Kriegshanf: Hemp for Victory und die Hanffibel
Kriegshanf: Die USA warben 1942, das Deutsche Reich um 1943 für Faserhanf, weil beide Seilfasern einführten und der Krieg Ersatz verlangte. Film, Fibel, Folgen.
Laut Quellen des US-Landwirtschaftsministeriums und dem Historiker Uwe Spiekermann warben die USA um 1942 und das Deutsche Reich um 1943 für Faserhanf, weil beide Seile, Garne und grobe Gewebe großteils aus eingeführten Fasern herstellten und der Krieg Ersatz aus dem eigenen Land verlangte. In den USA kam nach einem Merkblatt der Universität Minnesota vom Januar 1943 kein Manilahanf mehr von den Philippinen; das Landwirtschaftsministerium warb mit dem Lehrfilm „Hemp for Victory“, der Staat ließ 42 Hanfwerke bauen. Das Deutsche Reich hatte 1913 nach Spiekermann rund 55.000 Tonnen Hanf eingeführt und nur etwa 100 Tonnen selbst erzeugt, 1932 wuchs Hanf dort nur noch auf rund 200 Hektar; im Zuge der NS-Autarkiepolitik gab der Reichsnährstand eine gereimte Anbauanleitung heraus, „Die lustige Hanffibel“, die meist auf 1943 datiert wird.
Auf einen Blick
- „Hemp for Victory“ ist ein Lehrfilm des US-Landwirtschaftsministeriums von rund 14 Minuten, schwarz-weiß und mit Ton; die National Agricultural Library datiert ihn auf „circa 1942“.
- Für 1943 forderte die US-Regierung 300.000 Acres Hanf, umgerechnet rund 121.000 Hektar, nach Jahren mit 13.000 Acres oder weniger.
- Bepflanzt wurden 1943 rund 175.000 Acres, 1944 noch rund 65.000; die 42 staatlichen Hanfwerke kosteten mehr als 12 Millionen Dollar.
- „Die lustige Hanffibel“ des Reichsnährstands hat nach einem Bibliothekskatalog 31 Seiten und erklärt den Anbau in Versen, mit Abbildungen.
- Nach dem Krieg ging der US-Anbau rasch zurück; in Wisconsin hielt sich eine kleine Faserindustrie bis 1958.
Warum fehlte den USA 1942 die Faser?
Weil die USA ihre Seilfasern überwiegend einführten und der Krieg diese Einfuhren abschnitt. Nach dem Economic Research Service (ERS) des US-Landwirtschaftsministeriums hatten billigere Jute und Abaká, der Manilahanf, den heimischen Hanf schon vor dem Krieg weitgehend verdrängt; im Krieg fielen diese Einfuhren aus. Das Merkblatt aus Minnesota hält fest, die Einfuhr von Manilahanf von den Philippinen habe vollständig aufgehört, und der Mangel an Schiffsraum begrenze auch Sisal und Jute.
Der Film argumentiert ebenso. Nach einer Abschrift des Kommentars spricht er von philippinischen und ostindischen Hanfquellen „in den Händen der Japaner“ (Übersetzung). Gebraucht wurde die Faser danach für Tauwerk zum Takeln und Schleppen, für Feuerwehrschläuche, Schuhgarn für Soldaten und Gurtband für Fallschirme. Was die Faser dafür eignet, beschreibt unser Beitrag Hanffaser als Material.
Was zeigt der Film „Hemp for Victory“?
Er ist eine Anleitung für Landwirte zu Anbau, Ernte und Verarbeitung, eingeleitet von einem Rückblick auf die Geschichte der Faserpflanze. Die National Agricultural Library (NAL) des Ministeriums verwahrt ihn als 16-Millimeter-Kopie und beschreibt als Inhalt Anbau und Ernte von Hanf und Hanfsaat sowie Herstellung und militärische Verwendung von Faser und grobem Tuch. Die Sammlung des American Institute of the History of Pharmacy (AIHP) nennt Raymond Evans als Regisseur, Brittain B. Robinson als Autor und Lee D. Vickers als Sprecher; ausführlich gezeigt werde der Anbau in Wisconsin und Kentucky.
