Der Globus: die Welt als Kugel
Ein Globus trägt die Karte der Erde oder des Himmels auf einer Kugel. Der Nürnberger Erdapfel entstand um 1492, später druckte man die Segmente.
Ein Globus ist eine Karte der Erde oder des Himmels auf einer Kugel: Eine Karte ist flach, die Erde ist es nicht, und der Globus baut die Form selbst nach. Im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg steht ein Erdglobus aus den Jahren 1492 bis 1494, der mit dem Namen Martin Behaim verbunden ist und den dieser selbst „Erdapfel“ nannte. Ein Globus verlangt Handwerk: eine Kugel, ein Gestell und eine Karte, die auf einer gewölbten Fläche Platz findet. Und er verlangt Wissen, das zur Zeit seiner Entstehung oft unvollständig war.
Ein Erdapfel für den Nürnberger Rat
Im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg steht ein Erdglobus, der nach Angaben des Museums zwischen 1492 und 1494 entstand. Er ist mit dem Namen Martin Behaim verbunden. Behaim, 1459 in Nürnberg geboren, war nach der Neuen Deutschen Biographie Kaufmann, Seefahrer und Kosmograph. Er war am Hof König Johanns II. von Portugal in Lissabon tätig und nahm an einer Expedition des Diego Cão teil. Den Globus schuf er nach dieser Quelle während eines Aufenthalts in seiner Vaterstadt, und er nannte ihn selbst „Erdapfel“.
Nach der Pressemitteilung des Museums von 2023 gab der Nürnberger Rat den Globus in Auftrag, die Stadt bezahlte ihn. Erhaltene Rechnungen zeigen, dass viele Hände daran arbeiteten. Behaim übernahm Konzeption und Ausführung. Ein Glockengießer fertigte die Lehmformen für die Kugelschalen, der Feinmechaniker Ruprecht Kolberger formte die Kugel. Der Buchmaler Georg Glockendon der Ältere, der Maler Hans Storch und der Schreiber Petrus Gagenhart schufen Miniaturen und Inschriften. Ein Schreiner baute einen hölzernen Fuß, der heute verloren ist, ein Schlosser schmiedete die eisernen Reifen für den Drehmechanismus. Das Portal German History Intersections beschreibt die Kugel als Verbund verschiedener Materialien, bemalt mit deckenden Farben, auf einem Gestell aus Schmiedeeisen mit einem Horizontring aus Messing.
Der Globus stand zunächst im Besitz der Stadt, nach Angaben des Museums zuerst in den Ratsräumen und später in der Oberen Regimentsstube des Rathauses. Im Mai 2023 beschloss der Exekutivrat der UNESCO, ihn in das Register „Memory of the World“ aufzunehmen.
Was der Erdapfel zeigt und was nicht
Der Behaim-Globus ist eine gemalte Enzyklopädie. Das Museum zählt rund 2.000 Ortsnamen, dazu etwa 100 bis 110 Miniaturen und zahlreiche kurze und lange Texte. Zu sehen sind Europa, Afrika und Asien mit der japanischen Inselgruppe, Städte und Flüsse, Angaben zu fremden Völkern und Tieren, Meeresungeheuer, sagenhafte Herrscher und Orte der Heilsgeschichte bis zur gestrandeten Arche Noah.
Aufschlussreich ist, was der Globus eigens verzeichnet: Vorkommen von Gewürzen, Gold und Edelsteinen. Inschriften heben nach Angaben des Museums den möglichen Gewinn hervor. Der Nürnberger Rat bestellte also eine Weltkarte, die auch festhielt, wo Reichtümer zu finden waren. Wie eng Gewürze und Fernhandel verbunden waren, zeigt unser Stück über den Pfeffer.
Ebenso deutlich ist, was fehlt: Amerika ist nicht eingezeichnet. Genau ist die Karte auch sonst nicht: Die Neue Deutsche Biographie hält ihre Inhalte für unsicher und vielfach ungenau, die ältere Allgemeine Deutsche Biographie nennt Breitenfehler von bis zu 16 Grad an Küstenpunkten. Das Museum sieht im Globus eine Quelle für den europäischen Blick auf die außereuropäische Welt vor Kolumbus.
Diese Quelle wird bis heute erschlossen. Die letzte vollständige Edition der Texte stammt nach Angaben des Museums von 1908 und stützte sich auf fehlerhafte Faksimiles des 19. Jahrhunderts. Im Sommer 2011 wurde die Oberfläche hochaufgelöst fotografiert, mit Partnern unter anderem in Erlangen, Zürich und Trient. Nach Angaben des Museums ist seit der UNESCO-Auszeichnung im Mai 2023 ein 3D-Digitalisat öffentlich zugänglich; es zeigt den Globus, so das Museum, in besserem Zustand als das Original.
