Montanregion Erzgebirge: Bergbau, Stadt, Handwerk
Die Montanregion Erzgebirge ist seit 2019 Welterbe: 22 Bestandteile in Sachsen und Tschechien, rund 800 Jahre Bergbau auf Silber, Zinn, Kobalt und Uran.
Die Montanregion Erzgebirge/Krušnohoří ist seit 2019 UNESCO-Welterbe, eine Bergbaulandschaft aus 22 Bestandteilen über die deutsch-tschechische Grenze hinweg. Geschützt sind rund 800 Jahre nahezu durchgehender Bergbau vom 12. bis ins 20. Jahrhundert, auf Zinn, Silber, Kobalt und zuletzt Uran. Wer durch das Erzgebirge fährt, sieht den Bergbau oft erst auf den zweiten Blick. Eine bewachsene Halde, ein Huthaus, ein Graben, der Wasser zu einem Rad führte. Die Städte dazwischen sind keine Zufälle der Landschaft. Viele von ihnen stehen dort, wo man Erz fand.
Ein Welterbe in 22 Teilen
Das Welterbekomitee hat die „Erzgebirge/Krušnohoří Mining Region“ 2019 auf seiner 43. Sitzung in Baku in die Welterbeliste aufgenommen, als Kulturlandschaft und nach den Kriterien (ii), (iii) und (iv). Die TU Chemnitz datiert die Aufnahme auf Juli 2019. Die Stätte ist seriell: Sie besteht nach Angaben der UNESCO aus 22 Bestandteilen. Ein Faltblatt der Wirtschaftsförderung Erzgebirge schlüsselt sie auf: 17 liegen auf sächsischer Seite, fünf auf tschechischer.
Die UNESCO beschreibt rund 800 Jahre nahezu durchgehenden Bergbau auf mehrere Metalle, vom 12. bis ins 20. Jahrhundert. Zinn wurde über die ganze Zeit hinweg gewonnen. Silber prägte vor allem das Jahrhundert von 1460 bis 1560. Vom 16. bis ins 18. Jahrhundert kam Kobalt hinzu, das mit den Silbererzen vorkam. Im späten 19. und im 20. Jahrhundert schließlich wurde Uran gefördert. Auf tschechischer Seite liegt Jáchymov, wo nach der UNESCO ab 1520 Taler geprägt wurden, eine Münze, an der sich viele europäische Währungen orientierten.
Die Namen der Bestandteile lesen sich wie eine Karte des Gewerbes: Bergbaulandschaften, ein Verwaltungszentrum, ein Blaufarbenwerk, eine Saigerhütte für die Trennung von Silber und Kupfer, eine Bergstadt. Wer reist, wählt deshalb besser einige Orte und sieht sie genau an, als alle abzufahren.
Berggeschrey: wie Städte entstanden
Für die schnelle Nachricht von einem reichen Erzfund hat das Deutsche ein eigenes Wort: Berggeschrey. Die UNESCO schreibt, dass im 15. und 16. Jahrhundert Bergstädte unmittelbar neben den Silberfunden entstanden, ohne längere Planung, und dass ihre Anlage ihre Rolle als Verwaltungsorte widerspiegelt.
Am Anfang steht Freiberg. Nach dem Welterbe-Faltblatt der Stadt begann der Freiberger Bergbau der Sage nach im Jahr 1168. Nach Angabe der Stadt wurde dort von 1168 bis 1968 fortlaufend Silber abgebaut. Zur Montanlandschaft Freiberg zählen nach der Stadt die historische Altstadt, das Nordrevier, die Bergbaulandschaften Gersdorf, Zug und Brand-Erbisdorf, die Himmelfahrt Fundgrube und das bergbauliche Wasserwirtschaftssystem.
Schneeberg folgte erst Ende des 15. Jahrhunderts. Der Tourismusverband Erzgebirge schreibt, bedeutende Silberfunde gegen Ende des 15. Jahrhunderts hätten zur ungeplanten und raschen Entstehung der Bergstadt geführt. Die Kirche St. Wolfgang ließ Kurfürst Friedrich der Weise zwischen 1516 und 1540 bauen; bezahlt wurde sie aus einer Abgabe der Bergleute und Grubenbesitzer. Vom 16. bis ins 19. Jahrhundert war das Schneeberger Revier zudem ein bedeutender Fundort für Kobalterze. Zum Welterbe gehört auch das Blaufarbenwerk Schindlers Werk, das die UNESCO als Smalt Works führt.
