Fagus-Werk Alfeld: Glas, Stahl, Schuhleisten
Das Fagus-Werk in Alfeld, ab 1911 mit Glasfassaden von Gropius und Meyer gebaut, ist seit 2011 Welterbe. Dort entstehen bis heute Schuhleisten aus Buche.
Das Fagus-Werk in Alfeld an der Leine in Niedersachsen ist ein Fabrikbau aus gelbem Ziegel und Glas, dessen Fassaden Walter Gropius und Adolf Meyer gestalteten; gebaut wurde ab 1911. Der Bau arbeitet noch: Hier werden bis heute Schuhleisten hergestellt, die hölzernen Formen, über die ein Schuh gebaut wird. Seit 2011 steht das Fagus-Werk auf der Welterbeliste der UNESCO.
Ein Leistenmacher mit einer These
Der Bauherr war Carl Benscheidt. Die Neue Deutsche Biographie nennt seine Lebensdaten: geboren am 17. Januar 1858 in Othmaringhausen bei Halver in Westfalen, gestorben am 31. August 1947 in Alfeld. Er lernte Maschinenbau am Technikum Mittweida. Eine schwache Gesundheit führte ihn zur Naturheilkunde und von dort zu der Frage, wie ein Schuh gebaut sein sollte.
Seine These betraf den Leisten. Benscheidt trat, nach einem Schweizer Vorbild, dafür ein, Schuhe über einseitig geschwungene Leisten zu fertigen. Üblich waren damals symmetrische Leisten, bei denen man die Schuhe täglich zwischen linkem und rechtem Fuß wechseln musste, damit sie sich gleichmäßig abnutzten. Er fertigte Leisten zunächst selbst. Nach einigen Jahren an der Spitze einer Alfelder Leistenfabrik gründete er 1911 dort sein eigenes Unternehmen, die Faguswerke. Wikipedia datiert die Gründung auf 1910.
Der Name ist Material. Fagus ist das lateinische Wort für die Buche, wie der Deutsche Kulturrat festhält. Buchenholz ist der Rohstoff für Schuhleisten.
Ein fertiger Plan und neue Fassaden
Für den Bau gab es bereits einen Entwurf. Ihn hatte der Architekt Eduard Werner angefertigt. Benscheidt hielt ihn, so die Bauhaus Kooperation, für nicht modern genug. Er wandte sich an Walter Gropius, damals ein unbekannter Architekt, wie das Bildarchiv Foto Marburg schreibt. Gropius und Adolf Meyer hatten beide im Büro von Peter Behrens gearbeitet. Sie überarbeiteten den bereits genehmigten Bauantrag. Den Grundriss Werners behielten sie nach Angaben von Vielfalt der Moderne weitgehend bei, neu gestalteten sie die Fassaden.
Die Bauarbeiten begannen 1911. Nach Wikipedia ging Benscheidt im Januar 1911 auf Gropius zu, gebaut wurde ab Mai. Das Bildarchiv Foto Marburg spricht von zwei Bauabschnitten. Nach Wikipedia wurde das Hauptgebäude 1913 erweitert, und Gropius und Meyer waren von da an allein für die Bauten verantwortlich. Die Zusammenarbeit dauerte, ebenfalls nach Wikipedia, bis 1925. Gropius gründete später das Bauhaus.
Was Gropius von einer Fabrik erwartete, hat er im selben Jahr formuliert. Am 29. Januar 1911 forderte er in einem Vortrag im Folkwang-Museum in Hagen Fabriken mit Licht, Luft und Sauberkeit für die Arbeitenden. So gibt es der Kulturrat-Beitrag von Karl-Heinz Duwe wieder.
Wie das Glas um die Ecke geht
Das Hauptgebäude hat nach Vielfalt der Moderne drei Geschosse. Seine Außenwände sind fast vollständig in Fensterflächen aufgelöst, schreibt das Bildarchiv Foto Marburg. Diese Flächen laufen über die Geschosse und über die Ecken. Gropius trennte das verdeckte bauliche Gerüst von der vorgehängten, durchsichtigen Fläche. Damit nahm er, so Marburg, die Vorhangfassade vorweg, die mehr als ein Jahrzehnt später zu einer Grundform des Neuen Bauens wurde.
Die Ecken sind der Punkt, an dem man das sieht. Dort, wo zwei Glaswände aufeinandertreffen, steht keine Stütze. Die Bauhaus Kooperation erklärt das mit einer Stahlbewehrung, die im Dach über den Ecken verborgen ist. Der übrige Bau ist konventionell aus Ziegeln gemauert.
