Marihuana Tax Act 1937: das Gesetz und Anslinger
Der Marihuana Tax Act von 1937 band Cannabis in den USA an Steuer und Registrierung und wirkte faktisch als Verbot; Harry J. Anslinger warb dafür.
Laut dem amtlichen Federal Register vom 30. September 1937 billigte Präsident Franklin D. Roosevelt den Marihuana Tax Act, ein Bundesgesetz der Vereinigten Staaten, am 2. August 1937. Formal war es ein Steuergesetz: Wer mit Cannabis Geschäfte machte, musste sich registrieren, Abgaben zahlen und jede Weitergabe auf amtlichen Formularen festhalten. In der Praxis wirkte es nach geschichtswissenschaftlicher Darstellung wie ein Verbot. Betrieben wurde es vom Federal Bureau of Narcotics und dessen Leiter Harry J. Anslinger, den die Forschung als zentralen, aber nicht alleinigen Akteur sieht.
Auf einen Blick
- Das Federal Bureau of Narcotics wurde durch ein Gesetz vom 14. Juni 1930 im US-Finanzministerium eingerichtet.
- Harry J. Anslinger leitete die Behörde von 1930 bis 1962; Präsident Herbert Hoover ernannte ihn am 25. September 1930.
- Der Ausschuss für Wege und Mittel (Committee on Ways and Means) des Repräsentantenhauses hörte vom 27. April bis zum 4. Mai 1937 Zeugen an.
- Gebilligt wurde das Gesetz am 2. August 1937 (Public No. 238, 75. Kongress); in Kraft trat es nach ergänzender Darstellung bei Wikipedia am 1. Oktober 1937.
- Der Supreme Court hob 1969 im Fall Leary v. United States die Verurteilungen auf; der Controlled Substances Act vom 27. Oktober 1970 trat an die Stelle des Gesetzes.
Was war das Federal Bureau of Narcotics?
Das Federal Bureau of Narcotics (FBN) war die Rauschgiftbehörde des US-Finanzministeriums. Nach dem Findbuch der National Archives entstand es durch ein Gesetz vom 14. Juni 1930 aus zwei Vorgängern, dem Federal Narcotics Control Board und der Narcotic Division; die Drogenbehörde DEA nennt in ihrer Geschichtsdarstellung den 1. Juli 1930 als Gründungstag. Das FBN vollzog den Harrison Act von 1914, der sich auf die Steuergewalt des Bundes stützte. 1968 ging das FBN im Bureau of Narcotics and Dangerous Drugs des Justizministeriums auf.
Wer war Harry J. Anslinger?
Harry J. Anslinger war der Beamte, der das FBN von 1930 bis 1962 führte. Nach dem DEA-Museum war er 1929 stellvertretender Commissioner im Prohibition Bureau des Finanzministeriums geworden. Nach einem Skandal um seinen Vorgänger Levi Nutt wurde er zunächst kommissarisch eingesetzt; Präsident Hoover ernannte ihn laut DEA am 25. September 1930 zum Commissioner of Narcotics.
Beim Thema Cannabis war Anslinger anfangs zurückhaltend. Das DEA-Museum spricht von einer gewissen Ambivalenz. Stephen Siff schreibt in der Zeitschrift Origins der Ohio State University, Anslinger habe ein Bundesgesetz zunächst abgelehnt, weil er Schwierigkeiten bei der Durchsetzung erwartete. Er setzte stattdessen auf einheitliche Landesgesetze: Nach der DEA-Darstellung tagte 1932 auf seine Anregung eine Konferenz, die ein Mustergesetz für die Staaten ausarbeitete, das Uniform State Narcotic Law.
Wie entstand das Gesetz?
Das Gesetz entstand aus Druck in den Bundesstaaten, verfassungsrechtlicher Vorsicht und dem Werben des FBN. Nach dem DEA-Museum hatten bis dahin 41 Staaten Marihuana verboten.