Zu Annaberg-Buchholz gehören unter anderem die Montanlandschaft Annaberg-Frohnau und die Bergbaulandschaft Buchholz. Zur ersten gehören nach der Nominierungsübersicht von 2017 die historische Altstadt von Annaberg und der Frohnauer Hammer. Den Silberfund am Schreckenberg datiert Wikipedia auf 1491/92; eine Quelle der Stadt konnten wir dazu nicht öffnen.
Die Bergakademie Freiberg
Der Bergbau brauchte Fachleute. Die TU Bergakademie Freiberg nennt als Gründungsdatum den 21. November 1765. Sie ordnet die Gründung als Maßnahme der sächsischen Regierung ein, die Wirtschaft nach dem Siebenjährigen Krieg (1756 bis 1763) wieder in Gang zu bringen, der Sachsen wirtschaftlich verwüstet hatte. Den Vorschlag reichten Friedrich Anton von Heynitz und Friedrich Wilhelm von Oppel am 15. November 1765 ein. Ziel war, die Ausbildung der Beamten mit fachlichen Aufgaben zu heben. Das Faltblatt der Stadt nennt das Oppel’sche Haus, in dem ab 1766 gelehrt wurde.
Prägend für die frühen Jahre war nach Darstellung der Universität der Gelehrte Abraham Gottlob Werner (1749 bis 1817), berufen 1775. Zu seiner Zeit kamen unter anderen Alexander von Humboldt, Leopold von Buch und Friedrich Mohs nach Freiberg. Die UNESCO hält fest, dass in Freiberg bis heute zum Bergbau geforscht wird. Die Hochschule selbst ist kein Bestandteil des Welterbes; sie steht für das Wissen, das aus den Gruben kam.
Vom Zinn zum Holz: Seiffen
Nicht jedes Revier blieb ergiebig. Wie aus dem Niedergang ein neues Gewerbe wurde, zeigt Seiffen. Konrad Auerbach vom Erzgebirgischen Spielzeugmuseum Seiffen beschreibt es in einem Text von 2018. Als „cynsifen“ ist das Gebiet 1324 erstmals urkundlich erwähnt. Um 1560 gilt Bergbau im festen Gestein als gesichert. Ein ständiges Auf und Ab und ein deutlicher Verfall des Zinnbergbaus zwangen die Bewohner aus wirtschaftlicher Not, das Holz der Umgebung gewerblich zu nutzen. Zuerst als Nebenerwerb, im 18. Jahrhundert zunehmend als bestimmendes Gewerbe.
Im Mittelpunkt stand das Drechseln. Um 1764 entstanden in Waldkirchen und Grünhainichen Verlagshäuser, die den Absatz organisierten. Eine Technik ist nach Auerbach nur in Seiffen und Umgebung beheimatet: das Reifendrehen, bei dem ein nasser Ring aus Fichtenholz, der Reifen, auf der Drehbank bearbeitet wird. Um 1880 galten nach dem Museum Archen als wichtiger Exportartikel nach Übersee.
Der Bergbau blieb als Motiv. Am Anfang der Bergmannsdarstellungen im Seiffener Gebiet stehen nach Auerbach lichttragende Bergmannsfiguren; gedrechselte Bergleute lassen sich ab dem Beginn des 19. Jahrhunderts datieren. Etwa seit 1860 gehörten Bergmann und Engel fest zum Schaffen der Familien. Nach 1800 entstand die Drehpyramide, und der Spinnenleuchter geht auf die einfache Bergspinne zurück. Besonders deutlich, so Auerbach, berührten sich Bergmannskultur und Volkskunst im Weihnachtsfest.
Das Museum selbst geht auf eine 1936 eröffnete Spielzeug-Werbeschau zurück. Am 5. Juli 1953 wurde das Haus als Heimat- und Spielzeugmuseum neu eröffnet. Es zeigt rund 5.000 Exponate, vor allem aus Holz. Das Seiffener Kunsthandwerk ist kein Bestandteil des Welterbes, wird aber als zugehöriger Ort geführt.
