Zeche Zollverein: Architektur der Arbeit

Fritz Schupp und Martin Kremmer entwarfen Schacht XII der Zeche Zollverein in Essen ab 1928 aus Stahlfachwerk und Klinker. Seit 2001 ist die Anlage Welterbe.

Text: Redaktion · 6 Minuten · Stand

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Faktencheck läuft. Einzelne Angaben in diesem Beitrag prüfen wir gerade noch einmal an den Quellen.

Die Zeche Zollverein im Essener Norden ist ein stillgelegtes Steinkohlenbergwerk, dessen Schacht XII die Architekten Fritz Schupp und Martin Kremmer von 1928 bis 1932 als Ordnung aus Stahlfachwerk, Klinker und Achsen bauten. Gefördert wird hier seit 1986 nicht mehr, und seit Dezember 2001 steht die Anlage auf der Welterbeliste der UNESCO. Ein Bergwerk ist zuerst eine Maschine; auf Zollverein wurde sie so gebaut, dass man ihre Ordnung von außen lesen kann. Wer heute über das Gelände geht, sieht vor allem diese Ordnung: Achsen, Fassaden, ein Fördergerüst.

Ein Name aus der Zollpolitik

Der Name erinnert an den Deutschen Zollverein, der 1834 per Gesetz gegründet wurde. Die Abteufarbeiten für den Schacht, mit dem die Zeche begann, setzten nach Angaben der Stadt Essen am 18. Februar 1847 ein. Veranlasst hatte sie der Ruhrorter Unternehmer Franz Haniel. Die Förderung begann am 1. März 1851.

In den folgenden Jahrzehnten kamen weitere Schachtanlagen hinzu: 3/7/10 im Osten des Grubenfeldes, 4/5/11 im Norden, 6/9 mit Abteufbeginn 1895. Die Eigentümer wechselten. 1920 wurde Zollverein Hüttenzeche der Phoenix AG, die 1926 in den Vereinigten Stahlwerken aufging. Dort fiel 1928 der Beschluss, eine neue Zentralschachtanlage zu bauen.

Schacht XII: eine Zeche als Fließband

Schacht XII entstand von 1928 bis 1932. Am 1. Februar 1932 nahm die Anlage die Förderung auf und übernahm die gesamte Förderung Zollvereins, die älteren Schachtanlagen stellten im selben Jahr ihre Förderung ein. Das Historische Portal der Stadt Essen beschreibt die Anlage als weitgehend automatisiert und am amerikanischen Fordismus orientiert, also am Prinzip des Fließbands.

Die Zahlen hängen davon ab, was man misst. Die Stiftung Zollverein nennt in ihrer Chronik für den Start 12.000 Nettotonnen reiner Steinkohle am Tag. 1972 erreichte der Schacht eine Tiefe von rund 1.000 Metern, täglich wurden nach Stadt und Stiftung mehr als 23.000 Tonnen Rohkohle gefördert. Zwischen 1851 und 1986 kamen insgesamt 240 Millionen Tonnen Kohle aus den Zollverein-Schächten. Über und unter Tage arbeiteten zeitweise bis zu 8.000 Bergleute, über die gesamte Betriebszeit nach Angaben der Stadt mehr als 600.000 Menschen.

Schupp und Kremmer

Entworfen haben die Anlage die Architekten Fritz Schupp (1896 bis 1974) und Martin Kremmer (1894 bis 1945). Die Bauhaus Kooperation, ein Verbund der Bauhaus-Institutionen in Berlin, Dessau und Weimar, beschreibt ihr Vorgehen genau. Die Fassaden sind Vorhangfassaden aus Stahlfachwerk, ausgefacht mit Klinkern. Die Ordnungsprinzipien heißen Symmetrie, Axialität und Staffelung. Die Stiftung Zollverein zählt rund 20 Einzelgebäude, symmetrisch auf zwei Blickachsen angeordnet. Über allem steht das Doppelbock-Fördergerüst. Es ist 55 Meter hoch und wurde nach Wikipedia 1930 in Vollwandbauweise errichtet.

Das Raster ist keine Dekoration. Die Stiftung Zollverein liest in der funktionalen Anordnung der Gebäude den Grundsatz „form follows function“.

