Delfter Fliesen: Zinnglasur und Kobaltblau

Delfter Fliesen sind Irdenware mit weißer Zinnglasur und Kobaltblau, entstanden als Ersatz für chinesisches Porzellan. Nicht alle stammen aus Delft.

Text: Redaktion · 6 Minuten · Stand

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Faktencheck läuft. Einzelne Angaben in diesem Beitrag prüfen wir gerade noch einmal an den Quellen.

Eine Delfter Fliese ist eine Wandfliese aus gebranntem Ton mit weißer Zinnglasur und Bemalung in Kobaltblau; niederländische Töpfer verfeinerten diese Ware im 17. Jahrhundert, um chinesisches Porzellan nachzuahmen. Benannt ist sie nach Delft, ab 1650 Zentrum der niederländischen Irdenware-Produktion, doch nicht alle Fliesen stammen von dort. Glasur und Pigment haben eine Vorgeschichte, die weit vor Delft beginnt und in Küchen und Stuben an der Nordseeküste endet.

Weiß aus Zinn

Unter der Glasur liegt Irdenware. Nach dem ersten Brand ist sie laut der Plattform Dutch Delftware hart, unglasiert und gelbbraun; Erde aus Tournai, im Niederländischen Doornikse aarde, ergab einen blassgelben Scherben. Wie sich Irdenware vom dicht gesinterten Scherben unterscheidet, steht im Beitrag über Steinzeug und die Deckeldose. Damit der farbige Scherben weiß erscheint, bekommt er eine Glasur, die das Victoria and Albert Museum (V&A) als weiß und durch Zinnoxid deckend beschreibt. Mehr über das Metall selbst lesen Sie in Zinn: Gießen und Gebrauch.

Die Technik ist alt. Dutch Delftware datiert die Zinnglasur vermutlich in das 9. Jahrhundert im Nahen Osten. Über spanische Töpfer, die sie von maurischen Werkstätten übernahmen, gelangte die Ware ab etwa 1250 über Mallorca nach Italien, daher der Name Majolika. Nach dem V&A breitete sich die Mode für zinnglasierte Fliesen im 16. Jahrhundert von Italien in die Niederlande und weiter nach Britannien aus. Eine andere Glasurgeschichte erzählt Seladon: Grün aus Eisen und Feuer.

Ein Ersatz für Porzellan

Den Antrieb für die Verfeinerung gab Ostasien. Laut Rijksmuseum importierten die Niederlande ab 1610 jedes Jahr rund 100.000 Objekte aus chinesischem Porzellan. Das Museum Prinsenhof Delft nennt die Vereinigte Ostindische Kompanie (VOC) als Transporteur seit Beginn des 17. Jahrhunderts. Die niederländischen Töpfer versuchten, diese Vorbilder nachzuahmen. Da es in der Gegend keinen weißen Porzellanton gab, passten sie laut Prinsenhof ihre Tonmischungen an, überzogen die Stücke mit weißer Zinnglasur und bemalten sie blau.

Das Ergebnis wurde dünner, weißer und glänzender, so das Rijksmuseum. Man nannte es Fayence, im 17. und 18. Jahrhundert auch „Hollants porceleyn“. Um dem Porzellan möglichst nahezukommen, wurde Delfter Fayence nach Dutch Delftware auf beiden Seiten mit Zinnglasur überzogen. Antwerpener Töpfer hatten die Rückseite ihrer Teller mit einer billigeren, durchsichtigen Bleiglasur versehen.

Ein äußerer Umstand half. Während des chinesischen Bürgerkriegs von 1644 bis 1684 kam der Handel mit China nach Angabe des Rijksmuseums fast zum Erliegen. Ab 1650 war Delft laut Rijksmuseum das Zentrum der Irdenware-Produktion in den Niederlanden, daher der Name. Um 1700 waren in der Stadt laut Prinsenhof 33 Betriebe tätig. Königin Maria II. bestellte Prunkstücke bei der Werkstatt De Grieksche A. Von dort stammt auch eine Fliese aus der Water Gallery in Hampton Court, die das Museum Prinsenhof auf seiner Ausstellungsseite abbildet, datiert 1689 bis 1694.

Kobalt: grau auf dem Pinsel, blau aus dem Ofen

Das Blau stammt aus Kobaltoxid. Aufgetragen wirkt die Farbe laut Dutch Delftware dunkelgrau, erst im Ofen wird sie blau. Je reiner das Kobalt, desto leuchtender das Blau, heißt es dort.

Anfangs war Blau nur eine Farbe unter mehreren. Nach dem V&A gaben die niederländischen Werkstätten die Mehrfarbigkeit ab 1625 weitgehend auf, Blau-Weiß setzte sich durch. Das Couven Museum in Aachen, das rund 6.000 Fayencefliesen aus dem 16. bis 19. Jahrhundert zeigt, beschreibt die kobaltblauen Fliesen als häufig älter als die manganvioletten, die sich erst im 18. Jahrhundert durchsetzten. Die Kobaltfliesen seien von chinesischem Porzellan inspiriert.