Wer den Anstoß gab, ist in der Forschung umstritten. Adam Rathge fasst die Debatte bei Points zusammen: Howard Becker schrieb 1963 dem Bureau den Großteil der Initiative zu. David Musto sah das Gesetz 1972 dagegen vor allem als Antwort auf Druck von Vollzugsbehörden und Gruppen, die sich über den Gebrauch unter mexikanischen Einwanderern sorgten. Richard Bonnie und Charles Whitebread hielten das Bureau für entscheidend beteiligt, aber nicht für den alleinigen Urheber.
Die Form folgte der Verfassung: Nach der DEA-Darstellung fürchtete man, ein neues Drogengesetz des Bundes könne für verfassungswidrig erklärt werden. Vorbild waren deshalb der Harrison Act und die Transfersteuer auf Maschinengewehre, nach Rathge der National Firearms Act von 1934.
Im Kongress ging es schnell: Nach Siff passierte das Gesetz das Repräsentantenhaus nach weniger als einer halben Stunde Debatte. Den völkerrechtlichen Hintergrund jener Jahre behandelt unser Stück über Genf 1925 und Cannabis im Völkerrecht.
Was wandte die Ärzteschaft ein?
Widerspruch kam von der American Medical Association (AMA). Nach Siff sprach in den Anhörungen nur ein Zeuge gegen den Entwurf, ein Vertreter der AMA; Abgeordnete warfen ihm Obstruktion vor. Nach Wikipedia war das William C. Woodward, der Rechtsberater der AMA. Der Verband lehnte die Steuer demnach ab, weil sie Ärzte, Apotheker und Hersteller mit Pflichten belastet hätte, und schlug vor, Cannabis stattdessen in den Harrison Act aufzunehmen. Woodward habe bemängelt, die vorgebrachten Behauptungen seien nicht belegt, und davor gewarnt, künftige Forschung zu verbauen. Das waren Positionen eines Verbands von 1937, keine Aussagen über Cannabis aus heutiger Sicht.
Wie funktionierte das Gesetz?
Das Gesetz arbeitete mit Registrierung, Formularen und gestaffelten Steuern. So beschrieb es der Supreme Court 1969: Wer mit Marihuana handelte, musste sich bei der Steuerbehörde registrieren und eine jährliche Berufssteuer zahlen, in der allgemeinen Gruppe 3 Dollar. Jede Weitergabe verlangte grundsätzlich ein schriftliches Bestellformular mit Namen, Anschriften und Menge. Die Transfersteuer betrug 1 Dollar je Unze, wenn der Empfänger registriert war, und 100 Dollar je Unze, wenn nicht.
Das Gericht bezog sich dabei auf die Fassung, die der Kongress 1954 vollständig neu erlassen hatte. Nach seiner Lesart der Gesetzgebungsgeschichte sollte das Gesetz Einnahmen bringen, den verbreiteten Gebrauch eindämmen und Geschäfte sichtbar machen, Übertragungen an Nichtregistrierte aber nicht vollständig untersagen. Die Praxis ging weiter: Nach Rathge beschränkte das FBN den Verkauf der Steuermarken und verbot so faktisch Verkauf und Vertrieb im ganzen Land.
Welche Rolle spielten Presse und Kampagnen?
Presse und Behörde verbanden Cannabis über Jahre mit schwerer Gewalt, ohne dass Belege dies trugen, so Siff. Die Zeitungen von William Randolph Hearst begannen nach einem Drogenskandal in Hollywood 1921 eine jährliche Kampagne gegen Rauschgifte. Anslinger brachte in die Anhörungen eine Sammlung von Berichten über Gewalttaten mit, die als seine „gore file“ bekannt wurde. In der NPR-Sendung Code Switch heißt es, Anslinger sei Mitautor des Artikels „Assassin of Youth“ in The American Magazine gewesen. Siff ordnet auch einen Film von 1936 in diese Kampagnen ein: Reefer Madness, ein Lehrfilm und sein Nachleben.