Neue Sachlichkeit, Bauhaus, Moderne

Wie man diese Architektur einordnet, hängt von der Quelle ab, und die Quellen formulieren vorsichtig. Die Bauhaus Kooperation nennt die Fassaden neusachlich und Symmetrie, Axialität und Staffelung Kennzeichen einer modernen Formensprache. Den Namen Bauhaus nennt die Seite im Text selbst nicht. Die Stiftung Zollverein beschreibt die Architektur von Schupp und Kremmer in einer Presse-Information vom Januar 2019 als neusachlich und vom Bauhaus beeinflusst. Sie bezeichnet die Stahlfachwerkarchitektur als eigenständige Variante des Bauhaus-Gedankens. Das ist eine Einordnung durch die Trägerin des Geländes, kein Beleg für eine direkte Verbindung der beiden Architekten zur Schule in Weimar oder Dessau, deren Orte Bauhaus-Orte: Weimar, Dessau, Berlin vorstellt. Eine solche Verbindung haben wir nicht gefunden.

Die UNESCO wählt einen weiteren Begriff. In ihrer Entscheidung von 2001 heißt es, die Bauten zeigten die Gestaltungsideen der Moderne, des Modern Movement, angewandt in einem vollständig industriellen Zusammenhang.

Die Kokerei

Auf einem westlichen Teil des Geländes liegt der zweite große Teil des Ensembles. Die Kokerei Zollverein entstand von 1957 bis 1961; Fritz Schupp hat sie im Stil der Schachtanlage realisiert, wie die Bauhaus Kooperation schreibt. In Betrieb ging sie am 12. September 1961, nach Wikipedia mit 192 Öfen. Nach der Erweiterung in den 1970er Jahren waren es 304 Öfen. Die Stadt Essen nennt für diese Zeit eine Temperatur von 1.250 Grad und eine Tagesleistung von 10.000 Tonnen Kohle, aus denen 8.600 Tonnen Koks wurden. In Spitzenzeiten arbeiteten dort 1.000 Menschen.

Auch die Kokerei ist nach Angaben der Stiftung Zollverein in derselben Formensprache gebaut. Man kann an ihr ablesen, wie diese Formensprache drei Jahrzehnte später an einem anderen Prozess weiterarbeitet.

Stilllegung und Welterbe

Am 23. Dezember 1986 endete die Förderung auf Zollverein. Im selben Jahr kaufte nach Wikipedia das Land Nordrhein-Westfalen das Gelände von Schacht XII von der Ruhrkohle AG, die Zeche und Kokerei 1968 übernommen hatte. Die Stiftung Zollverein datiert den Denkmalschutz für das Ensemble auf den 16. Dezember 1986, also auf die Tage vor der Schließung. Die Kokerei lief weiter, bis zum 30. Juni 1993. Sie war die Anlage, mit der die Produktion auf Zollverein endete.

Im Rahmen der Internationalen Bauausstellung Emscher Park (1989 bis 1999) begann 1989 oder 1990 die Sanierung von Schacht XII; die Quellen nennen beide Jahre. Im Dezember 2001 nahm das Welterbekomitee der UNESCO auf seiner 25. Sitzung in Helsinki den „Zollverein Coal Mine Industrial Complex in Essen“ in die Welterbeliste auf, nach den Kriterien (ii) und (iii). Zur Stätte gehören Schacht XII, die Schachtanlage 1/2/8 und die Kokerei. Kriterium (iii) begründet die UNESCO damit, dass die Bauten für eine entscheidende Phase in der Entwicklung der traditionellen Schwerindustrie in Europa stehen.

Kohlenwäsche: das Ruhr Museum

Für die weitere Entwicklung legte das Büro OMA von Rem Koolhaas einen Masterplan vor. Nach Wikipedia entstand er 2001 bis 2002, die Stiftung Zollverein nennt 2002. Die Kohlenwäsche von Schacht XII wurde ab 2003 unter Leitung von OMA und dem Essener Büro Böll und Krabel umgebaut. Wikipedia verzeichnet auch Kritik von Fachleuten an diesem Umbau.

Seit 2010 ist die Kohlenwäsche Sitz des Ruhr Museums, des Regionalmuseums des Ruhrgebiets, getragen von der Stiftung Ruhr Museum. Der Weg hinein führt über eine Rolltreppe. Die Ausstellungsarchitektur des Stuttgarter Architekten HG Merz setzt die Inhalte in die vorhandenen Räume der Wäsche. Die Dauerausstellung hat drei Teile auf drei Ebenen: „Gegenwart“ über das heutige Ruhrgebiet, seine Bilder und Klischees; „Gedächtnis“ über die vorindustrielle Zeit, Archäologie, Natur und Ethnologie; „Geschichte“ über die Industrialisierung, in fünf Akten von der Entstehung der Kohle bis zum Strukturwandel.

