Hanfpapier: eine Papiergeschichte
Hanfpapier gehört zur Frühgeschichte des Papiers: Frühe Funde aus China bestehen aus Hanffasern. Um 2001 ging Hanfzellstoff vor allem in Spezialpapiere.
Hanf gehört zu den frühen Rohstoffen des Papiers: Laut der Papiergeschichte des Historikers Jean-Pierre Drège (Universität Hamburg, 2024) bestehen Papierreste, die 1957 in einem Grab bei Baqiao nahe Xi’an gefunden wurden, aus Hanffasern; sie werden in das 2. Jahrhundert v. Chr. datiert. In Europa wurde Papier vom 12. bis ins 19. Jahrhundert aus Lumpen geschöpft, darunter Hanf- und Leinengewebe. Heute ist Hanfpapier eine Nische; nach Erhebungen des Branchenverbands European Industrial Hemp Association (EIHA) aus den Jahren 2001 und 2002 ging der größere Teil der europäischen Hanffasern in Spezialzellstoff, etwa für dünne Spezialpapiere und technische Anwendungen.
Auf einen Blick
- Die Papierreste von Baqiao hafteten an einem Bronzespiegel aus einem Han-Grab; nach Jean-Pierre Drège bestehen sie aus Hanf.
- Cai Lun stellte dem Kaiser im Jahr 105 ein Verfahren vor; nach Drège hat er das Papier eher verbessert als erfunden.
- Eine Mühle, die Lumpen aufbereitete, arbeitete nach Angaben der Vanderbilt University Libraries spätestens 1151 in Xàtiva südlich von Valencia.
- Ulman Stromer richtete 1390 in Nürnberg eine Papiermühle ein, die Hadern verarbeitete.
- Die unterzeichnete Unabhängigkeitserklärung der USA steht auf Pergament, nicht auf Hanfpapier.
- Euro-Banknoten werden nach Angaben der Europäischen Zentralbank auf reinem Baumwollpapier gedruckt.
Woraus bestand das frühe Papier in China?
Die frühen chinesischen Papierfunde bestehen überwiegend aus Hanffasern, teils gemischt mit Ramie, einer Faser aus einem Nesselgewächs. Jean-Pierre Drège beschreibt in seiner Papiergeschichte des kaiserlichen China, erschienen 2024 in der Hamburger Reihe Studies in Manuscript Cultures, den Fund von Baqiao: einen Bronzespiegel, an dem Reste eines Papiers aus Hanf klebten, datiert in das 2. Jahrhundert v. Chr.
Damit verschiebt sich die Rolle von Cai Lun. Er galt lange als Erfinder des Papiers; im Jahr 105 stellte er dem Kaiser ein Verfahren vor, für das er verschiedene Pflanzenfasern, alte Netze und wiederverwertete Stoffe nutzte. Nach Drège lag seine Leistung weniger in der Erfindung als in Weiterentwicklung und Verbesserung, denn die Technik war zu dieser Zeit seit mindestens zweihundert Jahren bekannt.
Ob Baqiao schon Papier im engeren Sinn ist, ist in der Forschung umstritten. Wang Juhua und Li Yuhua untersuchten 1980 mehrere Han-Papiere. Nach der Kurzfassung ihres Aufsatzes enthält das Material von Baqiao Hanf- und Ramiefasern bis 70 Millimeter Länge, ohne Spuren von Zerkleinern oder Schlagen. Sie deuten es als Faserreste, die unter Bronzespiegeln zu dünnen Lagen gepresst wurden. Erst das Papier aus Hantanbo bei Wuwei aus der Östlichen Han-Zeit ist nach ihrer Beschreibung gleichmäßig und dicht, hergestellt durch Waschen, Einweichen, Schlagen, Schöpfen, Pressen und Trocknen.
Was zeigen neuere Untersuchungen?
