Hanf-Mythen im Faktencheck: sieben Behauptungen

Hanf-Mythen im Faktencheck: Die Unabhängigkeitserklärung steht auf Pergament, frühe Jeans waren aus Baumwolle, für Fords Hanfauto fehlt der Beleg.

Text: Redaktion · 8 Minuten · Stand

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Faktencheck läuft. Einzelne Angaben in diesem Beitrag prüfen wir gerade noch einmal an den Quellen.

Laut den National Archives der USA steht die Unabhängigkeitserklärung von 1776 auf Pergament, nicht auf Hanfpapier; sie ist einer von vier verbreiteten Hanf-Mythen, die einer Prüfung am Original nicht standhalten. Auch für Hanfpapier in der Gutenberg-Bibel, Hanf in den frühen Jeans von Levi Strauss und einen Plan von Industriellen gegen den Hanf 1937 fanden wir keinen Beleg. Henry Fords Kunststoffauto von 1941 bleibt ein Grenzfall. Zwei Behauptungen stimmen: George Washington ließ Hanf anbauen, und das englische Wort „canvas“ geht auf das lateinische „cannabis“ zurück.

Auf einen Blick

  • Die unterzeichnete Unabhängigkeitserklärung von 1776 ist nach Angaben der National Archives auf Pergament ausgefertigt.
  • Von rund 180 Gutenberg-Bibeln wurden nach der Library of Congress 145 auf Papier und 35 auf Pergament gedruckt.
  • Die frühen Nietenhosen von Jacob Davis waren laut Archiv von Levi Strauss & Co. aus Baumwoll-Duck.
  • Für Fords Kunststoffauto von 1941 ist nach dem Museum The Henry Ford keine Rezeptur erhalten.
  • George Washington ließ in Mount Vernon Hanf für Seile, Garn und Tuch anbauen.
  • „Canvas“ geht nach dem Online Etymology Dictionary auf lateinisch „cannabis“ zurück.

So urteilen wir. „Stimmt“ heißt: Die Quellen, die wir am 15. Oktober 2026 geöffnet haben, bestätigen den Kern der Behauptung. „Stimmt teilweise“ heißt: Ein Teil ist belegt, ein anderer nicht. „Stimmt nicht“ heißt: Die Quellen nennen ein anderes Material oder einen anderen Hergang, oder sie widersprechen dem Kern. Vorrang haben Archive, Museen und Bibliotheken; Wikipedia nutzen wir nur ergänzend. Den größeren Zusammenhang erzählt eine kurze Geschichte des Hanfs.

1. Wurde die Unabhängigkeitserklärung auf Hanfpapier geschrieben?

Stimmt nicht. Die unterzeichnete Fassung steht auf Pergament. Nach Angaben der National Archives verlangte der Kongress am 19. Juli 1776, den Text sauber auf Pergament auszufertigen; als Schreiber gilt Timothy Matlack, ein Assistent des Kongresssekretärs. Am 2. August 1776 begannen die Delegierten zu unterzeichnen.

Pergament ist Tierhaut, kein Papier, hält die Thomas Jefferson Foundation in Monticello fest. Jeffersons Rohentwurf in der Library of Congress steht nach Angaben der Stiftung vermutlich auf niederländischem Papier; dort habe man eher Flachs- oder Leinenlumpen verarbeitet, Hanfpapier sei damals in Südeuropa verbreitet gewesen. Das Faktenprüfportal PolitiFact bewertete die Behauptung 2016 als falsch. W. Bland Whitley von der Edition der Jefferson-Papiere sagte dort, das Papier der Entwürfe stamme wohl aus Leinenlumpen; eine kleine Menge Hanf darin lasse sich aber nicht ganz ausschließen. Mehr dazu in der Papiergeschichte des Hanfs.

2. Wurde die Gutenberg-Bibel auf Hanfpapier gedruckt?

Stimmt nicht. Keine der Bibliotheken, deren Angaben wir geöffnet haben, nennt das Papier Hanfpapier, und ein Teil der Auflage ist gar nicht auf Papier gedruckt. Nach der Library of Congress entstanden rund 180 Exemplare, die um 1455 erhältlich waren: 145 auf Papier, 35 auf Pergament aus behandelter Kalbshaut.

Das Papier wurde nach Angaben der Morgan Library im Piemont hergestellt und den Rhein hinab nach Mainz verschifft. Zur Faser sagen beide Bibliotheken nichts. Die englischsprachige Wikipedia gibt unter Berufung auf die British Library an, das Papier bestehe aus Leinenfasern; die Seite der British Library selbst ließ sich auch am 15. Oktober 2026 nicht öffnen.