Wie groß war das amerikanische Hanfprogramm?
Es wuchs binnen eines Jahres auf ein Vielfaches der Vorkriegsfläche, blieb aber hinter dem Ziel zurück. Nach dem ERS beauftragte die Commodity Credit Corporation (CCC) des Ministeriums die Gesellschaft War Hemp Industries, Inc., eine „halbamtliche Organisation“ (Übersetzung), mit der Erzeugung von Saatgut und Faser. Das Findbuch der National Archives verzeichnet deren Gründungs- und Auflösungsunterlagen sowie Akten zum Kriegshanfprogramm aus den Jahren 1942 bis 1947.
In Minnesota bot die CCC Anbauverträge über 60.000 Acres an. Anbauer brauchten eine Bundeslizenz nach dem Marihuana Tax Act von 1937; die CCC reichte die unterschriebenen Verträge als Lizenzanträge ein und zahlte die Gebühren.
Die Ergebnisse nannte S. H. McCrory, Leiter der Hanfabteilung der CCC, im Mai 1945 vor dem Finanzausschuss des US-Senats: 1943 seien rund 175.000 Acres bepflanzt und 136.000 geerntet worden, umgerechnet rund 71.000 und 55.000 Hektar, 1944 rund 65.000 bepflanzt und 50.000 geerntet. Der Vorsitzende der Anhörung nannte 42 Werke zum Schwingen der Faser in Kentucky, Indiana, Illinois, Iowa, Minnesota und Wisconsin, gebaut für mehr als 12 Millionen Dollar. In Wisconsin, schreibt JSTOR Daily, brachten Wanderarbeiter aus Texas und Mexiko die Ernte ein, und in den Hanfwerken arbeiteten deutsche Kriegsgefangene.
Wie wurde der Film überliefert?
Er liegt heute in staatlichen Archiven und ist frei zugänglich, war aber lange kaum bekannt. Die NAL führt ihn in ihrer Filmsammlung des Ministeriums (MS0522) und verweist für die digitale Fassung auf den Katalog der National Archives; im Internet Archive steht eine Kopie in der Sammlung „FedFlix“ für Filme von US-Behörden. Das AIHP führt den Film als gemeinfrei.
Nach Wikipedia war der Film vor 1989 wenig bekannt, und die Bibliothek des Ministeriums sowie die Library of Congress hätten Anfragenden mitgeteilt, keine Regierungsstelle habe ihn gedreht. Am 19. Mai 1989 übergaben Hanfaktivisten, darunter Jack Herer, der Library of Congress zwei VHS-Kopien; im Mai 1990 wurde eine Kopie in den National Archives wiedergefunden.
Was ist „Die lustige Hanffibel“?
Ein gereimtes Anleitungsheft für Bauern, herausgegeben vom Reichsnährstand. Diese 1933 gegründete Organisation war nach dem Deutschen Historischen Museum (DHM) für Erzeugung, Vertrieb und Preise landwirtschaftlicher Produkte zuständig. Der Katalogeintrag bei Google Books, nach einem Exemplar der University of California, nennt Viktor Baur als Verfasser, den Reichsnährstand als Beteiligten, den Verlag „Dt. Landwerbg“, das Jahr 1943 und 31 Seiten. Spiekermann zitiert das Heft als vom Reichsnährstand in Berlin herausgegeben, ohne Jahresangabe, und erschließt 1943. Einen Beleg für das Reichsministerium für Ernährung und Landwirtschaft als Herausgeber fanden wir nicht.
Ein Digitalisat im Internet Archive zeigt 33 Seiten in Fraktur. Soweit Texterkennung und eine beigefügte englische Übersetzung erkennen lassen, ist der Text gereimt: Er beginnt mit dem Nutzen von Faser, Samen und Holzteil und Erzeugnissen wie Seilen, Gurten und Säcken und folgt dann dem Arbeitsjahr mit Boden, Düngung, Aussaat, Pflege, Ernte, Lagerung und Ablieferung an die Hanffabrik. Spiekermann gibt eine Bildseite wieder, die Hanf als vielseitigen Faserstoff vorführt.
