Völklinger Hütte: ein Eisenwerk als Denkmal

Die Völklinger Hütte an der Saar erzeugte bis 1986 Roheisen und ist seit 1994 Welterbe. Zu ihrer Geschichte gehört Zwangsarbeit in beiden Weltkriegen.

Text: Redaktion · 6 Minuten · Stand

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Die Völklinger Hütte in Völklingen an der Saar ist ein Eisenwerk, dessen Hochöfen von 1883 bis 1986 Roheisen erzeugten; seit 1994 steht es auf der Welterbeliste der UNESCO. Erz, Koks, Wind und Gas liefen hier zusammen, bis Roheisen herauskam. Ein Hochofen ist kein Gebäude, er ist ein Prozess, der Gestalt angenommen hat. Heute kann man die Wege nachgehen, die diese Stoffe nahmen. Das Gelände ist Ausstellungsort, und es ist ein Ort, an dem Menschen gegen ihren Willen arbeiten mussten.

Vom Puddelwerk zur Hochofenhütte

Die Geschichte beginnt nicht mit einem Hochofen. Nach der Chronik des Weltkulturerbes Völklinger Hütte gründete der Hütteningenieur Julius Buch 1873 bei Völklingen ein Puddel- und Walzwerk. Ende 1873 erzeugten dort zwölf Puddelöfen Luppeneisen und eiserne Träger. Das Werk hielt nicht lange. Billige Einfuhren, nachdem Einfuhrzölle weggefallen waren, zwangen es im Dezember 1878 in die Liquidation. Reste dieses Puddelwerks von 1873 sind nach Angaben der UNESCO bis heute erhalten, im Kraftwerk unterhalb der Hochöfen.

1881 kaufte der Saarbrücker Unternehmer Carl Röchling das stillgelegte Werk. 1883 begann der Hochofenbetrieb. Zwischen 1882 und 1889 ließ Röchling vier Siedlungen für Arbeiter und ihre Familien bauen. Die Bauhaus Kooperation, ein Verbund der Bauhaus-Institutionen in Berlin, Dessau und Weimar, fasst zusammen, dass die Familie Röchling das Werk im frühen 20. Jahrhundert ausbaute. Die Chronik spricht von sechs Hochöfen, die über eine Hängebahn versorgt wurden.

Was erhalten ist

Was die Anlage für die UNESCO ausmacht, ist ihre Vollständigkeit. Die Welterbeliste führt das Eisenwerk seit 1994, nach den Kriterien (ii) und (iv). Kriterium (ii) betrifft technische Neuerungen der Roheisenerzeugung, die hier entwickelt oder im industriellen Maßstab angewandt wurden. Kriterium (iv) beschreibt Völklingen als Beispiel eines integrierten Roheisenwerks, wie es die Branche im 19. und frühen 20. Jahrhundert prägte. Die Anlagen, so die UNESCO, sind in dem Zustand, in dem die Produktion 1986 endete. Das Gesamtbild sei das eines Eisenwerks der 1930er Jahre.

Die UNESCO datiert die erhaltenen Teile einzeln. Große Teile der Gerüste und Bühnen der Hochöfen sind seit ihrem Bau um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert nicht verändert worden. Der Kohlenturm stammt von 1898. Hängebahn und Trockengasreinigung kamen 1911 hinzu. Die Kokerei wurde 1935 umgebaut, danach kamen keine neuen Anlagen mehr dazu. Zur Stätte gehört auch eine Sinteranlage, nach Angaben der European Route of Industrial Heritage (ERIH) seit 1928 in Betrieb. Das Werk umfasst nach UNESCO rund sechs Hektar und prägt das Stadtbild von Völklingen. Als Kulturdenkmal ist es seit 1987 geschützt.

Die Gebläsehalle

Ein Hochofen gibt Gas ab, und in Völklingen suchte man dafür eine Verwendung. Nach Angaben des Weltkulturerbes zeigten Versuche, dass sich Gichtgas, das Gas aus dem Hochofen, als Brennstoff für Motoren eignet. Die Brüder Röchling errichteten daraufhin ein Maschinenhaus in einigem Abstand zu den Hochöfen.