3. Waren die Jeans von Levi Strauss ursprünglich aus Hanf?

Stimmt nicht. Das Archiv von Levi Strauss & Co. nennt Baumwolle, nicht Hanf. Danach fertigte Jacob Davis Wagenplanen und Zelte aus gebrochen weißem Baumwoll-Duck, einem dichten, schweren Baumwollgewebe, den er ab 1870 beim Großhandel von Levi Strauss & Co. kaufte. Ende 1870 bat ihn eine Kundin um eine billige Hose für ihren Mann; Davis verstärkte sie mit Nieten, die er sonst an Pferdedecken benutzte. Die Nieten saßen zuerst an Hosen aus Duck, bald auch an Hosen aus Denim. Das Patent wurde am 20. Mai 1873 erteilt. Einschränkung: Die Quelle ist das Unternehmen selbst, Hanf kommt in seiner Darstellung nicht vor.

4. Baute Henry Ford 1941 ein Auto aus Hanf?

Stimmt teilweise. Das Auto gab es, belegt ist aber nicht, dass es aus Hanf bestand. Das Museum The Henry Ford nennt es „Soybean Car“, Sojabohnenauto. Ford stellte es am 13. August 1941 beim Gemeindefest Dearborn Days vor: ein Rahmen aus Stahlrohr mit 14 Kunststoffplatten, 2.000 Pfund schwer, rund 900 Kilogramm, und damit nach Angaben des Museums 1.000 Pfund leichter als ein Auto aus Stahl.

Eine Aufzeichnung der Rezeptur ist nach Angaben des Museums nicht erhalten. Ein Artikel, den das Museum nicht näher benennt, zählt Sojabohnen, Weizen, Hanf, Flachs und Ramie auf. Lowell E. Overly, der maßgeblich an dem Auto mitarbeitete, beschrieb dagegen Sojafasern in Phenolharz, getränkt mit Formaldehyd. Nach Overly wurde das Auto zerstört; die Arbeit an einem zweiten Exemplar wurde nach Kriegsbeginn aufgegeben. Hanf war also möglicherweise beteiligt, belegt ist er nicht.

5. Baute George Washington Hanf an und schrieb über Hanfsamen?

Stimmt. Washington ließ in Mount Vernon Hanf anbauen, als Faserpflanze. Nach Angaben des Museums Mount Vernon diente er für Seile, für Garn zum Nähen von Säcken, für Tuch und zum Flicken der Fischernetze. In den 1760er-Jahren erwog Washington Hanf als Verkaufsfrucht anstelle von Tabak und entschied sich dann für Weizen. Die Behauptung, er habe Marihuana angebaut, entbehrt nach Mount Vernon jeder Grundlage.

Auch der Brief ist echt. Am 24. Februar 1794 schrieb Washington an William Pearce, er freue sich, dass der Gärtner Samen der Esparsette, einer Futterpflanze, und des „India Hemp“ aufbewahrt habe; aus beiden solle man möglichst viel machen und sie wieder in Reihen säen. Einige Sätze weiter heißt es, in unserer Übersetzung: „Der Hanf kann überall gesät werden.“ So steht es in der Brief-Edition Founders Online der National Archives. Was Washington mit „India Hemp“ meinte, erläutern weder der Brief noch Mount Vernon. Wie die Faser verarbeitet wird, beschreibt Hanffaser als Material.

6. Betrieben Hearst, DuPont und andere Industrielle das Verbot von 1937?

Stimmt nicht. Für einen Plan von Industriellen, den Hanf als Konkurrenten auszuschalten, fanden wir keinen Beleg. Die These verbreitete sich nach Brian Dunning (Skeptoid, 2014) ab 1985 durch die selbst verlegte Schrift „The Emperor Wears No Clothes“ des Aktivisten Jack Herer: Der Verleger William Randolph Hearst, die Familie DuPont, Finanzminister Andrew Mellon und Harry Anslinger vom Federal Bureau of Narcotics hätten den Marihuana Tax Act betrieben, um die Hanfindustrie zu beseitigen.

Ein Teil stimmt: Hearsts Zeitungen haben Straftaten im Zusammenhang mit Marihuana reißerisch übertrieben, schreibt Dunning, wie fast alle Blätter der Zeit. Gegen den Kern spricht: Hearst kaufte Papier, statt es herzustellen; billiges Hanfpapier hätte ihm eher genützt. Der Hanfanbau in den USA erreichte nach Dunning bis zum Gesetz von 1937 höchstens rund 14.000 Acres, knapp 5.700 Hektar. Der Reformbefürworter Dale Gieringer hielt nach Dunning fest, Herer habe für seine These keinen Beleg vorgelegt.

Die Forschung erklärt das Gesetz anders. Adam Rathge fasst 2014 im Blog Points zusammen: Howard Becker sah 1963 das Federal Bureau of Narcotics als treibende Kraft, Richard Bonnie und Charles Whitebread betonten 1970 die Verbindung zu mexikanischen Einwanderern und die Rolle rassistischer Vorurteile, David Musto beschrieb 1972 und 1973 das Verbot als Antwort auf politischen Druck von Strafverfolgern und besorgten Gruppen. Bradley J. Borougerdi, 2014 Doktorand an der University of Texas at Arlington, nennt die Hearst-DuPont-These „stark übertrieben“ (übersetzt). Mehr dazu im Beitrag zum Marihuana Tax Act von 1937.

