischen 1992 und 1995 als Archivar in den verfallenen Gebäuden wieder und ließ sie am historischen Ort neu aufstellen.

Von der Kammer zum Museum

In St. Petersburg ließ Peter I. im Herbst 1714 seine privaten Sammlungen und die Bibliothek aus Moskau bringen. Das Museum datiert seine Gründung auf dieses Jahr. Nach der Museumsgeschichte verhandelte 1717 Blumentrost für Russland in Amsterdam mit Frederik Ruysch über dessen anatomisches Kabinett, 1718 traf es in St. Petersburg ein. 1719 wurde eine Ausstellung in den Kikin-Kammern öffentlich gezeigt. Der Bau des eigenen Gebäudes begann 1718, 1727 zog die Sammlung ein, am 25. November 1728 wurden Bibliothek und Kunstkamera dort offiziell eröffnet. 1747 beschädigte ein Brand das Haus. Heute ist es das Peter-der-Große-Museum für Anthropologie und Ethnographie der Russischen Akademie der Wissenschaften.

In Oxford begann es mit einer Familiensammlung. Die Tradescants zeigten in ihrem Haus in Lambeth eine Sammlung natürlicher und von Menschen gemachter Raritäten, genannt „The Ark“, gegen Eintritt. Über eine Schenkung von 1659 und einen Rechtsstreit kam sie an Elias Ashmole, der sie der Universität Oxford übergab. 1683 wurde das Ashmolean Museum eröffnet. Eingelassen wurde jeweils nur eine Gruppe, ein Bediensteter zeigte die Raritäten.

Das British Museum entstand 1753 durch einen Parlamentsbeschluss, der die Sammlung des Arztes Hans Sloane (1660 bis 1753) für die Öffentlichkeit erwarb. Nach Angaben des Museums umfasste sie mehr als 80.000 natürliche und künstliche Raritäten, dazu Bücher, Handschriften, Münzen und Medaillen. 1759 öffnete das Haus. Wer es sehen wollte, musste zunächst Eintrittskarten beantragen, was den Zugang auf gut vernetzte Besucher beschränkte. Erst nach und nach wurde es für alle frei zugänglich.

Wie die Dinge kamen

Die Exotica kamen nach den hier genannten Quellen über Handel, Mission und fürstliche Geschenke in die Kammern. Das British Museum schreibt selbst, Sloane habe für seine Sammlung die globalen Netzwerke der europäischen imperialen Expansion genutzt. Ankäufe habe er zum Teil mit Einkünften aus der Arbeit versklavter Menschen auf Zuckerplantagen in Jamaika bezahlt.

Der Deutsche Museumsbund fasst den Begriff koloniale Kontexte in seinem Leitfaden von 2021 weiter als formale Kolonialherrschaft. Er schließt Gebiete ein, in denen informelle koloniale Strukturen bestanden, und nennt als Beispiel Porzellan aus China; China war im 17. Jahrhundert keine Kolonie. Viele Sammlungen in Deutschland und Europa sind nach dem Leitfaden zwischen dem 17. und dem frühen 20. Jahrhundert entstanden. Für viele Stücke einer Wunderkammer stellt sich deshalb die Frage nach dem Weg, auf dem sie kamen; beantworten lässt sie sich nach dem Leitfaden nur am einzelnen Objekt.

Häufige Fragen

Was ist eine Wunderkammer?

Kunst- und Wunderkammern waren im 16. bis 18. Jahrhundert Sammlungen, in denen Dinge ganz unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlichen Materials in einem Raum standen. Wolfram Koeppe vom Metropolitan Museum of Art beschreibt sie als Vorläufer der modernen Museen. In fürstlichen Kammern unterschied man vier Gruppen: Artificialia als von Menschen gemachte Dinge, Naturalia als Erzeugnisse der Natur, Exotica aus fernen Ländern und Scientifica als Instrumente wie Uhren, Kompasse und Globen.

Wo ist heute noch eine Wunderkammer erhalten?

Die Kunst- und Wunderkammer von Schloss Ambras bei Innsbruck, angelegt von Erzherzog Ferdinand II., ist nach Angabe des Kunsthistorischen Museums Wien an ihrem ursprünglichen Ort erhalten. In Halle wurde die Kammer der Franckeschen Stiftungen zwischen 1992 und 1995 wiederentdeckt und am historischen Ort neu aufgestellt. Auf Burg Trausnitz in Landshut stellt die Bayerische Schlösserverwaltung eine Kunst- und Wunderkammer aus.