Ganz frei hängt das Glas allerdings nicht. Vielfalt der Moderne beschreibt regelmäßig gesetzte, leicht geneigte Ziegelpfeiler, zwischen denen die Glasfläche sitzt. Das Mauerwerk ist gelb. Nach Wikipedia stehen die Bauten auf einem Sockel aus dunklem Ziegel von etwa 40 Zentimetern Höhe. Auch Treppenhaus und Innenausstattung kamen aus dem Büro Gropius und sind nach Vielfalt der Moderne weitgehend erhalten.
Was die UNESCO darin sieht
Das Welterbekomitee hat das Fagus-Werk 2011 auf seiner 35. Sitzung in die Liste aufgenommen, nach den Kriterien (ii) und (iv). Die Entscheidung trägt die Nummer 35 COM 8B.31. Die UNESCO datiert den Entwurf auf um 1910 und schreibt ihn Walter Gropius zu. Meyer und Benscheidt nennt sie nicht.
Die Begründung ist deutlich formuliert, und sie ist eine Wertung der UNESCO. Zu Kriterium (ii) heißt es, der Bau spiegele einen Austausch zwischen deutschen, europäischen und nordamerikanischen Architekten und sei der Ausgangspunkt der Bauhaus-Bewegung. Zu Kriterium (iv) nennt die UNESCO ihn ein Manifest der Moderne in der Architektur und hebt die Vorhangfassade hervor.
Zur Stätte gehören nach der Entscheidung zehn Gebäude. Sie seien in Grundriss und Form vollständig erhalten, keines sei hinzugekommen oder abgerissen worden. Unter Denkmalschutz steht das Werk seit 1946; der Kulturrat-Beitrag schreibt den Schutz der britischen Besatzungsmacht zu. Für die Restaurierung nennen die Quellen unterschiedliche Zeiträume. Die UNESCO spricht von 1985 bis 2001, die Bauhaus Kooperation und der Kulturrat von 1984 bis 2004, Vielfalt der Moderne von 1982 bis 2002. Eigentümerin ist nach Angaben der UNESCO die Fagus-Grecon Greten GmbH & Co. KG.
Ein Werk, das noch arbeitet
Das Fagus-Werk ist kein Museum, das eine stillgelegte Produktion zeigt. Die UNESCO hält fest, dass das Werk in Betrieb ist. Nach der Projektreportage der Niedersächsischen Staatskanzlei läuft die klassische Fertigung hölzerner Schuhleisten dort weiter.
Der Kulturrat-Beitrag von 2020 beschreibt, wie sich das Gewicht verschoben hat. Bis in die frühen 1970er Jahre arbeiteten mehr als 400 Menschen in der Leisten- und Stanzmesserfertigung, 2020 waren es knapp 50. Die Originalmodelle entstehen weiterhin aus Buche, teils von Hand. 1974 traten mit Gerd und Ernst Greten zwei Urenkel des Gründers in die Leitung ein. Sie brachten Maschinen und elektronische Produkte ins Haus. Brandschutz- und Messtechnik beschäftigten nach dem Beitrag 2020 am Standort Alfeld 460 Menschen.
Die Ausstellung im Werk
Zu sehen ist das Werk nicht nur von außen. Nach dem Kulturrat-Beitrag liegt die Fagus-Gropius-Ausstellung in einem ehemaligen Lagerhaus, in dem früher Schuhleisten trockneten. Sie verteilt sich über elf Etagen und rund 3.000 Quadratmeter und zeigt mehr als 30.000 Originalmodelle aus dem Leistenarchiv. So lässt sich im Werk selbst nachvollziehen, wofür das Glas gebaut wurde.
Dazu kommt ein Besucherzentrum zum Welterbe. Die Niedersächsische Staatskanzlei beschreibt es im historischen Spänehaus, mit einer digitalen Ausstellung, einer 3D-Darstellung der Bauphasen und einer digitalen Recherchestation. Die Bauhaus Kooperation erwähnt Führungen. Aktuelle Zeiten und Bedingungen nennen wir hier nicht; sie ändern sich.