1900 begann der Bau einer neuen Gebläsehalle für vier große Gasgebläse. 1901 ging dort ein Gasgebläse in Betrieb. Mit der wachsenden Eisenerzeugung kamen weitere Maschinen dazu; als Bauzeit der Halle nennt das Weltkulturerbe die Jahre 1900 bis 1938. So ließ sich das Gas, das die Hochöfen in großen Mengen erzeugten, wieder nutzen. Die UNESCO verzeichnet Gasgebläsemaschinen aus den Jahren 1905 bis 1914 als erhalten. Das Faltblatt des Weltkulturerbes hebt die Schwungräder der Gebläsemaschinen hervor.

Seit 1996 dient die Gebläsehalle für Veranstaltungen und Ausstellungen. Für eine Ausstellung im Jahr 2020 wurden vorhandene Einbauten entfernt.

Die Möllerhalle

Die Möllerhalle war das Rohstofflager der Hütte. Gebaut wurde sie 1913, nach Angaben des Weltkulturerbes als früher Großbau aus Stahlbeton. Die Bauhaus Kooperation datiert die Halle auf 1912 bis 1913. Nach ihrer Einschätzung gelten die Halle und der Wasserturm von 1917 bis 1918 als Wegbereiter der Industriearchitektur.

Der Betrieb lief über die Schiene. Lokomotiven zogen die Erzwagen in die Halle, das Erz wurde nach Sorten getrennt in die Bunker entladen. In den Bunkertaschen lagerten Eisenerz und Sinter für den laufenden Betrieb. Das Rohstoffgleis ist erhalten, die Wartungsbühnen dienen heute als Aussichtspunkte. 73 Jahre lang war die Halle in Betrieb, bis zur Stilllegung des Werks. Ihre Nutzfläche gibt das Weltkulturerbe mit rund 3.000 Quadratmetern an.

Für Ausstellungen wurden die Bunkertaschen durch Durchbrüche in den Seitenwänden verbunden. Seit 2004 ist im Untergeschoss das Science Center Ferrodrom untergebracht.

Die Hochöfen und der Weg des Erzes

Die Hochöfen bilden die Mitte des Geländes. ERIH beschreibt eine Reihe von sechs Hochöfen, umgeben von Koksöfen, und einen Schrägaufzug für das Erz, der wenige Jahre vor dem Wasserturm von 1918 entstand. Wer den Weg vom Rohstoffgleis über die Möllerhalle und den Schrägaufzug bis zu den Öfen abgeht, liest die Anlage in der Reihenfolge, in der sie gearbeitet hat.

Zwangsarbeit in zwei Weltkriegen

Zur Geschichte des Werks gehört Zwangsarbeit, und das Weltkulturerbe stellt sie in seiner Chronik dar. Im Ersten Weltkrieg produzierte das Werk Rüstungsgüter und Stahl für den deutschen Stahlhelm. Die Hüttenarbeiter wurden eingezogen. Ihre Plätze nahmen Frauen ein und, nach der Darstellung des Weltkulturerbes rechtswidrig, Kriegsgefangene.

Im Zweiten Weltkrieg setzten die Röchling-Werke ab Frühsommer 1940 Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene ein. Nach der Chronik arbeiteten mehr als 12.000 ausländische Menschen verschiedener Nationen für die Hütte und ihre Nebenbetriebe, die meisten von ihnen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter oder Kriegsgefangene. Mehr als 250 von ihnen starben dort. Das Faltblatt des Weltkulturerbes von 2024 nennt dieselbe Zahl für beide Weltkriege zusammen.

Hermann Röchling hatte den Anschluss des Saargebiets an das nationalsozialistische Deutschland unterstützt. Am 30. Januar 1938 ernannte ihn Hermann Göring zum Wehrwirtschaftsführer. Im Rastatter Prozess 1948 bis 1949 wurde er zu zehn Jahren Haft verurteilt, verbunden mit Vermögenseinzug und dem Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte. 1951 kam er frei.

In der Sinteranlage richtete der Künstler Christian Boltanski 2018 einen Erinnerungsort ein: „Die Zwangsarbeiter – Erinnerungsort in der Völklinger Hütte“. Die Installation besteht aus metallenen Archivkästen, Kleidung, Licht und Ton. Zu hören sind die Namen der Zwangsarbeiter der Hütte, geflüstert. In der Möllerhalle ist eine weitere Arbeit Boltanskis dauerhaft zu sehen, „Erinnerungen | Souvenirs | Memories“.

