Hanf im Kräuterbuch: Fuchs, Bock, Mattioli
Hanf im Kräuterbuch: Leonhart Fuchs ließ 1542 alle Pflanzen nach dem Leben zeichnen und in Holz schneiden, ein Teil der Auflage wurde koloriert.
Laut der Universitätsbibliothek Tübingen ließ Leonhart Fuchs für sein Kräuterbuch „De historia stirpium“, 1542 in Basel bei Michael Isingrin gedruckt, echte Pflanzen zeichnen und in Holz schneiden, 511 Darstellungen insgesamt. Auch den Hanf behandelte Fuchs: Nach dem Botaniker Antonino Pollio übernahm er den Beinamen sativa für den angebauten Hanf, und Carl von Linné beschrieb 1753 die Art Cannabis sativa. Wie das einzelne Hanfbild bei Fuchs, Hieronymus Bock oder Pietro Andrea Mattioli aussieht, konnten wir an keinem Digitalisat prüfen. Dieser Beitrag beschreibt deshalb, wie die Kräuterbücher der Renaissance Pflanzen zeigten, und nennt die Lücke offen.
Auf einen Blick
- „De historia stirpium“ erschien 1542 in Basel; die Universitätsbibliothek Tübingen zählt 511 Pflanzendarstellungen.
- Die deutsche Fassung „New Kreüterbuch“ von 1543 verwendete dieselben Holzschnitte, ergänzt um sechs weitere.
- Die Druckstöcke waren aus Birnbaumholz; 23 davon sind im Herbarium Tubingense erhalten.
- Ein Dioskurides-Manuskript der Morgan Library aus dem 10. Jahrhundert zeigt auf fol. 86r eine Pflanze mit der Beischrift kannabis hemeros, angebauter Hanf.
- Pietro Andrea Mattiolis Dioskurides-Kommentar erschien 1544 ohne Bilder, 1554 mit kleinen Holzschnitten und 1562 auf Tschechisch mit nahezu seitengroßen neuen Stöcken.
- Die Kräuterbücher enthielten auch medizinische Angaben ihrer Zeit; dieser Beitrag behandelt sie nicht.
Woher kamen die Hanfbilder vor dem Buchdruck?
Die Vorbilder stammten aus Handschriften der Arzneimittellehre (lateinisch „De materia medica“) des Dioskurides. Der griechische Arzt lebte im 1. Jahrhundert; sein Werk wurde über Jahrhunderte abgeschrieben und bebildert. Ein frühes erhaltenes Exemplar ist der Wiener Dioskurides, um 512 in Konstantinopel für die Aristokratin Juliana Anicia angefertigt. Er gehört der Österreichischen Nationalbibliothek und steht seit 1997 im UNESCO-Register Memory of the World. Nach der Übersicht in der englischen Wikipedia hat der Codex 491 Pergamentblätter und 383 erhaltene ganzseitige Pflanzenbilder von ursprünglich 435; der Hanf steht auf fol. 167v.
Eine Handschrift aus dem 10. Jahrhundert, ebenfalls aus Konstantinopel, besitzt die Morgan Library in New York. Auf fol. 86r steht über dem Bild kannabis hemeros, „zahmer Hanf“ (unsere Übersetzung); die Bibliothek bestimmt die Pflanze als Cannabis sativa. Ein anderes Blatt trägt die Beischrift kannabis agria, „wilder Hanf“. Die Morgan Library bestimmt diese Pflanze als Hanf-Eibisch, Althaea cannabina, ein Malvengewächs. Der Name allein sagt also nicht, dass es sich um Hanf handelt.
Was zeichnet Fuchs’ Kräuterbuch von 1542 aus?
Fuchs ließ die Bilder nach lebenden Pflanzen anfertigen und gab ihnen in seinem Buch großes Gewicht. In der Vorrede schreibt er sinngemäß, ein Bild drücke die Dinge sicherer aus und präge sie tiefer ein als bloße Worte; so gibt es die Universitätsbibliothek Glasgow wieder. Die Beschreibungen sind nach Glasgow knapp, die Bilder sind das eigentliche Mittel der Bestimmung. Das Buch ordnet rund 500 Pflanzen alphabetisch nach ihrem griechischen Namen, ohne natürliche Systematik. Fuchs arbeitete nach Glasgow etwa 31 Jahre daran. Der Katalog der Wellcome Collection in London vermerkt, dass das Buch die Pflanzennamen lateinisch, griechisch und deutsch angibt; für den Hanf im Einzelnen haben wir das nicht nachgesehen.