Uran und Wismut
Das 20. Jahrhundert brachte einen anderen Bergbau. Nach der TU Chemnitz wurde Uran vor allem in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts im Westerzgebirge abgebaut, nachdem man es Ende des 19. Jahrhunderts in Jáchymov entdeckt hatte. Nach dem DGUV forum begannen sowjetische Fachleute 1946 mit dem gezielten Abbau. Bis 1953 wurden die ostdeutschen Vorkommen nach Darstellung des Bundestages als Reparationsleistung für das Atomprogramm der Sowjetunion ausgebeutet. Das Unternehmen hieß bis 1953 SAG Wismut, danach SDAG Wismut.
Die Zahlen sind groß. Von 1946 bis 1990 arbeiteten nach dem DGUV forum rund 500.000 Menschen für die Wismut, mit einem Höchststand von 130.000 im Jahr 1950. Bis Ende 1990 wurden nach dem Bundeswirtschaftsministerium etwa 231.000 Tonnen Uran gewonnen. Die ersten zehn Jahre waren von hoher Belastung und kaum vorhandenem Schutz geprägt, mit starkem Staub durch Trockenbohren. Erst in den 1950er Jahren sanken Staub- und Strahlenbelastung durch Nassbohren und Bewetterung. Von 1946 bis 1990 wurden nach dem DGUV forum 14.533 Fälle von Silikose und 5.508 strahlenbedingte bösartige Erkrankungen als Berufskrankheit anerkannt.
Zum Welterbe gehört die Bergbaulandschaft Uranerzbergbau. Nach der Nominierungsübersicht liegt sie in Bad Schlema und Aue, mit dem Schachtkomplex 371 und einer Haldenlandschaft. Die Wismut-Hauptverwaltung in Chemnitz ist ein zugehöriger Ort. Seit 1991 saniert die Wismut GmbH die Hinterlassenschaften im Auftrag der Bundesregierung. Der Bundestag nannte 2021 mehr als eine Milliarde Tonnen radioaktiver Rückstände, die stabilisiert wurden, und bis dahin 6,8 Milliarden Euro an Bundesmitteln.
Wie man die Region liest
Das Erzgebirge ist kein Freilichtmuseum mit einem Eingang. Es ist eine Landschaft, in der dieselbe Frage immer neu beantwortet wurde: Was tun, wenn ein Erz kommt, und was, wenn es geht. Silber brachte Städte und Kirchen, das Wissen brachte eine Hochschule, der Niedergang des Zinns brachte ein Holzhandwerk, das Uran eine lange Sanierung. Wer eine Halde, eine Altstadt und ein Museum an einem Tag sieht, hat diese Geschichte in drei Kapiteln vor sich.
Wer schon im Ruhrgebiet oder an der Saar war, erkennt die spätere Fortsetzung: Auch dort wurde aus stillgelegter Produktion ein Ort, an dem man sie lesen kann.
Weiterlesen: Zeche Zollverein: Architektur der Arbeit · Völklinger Hütte: ein Eisenwerk als Denkmal · Porzellan-Orte: Meißen, Fürstenberg, Selb · Rammelsberg: tausend Jahre Bergbau bei Goslar
Häufige Fragen
Warum ist das Erzgebirge UNESCO-Welterbe?
Das Welterbekomitee nahm die Montanregion Erzgebirge/Krušnohoří 2019 als Kulturlandschaft auf, nach den Kriterien (ii), (iii) und (iv). Die UNESCO beschreibt rund 800 Jahre nahezu durchgehenden Bergbau auf Zinn, Silber, Kobalt und Uran, vom 12. bis ins 20. Jahrhundert. Dazu gehören auch die Bergstädte, die im 15. und 16. Jahrhundert unmittelbar neben den Silberfunden entstanden.
Welche Orte gehören zur Montanregion Erzgebirge?
Die Welterbestätte besteht aus 22 Bestandteilen, 17 auf sächsischer und fünf auf tschechischer Seite. Dazu zählen unter anderem die Montanlandschaft Freiberg, Schneeberg mit dem Blaufarbenwerk Schindlers Werk, die Montanlandschaft Annaberg-Frohnau, die Bergbaulandschaft Uranerzbergbau und auf tschechischer Seite Jáchymov. Das Seiffener Kunsthandwerk und die Wismut-Hauptverwaltung in Chemnitz sind keine Bestandteile, werden aber als zugehörige Orte geführt.