Wie wurden aus Wunderkammern Museen?

In St. Petersburg wurden Bibliothek und Kunstkamera Peters I. am 25. November 1728 im eigenen Gebäude offiziell eröffnet. In Oxford übergab Elias Ashmole die Sammlung der Tradescants der Universität, 1683 wurde das Ashmolean Museum eröffnet. Das British Museum entstand 1753, als ein Parlamentsbeschluss die Sammlung von Hans Sloane für die Öffentlichkeit erwarb, und öffnete 1759.

Was wir nicht wissen

Die Quellen unterscheiden sich in Zahlen und Bezugszeitpunkten. Für Halle nennt das Informationsblatt 4.696 Objekte zu Gründlers Zeit, der Bildband von 2012 einen Bestand von rund 3.000, ohne den Zeitpunkt der Zählung anzugeben. Für Sloanes Sammlung nennt das British Museum an verschiedenen Stellen unterschiedliche Gesamtzahlen. Wie die Gruppen Naturalia, Artificialia, Scientifica und Exotica in Quicchelbergs Schrift selbst gefasst sind, haben wir nicht am Text der Schrift geprüft. Zu den Erwerbsumständen einzelner Objekte in Ambras, Dresden, Halle und St. Petersburg haben wir keine Provenienzangaben ausgewertet.

Stand: 13.10.2026. Quellen siehe unten.

Quellen

  1. Wolfram Koeppe: Collecting for the Kunstkammer (The Metropolitan Museum of Art, Heilbrunn Timeline of Art History, 2002) (öffnet in neuem Tab)metmuseum.org · abgerufen am
  2. Kunst- und Wunderkammer Burg Trausnitz (Bayerische Schlösserverwaltung, Text: Bayerisches Nationalmuseum) (öffnet in neuem Tab)burg-trausnitz.de · abgerufen am
  3. Helmut Zäh: Quicchelberg, Samuel, in: Neue Deutsche Biographie 21 (2003), S. 44 f. (Deutsche Biographie) (öffnet in neuem Tab)deutsche-biographie.de · abgerufen am
  4. Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte: Samuel Quiccheberg and the Prudent Kunstkammer (Forschungsprojekt) (öffnet in neuem Tab)mpiwg-berlin.mpg.de · abgerufen am
  5. Schloss Ambras Innsbruck: Kurzinfo (DE/EN/IT), Kunsthistorisches Museum Wien (öffnet in neuem Tab)schlossambras-innsbruck.at · abgerufen am
  6. Kunsthistorisches Museum Wien: Kunstkammer Wien, History of the Collection (öffnet in neuem Tab)khm.at · abgerufen am
  7. The Metropolitan Museum of Art: Renaissance Splendors of the Dresden Court (Pressemitteilung, 2004) (öffnet in neuem Tab)metmuseum.org · abgerufen am
  8. Grünes Gewölbe (museum.de) (öffnet in neuem Tab)museum.de · abgerufen am
  9. Franckesche Stiftungen zu Halle: Entstehung der Kunst- und Naturalienkammer und ihr Gründler (Informationsblatt) (öffnet in neuem Tab)francke-halle.de · abgerufen am
  10. Thomas Müller-Bahlke: Die Wunderkammer der Franckeschen Stiftungen, 2. Aufl., Halle 2012 (Verlagsinformation, Franckesche Stiftungen) (öffnet in neuem Tab)francke-halle.de · abgerufen am
  11. Peter-der-Große-Museum für Anthropologie und Ethnographie (Kunstkamera), RAN: Geschichte des Museums, Gebäude, Direktoren (Elektronische Bibliothek, ISBN 978-5-88431-165-7) (öffnet in neuem Tab)kunstkamera.ru · abgerufen am
  12. Kunstkamera: History of the Kunstkamera (Übersichtsseite des Museums) (öffnet in neuem Tab)kunstkamera.ru · abgerufen am
  13. Russian Life: The Museum of All Things (Nov./Dez. 2014) (öffnet in neuem Tab)russianlife.com · abgerufen am
  14. Ashmolean Museum, University of Oxford: History of the British Collections, 17th century (öffnet in neuem Tab)britisharchaeology.ashmus.ox.ac.uk · abgerufen am
  15. The British Museum: History of the British Museum (öffnet in neuem Tab)britishmuseum.org · abgerufen am
  16. Deutscher Museumsbund: Leitfaden Umgang mit Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten, 3. Fassung, Berlin 2021 (öffnet in neuem Tab)museumsbund.de · abgerufen am

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