Pollio hält fest, dass die Unterscheidung von angebautem und wildem Hanf auf Dioskurides zurückgeht, über die Ärzte und Botaniker der Renaissance weitergegeben wurde und sich bis ins 18. Jahrhundert hielt. Fuchs übernahm dafür nach Pollio das Wort sativa. Die Namen damals waren nach Pollio kurze Beschreibungen aus mehreren Wörtern; Linné empfahl 1753 in „Species Plantarum“ Namen aus Gattung und einem Beiwort und beschrieb eine einzige Hanfart, Cannabis sativa. Wie Hanf heute botanisch eingeordnet wird, erklärt Indica und Sativa.
Wer zeichnete, wer schnitt?
Drei Handwerker teilten sich die Bilder, und Fuchs ließ alle drei porträtieren. Albrecht Meyer zeichnete die Pflanzen, Heinrich Füllmaurer übertrug die Zeichnungen auf die Holzblöcke, Veit Rudolf Speckle schnitt sie; Glasgow stellt Speckle als Formschneider aus Straßburg vor. Das Gruppenbildnis der drei steht am Ende des Bandes, nach Glasgow auf S. 897. Das Museum of Fine Arts in Boston verzeichnet in seinem Exemplar zudem ein Holzschnittbildnis des Autors auf der Rückseite des Titelblatts.
Die Universitätsbibliothek Tübingen beschreibt den Ablauf: Die Maler zeichneten echte Pflanzen, die Fuchs gesammelt hatte oder die in seinem Garten am Tübinger Nonnenhaus wuchsen, und kolorierten die Zeichnungen. Der Formschneider übertrug sie auf Holztafeln und schnitt das Umfeld weg, sodass die Linien erhaben stehen blieben. Dieses Hochdruckverfahren machte die Vervielfältigung möglich. Teilweise dienten auch antike Autoren wie Dioskurides und Plinius als Vorlage.
Warum sind die Holzschnitte so hell und offen?
Die Linien sind bewusst dünn, weil die Bilder für die Farbe gedacht waren. Nach Glasgow rechnete Fuchs mit kolorierten Abzügen und wollte nicht, dass Schraffuren die natürliche Form der Pflanze verdecken. Das Buch erschien in kolorierten und unkolorierten Exemplaren. Die Universitätsbibliothek Cambridge nennt 54 erhaltene Exemplare der Ausgabe von 1542, die nach Fuchs’ eigenen Vorgaben von Hand koloriert wurden, auf Grundlage der heute verlorenen Originalzeichnungen. Bei vielen anderen Exemplaren wurde die Farbe nach Glasgow erst nach dem Erscheinen ergänzt.
Ein besonderes Stück liegt in Ulm. Die Stadtbibliothek besitzt ein handkoloriertes „New Kreüterbuch“ von 1543 mit dem Eintrag „Ex Bibliotheca Leonharti Fuchsij“, also aus Fuchs’ eigener Bibliothek. Vermutlich kam es über seinen Sohn Friedrich, Stadtarzt in Ulm, dorthin. Nach Tübingen ist es vollständig digitalisiert.
Die Druckstöcke aus Birnbaumholz blieben lange in Tübingen. 1853 lagen dort noch 196 Tafeln, 1899 noch 185; in der Inflationszeit wurden viele verkauft und abgehobelt. 23 Stöcke wurden in den 1960er Jahren auf einem Dachboden wiederentdeckt und sind heute im Herbarium Tubingense. Weitere Häuser mit solchen Beständen finden Sie unter Sammlungen und Ausstellungen.
Wie zeigten Bock und Mattioli die Pflanzen?