Warum gibt es im Erzgebirge so viel Holzkunst?
Nach Konrad Auerbach vom Erzgebirgischen Spielzeugmuseum Seiffen zwang der Verfall des Zinnbergbaus die Bewohner von Seiffen aus wirtschaftlicher Not, das Holz der Umgebung gewerblich zu nutzen. Aus dem Nebenerwerb wurde im 18. Jahrhundert zunehmend das bestimmende Gewerbe, im Mittelpunkt stand das Drechseln. Der Bergbau blieb als Motiv erhalten, etwa in gedrechselten Bergleuten und im Spinnenleuchter.
Was wir nicht wissen
Das Tagesdatum der Aufnahme in die Welterbeliste nennen die geöffneten UNESCO-Seiten nicht. Für Annaberg haben wir das Jahr des Silberfunds nur ergänzend belegt; die Seiten der Stadt waren nicht abrufbar. Ein Gründungsjahr der Stadt Annaberg nennen wir deshalb nicht. Freibergs Anfangsjahr 1168 gibt die Stadt selbst als Überlieferung an. Wann genau die SAG Wismut gegründet wurde, belegen unsere Quellen nicht. Die Zuordnung der Uran-Bestandteile zu Bad Schlema und Aue stammt aus einer Nominierungsübersicht von 2017, nicht aus der UNESCO-Liste.
Stand: 13.10.2026. Quellen siehe unten.
Quellen
- Erzgebirge/Krušnohoří Mining Region (UNESCO World Heritage Centre) (öffnet in neuem Tab)
- Decision 43 COM 8B.26: Erzgebirge/Krušnohoří Mining Region (UNESCO World Heritage Centre) (öffnet in neuem Tab)
- Erzgebirge/Krušnohoří Mining Region, Cartes (UNESCO World Heritage Centre) (öffnet in neuem Tab)
- Montanregion Erzgebirge/Krušnohoří, Faltblatt 2019 (Wirtschaftsförderung Erzgebirge GmbH) (öffnet in neuem Tab)
- Adventskalender 2019, Türchen 1: Montanregion Erzgebirge (TU Chemnitz) (öffnet in neuem Tab)
- Welterbe Freiberg, Faltblatt 2026 (Stadtverwaltung Freiberg, Amt für Kultur-Stadt-Marketing) (öffnet in neuem Tab)
- A historical outline (TU Bergakademie Freiberg) (öffnet in neuem Tab)
- Welterbe-Entdeckertour in Schneeberg, Pressemitteilung vom 09.02.2024 (Tourismusverband Erzgebirge e.V.) (öffnet in neuem Tab)
- Sächsische Bestandteile für den Welterbeantrag Montanregion Erzgebirge/Krušnohoří, Übersicht 2017 (veröffentlicht von der Gemeinde Zschorlau) (öffnet in neuem Tab)
- Berggeschrey (Wikipedia, ergänzend) (öffnet in neuem Tab)
- Konrad Auerbach: Zur Entstehung und frühen Entwicklung der erzgebirgischen Spielwarenfertigung, 2018 (Erzgebirgisches Spielzeugmuseum Seiffen) (öffnet in neuem Tab)
- Konrad Auerbach: Bergbau in der Volkskunst, 2018 (Erzgebirgisches Spielzeugmuseum Seiffen) (öffnet in neuem Tab)
- Erzgebirgisches Spielzeugmuseum Seiffen, Pressetext (Erzgebirgisches Spielzeugmuseum Seiffen) (öffnet in neuem Tab)
- Ausstellung zur Uranerzbergbau-Sanierung durch die Wismut GmbH (Deutscher Bundestag, Textarchiv 2021, KW 22) (öffnet in neuem Tab)
- Heinz Otten, Klaus Friedrich: Uranerzbergbau Wismut – eine Langzeitaufgabe, DGUV forum 7-8/2023 (Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung) (öffnet in neuem Tab)
- BMWK: Wismut – Uranerzbergbausanierung (öffnet in neuem Tab)