Bemerkenswert ist, wie wenig davon auf den Motiven ankommt. Das V&A hält fest, dass chinesische Motive auf niederländischen Fliesen selten erscheinen. Stattdessen entwickelte sich rasch ein eigener Bildkanon mit Soldaten, Reitern und Szenen des häuslichen Lebens. Das Schlossmuseum Jever unterscheidet nach der Einteilung von Pluis zwölf Gruppen, darunter Landschaften, Tierfliesen, Kinderspiele, Bibelfliesen und handwerkliche Berufe.

Schablone und Holzkohle

Fliesen wurden in Serie bemalt. Das Schlossmuseum Jever beschreibt den Ablauf: Die Rohfliese aus Ton wird zugeschnitten, einmal gebrannt, weiß glasiert und bemalt. Der Maler arbeitet meist mit einer Schablone, der Sponse. Das ist ein Papierbogen, in den die Umrisse des Motivs mit feinen Löchern gestochen sind. Über die Löcher wird Holzkohlestaub getupft, nach dem V&A mit einem porösen Beutel. Auf der Glasur bleibt eine gepunktete Linie, die der Maler mit Farbe nachzieht. Danach folgt ein zweiter Brand.

Das V&A bewahrt solche Sponsen aus der Werkstatt von Pieter Grauda in Harlingen auf. Für die Bibelfliesen in Jever nennt das Museum ein Zuschnittmaß von 13,5 mal 13,5 Zentimetern. Die sogenannten Backpunkte helfen bei der Datierung: Sie sind in Harlingen bis 1862 und allgemein bis 1880 nachweisbar.

Wandschutz und Bildträger

Dass die Fliese an die Wand kam, hat praktische Gründe. Nach dem V&A wanderte sie vom Boden an die Wand, weil die dünne Zinnglasur auf dem Boden schnell litt. Die Fliesen wurden kleiner und dünner und damit billiger in Herstellung und Transport. Man setzte sie dort ein, wo Schmutz und Feuchte anfielen: als Sockelleiste, rund um Feuerstellen, entlang von Fluren. Die Zeitschrift Monumente der Deutschen Stiftung Denkmalschutz beschreibt denselben Weg: zuerst einfacher Wandschutz als Sockel, dann höher an der Wand.

Zugleich war die Fliese ein Bildträger. Religiöse Szenen trugen nach dem V&A oft Kapitel und Vers einer Bibelstelle. Das Schlossmuseum Jever schreibt, Bibelfliesen habe es in der niederländischen Produktion seit dem späten 17. Jahrhundert gegeben. Sie dienten dem religiösen Unterricht einer Bevölkerung, die weitgehend nicht lesen konnte, und zugleich als Wandschmuck.

Ganz geflieste Räume waren dagegen selten. Das Couven Museum nennt sie typisch für fürstliche Sommerresidenzen und für Zimmer reicher Bürgerhäuser, die vor allem im Sommer genutzt wurden, weil sie kühler blieben.

Von Harlingen an die deutsche Küste

Delft gab den Namen, aber nicht alle Fliesen. Das V&A schreibt, dass nur wenige Fliesen aus Delft selbst stammten. Das Friesische Museum Niebüll-Deezbüll schreibt dagegen allgemein, die Fliesen seien vornehmlich in und um Delft hergestellt worden. Die Monumente weisen darauf hin, dass „Delfter Fliesen“ ein ungeschützter Name blieb und Nachahmungen weit verbreitet waren.

Für die deutsche Nordseeküste spielen die westfriesischen Werkstätten eine Rolle. Das Schlossmuseum Jever besitzt rund 2.600 niederländische Wandfliesen des 17. bis 19. Jahrhunderts, überwiegend aus Harlingen und Makkum. Für die Makkumer Manufaktur Tichelaar waren in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nach Angabe des Museums deutsche Kunden, vor allem aus Hamburg, die Hauptabnehmer; die Harlinger Fliesen gingen vor allem nach Ostfriesland und Schleswig-Holstein. Im Jeverland wurden die Fliesen häufig an den Außenwänden vom Boden bis zur Decke verlegt, knirsch und ohne Fuge. Der Hauptgrund war der Schutz gegen aufsteigende Feuchte. Dazu kamen der Wohlstand der Marschbauern und der einfache Seetransport.

In Nordfriesland beschreibt das Friesische Museum Niebüll-Deezbüll die Fliesen als nachträglich angebrachte Wandverkleidung, leicht zu reinigen und unempfindlich gegen Feuchte. Friesische Seeleute im niederländischen Dienst und Händler brachten sie mit, auch als Ladungsgewicht. Die Hauptzeit reichte vom 17. bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts. Die Monumente nennen die gefliesten Alkoven eines Haubargs in Tetenbüll auf Eiderstedt als Beispiel.