Wie ist die Hanffibel einzuordnen?
Als Propaganda, die eine Vorgabe der Kriegswirtschaft als heiteres Bauernwissen ausgab. Der Reichsnährstand hat seine Mitglieder nach dem DHM „ideologisch indoktriniert“ und eine Blut-und-Boden-Ideologie verbreitet, die ein vorindustrielles Bauerntum verklärte. Spiekermann nennt ihre Bildseite einen „nostalgischen Rückblick der NS-Propaganda“: Altes Hanfwissen wird in den Dienst einer Autarkiepolitik gestellt, die nach seiner Darstellung den Anbau im Zweiten Weltkrieg wieder stark steigen ließ.
Der leichte Ton ist Teil der Methode: Reime und Bilder machten eine Anweisung eingängig und die Ziele eines Unrechtsregimes vertraut. Wir geben deshalb weder Verse noch Bilder, Parolen oder Abzeichen wieder. Das Digitalisat, das wir geöffnet haben, steht ohne Herkunftsangabe und ohne historische Einordnung im Netz; es ist als Propagandamaterial zu lesen.
Was blieb nach dem Krieg vom Kriegshanf?
Wenig, denn der Anbau hing in beiden Ländern an der staatlichen Nachfrage. George E. Farrell vom Bureau of Agricultural Economics sagte im Mai 1945 vor dem Senatsausschuss, die staatlichen Werke würden nach Verarbeitung der Ernte 1944 schließen. Nach dem ERS ging die Erzeugung rasch zurück, weil Einfuhren wieder einsetzten und rechtliche Beschränkungen wieder griffen; in Wisconsin hielt sich eine kleine Faserindustrie bis 1958.
Für Deutschland zeigt der Erste Weltkrieg das Muster: Nach Spiekermann stieg der Anbau mit staatlichen Aufrufen von 417 Hektar 1915 auf 5.350 Hektar 1920 und fiel nach dem Ende der Zwangswirtschaft bis 1932 auf 200 Hektar. Zahlen für den Zweiten Weltkrieg nennt er nicht. Den Anbau von Nutzhanf hat Deutschland nach seiner Darstellung erst 1996 wieder zugelassen.
Zwei Kriegsparteien, dieselbe Faser: Beide Staaten wandten sich mit volkstümlichen Mitteln an Landwirte, um eine Lücke in der Einfuhr zu schließen. Der Unterschied liegt nicht in der Pflanze, sondern in den Staaten, die für sie warben. Wo Hanf über Jahrhunderte zu Tauwerk wurde, zeigt unser Stück über die Seilereien in Venedig, Rochefort und Chatham; die Vorgeschichte erzählt eine kurze Geschichte des Hanfs.
Häufige Fragen
Was ist „Hemp for Victory“?
Ein rund 14 Minuten langer Lehrfilm des US-Landwirtschaftsministeriums, den die National Agricultural Library auf circa 1942 datiert. Der Film warb bei Landwirten für Faserhanf, nachdem kein Manilahanf mehr von den Philippinen kam, und erklärt Anbau, Ernte und Verarbeitung.
Wer gab „Die lustige Hanffibel“ heraus?
Nach dem Historiker Uwe Spiekermann gab der Reichsnährstand in Berlin „Die lustige Hanffibel“ heraus; ein Bibliothekskatalog nennt Viktor Baur als Verfasser, den Reichsnährstand als Beteiligten und die Deutsche Landwerbung als Verlag. Spiekermann zitiert das Heft ohne Jahresangabe und erschließt 1943, der Katalog nennt 1943. Einen Beleg für das Reichsministerium als Herausgeber fanden wir nicht.
Warum endete der Hanfanbau in den USA nach dem Krieg?
Nach dem Economic Research Service des US-Landwirtschaftsministeriums setzten die Fasereinfuhren wieder ein, und rechtliche Beschränkungen griffen wieder. Die staatlichen Hanfwerke in den USA sollten nach Aussage vor dem Senat 1945 nach der Ernte 1944 schließen.
