Mathildenhöhe: Künstlerkolonie als Ausstellung
Die Mathildenhöhe in Darmstadt wurde ab 1901 als Ausstellung der Künstlerkolonie bebaut, mit Häusern, Turm und Halle. Seit 2021 ist sie UNESCO-Welterbe.
Die Mathildenhöhe ist ein Hügel in Darmstadt, auf dem zwischen 1901 und 1914 für vier Ausstellungen der Künstlerkolonie des Großherzogs Ernst Ludwig Häuser, Ateliers, ein Turm und eine Ausstellungshalle gebaut wurden. Seit 2021 steht das Ensemble auf der Welterbeliste der UNESCO. Die Häuser waren nicht nur Kulisse. Sie waren selbst das, was gezeigt wurde.
Ein Großherzog beruft Künstler
Der Initiator war Ernst Ludwig, Großherzog von Hessen und bei Rhein. Der Rat für Formgebung beschreibt ihn als Sohn Ludwigs IV. und Enkel von Queen Victoria, angezogen von der Arts-and-Crafts-Bewegung und mit dem Ziel, das Kunsthandwerk zu reformieren. Die UNESCO nennt ihn einen fortschrittlichen und wirtschaftlich denkenden Landesherrn.
Für die Gründung der Künstlerkolonie nennt die Mathildenhöhe in ihrem Fact Sheet das Jahr 1899. Der Rat für Formgebung schreibt, der Großherzog habe in diesem Jahr sieben Künstler berufen, darunter Hans Christiansen aus Paris, Joseph Maria Olbrich aus Wien und Peter Behrens aus München. Die UNESCO setzt früher an. Sie schreibt, die Mathildenhöhe sei 1897 von Ernst Ludwig als Zentrum für die aufkommenden Reformbewegungen gegründet worden. Auf dem Gelände stand da bereits ein anderer Bau: die Russische Kapelle der heiligen Maria Magdalena, nach der UNESCO 1897 bis 1899 errichtet.
Die Kolonie bestand bis 1914. Sie hatte in dieser Zeit 23 Mitglieder, so die Mathildenhöhe; das Réseau Art Nouveau Network führt sie namentlich auf, unter ihnen Rudolf Bosselt, Ludwig Habich, Bernhard Hoetger, Friedrich Wilhelm Kleukens und Albin Müller.
1901: Ein Dokument deutscher Kunst
Die Reihe der Ausstellungen begann am 15. Mai 1901, so der Rat für Formgebung. Ihr Titel lautete „Ein Dokument deutscher Kunst“. Das MAK in Wien verzeichnet in seiner Bibliothek eine bibliophile Ausgabe mit diesem Titel und dem Untertitel „Die Ausstellung der Künstler-Kolonie in Darmstadt 1901“.
Die Gesamtleitung der Bauten lag nach dem Rat für Formgebung bei Olbrich. Gezeigt wurden temporäre Bauten und acht vollständig eingerichtete Häuser. Das Prinzip war einfach: Wer die Ausstellung besuchte, ging durch bewohnbare Räume, deren Möbel, Stoffe und Geräte aus demselben Entwurf kamen wie die Fassade.
Im Zentrum stand ein Atelierbau. Olbrich, der von 1867 bis 1908 lebte, entwarf das Ernst-Ludwig-Haus 1900 und 1901 als Mittelpunkt dieser Ausstellung. In den Flügeln lagen die Ateliers der Künstler. Am Eingang stehen zwei überlebensgroße Portalfiguren des Bildhauers Ludwig Habich, die nach der Mathildenhöhe für Kraft und Schönheit stehen.
Peter Behrens baut sein Haus
Eines der Häuser von 1901 entwarf nicht Olbrich, sondern Peter Behrens: sein eigenes, das er auch selbst einrichtete. Vielfalt der Moderne beschreibt ihn als Künstler, Grafiker, Schriftentwerfer und Gestalter von Produkten und Möbeln, bevor er Architekt wurde. Dass er sich das Bauen selbst beigebracht hatte, stieß damals bei manchen Fachleuten auf Ablehnung.
