Speicherstadt: Lager, Backstein, Zollgrenze

Die Hamburger Speicherstadt entstand ab 1885 als Lagerviertel im Freihafen, auf Holzpfählen gegründet. Seit 2015 ist sie mit dem Kontorhausviertel Welterbe.

Text: Redaktion · 6 Minuten · Stand

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Faktencheck läuft. Einzelne Angaben in diesem Beitrag prüfen wir gerade noch einmal an den Quellen.

Die Speicherstadt ist ein Viertel aus Lagerhäusern aus rotem Backstein zwischen der Hamburger Altstadt und der Elbe, gebaut ab 1885 in drei Abschnitten bis 1927. Sie entstand nicht für den Blick, sondern für eine Grenze: die Zollgrenze zwischen einem Freihafen und dem Deutschen Reich. Die Speicher stehen auf schmalen Inseln, getrennt von Wasserläufen, den Fleeten. Nebenan liegt das Kontorhausviertel mit dem Chilehaus. Seit 2015 stehen beide gemeinsam auf der Welterbeliste der UNESCO. Dieser Guide folgt der Geschichte der Gebäude, ihrer Bauweise und den Waren, für die sie gebaut wurden.

Eine Stadt tritt dem Zollgebiet bei

Mit der Reichsgründung 1871 wurde Hamburg Teil des Deutschen Kaiserreichs, so fasst es die Europäische Route der Industriekultur zusammen. Die Sonderstellung der Stadt im Handel musste neu geregelt werden. Nach der Chronik von Hamburg Marketing unterzeichnete Hamburg 1881 den Vertrag mit dem Reich. Die Kaufleute behielten das Vorrecht, eingeführte Waren zollfrei zu lagern und zu bearbeiten.

Die Stadt Hamburg beschreibt den Zusammenhang knapp: Anlass für den Bau der Speicherstadt war der für 1888 vereinbarte Anschluss Hamburgs an das Reichszollgebiet. Als Ausgleich entstand der Freihafenbereich. Er diente nach der ICOMOS-Evaluierung für die UNESCO der zollfreien Abfertigung ausländischer Waren. Am 15. Oktober 1888 wurde der Freihafen eröffnet. Das Fact Sheet von Hamburg Marketing nennt den 29. Oktober 1888 für die Einweihung durch Kaiser Wilhelm II.

Ein Wohnviertel weicht den Speichern

Der Platz für die Speicher lag nicht leer. 1883 beschloss die Stadt nach ERIH, im Gebiet Kehrwieder neue Hafenanlagen zu bauen. Die Chronik von Hamburg Marketing schreibt, dass die Quartiere Kehrwieder und Wandrahm geräumt wurden: rund 1.000 Häuser, mehr als 20.000 Bewohner. Die Stadt siedelte die Betroffenen um, oft ohne Entschädigung.

Gebaut wurde nach der UNESCO ab 1885, in drei Abschnitten. Einen technischen Gesamtplan gab es nach ICOMOS bereits 1882. Der erste Abschnitt mit den Blöcken A bis O war 1888 fertig, der zweite mit den Blöcken P und Q/R entstand von 1891 bis 1896, der dritte mit den Blöcken S bis X von 1899 bis 1927. Bauherrin war nach dem Fact Sheet von Hamburg Marketing die Hamburger Freihafen-Lagerhaus-Gesellschaft, aus der später die HHLA hervorging. Die technische Leitung lag nach ICOMOS vor allem beim Ingenieur Franz Andreas Meyer.

Das Ergebnis misst nach dem Fact Sheet rund 26 Hektar und zieht sich etwa 1,5 Kilometer über die früheren Elbinseln Kehrwieder und Wandrahm. Die UNESCO zählt 15 große Speicherblöcke, sechs Nebengebäude und rund 300.000 Quadratmeter Fläche.

Auf Holz gegründet

Die Speicher stehen auf Pfählen. Nach dem Fact Sheet von Hamburg Marketing sind es rund 3,5 Millionen Holzpfähle, bis zu 12 Meter tief. Bei der Holzart unterscheiden sich die Angaben. Die Stadt Hamburg nennt Pfahlgründungen aus 12 Meter langen Nadelholzstämmen, der Verein UNESCO-Welterbestätten Deutschland spricht von Eichenpfählen.