Hieronymus Bock und Pietro Andrea Mattioli gingen eigene Wege, beide mit eigenen Zeichnern. Bocks „Kreütter Buch“ erschien nach der Universitätsbibliothek Regensburg 1539 ohne Bilder und verkaufte sich schleppend. Die Ausgabe von 1546 brachte Holzschnitte nach Zeichnungen des jungen Straßburger Künstlers David Kandel. Einige sind nach Regensburg aus Fuchs oder aus Otto Brunfels übernommen, dessen „Herbarum vivae eicones“ nach der University of Minnesota ab 1530 in Straßburg mit Holzschnitten von Hans Weiditz erschienen. Die meisten scheinen nach Regensburg nach lebenden oder getrockneten Pflanzen gezeichnet. Dazu kommen kleine Alltagsszenen, die nach Regensburg mitunter ins Burleske gehen.
Mattioli, Arzt aus Siena und später Leibarzt der Kaiser Ferdinand I. und Maximilian II., kommentierte Dioskurides. Die italienische Fassung von 1544 hatte nach der Folger Shakespeare Library keine Bilder, die lateinische von 1554 kleine Holzschnitte von Giorgio Liberale. Für die tschechische Ausgabe von 1562 schufen Liberale und Wolfgang Meyerpeck über 600 neue, nahezu seitengroße Stöcke; eine deutsche Ausgabe folgte 1563. Die Stöcke wanderten danach in die Werkstatt von Vincenzo Valgrisi in Venedig, Mitte des 18. Jahrhunderts zu Henri Louis Duhamel du Monceau, und 1989 boten drei Antiquare 110 erhaltene Stöcke an. Ein Holzstock ist also kein Einzelstück für ein Buch, sondern ein Werkzeug, das über Generationen druckt.
Was änderte sich mit dem Kupferstich?
Mit dem Kupferstich entstanden auch aufwendige Pflanzenbildwerke. Basilius Besler leitete das 1613 erschienene Werk „Hortus Eystettensis“, das Bildwerk des Gartens von Fürstbischof Johann Konrad von Gemmingen in Eichstätt. Kew zeigt eine der Tafeln als Kupferstich; die Tafeln sind nach den Jahreszeiten geordnet, es gab eine günstigere schwarzweiße und eine handkolorierte Fassung. Ob Hanf unter Beslers Tafeln ist, konnten wir nicht prüfen. Was aus der Faser selbst wurde, lesen Sie in Hanffaser als Material, den größeren Bogen in Eine kurze Geschichte des Hanfs.
Häufige Fragen
Wer hat das Kräuterbuch von Leonhart Fuchs illustriert?
Albrecht Meyer zeichnete die Pflanzen, Heinrich Füllmaurer übertrug die Zeichnungen auf die Holzblöcke, und Veit Rudolf Speckle schnitt die Stöcke. Alle drei sind am Ende von „De historia stirpium“ (Basel 1542) porträtiert. Nach den Universitätsbibliotheken Glasgow und Tübingen entstanden die Zeichnungen nach echten Pflanzen.
Seit wann heißt Hanf Cannabis sativa?
Nach Antonino Pollio verwendete Leonhart Fuchs in „De historia stirpium“ (1542) den Beinamen sativa für den angebauten Hanf. Als wissenschaftlicher Artname gilt Cannabis sativa seit Carl von Linnés „Species Plantarum“ von 1753. Davor waren Pflanzennamen kurze Beschreibungen aus mehreren Wörtern.
Wo ist der Hanf im Wiener Dioskurides zu sehen?
Der Wiener Dioskurides entstand um 512 in Konstantinopel und gehört der Österreichischen Nationalbibliothek. Nach der englischen Wikipedia steht der Hanf auf fol. 167v. Die Handschrift ist seit 1997 Teil des UNESCO-Registers Memory of the World.