Kesselhaus: das Red Dot Design Museum

Im ehemaligen Kesselhaus eröffnete am 29. April 1997 das Design Zentrum Nordrhein-Westfalen sein Museum. Der britische Architekt Norman Foster baute das Gebäude dafür um, nach Wikipedia gemeinsam mit Heinrich Böll. Heute heißt das Haus Red Dot Design Museum Essen und zeigt preisgekrönte Gestaltung. Zur Eröffnung 1997 lief dort die Ausstellung „Rhizom machen“.

Ein Neubau setzt einen Kontrapunkt zu den Stahlfachwerken. 2006 entstand am Eingang des Geländes ein Kubus nach einem Entwurf des japanischen Büros SANAA, ausgeführt von Heinrich Böll. Ob er als Antwort auf das Raster gedacht ist oder nur daneben steht, darf man selbst entscheiden.

Wie man das Gelände liest

Wer Zollverein besucht, kann das Gelände vom Fördergerüst über die Kohlenwäsche bis zur Kokerei abgehen. Dabei lohnt der Blick auf das Detail: auf die Fuge zwischen Stahl und Klinker und auf die Symmetrie der Bauten zu beiden Seiten der Achsen. Wer schon in Selb war, wo aus einer Porzellanfabrik ein Museum wurde, erkennt das Muster: Eine stillgelegte Produktion wird zum Ort, an dem man ihre Geschichte lesen kann. Mehr dazu in Porzellan-Orte: Meißen, Fürstenberg, Selb.

Weiterlesen: Völklinger Hütte: ein Eisenwerk als Denkmal · Rammelsberg: tausend Jahre Bergbau bei Goslar

Häufige Fragen

Wer hat die Zeche Zollverein entworfen?

Die Zentralschachtanlage Schacht XII entwarfen die Architekten Fritz Schupp und Martin Kremmer, gebaut wurde sie von 1928 bis 1932. Ihre Fassaden sind Vorhangfassaden aus Stahlfachwerk, ausgefacht mit Klinkern, und rund 20 Einzelgebäude stehen symmetrisch auf zwei Blickachsen. Die Kokerei Zollverein von 1957 bis 1961 hat Fritz Schupp im Stil der Schachtanlage realisiert.

Ist die Zeche Zollverein ein Bauhaus-Bau?

Nicht im Sinne einer belegten Verbindung zur Schule. Die Stiftung Zollverein beschreibt die Architektur als neusachlich und vom Bauhaus beeinflusst, die UNESCO spricht von Gestaltungsideen der Moderne. Eine direkte Verbindung von Schupp und Kremmer zum Bauhaus in Weimar oder Dessau belegen die gelesenen Quellen nicht.

Seit wann ist die Zeche Zollverein Welterbe?

Das Welterbekomitee der UNESCO nahm die Zeche im Dezember 2001 auf seiner Sitzung in Helsinki in die Welterbeliste auf, nach den Kriterien (ii) und (iii). Zur Stätte gehören Schacht XII, die Schachtanlage 1/2/8 und die Kokerei. Die Förderung hatte am 23. Dezember 1986 geendet, die Kokerei lief bis zum 30. Juni 1993.

Was wir nicht wissen

Die Seite der UNESCO-Welterbeliste haben wir nicht öffnen können; die Angaben zur Einschreibung stammen aus der Entscheidung des Komitees. Eine direkte Verbindung von Schupp und Kremmer zum Bauhaus als Schule belegen unsere Quellen nicht, sie sprechen von Einfluss. Wer das Kesselhaus ursprünglich entwarf, haben wir nicht belegt. Für den Masterplan von OMA nennen Wikipedia und Stiftung unterschiedliche Jahre. Ob die Sanierung von Schacht XII 1989 oder 1990 begann, geben die Quellen ebenfalls unterschiedlich an. Ob Schacht XII schon vor dem 16. Dezember 1986 unter Denkmalschutz stand, geben die Quellen unterschiedlich an.

Stand: 13.10.2026. Quellen siehe unten.

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