Was wir nicht wissen
- Den Film haben wir nicht gesehen; Inhalt und Zitate stammen aus Katalogen (NAL, AIHP) und einer Abschrift auf hempology.org, die wir nicht mit dem Film abgeglichen haben.
- Die NAL datiert den Film auf „circa 1942“; eine genauere Datierung haben wir nicht gefunden. Seine Wiederentdeckung kennen wir nur aus Wikipedia.
- Ob der Marihuana Tax Act im Krieg gelockert wurde, ist offen: Wikipedia spricht von einer kurzen Aufhebung, das Merkblatt von 1943 verlangt eine Lizenz nach dem Gesetz.
- Das Ende in Wisconsin datiert das ERS auf 1958, JSTOR Daily die Schließung des letzten Werks auf 1957.
- Impressum, Zeichner und Auflage der Hanffibel konnten wir nicht prüfen; Verfasser, Verlag und Seitenzahl stammen aus einem Katalog. Deutsche Flächenzahlen für 1939 bis 1945 und den Verlauf nach 1945 belegen unsere Quellen nicht.
- Nicht geöffnet: die Kataloge der Deutschen Nationalbibliothek, von HathiTrust und der Library of Congress sowie Dirk Hildebrandts Aufsatz über Hanf in Wisconsin (Wisconsin Magazine of History, 2017), auf den sich JSTOR Daily stützt.
Hinweis: Dieser Beitrag behandelt Hanf als Faserpflanze, informiert über Geschichte, Kultur und Forschungsstand und ruft weder zum Konsum noch zum Erwerb von Cannabis auf. Stand: 15.10.2026. Keine Rechtsberatung.
Quellen
- National Agricultural Library, Special Collections: Hemp For Victory, circa 1942. USDA Motion Picture Film Collection (MS0522) (öffnet in neuem Tab)
- American Institute of the History of Pharmacy, Digital Collection: Hemp For Victory Movie (1942) (öffnet in neuem Tab)
- Internet Archive, Sammlung FedFlix: HEMP FOR VICTORY (1942), Kopie mit Verweis auf den Katalog der National Archives (öffnet in neuem Tab)
- hempology.org: Abschrift des Kommentars zu Hemp for Victory (US-Landwirtschaftsministerium, 1942) (öffnet in neuem Tab)
- University of Minnesota, Agricultural Extension Division: Wartime Hemp Production in Minnesota. Extension Pamphlet 1, Januar 1943 (University Digital Conservancy) (öffnet in neuem Tab)
- US-Senat, Committee on Finance: Hemp and Marihuana. Hearing on H. R. 2348, 79th Congress, 1st Session, 24. Mai 1945 (öffnet in neuem Tab)
- USDA Economic Research Service (2000): Industrial Hemp in the United States: Status and Market Potential, AGES-001E (öffnet in neuem Tab)
- National Archives, Guide to Federal Records: Records of the Commodity Credit Corporation (Record Group 161) (öffnet in neuem Tab)
- Wills, M. (2021): The Return of Hemp. JSTOR Daily (öffnet in neuem Tab)
- Wikipedia (englisch): Hemp for Victory (ergänzend) (öffnet in neuem Tab)
- Spiekermann, U. (2019): Das Verschwinden des Hanfes. Landwirtschaftliche Produktion, gewerbliche Verarbeitung und Konsumwandel im langen 19. Jahrhundert (öffnet in neuem Tab)
- Google Books, Katalogeintrag: Die lustige Hanffibel (Reichsnährstand, 1943, 31 Seiten; Exemplar der University of California) (öffnet in neuem Tab)
- Internet Archive: Die lustige Hanffibel 1943, Scan in Fraktur mit Texterkennung (Digitalisat ohne Herkunftsangabe) (öffnet in neuem Tab)
- Deutsches Historisches Museum, LeMO: Propagandapostkarte des Reichsnährstandes, 1939 (öffnet in neuem Tab)