Was wir nicht wissen
Die Hanfseiten bei Fuchs, Bock und Mattioli selbst konnten wir am 15. Oktober 2026 nicht öffnen. Die Digitalisate der Bayerischen Staatsbibliothek (über bavarikon und die Digitalen Sammlungen), von e-rara, swisscollections, der Universitätsbibliothek Heidelberg und der Biodiversity Heritage Library waren durch Zugangsprüfungen gesperrt oder nicht erreichbar, ebenso Wikimedia Commons und das Internet Archive. Auch der Katalogeintrag der Wellcome Collection zu ihrem digitalisierten Exemplar nennt den Hanf nicht, und die Seitenansicht dort konnten wir nicht öffnen. Wir beschreiben deshalb, wie diese Bücher Pflanzen zeigten, nicht das einzelne Hanfbild. Ob Fuchs angebauten und wilden Hanf getrennt abbildet, ob der Hanf koloriert ist und welche Namen Fuchs ihm gibt, bleibt am Original zu prüfen.
Die Zahlen zu den Bildern weichen ab: Für Fuchs nennen Tübingen 511, das Museum of Fine Arts 515 und die University of Minnesota 509 Holzschnitte; für Bocks Ausgabe von 1546 nennt Regensburg 477, Minnesota 365. Für Beslers Werk gibt Kew sowohl 377 als auch 367 Tafeln an. Die Angabe zu fol. 167v im Wiener Dioskurides stammt aus Wikipedia; die Seite der Nationalbibliothek haben wir nicht geöffnet.
Hinweis: Dieser Beitrag informiert über Geschichte, Kultur und Forschungsstand und ruft weder zum Konsum noch zum Erwerb von Cannabis auf. Stand: 15.10.2026.
Quellen
- University of Cambridge, Cambridge University Library: Plants and their names (Online-Ausstellung, Exemplar Sel.2.81 von Fuchs, De historia stirpium, Basel 1542) (öffnet in neuem Tab)
- Museum of Fine Arts, Boston: Leonhart Fuchs, De historia stirpium (On the History of Plants), Basel 1542, Objektdatensatz (öffnet in neuem Tab)
- University of Glasgow Library, Special Collections: Book of the Month, Oktober 2002, Leonhart Fuchs, De historia stirpium commentarii insignes (Sp Coll Hunterian L.1.13) (öffnet in neuem Tab)
- Wellcome Collection, London: Katalogeintrag Leonhart Fuchs, De historia stirpium commentarii insignes, Basel 1542 (digitalisiertes Buch) (öffnet in neuem Tab)
- Universität Tübingen, Universitätsbibliothek: Leonhart Fuchs, Objekt des Monats (New Kreüterbuch, Druckstöcke, Maler und Formschneider) (öffnet in neuem Tab)
- Stadtbibliothek Ulm: Buch des Monats Dezember 2006, Leonhart Fuchs, New Kreüterbuch, Basel 1543 (PDF) (öffnet in neuem Tab)
- Antonino Pollio (2016): The Name of Cannabis. A Short Guide for Nonbotanists. Cannabis and Cannabinoid Research 1(1), 234–238 (PubMed Central) (öffnet in neuem Tab)
- The Morgan Library & Museum: Dioscorides, De materia medica, MS M.652, fol. 86r, inschriftlich kannabis hemeros (Konstantinopel, Mitte 10. Jahrhundert) (öffnet in neuem Tab)
- The Morgan Library & Museum: Dioscorides, De materia medica, MS M.652, Blatt mit kaukalis und kannabis agria (öffnet in neuem Tab)
- Österreichische UNESCO-Kommission: Vienna Dioscurides Manuscript, Memory of the World in Austria (öffnet in neuem Tab)
- Wikipedia: Vienna Dioscurides (ergänzend, Angaben zu Blattzahl, Pflanzenbildern und fol. 167v) (öffnet in neuem Tab)
- Universität Regensburg, Universitätsbibliothek: Hieronymus Bock (virtuelle Ausstellung Die Mistel zwischen Himmel und Erde) (öffnet in neuem Tab)
- University of Minnesota Libraries: The Transfer of Knowledge. Art of Botanical Illustration 1491–1920 (Online-Ausstellung, Werkübersicht) (öffnet in neuem Tab)
- Folger Shakespeare Library, The Collation: Pietro Mattioli’s everlasting woodblocks (öffnet in neuem Tab)
- Razwana Akram: The Garden of Eichstätt (Royal Botanic Gardens, Kew, 28.02.2017) (öffnet in neuem Tab)