Das Ende einer Konjunktur

Das 18. Jahrhundert brachte Konkurrenz. Das Prinsenhof nennt drei Gründe für den Niedergang: In Deutschland und Frankreich wurde Porzellanton gefunden, chinesisches Porzellan wurde billiger, und die englische Creamware trat hinzu. Wie das europäische Porzellan entstand, erzählt unser Beitrag über die Porzellan-Orte. Das V&A ergänzt, dass die Napoleonischen Kriege zu Beginn des 19. Jahrhunderts den Handel einschränkten und sich die niederländische Fliesenindustrie davon nicht vollständig erholte. Anfang des 19. Jahrhunderts gab es in Delft laut Prinsenhof nur noch wenige Betriebe.

Was bleibt, ist ein Material, das zwei Dinge zugleich konnte: eine Wand vor Feuchte schützen und ein Bild tragen. Beides verdankt es einer Glasur, die eigentlich Porzellan vortäuschen sollte.

Häufige Fragen

Warum sind Delfter Fliesen blau-weiß?

Das Blau stammt aus Kobaltoxid, das nach der Plattform Dutch Delftware aufgetragen dunkelgrau wirkt und erst im Ofen blau wird; darunter liegt eine weiße, durch Zinnoxid deckende Glasur. Nach dem Victoria and Albert Museum gaben die niederländischen Werkstätten die Mehrfarbigkeit ab 1625 weitgehend auf, und Blau-Weiß setzte sich durch. Vorbild war das chinesische Porzellan, das die Niederlande ab 1610 in großen Mengen importierten.

Wie wurden Delfter Fliesen bemalt?

Die Rohfliese aus Ton wurde zugeschnitten, einmal gebrannt, weiß glasiert und dann bemalt, meist mit einer Schablone, der Sponse. Das ist ein Papierbogen mit fein durchstochenen Umrissen, über den Holzkohlestaub getupft wird. Auf der Glasur bleibt eine gepunktete Linie, die der Maler mit Farbe nachzieht; danach folgt ein zweiter Brand.

Kommen Delfter Fliesen aus Delft?

Nicht alle: Delft gab den Namen, weil die Stadt ab 1650 das Zentrum der Irdenware-Produktion in den Niederlanden war. Das Victoria and Albert Museum schreibt, nur wenige Fliesen stammten aus Delft selbst, das Friesische Museum Niebüll-Deezbüll nennt dagegen vornehmlich Delft und Umgebung. Viele Fliesen an der deutschen Nordseeküste kamen aus Harlingen und Makkum, und „Delfter Fliesen“ blieb ein ungeschützter Name.

Was wir nicht wissen

Die Quellen widersprechen sich bei der Herkunft: Das V&A sieht nur wenige Fliesen aus Delft selbst, das Friesische Museum Niebüll nennt vornehmlich Delft und Umgebung. Für die Zahl von 33 Betrieben nennen die Quellen „um 1700“ und „spätes 17. Jahrhundert“. Einige Angaben zur Herstellung und zur Frühgeschichte der Zinnglasur stammen von einer Wissensplattform mehrerer niederländischer Museen und eines Antiquitätenhändlers; eine Rechtsperson nennt sie nicht. Eine Bestätigung durch eine Museumsquelle steht aus.

Weiterlesen: Emaille: Glas auf Metall

Stand: 13.10.2026. Quellen siehe unten.

Quellen

  1. Delftware tiles (Victoria and Albert Museum, London) (öffnet in neuem Tab)vam.ac.uk · abgerufen am
  2. Delftware (Rijksmuseum, Amsterdam, Sammlungsseite) (öffnet in neuem Tab)rijksmuseum.nl · abgerufen am
  3. Delfts Blauw (Museum Prinsenhof Delft, Ausstellungsseite) (öffnet in neuem Tab)museumprinsenhofdelft.nl · abgerufen am
  4. How was Delftware made? (Dutch Delftware / delftsaardewerk.nl, Plattform mit Museen und einem Antiquitätenhändler als Partnern) (öffnet in neuem Tab)delftsaardewerk.nl · abgerufen am
  5. Majolica and tin glaze: the basis for Dutch delftware (Dutch Delftware / delftsaardewerk.nl, Plattform mit Museen und einem Antiquitätenhändler als Partnern, Redaktion, 17.07.2019) (öffnet in neuem Tab)delftsaardewerk.nl · abgerufen am
  6. Fliesenzimmer (Couven Museum, Aachen) (öffnet in neuem Tab)couven-museum.de · abgerufen am
  7. Niederländische Wandfliesen, Kaleidoskop 51 (Schlossmuseum Jever) (öffnet in neuem Tab)schlossmuseum.de · abgerufen am
  8. Wandfliesen mit biblischen Motiven (Schlossmuseum Jever, virtuelle Sammlung) (öffnet in neuem Tab)schlossmuseum.de · abgerufen am
  9. Holländische Fliesen, 17. u. 18. Jh. (Friesisches Museum Niebüll-Deezbüll) (öffnet in neuem Tab)friesisches-museum.de · abgerufen am
  10. Von Mesopotamien bis nach Nordfriesland (Monumente, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Ausgabe 5/2021) (öffnet in neuem Tab)monumente-online.de · abgerufen am

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