Backstein außen, Technik innen

Die Fassaden sind aus rotem Backstein, überwiegend in neugotischen Formen der sogenannten Hannoverschen Bauschule, wie die Stadt Hamburg schreibt. ERIH beschreibt kleine Türme, Erker und Figuren aus glasierter Terrakotta. Die UNESCO fasst den Widerspruch in einen Satz: historistisch im Erscheinungsbild, technisch auf der Höhe ihrer Zeit.

Hinter dem Backstein steckt ein Skelettbau. ICOMOS nennt elektrische Beleuchtung und hydraulisch betriebene Antriebe für Winden und Plattformaufzüge. Jeder Block ist von zwei Seiten erreichbar: von der Straße und vom Fleet. Nach dem Fact Sheet gab es Winden zur Wasser- und zur Landseite. ICOMOS beschreibt Windenaufbauten, die die Dachlinie durchbrechen, das Fact Sheet spricht von Windenauslegern.

Ein Gebäude fällt aus der Reihe der Speicher. Das sogenannte Rathaus der Speicherstadt entstand nach der Stadt Hamburg 1902 bis 1904 nach Plänen des Büros Hanssen & Meerwein.

Kaffee, Tee, Gewürze, Teppiche

Die Chronik von Hamburg Marketing nennt für die Böden in erster Linie sogenannte Kolonialwaren wie Tee, Kaffee und Gewürze. ERIH zählt zu den Waren, die das Speicherstadtmuseum zeigt, Kautschuk, Kakao, Tee, Gewürze, Teppiche und vor allem Kaffee. Wie eine dieser Waren entsteht, beschreibt Kaffee: von der Kirsche zur Bohne; die Geschichte eines Gewürzes erzählt Pfeffer: Geschichte eines Handelsguts.

Mit den Waren kamen Berufe. Die Quartiersleute wogen die Ware, begutachteten und sortierten sie, teils mit Maschinen, teils von Hand. So beschreibt es Hamburg Tourismus für die Ausstellung des Museums. Die Ewerführer brachten die Güter auf Schuten zu den Speichern; ihr Beruf ist nach derselben Quelle fast verschwunden.

Krieg, Denkmalschutz, Ende des Freihafens

Im Zweiten Weltkrieg wurde ein großer Teil der Speicherstadt zerstört. Die Angaben reichen von mehr als 40 Prozent im Fact Sheet über etwa die Hälfte bei ICOMOS bis zu über 50 Prozent in der Chronik. Den Wiederaufbau datiert die UNESCO teilweise auf 1949 bis 1967, das Fact Sheet beginnt ihn 1952, in Anlehnung an die historischen Formen.

Nach dem Fact Sheet von Hamburg Marketing steht die Speicherstadt seit dem 15. Mai 1991 unter Denkmalschutz, mit Straßen, Fleeten, Kais und Brücken. Mit dem 1. Januar 2003 endete nach der Chronik von Hamburg Marketing der Freihafenstatus der Speicherstadt. Seitdem liegt die Speicherstadt nicht mehr im Freihafen.

Das Kontorhausviertel und das Chilehaus

Wo die Speicherstadt Waren lagerte, saßen im Kontorhausviertel die Büros. Kontorhäuser waren nach dem Fact Sheet Bürohäuser zur Miete, vor allem für kleinere Firmen aus dem Hafenumfeld. Für das Viertel wurde ab 1913 das Gängeviertel abgerissen. 1914 gab es einen Wettbewerb, 1926 überarbeitete Fritz Schumacher die Planung.

Das Chilehaus entwarf Fritz Höger. Es entstand 1922 bis 1924, mit zehn Geschossen und rund 36.000 Quadratmetern Geschossfläche. Bauherr war nach dem Fact Sheet von Hamburg Marketing Henry Brarens Sloman, der Salpeter aus Chile einführte; verbaut wurden nach derselben Quelle rund 4,8 Millionen Ziegel. Die spitz zulaufende Ecke erinnert an einen Schiffsbug. Die Fassade des Chilehauses ist nach ICOMOS mit Klinker verkleidet, traditionell und doch vereinfacht. Ebenfalls 1922 bis 1924 entstand nach ICOMOS der Meßberghof. Der Mohlenhof folgte 1927 bis 1928, der Sprinkenhof in zwei ersten Abschnitten 1927 bis 1930 und in einem dritten 1939 bis 1943.