Neuere Analysen stützen das Bild vom Hanf als frühem Papierrohstoff, bleiben aber vorsichtig. Ein Team um Zhenzhen Ma untersuchte 2025 ein gelbgrünes Faserblatt aus Grab M68 des Gräberfelds Dabuzi in Xi’an, ebenfalls aus der Westlichen Han-Zeit (206 v. Chr. bis 9 n. Chr.). Der mittlere Faserdurchmesser lag bei 20,71 Mikrometern, nahe am Vergleichswert für Hanf; Querknoten und Längsstreifen an den Faserzellen sprechen nach den Autoren für Hanf, Ramie schließen sie nicht aus.
Schriftzeichen fanden sie nicht. Sie deuten das Blatt vorläufig als Hanfpapier, das in einer festen Form geschöpft wurde; es war um einen Bronzespiegel gewickelt und diente vermutlich als Verpackung. In ihrer Einordnung nennen sie die frühen Papiere von Baqiao, Zhongyan, Xuanquan und Jinguan Hanfpapiere; das Material von Baqiao bestehe allein aus Hanfbastfasern, also den Fasern aus der Rinde des Stängels. Die beiden Untersuchungen widersprechen sich in diesem Punkt, die Frage nach Ramie bleibt offen.
Wie kam das Papier nach Europa?
Das Papier kam über die islamische Welt nach Europa, und zwar als Lumpenpapier. Nach der Online-Ausstellung der Vanderbilt University Libraries entstanden zwischen 793 und 1100 Papiermühlen unter anderem in Bagdad, Damaskus, Kairo und Fès. Über Nordafrika erreichte das Handwerk das islamische Spanien; in Xàtiva arbeitete spätestens 1151 eine Mühle, die Lumpen aufbereitete. 1276 folgte nach derselben Quelle Fabriano in Italien, 1390 die Mühle vor den Mauern Nürnbergs, die diese Darstellung als frühe Papiermühle nördlich der Alpen nennt.
Joachim Hamberger von der Bayerischen Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft nennt für Nürnberg Ulman Stromer, der seine Mühle an der Pegnitz mit Hadern betrieb, also mit Lumpen aus alten Kleidern und Stoffen. Papier war billiger als Pergament: Gutenberg druckte nach Hamberger von seiner 42-zeiligen Bibel 180 Exemplare, davon 150 auf Papier.
Welche Rolle spielte Hanf im Hadernpapier?
Hanf war einer der Stoffe, aus denen die Hadern bestanden. Timothy Barrett schreibt in der Fachzeitschrift BioResources, dass europäische Papiermacher zwischen 1300 und 1800 Lumpen aus Leinen, Hanf und teils Baumwolle für gute Schreib- und Druckpapiere verwendeten. Die Lumpen wurden zuerst fermentiert. Das diente nach Barrett vor allem der Reinigung von Rückständen; bei richtiger Dauer ließ sich das Material danach schneller mahlen und besser zu Bögen formen.
Barrett hat das nachgestellt: Er ließ eine Mischung aus Hanf und Baumwolle zu gleichen Teilen bis zu 120 Tage in kalkhaltigem Wasser gären. Ein altes, viel benutztes Leinentischtuch ließ sich nach seinen Angaben in 20 Minuten mahlen, neue Fasern brauchten 160 Minuten. Getragener Stoff ließ sich in diesem Versuch also deutlich schneller mahlen; das könnte erklären, warum Lumpen und nicht frische Pflanzenfaser den Rohstoff stellten. Diese Folgerung ist unsere Einordnung, nicht Barretts Aussage. Wie aus dem Hanfstängel überhaupt eine Faser wird, beschreibt unser Beitrag Hanffaser als Material.
Das Ende kam mit dem Holz. Im 18. Jahrhundert wurden helle Hadern knapp; die Chlorbleiche machte nach Hamberger ab 1787 auch farbige Lumpen nutzbar. 1843 entwickelte Friedrich Gottlob Keller den Holzschliff, also mechanisch zerfasertes Holz; mit dem chemischen Aufschluss von Holz zu Zellstoff wurde Holz zum Hauptrohstoff. Wie sich der Hanf in Europa insgesamt entwickelte, erzählt Eine kurze Geschichte des Hanfs.