7. Kommt „Canvas“ von „Cannabis“?

Stimmt. Das Online Etymology Dictionary belegt „canvas“ seit der Mitte des 14. Jahrhunderts für ein kräftiges Tuch aus Hanf oder Flachs. Der Weg führt über altfranzösisch „chanevaz“, wörtlich „aus Hanf“, und ein erschlossenes vulgärlateinisches „cannapaceus“, „aus Hanf gemacht“, zu lateinisch „cannabis“; das Wörterbuch führt es auf griechisch „kannabis“ zurück, ein Wort skythischen oder thrakischen Ursprungs. Als Malgrund für Ölbilder ist „canvas“ seit etwa 1700 belegt. Woraus eine bestimmte Leinwand gewebt ist, verrät die Wortgeschichte allerdings nicht: Schon die frühe Bedeutung schließt Flachs ein.

Häufige Fragen

Wurde die Unabhängigkeitserklärung auf Hanfpapier geschrieben?

Nein. Die unterzeichnete Fassung von 1776 steht nach Angaben der National Archives auf Pergament, also auf Tierhaut. Für Jeffersons Entwurf gehen Fachleute von niederländischem Papier aus Leinenlumpen aus.

War Henry Fords Auto von 1941 aus Hanf?

Das ist nicht belegt. Nach dem Museum The Henry Ford ist die Rezeptur der 14 Kunststoffplatten nicht überliefert. Hanf nennt nur ein nicht näher bezeichneter Artikel; Fords Mitarbeiter Lowell E. Overly beschrieb Sojafasern in Phenolharz, einem Kunstharz.

Kommt das Wort „Canvas“ von „Cannabis“?

Ja. Nach dem Online Etymology Dictionary führt „canvas“ über altfranzösisch „chanevaz“, „aus Hanf“, auf lateinisch „cannabis“ zurück. Im 14. Jahrhundert bezeichnete das Wort „canvas“ Tuch aus Hanf oder Flachs.

Was wir nicht wissen

  • Eine Faseranalyse des Papiers der Gutenberg-Bibel haben wir nicht gelesen; die Seite der British Library ließ sich nicht öffnen.
  • Welcher Artikel Hanf in Fords Rezeptur nennt, gibt das Museum nicht an.
  • Zur Jeans-Frage liegen uns nur Angaben des Unternehmens vor.
  • Welche Hanfform Washington mit „India Hemp“ meinte, bleibt offen.
  • Herers Schrift und Gieringers Aufsatz haben wir nicht im Wortlaut geprüft, sondern geben sie nach Dunning wieder.

Hinweis: Dieser Beitrag informiert über Geschichte, Kultur und Forschungsstand und ruft weder zum Konsum noch zum Erwerb von Cannabis auf. Stand: 15.10.2026.

Quellen

  1. National Archives: The Declaration of Independence. How Was It Made? (öffnet in neuem Tab)archives.gov · abgerufen am
  2. National Archives, Milestone Documents: Declaration of Independence (1776) (öffnet in neuem Tab)archives.gov · abgerufen am
  3. Berkes, A. (2007): Declaration of Independence Paper. Thomas Jefferson Encyclopedia, Monticello (öffnet in neuem Tab)monticello.org · abgerufen am
  4. PolitiFact (2016): Faktencheck zur Behauptung, die Unabhängigkeitserklärung sei auf Hanfpapier geschrieben (öffnet in neuem Tab)politifact.com · abgerufen am
  5. Library of Congress: The Gutenberg Bible. Library of Congress Bible Collection (öffnet in neuem Tab)loc.gov · abgerufen am
  6. The Morgan Library & Museum: The Invention of Printing (öffnet in neuem Tab)themorgan.org · abgerufen am
  7. Wikipedia (englisch): Gutenberg Bible (ergänzend) (öffnet in neuem Tab)en.wikipedia.org · abgerufen am
  8. Levi Strauss & Co., Archiv: Jacob Davis. His Life and Contributions (PDF) (öffnet in neuem Tab)levistrauss.com · abgerufen am
  9. The Henry Ford (2025): Soybean Car (öffnet in neuem Tab)thehenryford.org · abgerufen am
  10. George Washington's Mount Vernon: Did Washington Grow Hemp? (öffnet in neuem Tab)mountvernon.org · abgerufen am
  11. Founders Online, National Archives: George Washington to William Pearce, 24 February 1794 (öffnet in neuem Tab)founders.archives.gov · abgerufen am
  12. Dunning, B. (2014): Hemp, Hearst, and Prohibition. Skeptoid Podcast 401 (öffnet in neuem Tab)skeptoid.com · abgerufen am
  13. Rathge, A. (2014): Why Is Marijuana Illegal? A Historical View, Part Two. Points (öffnet in neuem Tab)pointshistory.org · abgerufen am
  14. Borougerdi, B. J. (2014): Why is Hemp Illegal? History News Network (öffnet in neuem Tab)historynewsnetwork.org · abgerufen am
  15. Online Etymology Dictionary: canvas (öffnet in neuem Tab)etymonline.com · abgerufen am

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