Stilllegung und Welterbe

Nach dem Krieg stand das Werk unter französischer Verwaltung und ging 1956 an die Familie Röchling zurück. 1971 folgte der Zusammenschluss mit Burbach, 1980 ging ein neues Stahlwerk in Betrieb. Die Stahlkrise kostete zwischen 1975 und 1986 nach der Chronik 8.500 Arbeitsplätze. Am 4. Juli 1986 wurden die Hochöfen der Völklinger Hütte stillgelegt.

Acht Jahre später nahm die UNESCO das Eisenwerk in die Welterbeliste auf. Das Gelände gehört nach Angaben der UNESCO einer landeseigenen Gesellschaft, ein Managementplan regelt Erhalt und Besucherlenkung. 1999 gründete das Saarland nach der Chronik eine neue Trägergesellschaft. Als Betreiberin nennt das Faltblatt von 2024 die Europäisches Zentrum für Kunst und Industriekultur GmbH.

Ein Ausstellungsort

Die Hütte zeigt heute wechselnde Ausstellungen in ihren Hallen. Das Faltblatt von 2024 nennt unter anderem eine Ausstellung zum deutschen Film mit der Deutschen Kinemathek, eine Ausstellung zur Rohstoffgewinnung in der Erzhalle und die Urban Art Biennale, die seit 2011 alle zwei Jahre stattfindet. Auf dem Gelände der Kokerei hat sich nach Angaben des Faltblatts eine Wildnis entwickelt, die das Weltkulturerbe „Paradies“ nennt. Wer heute kommt, sieht also beides: die stillgelegte Technik und das, was in ihr gezeigt wird oder in ihr wächst.

Völklingen und Zollverein

Wer die Zeche Zollverein in Essen kennt, erkennt ein Muster wieder: Eine stillgelegte Industrieanlage wird zum Ort, an dem man ihre Geschichte lesen kann und an dem ausgestellt wird. Der Unterschied liegt im Gegenstand. In Essen geht es um die Förderung von Kohle, in Völklingen um die Erzeugung von Roheisen.

Weiterlesen: Zeche Zollverein: Architektur der Arbeit · Speicherstadt: Lager, Backstein, Zollgrenze · Fagus-Werk Alfeld: Glas, Stahl, Schuhleisten · Rammelsberg: tausend Jahre Bergbau bei Goslar

Häufige Fragen

Seit wann ist die Völklinger Hütte Welterbe?

Die UNESCO führt das Eisenwerk seit 1994 auf der Welterbeliste, nach den Kriterien (ii) und (iv). Sie würdigt technische Neuerungen der Roheisenerzeugung und die Vollständigkeit der Anlage als Beispiel eines integrierten Roheisenwerks. Nach der UNESCO sind die Anlagen in dem Zustand erhalten, in dem die Produktion 1986 endete.

Wann wurde die Völklinger Hütte stillgelegt?

Die Hochöfen der Völklinger Hütte wurden am 4. Juli 1986 stillgelegt. Zuvor hatte die Stahlkrise zwischen 1975 und 1986 nach der Chronik des Weltkulturerbes 8.500 Arbeitsplätze gekostet. Der Hochofenbetrieb hatte 1883 begonnen, zwei Jahre nachdem Carl Röchling das stillgelegte Werk gekauft hatte.

Gab es Zwangsarbeit in der Völklinger Hütte?

Ja. Im Ersten Weltkrieg arbeiteten nach der Darstellung des Weltkulturerbes rechtswidrig Kriegsgefangene im Werk, im Zweiten Weltkrieg setzten die Röchling-Werke ab Frühsommer 1940 Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene ein. Nach der Chronik arbeiteten mehr als 12.000 ausländische Menschen für die Hütte und ihre Nebenbetriebe, mehr als 250 von ihnen starben dort. In der Sinteranlage erinnert seit 2018 eine Installation von Christian Boltanski an sie.

Was wir nicht wissen

Die Seite des Weltkulturerbes zur Zwangsarbeit haben wir nicht geöffnet; die Angaben stammen aus dessen Chronik. Ob sich die Zahl von mehr als 12.000 ausländischen Arbeitskräften auf den Zweiten Weltkrieg oder auf beide Weltkriege bezieht, geben Chronik und Faltblatt unterschiedlich an. Für die Fläche der Möllerhalle nennen Weltkulturerbe und ERIH sehr verschiedene Werte; wir geben nur die Nutzfläche nach Angaben des Weltkulturerbes wieder. Wer die Gasgebläse baute, belegen unsere Quellen nicht. Die Höhe der Hochöfen haben wir nicht eindeutig belegt.

Stand: 13.10.2026. Quellen siehe unten.

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