Ein Teil der Rhetorik war rassistisch. Siff schreibt, das Rauchen von Marihuana sei als Gewohnheit mexikanischer Einwanderer dargestellt worden, die Reaktion womöglich von Fremdenfeindlichkeit gefärbt. Der Autor John Hudak sagt bei NPR, Anslinger habe offen rassistische Rhetorik verwendet. Moderator Gene Demby beschreibt, wie Anslinger Cannabis mit dem Jazz und unausgesprochen mit schwarzen Amerikanern in Verbindung brachte; mehr dazu in unserem Beitrag über Jazz und Cannabis in den 1930er-Jahren.
Der Historiker Seth Blumenthal mahnt bei Points zu Genauigkeit: Anslingers Motive seien rassistisch geprägt gewesen, sein öffentlicher Ton aber zurückhaltender; viele ihm zugeschriebene Zitate seien schlecht belegt, falsch oder umstritten. Besonders grobe Darstellungen stammten aus der Sensationspresse.
Wie endete der Marihuana Tax Act?
Das Ende kam durch ein Urteil 1969 und ein Gesetz 1970. Timothy Leary war im Dezember 1965 bei Laredo in Texas kontrolliert und in zwei Anklagepunkten verurteilt worden, darunter einem nach dem Marihuana Tax Act. Am 19. Mai 1969 entschied der Supreme Court, die Berufung auf das Schweigerecht des Fünften Zusatzartikels wäre gegen den Vorwurf nach der Steuervorschrift eine vollständige Verteidigung gewesen. Wer die Pflichten erfüllte, hätte sich als Angehöriger einer Gruppe zu erkennen geben müssen, die „von vornherein krimineller Handlungen verdächtig“ sei (Übersetzung). Das Gericht hob beide Verurteilungen auf und verwies eine davon zur erneuten Verhandlung zurück.
Public Law 91-513 trägt das Datum 27. Oktober 1970; sein Titel II darf als „Controlled Substances Act“ zitiert werden und führt Marihuana in Liste I. Nach der DEA stützte sich das neue Recht nicht mehr auf die Steuer, sondern auf die Befugnis des Kongresses, den Handel zwischen den Bundesstaaten zu regeln. Die Steuerparagrafen 4741 ff., auf die sich das Leary-Urteil bezog, hob es nach den Anmerkungen im US Code auf. Wirksam wurde die Aufhebung danach am ersten Tag des siebten Kalendermonats nach dem 26. Oktober 1970, rechnerisch also am 1. Mai 1971 [A].
Häufige Fragen
Warum wurde Cannabis in den USA verboten?
Der Marihuana Tax Act von 1937 war formal eine Steuer- und Registrierpflicht, die in der Praxis wie ein Verbot wirkte. Die Forschung nennt mehrere Ursachen: Druck aus den Bundesstaaten und von Vollzugsbehörden, Sensationsberichte der Presse, Vorurteile gegen mexikanische Einwanderer und das Werben des Federal Bureau of Narcotics.
War Harry Anslinger der Urheber des Gesetzes?
Harry J. Anslinger, Leiter des Federal Bureau of Narcotics, warb für den Marihuana Tax Act und trat in den Anhörungen auf. Die Historiker David Musto, Richard Bonnie und Charles Whitebread sehen Anslinger aber nicht als alleinigen Urheber, und nach Stephen Siff lehnte Anslinger ein Bundesgesetz zunächst sogar ab.
Wann endete der Marihuana Tax Act?
Der Supreme Court hob 1969 im Fall Leary v. United States die Verurteilungen auf, weil die Pflichten des Marihuana Tax Act mit dem Schutz vor Selbstbelastung kollidierten. Das Bundesgesetz vom 27. Oktober 1970 hob die Steuerparagrafen auf und führte Marihuana im Controlled Substances Act in Liste I.