Das Haus Behrens hat drei Geschosse über einem fast quadratischen Grundriss. Die Fassade ist hellgrau verputzt und mit grün glasierten Verblendziegeln und blauroten Eisenklinkern gegliedert. Das Eingangsportal zeigt stilisierte Adlerschwingen, die nach Vielfalt der Moderne auf die Philosophie Nietzsches anspielen. Über dem westlichen Sturz steht die Inschrift „Steh’ fest mein Haus im Weltgebraus“. Behrens gestaltete das Haus, so dieselbe Quelle, von der Fassade bis zum Besteck. Gewohnt hat er darin nicht; er verkaufte es kurz nach der Fertigstellung.
1944 brannte das Haus aus. Erhalten blieben die Außenmauern mit den Klinkerpilastern und der grünen Keramik. Was Behrens später für die Industrie entwarf, zeichnen wir im Beitrag über Linoleum nach; wie sein Büro mit dem Fagus-Werk in Alfeld zusammenhängt, steht im Beitrag über diesen Bau.
Der Hochzeitsturm
Der Turm aus dunklem Klinker ist ebenfalls ein Entwurf Olbrichs. Nach der Mathildenhöhe entstand er von 1905 bis 1908 und war für die dritte Ausstellung auf dem Hügel geplant, eine Landesausstellung für freie und angewandte Kunst im Jahr 1908. Seinen Namen trägt er wegen der zweiten Ehe des Großherzogs mit Eleonore zu Solms-Hohensolms-Lich. Ein Sandsteinrelief von Heinrich Jobst über dem Portal erinnert an die Hochzeit am 2. Februar 1905. Die Inschrift darüber nennt die Stadt Darmstadt als Bauherrin und die Jahre 1907 bis 1908.
Die Höhe geben die Quellen leicht unterschiedlich an: knapp 50 Meter nach der Mathildenhöhe, etwa 48,5 Meter nach Vielfalt der Moderne. Über einem breiten, verputzten Sockel steigt der Schaft aus dunklem Klinker auf, mit Fensterbändern, die an den Ecken sitzen. Oben schließen fünf Spitzen aus dunkel glasierten Ziegeln ab. Die UNESCO vergleicht die Form mit einer erhobenen Hand. Zu einer Aussichtsebene führen nach der Mathildenhöhe 209 Stufen, nach Vielfalt der Moderne 195.
Im Innern liegen zwei Fürstenzimmer, ausgemalt von Fritz Hegenbart und Philipp Otto Schäfer. Sie werden heute auch für Trauungen genutzt. Zwei Wandmosaiken im Turm schuf Friedrich Wilhelm Kleukens im Jahr 1914. Von ihm stammt auch die Sonnenuhr auf der schmalen Südseite, ein Mosaik mit den zwölf Tierkreiszeichen; wie solche Instrumente die Zeit anzeigen, erklärt unser Beitrag über Sonnenuhren. Die Uhr auf der Nordseite entwarf Albin Müller, ebenfalls 1914. Ein Bombenangriff 1944 zerstörte nach der Mathildenhöhe nur das Dach der fünf Spitzen, das später erneuert wurde.
Das Ausstellungsgebäude
Neben dem Turm liegt, flach und lang gestreckt, das Ausstellungsgebäude. Auch dieser Bau ist von Olbrich, errichtet 1907 bis 1908. Er besteht aus Stahlbeton und ist mit hellgrauem Rauputz verkleidet. Die Anlage ist asymmetrisch: ein Eingangsbau unter einem Zeltdach, ein Treppenpavillon im Süden, davor eine große Terrasse über gestaffelten Pergolen aus gegossenen Betonpfeilern. Die Mathildenhöhe beschreibt den Bau als Gegenstück zum massiven Klinkerturm.