Welterbe seit 2015

2015 trug die UNESCO die „Speicherstadt and Kontorhaus District with Chilehaus“ in die Welterbeliste ein, nach Kriterium (iv). Die geschützte Fläche umfasst 26,08 Hektar, die Pufferzone 56,17 Hektar. Der Verein UNESCO-Welterbestätten Deutschland beschreibt das Ensemble als maritime Speicher und moderne Bürobauten der 1920er Jahre, die zeigen, wie der Welthandel im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert wuchs.

Das Speicherstadtmuseum

Wer die Geschichte an einem Ort sehen möchte, findet sie im Speicherstadtmuseum. Es liegt nach ERIH in Block L am Sandtorkai, einem Speicher von 1888, und wurde 1995 gegründet. ERIH beschreibt es als private Außenstelle des Museums der Arbeit. Gezeigt werden Waren, Werkzeuge und Geräte der Speicherarbeit; nach Hamburg Tourismus etwa Griepen, Kautschukballen, Kaffeesäcke und Zuckerklatschen. Dazu kommen der Tee- und Kaffeehandel und die Baugeschichte mit historischen Fotos und Plänen.

Worauf Sie achten können

  • Die Windenaufbauten im Dach. Sie zeigen, wie die Waren in die Speicher kamen.
  • Die zwei Seiten jedes Blocks. Straße und Fleet gehören zusammen; die Wasserseite war Ladeseite.
  • Die Terrakotta. Glasierte Figuren und Zierformen sitzen zwischen dem Backstein.
  • Den Wechsel im Material. Neben dem roten Backstein der Speicher steht der Klinker des Chilehauses mit seinem Bug.

Was beim Rösten von Kaffee und Kakao geschieht, steht in Maillard-Reaktion: warum Rösten Geschmack macht.

Häufige Fragen

Warum wurde die Hamburger Speicherstadt gebaut?

Anlass war der für 1888 vereinbarte Anschluss Hamburgs an das Reichszollgebiet. Als Ausgleich entstand ein Freihafenbereich, in dem die Kaufleute eingeführte Waren weiter zollfrei lagern und bearbeiten durften. Die Speicherstadt lag bis 2003 im Freihafen und diente der Lagerung vor allem von Kolonialwaren wie Tee, Kaffee und Gewürzen.

Wann wurde die Speicherstadt gebaut?

Nach der UNESCO wurde ab 1885 in drei Abschnitten gebaut: Der erste mit den Blöcken A bis O war 1888 fertig, der zweite entstand 1891 bis 1896, der dritte 1899 bis 1927. Für den Bau wurden die Quartiere Kehrwieder und Wandrahm geräumt, rund 1.000 Häuser mit mehr als 20.000 Bewohnern. Den Beschluss zum Bau neuer Hafenanlagen im Gebiet Kehrwieder datiert ERIH auf 1883.

Seit wann ist die Speicherstadt Welterbe?

Die UNESCO hat die Speicherstadt 2015 gemeinsam mit dem Kontorhausviertel und dem Chilehaus in die Welterbeliste eingetragen, nach Kriterium (iv). Die geschützte Fläche umfasst 26,08 Hektar, die Pufferzone 56,17 Hektar. Unter Denkmalschutz steht die Speicherstadt nach dem Fact Sheet von Hamburg Marketing seit dem 15. Mai 1991.

Was wir nicht wissen

Die Quellen datieren den Beginn unterschiedlich: Die Stadt Hamburg nennt 1883, die UNESCO beginnt den Bau der Speicher 1885. Ob die Pfähle aus Nadelholz oder aus Eiche sind, beschreiben sie verschieden; welche Angabe zutrifft, haben wir nicht klären können. Für die Kriegsschäden nennen sie zwischen mehr als 40 und über 50 Prozent, für den Beginn des Wiederaufbaus 1949 oder 1952. Den Träger des Speicherstadtmuseums haben wir nur über ERIH geprüft, nicht über eine Seite des Museums selbst.

Weiterlesen: Zeche Zollverein: Architektur der Arbeit

Stand: 13.10.2026. Quellen siehe unten.

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