Wurde die Unabhängigkeitserklärung auf Hanfpapier geschrieben?
Nein, die unterzeichnete Fassung der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten steht auf Pergament, also auf Tierhaut. Das schreibt Anna Berkes in der Thomas Jefferson Encyclopedia von Monticello. Auch für Jeffersons Entwurf, den „Rough Draft“ in der Library of Congress, hält sie Hanfpapier für unwahrscheinlich: Restauratoren vermuten niederländisches Papier, und in den Niederlanden wurden eher Lumpen aus Flachs und Leinen verarbeitet. Hanf war nach Berkes zu dieser Zeit eher in Südeuropa als Papierrohstoff verbreitet.
Das Faktencheck-Portal PolitiFact kam 2016 zum selben Ergebnis. W. Bland Whitley von der Edition der Jefferson-Papiere in Princeton schrieb dem Portal, die Entwürfe seien sehr wahrscheinlich auf Leinenlumpenpapier geschrieben, mit Flachs als Hauptbestandteil. Eine kleine Beimischung von Hanf in den Lumpen könne man nicht völlig ausschließen. Weitere verbreitete Irrtümer prüft unser Beitrag Hanf-Mythen im Faktencheck.
Wo wird Hanfpapier heute verwendet?
Hanfzellstoff diente nach den Branchendaten von 2001 und 2002, neuere fanden wir nicht, vor allem für Spezialpapiere, nicht für Alltagspapier. Nach einer Erhebung der European Industrial Hemp Association aus den Jahren 2001 und 2002 gingen 70 bis 80 Prozent der europäischen Hanffasern in Spezialzellstoff, etwa für dünne Spezialpapiere und technische Anwendungen. Einige Jahre zuvor waren es nach derselben Quelle mehr als 95 Prozent; den Schwerpunkt des Sektors sah der Verband in Frankreich. Michael Karus vom nova-Institut nennt für 2002 eine Menge von 22.000 bis 25.000 Tonnen Hanffasern in der EU, davon 80 Prozent für Papier und Zellstoff.
Nach dem Verband wird nur ein kleiner Teil dieser Fasern am offenen Markt gehandelt; der größere Teil fließt in geschlossene Ketten vom Rohstoff bis zum fertigen Papier. Ein Massenrohstoff ist Hanf für Papier nicht mehr, seit Holz im 19. Jahrhundert zum Hauptrohstoff wurde.
Sind Banknoten aus Hanf?
Nein, zumindest Euro- und US-Dollar-Banknoten bestehen nicht aus Hanf, sondern aus Baumwolle, die US-Noten zusätzlich aus Leinen. Die Europäische Zentralbank gibt an, dass die Euro-Banknoten beider Serien auf reinem Baumwollfaserpapier gedruckt werden; Wasserzeichen und Sicherheitsfaden sind Teil des Papiers selbst. Für US-Banknoten nennt der National Cotton Council unter Berufung auf das Bureau of Engraving and Printing eine Zusammensetzung aus 75 Prozent Baumwolle und 25 Prozent Leinen.
Häufige Fragen
Wurde Papier aus Hanf erfunden?
Die frühen chinesischen Papierfunde, etwa aus Baqiao, bestehen überwiegend aus Hanffasern und stammen aus der Westlichen Han-Zeit (206 v. Chr. bis 9 n. Chr.). Ob diese Funde schon Papier im engeren Sinn sind, ist in der Forschung umstritten. Nach der Überlieferung stellte Cai Lun im Jahr 105 dem Kaiser ein Verfahren vor; der Historiker Jean-Pierre Drège sieht darin eher eine Verbesserung als eine Erfindung.
Wurde die Unabhängigkeitserklärung auf Hanfpapier geschrieben?
Nein. Die unterzeichnete Fassung der Unabhängigkeitserklärung der USA steht nach Angaben von Monticello auf Pergament. Für Jeffersons Entwurf vermuten Fachleute niederländisches Papier aus Flachs- und Leinenlumpen; eine kleine Beimischung von Hanf ist nicht ausgeschlossen, aber nicht belegt.