Unter dem Gebäude liegt ein Wasserreservoir von 1880, geplant von dem Ingenieur Otto Lueger und nach der Mathildenhöhe bis 1994 in Betrieb. Nach der UNESCO beschrieben Zeitgenossen den Bau als Akropolis und als Stadtkrone.
Olbrich starb 1908. Die Ausstellung von 1914 leitete nach dem Rat für Formgebung Albin Müller. Das Ausstellungsgebäude wird seit 1908 für Ausstellungen, Veranstaltungen und Tagungen genutzt. In den 1970er Jahren wurde es umfassend umgebaut; parallel zur Welterbe-Bewerbung wurde es nach dem Fact Sheet energetisch und denkmalgerecht saniert.
Was die UNESCO darin sieht
Das Welterbekomitee hat die Mathildenhöhe Darmstadt 2021 auf seiner erweiterten 44. Sitzung eingeschrieben, nach den Kriterien (ii) und (iv). Die Entscheidung trägt die Nummer 44 COM 8B.18. Nach der UNESCO umfasst die Stätte 5,37 Hektar, die Pufferzone 76,54 Hektar.
Zur Stätte zählt die UNESCO unter anderem den Hochzeitsturm und das Ausstellungsgebäude als Mittelpunkt, 13 Häuser und Ateliers, die für die Kolonie und die Ausstellungen gebaut wurden, eine Häusergruppe von 1904, den rechteckig angelegten Platanenhain, die Russische Kapelle und das Lilienbecken. Die Bewertung ist eine der UNESCO: Zu Kriterium (ii) nennt sie die Mathildenhöhe einen Prototyp der Moderne, zu Kriterium (iv) ein Ensemble von Architektur in einer gestalteten Landschaft. Olbrich und Behrens nennt sie ausdrücklich als die Architekten, die das Vorhaben umsetzten.
Das Museum Künstlerkolonie
Das Ernst-Ludwig-Haus ist heute das Museum Künstlerkolonie. Nach dem Fact Sheet zeigt die Dauerausstellung Arbeiten der Mitglieder und den historischen Zusammenhang der Mathildenhöhe. Damit ist der Atelierbau von 1901 wieder ein Ort, an dem die Kolonie zu sehen ist, diesmal als Sammlung. Öffnungszeiten und Bedingungen nennen wir hier nicht; sie ändern sich.
Wie man den Hügel liest
Ein guter Anfang ist das Ernst-Ludwig-Haus mit seinen Portalfiguren. Es steht für 1901 und für den Gedanken, dass Künstler hier arbeiten und zugleich ausstellen sollten. Von dort lässt sich zum Haus Behrens gehen, an dem man sieht, dass ein Mitglied derselben Kolonie eigene Wege ging: mit Klinker, grüner Keramik und Räumen, die jeweils aus einer geometrischen Grundform entwickelt sind.
Dann der Schritt nach 1908. Turm und Ausstellungsgebäude sind sieben Jahre jünger. Der dunkle Turm und der helle, liegende Betonbau stehen nebeneinander wie zwei Antworten auf dieselbe Aufgabe. Wer die Mathildenhöhe so abgeht, sieht eine Ausstellung, die zu großen Teilen stehen blieb.
Weiterlesen: Fagus-Werk Alfeld: Glas, Stahl, Schuhleisten · Linoleum: Leinöl, Kork, Jute · Sonnenuhren: Zeit aus Schatten · Sichtbeton: wenn die Schalung zur Oberfläche wird · Zeche Zollverein: Architektur der Arbeit · Porzellan-Orte: Meißen, Fürstenberg, Selb · Bergpark Wilhelmshöhe: Wasser als Bauwerk
Häufige Fragen
Was war die Künstlerkolonie auf der Mathildenhöhe?