Was wir nicht wissen
- Den Gesetzestext von 1937 (50 Stat. 551) haben wir nicht im Original geöffnet. Die Steuersätze stammen aus der Beschreibung des Supreme Court zur Fassung von 1954; ob sie 1937 genauso lauteten, ist hier nicht geprüft.
- Woodwards Aussage kennen wir nur aus zweiter Hand; das Digitalisat der Anhörung bei der National Library of Medicine war für unser Werkzeug gesperrt.
- Die DEA-Geschichtsdarstellung nennt eine andere Größe als das Museum: Alle 48 Staaten hätten damals Gesetze zur Kontrolle des Anbaus gehabt.
- Die Arbeiten von Musto sowie von Bonnie und Whitebread kennen wir nur aus der Zusammenfassung bei Rathge.
- Die These, Papier- und Chemieinteressen hätten das Gesetz gegen den Faserhanf betrieben, referiert Wikipedia; die von uns gelesenen Fachbeiträge erwähnen sie nicht. Siehe unseren Faktencheck zu Hanf-Mythen.
- Das Wirksamkeitsdatum der Aufhebung (1. Mai 1971) ist aus den Anmerkungen im US Code errechnet, nicht am Gesetzestext von 1970 geprüft. Das Inkrafttreten am 1. Oktober 1937 belegt das Federal Register nur für die Jungferninseln.
Hinweis: Dieser Beitrag informiert über Geschichte, Kultur und Forschungsstand und ruft weder zum Konsum noch zum Erwerb von Cannabis auf. Keine Rechtsberatung. Stand: 15.10.2026.
Quellen
- Federal Register Nr. 189 vom 30. September 1937, Executive Order zum Marihuana Tax Act für die Amerikanischen Jungferninseln (govinfo) (öffnet in neuem Tab)
- National Library of Medicine: Taxation of Marihuana before the Committee on Ways and Means, House of Representatives, 1937 April 27–May 4 (Findbuch, Lawrence Kolb Papers) (öffnet in neuem Tab)
- National Archives: Guide to Federal Records, Record Group 170 (öffnet in neuem Tab)
- Drug Enforcement Administration: History, Kapitel „The Early Years“ (PDF, S. 12–29) (öffnet in neuem Tab)
- DEA Museum: A Life of Service. Harry Jacob Anslinger – Introduction (öffnet in neuem Tab)
- DEA Museum: A Life of Service. Harry Jacob Anslinger – Roaring Twenties (öffnet in neuem Tab)
- DEA Museum: A Life of Service. Harry Jacob Anslinger – Narcotics Enforcement in the 1930s (öffnet in neuem Tab)
- Supreme Court der Vereinigten Staaten: Leary v. United States, 395 U.S. 6 (1969), Volltext bei Justia (öffnet in neuem Tab)
- Public Law 91-513, Comprehensive Drug Abuse Prevention and Control Act of 1970, 84 Stat. 1236 (govinfo) (öffnet in neuem Tab)
- United States Code, Titel 21, Kapitel 6, Ausgabe 2016, mit Anmerkungen zu Pub. L. 91-513 (govinfo) (öffnet in neuem Tab)
- Siff, S. (2014): The Illegalization of Marijuana: A Brief History. Origins, Ohio State University (öffnet in neuem Tab)
- Rathge, A. (2014): Why Is Marijuana Illegal? A Historical View, Part Two. Points (pointshistory.org) (öffnet in neuem Tab)
- Blumenthal, S. (2016): Reconsidering Anslinger: Race, the Gateway Theory, and the Origins of Marijuana Prohibition, Part I. Points (pointshistory.org) (öffnet in neuem Tab)
- NPR, Code Switch: Sendungsabschrift mit John Hudak und Alexandra Chasin (öffnet in neuem Tab)
- Wikipedia (englisch, ergänzend): Marihuana Tax Act of 1937 (öffnet in neuem Tab)