Wofür wird Hanfpapier heute verwendet?
Nach Daten der European Industrial Hemp Association von 2001 und 2002 ging Hanfzellstoff vor allem in dünne Spezialpapiere und technische Anwendungen; das waren 70 bis 80 Prozent der europäischen Hanffasern. Euro- und US-Dollar-Banknoten bestehen dagegen aus Baumwolle, die US-Noten zusätzlich aus Leinen.
Was wir nicht wissen
Drèges Buch selbst haben wir nicht gelesen, nur die Ankündigung der Universität Hamburg; den Aufsatz von Wang und Li kennen wir nur aus der Kurzfassung des Smithsonian. Ob Baqiao reines Hanfpapier ist oder Ramie enthält, beantworten unsere Quellen unterschiedlich. Die Seiten der National Archives, des Bureau of Engraving and Printing und der Federal Reserve konnten wir am 15. Oktober 2026 nicht öffnen. Die Marktzahlen zu Hanffasern stammen aus den Jahren 2001 und 2002; neuere Anteile für Papier und Zellstoff haben wir in den geöffneten Quellen nicht gefunden. Wie viel Hanf in einzelnen europäischen Papieren vor 1800 steckt, lässt sich nur durch Faseranalyse am einzelnen Blatt klären.
Hinweis: Dieser Beitrag informiert über Geschichte, Kultur und Forschungsstand und ruft weder zum Konsum noch zum Erwerb von Cannabis auf. Stand: 15.10.2026.
Quellen
- Jean-Pierre Drège: A Brief History of Paper in Imperial China (Studies in Manuscript Cultures 31A, De Gruyter), Ankündigung des Centre for the Study of Manuscript Cultures, Universität Hamburg (13.08.2024) (öffnet in neuem Tab)
- Wang Juhua, Li Yuhua: Notes on the analysis and evaluation of several Han dynasty paper specimens and the invention of Chinese papermaking, Wen wu 1980(1), S. 78–85 (Bibliografieeintrag mit Kurzfassung, Smithsonian Museum Conservation Institute) (öffnet in neuem Tab)
- Zhenzhen Ma, Yingpei Zhu, Jing Shao u. a.: Analysis of the Fiber Residues Unearthed from the Dabuzi Han Tomb in Xi’an, Shaanxi. Materials 18(20), 4812 (2025) (öffnet in neuem Tab)
- Vanderbilt University Libraries: Online-Ausstellung zur Papierherstellung, Abschnitt Overview (öffnet in neuem Tab)
- Vanderbilt University Libraries: Online-Ausstellung zur Papierherstellung, Abschnitt Papermills (öffnet in neuem Tab)
- Timothy Barrett: Pre-industrial pretreatment. Enzymatic Pretreatment during 15th to 18th Century Papermaking in Europe (Editorial), BioResources 11(2), S. 2964–2967 (2016) (öffnet in neuem Tab)
- Joachim Hamberger: Geschichte der Papierherstellung (Bayerische Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft, LWF aktuell 54, auf waldwissen.net, 31.07.2006) (öffnet in neuem Tab)
- Anna Berkes: Declaration of Independence Paper (Thomas Jefferson Encyclopedia, Monticello, 22.03.2007) (öffnet in neuem Tab)
- Sean Gorman: Kai Degner falsely says Declaration of Independence was written on hemp paper (PolitiFact, 07.11.2016) (öffnet in neuem Tab)
- European Industrial Hemp Association: European hemp industry 2001. Cultivation, processing, and product lines (renewable-carbon.eu, 28.05.2002) (öffnet in neuem Tab)
- Michael Karus (nova-Institut, EIHA): Overview of the European Natural Fibre Industry. Cultivation, processing, and product lines (PDF, Daten 2002) (öffnet in neuem Tab)
- Europäische Zentralbank: Banknote production and stocks (öffnet in neuem Tab)
- National Cotton Council of America: Cotton and U.S. Currency (Cotton Counts, mit Angaben des Bureau of Engraving and Printing) (öffnet in neuem Tab)