Die Künstlerkolonie war eine Gruppe von Künstlern, die Großherzog Ernst Ludwig von Hessen und bei Rhein nach Darmstadt berief; das Fact Sheet der Mathildenhöhe nennt 1899 als Gründungsjahr. Unter den sieben Künstlern, die er in diesem Jahr berief, waren Hans Christiansen, Joseph Maria Olbrich und Peter Behrens. Die Kolonie bestand bis 1914 und hatte in dieser Zeit 23 Mitglieder.
Warum ist die Mathildenhöhe UNESCO-Welterbe?
Das Welterbekomitee schrieb die Mathildenhöhe Darmstadt 2021 nach den Kriterien (ii) und (iv) ein. Zu Kriterium (ii) nennt die UNESCO sie einen Prototyp der Moderne, zu Kriterium (iv) ein Ensemble von Architektur in einer gestalteten Landschaft. Zur Stätte gehören unter anderem der Hochzeitsturm, das Ausstellungsgebäude, 13 Häuser und Ateliers, der Platanenhain und die Russische Kapelle.
Wer hat den Hochzeitsturm in Darmstadt gebaut?
Der Hochzeitsturm ist ein Entwurf von Joseph Maria Olbrich, entstand nach der Mathildenhöhe von 1905 bis 1908 und war für die Ausstellung von 1908 geplant; die Inschrift nennt die Stadt Darmstadt als Bauherrin. Seinen Namen trägt er wegen der zweiten Ehe des Großherzogs Ernst Ludwig mit Eleonore zu Solms-Hohensolms-Lich im Jahr 1905. Die Quellen nennen eine Höhe zwischen 48 und knapp 50 Metern.
Was wir nicht wissen
Ob man die Gründung auf 1897 oder 1899 datiert, hängt davon ab, ob man die Mathildenhöhe als Ort oder die Künstlerkolonie meint; die UNESCO nennt 1897, die Mathildenhöhe selbst 1899. Für die Höhe des Hochzeitsturms nennen die Quellen Werte zwischen 48 und knapp 50 Metern, für die Zahl der Stufen 209 und 195. Die Seiten der Mathildenhöhe haben wir in der englischen Fassung gelesen; den deutschen Originaltitel der Ausstellung von 1908 und die deutschen Namen der Portalfiguren haben wir dort nicht am Wortlaut geprüft.
Stand: 14.10.2026. Quellen siehe unten.
Quellen
- Mathildenhöhe Darmstadt (UNESCO World Heritage Centre) (öffnet in neuem Tab)
- Decision 44 COM 8B.18: Mathildenhöhe Darmstadt (Germany) (UNESCO World Heritage Centre) (öffnet in neuem Tab)
- Fact Sheet 2026 (Mathildenhöhe Darmstadt, Pressedownload) (öffnet in neuem Tab)
- Wedding Tower (Mathildenhöhe Darmstadt, Welterbe, Gebäude und Objekte) (öffnet in neuem Tab)
- Exhibition Hall (Mathildenhöhe Darmstadt, Welterbe, Gebäude und Objekte) (öffnet in neuem Tab)
- Exhibition Hall (mathildenhoehe-darmstadt.de, Gebäude und Objekte) (öffnet in neuem Tab)
- Ernst Ludwig House (mathildenhoehe-darmstadt.de, Gebäude und Objekte) (öffnet in neuem Tab)
- 125 Years of Mathildenhöhe (Rat für Formgebung, Design Perspectives) (öffnet in neuem Tab)
- Darmstadt: Hochzeitsturm (Vielfalt der Moderne, Daniela Christmann) (öffnet in neuem Tab)
- Darmstadt: Haus Behrens (Vielfalt der Moderne, Daniela Christmann) (öffnet in neuem Tab)
- Darmstadt, Mathildenhöhe (Réseau Art Nouveau Network) (öffnet in neuem Tab)
- Ein Dokument deutscher Kunst. Die Ausstellung der Künstler-Kolonie in Darmstadt 1901 (MAK Wien, Sammlung Online, BI 12748) (öffnet in neuem Tab)