Wie man den Bau liest
Ein guter Anfang ist eine Ecke. Dort sieht man, was der Entwurf leistet: das Glas, das ohne Stütze den Winkel nimmt, und darunter den dunklen Sockel, der den Bau auf den Boden stellt. Dann lohnt der Blick auf die Pfeiler, die Vielfalt der Moderne als leicht geneigt beschreibt. Sie zeigen, dass die Vorhangfassade hier noch mit dem Mauerwerk verhandelt.
Und man sollte sich klarmachen, wofür die Fenster da sind. Hinter dem Glas wurde gearbeitet, und es wird gearbeitet. Alfeld zeigt eine Fabrik, in der Architekturgeschichte und laufende Produktion unter demselben Dach liegen.
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Häufige Fragen
Wer hat das Fagus-Werk gebaut?
Bauherr war der Leistenfabrikant Carl Benscheidt, der für seinen Neubau einen Entwurf des Architekten Eduard Werner hatte. Weil er ihn für nicht modern genug hielt, beauftragte er Walter Gropius, der mit Adolf Meyer den genehmigten Bauantrag überarbeitete. Den Grundriss behielten sie weitgehend bei, neu gestalteten sie die Fassaden; die Bauarbeiten begannen 1911.
Warum ist das Fagus-Werk UNESCO-Welterbe?
Das Welterbekomitee nahm das Fagus-Werk 2011 nach den Kriterien (ii) und (iv) in die Liste auf. Nach der Begründung der UNESCO spiegelt der Bau einen Austausch zwischen deutschen, europäischen und nordamerikanischen Architekten und ist der Ausgangspunkt der Bauhaus-Bewegung. Sie nennt ihn ein Manifest der Moderne in der Architektur und hebt die Vorhangfassade hervor.
Werden im Fagus-Werk noch Schuhleisten hergestellt?
Ja, nach der Niedersächsischen Staatskanzlei läuft die klassische Fertigung hölzerner Schuhleisten dort weiter, und die UNESCO hält fest, dass das Werk in Betrieb ist. Die Originalmodelle entstehen aus Buche, teils von Hand. In der Leisten- und Stanzmesserfertigung arbeiteten nach einem Beitrag des Deutschen Kulturrats 2020 knapp 50 Menschen.
Was wir nicht wissen
Ob die Firma 1910 oder 1911 gegründet wurde, geben NDB und Wikipedia unterschiedlich an. Den genauen Tag der Einschreibung haben wir an den UNESCO-Seiten nicht gefunden, eine Marburger Quelle nennt den 25. Juli 2011, das Auswärtige Amt meldete die Entscheidung am 25. Juni 2011. Für die Restaurierung nennen die Quellen drei verschiedene Zeiträume. Die Zahlen zu Beschäftigten und Ausstellung stammen aus einem Beitrag von 2020; den heutigen Stand haben wir nicht geprüft. Dass Bauhaus-Lehrer und -Studenten an der Innenausstattung mitwirkten, belegt in unseren Quellen nur Wikipedia, daher steht es nicht im Text.
Stand: 13.10.2026. Quellen siehe unten.
Quellen
- Fagus Factory in Alfeld (UNESCO World Heritage Centre) (öffnet in neuem Tab)
- Decision 35 COM 8B.31: Fagus Factory in Alfeld (Germany) (UNESCO World Heritage Centre) (öffnet in neuem Tab)
- UNESCO: Fagus-Werk, Pressemitteilung vom 25.06.2011 (Auswärtiges Amt) (öffnet in neuem Tab)
- Benscheidt, Carl August (Deutsche Biographie, Neue Deutsche Biographie 2, 1955) (öffnet in neuem Tab)
- Fagus Factory, Ortsdetailseite (Bauhaus Kooperation Berlin Dessau Weimar) (öffnet in neuem Tab)
- Fagus-Werk Factory, Alfeld (Bauhaus Kooperation Berlin Dessau Weimar, Wissen) (öffnet in neuem Tab)
- Fagus-Werk, Das besondere Bild (Bildarchiv Foto Marburg, Philipps-Universität Marburg) (öffnet in neuem Tab)
- Karl-Heinz Duwe: Ein lebendes Denkmal (Deutscher Kulturrat, Politik & Kultur 5/2020) (öffnet in neuem Tab)
- Projektreportage Besucherzentrum Fagus-Werk (Niedersächsische Staatskanzlei) (öffnet in neuem Tab)
- Alfeld (Leine): Fagus Factory (Vielfalt der Moderne, Daniela Christmann) (öffnet in neuem Tab)
- Fagus Factory (Wikipedia, ergänzend) (öffnet in neuem Tab)