Wie eine Kugel entsteht
Der Erdapfel wurde von Hand bemalt. Wie spätere Globen innen gebaut sind, lässt sich heute durchleuchten. Megan Barford, Kuratorin für Kartografie bei den Royal Museums Greenwich, hat 2020 beschrieben, was Röntgenaufnahmen von Globen des National Maritime Museum zeigen.
Die Kugel besteht demnach meist aus zwei Halbkugeln aus Pappmaché, die zusammengesetzt und mit Gips überzogen werden. Ein Erdglobus von 1730 hat innen eine hölzerne Mittelstütze, an den Polen mit Nägeln befestigt. Nicht jede Kugel ist hohl: Ein Erdglobus von 1621 besteht nach dem Röntgenbild aus massivem Holz. Oft wurden Reste wiederverwendet: bedrucktes Altpapier, Metallabschnitte als Nagelköpfe; im Inneren eines Globus von 1764 fanden sich Wachssiegel.
Auf die Gipsschicht werden die Globussegmente geklebt, im Englischen gores: die bedruckten Kartenstücke, die zusammen die Oberfläche der Kugel bilden. Danach wurde die Kugel oft lackiert und in ein Gestell gesetzt. Ein Meridianring läuft durch Nord- und Südpol, ein waagrechter Horizontring schließt die Konstruktion ab.
Segmente ließen sich auch drucken. Im National Maritime Museum liegen Bögen mit Globussegmenten von George Woodward, um 1850, im Kupferstich auf Papier gedruckt, für Kugeln von 130 und 76 Millimetern Durchmesser. Mit der Kupferplatte des einen Bogens wurden nach Angaben des Museums noch weitere Bögen der Sammlung gedruckt. Eine gestochene Platte ließ sich also mehrfach verwenden. Auf den Segmenten sind fünf Ozeane benannt und die Lage der Antipoden von Greenwich markiert. Ein Satz von George Philip & Son aus dem Jahr 1966 ist dagegen lithografiert; das Museum verzeichnet die zwölf Segmente einzeln.
Der Himmel von außen
Neben der Erde bildeten Globenmacher den Himmel ab. Ein Himmelsglobus ist nach dem History of Science Museum der Universität Oxford eine kugelförmige Karte des Himmels mit der Erde im Mittelpunkt. Er zeigt Sterne und Sternbilder aus einer Art göttlicher Außensicht: Der Betrachter blickt von außen auf eine Sphäre, die man von der Erde aus nur von innen sieht. Meist sitzt die Kugel in einem Gestell, das sich drehen und auf verschiedene Breiten neigen lässt.
Das hat Folgen für die Bilder. Auf Globen aus der islamischen Welt wenden die Figuren dem Betrachter das Gesicht zu, ihr Körper blickt aber ins Innere der Kugel. Rechtshänder erscheinen so als Linkshänder; Perseus hält das Schwert in der linken Hand. Der persische Astronom al-Sufi (903 bis 986) zeichnete in seinem Buch der Sternbilder deshalb jedes Sternbild zweimal, einmal von der Erde aus gesehen und einmal spiegelbildlich, wie auf dem Globus. Die Oxforder Sammlung verzeichnet Himmelsgloben aus dem Jahr 1318/19, aus 1362/63 und aus Lahore von 1663/64.
Auch Himmelsgloben wurden gemalt. Auf einem islamischen Himmelsglobus in Greenwich zeigen die Röntgenaufnahmen Goldlinien und rotes Bleipigment, auf einem Himmelsglobus von Arnold van Langren aus dem Jahr 1625 ist das Sternbild Schwan mit Bleiweiß gemalt. Ein Himmelsglobus von George Philip & Son, um 1960, zeigt dagegen nur noch die Hauptsterne in Gelb auf Blau, durch Linien verbunden; die Milchstraße ist beschriftet, aber nicht gezeichnet. Erd- und Himmelsglobus wurden auch als Paar gefertigt. Von Gerard Mercator stammen ein Erdglobus von 1541 und ein Himmelsglobus von 1551; Exemplare beider untersucht das Museum in Greenwich, ein Paar besitzt die Sammlung in Wien.
Globen als Sammlungsobjekte
In Wien besitzt die Österreichische Nationalbibliothek ein eigenes Globenmuseum. Es geht auf Robert Haardt zurück, einen Sammler und Erforscher alter Globen mit Erfahrung im Globenbau, der nach dem Zweiten Weltkrieg in seiner Wohnung in der Gußhausstraße ein privates Globusmuseum betrieb. Am 2. Dezember 1953 beschloss das Unterrichtsministerium, dass die Nationalbibliothek die Sammlung übernimmt. Im April und Mai 1954 kamen 25 Globen, 51 Nachschlagewerke, 13 Kartenwerke und zehn Bildmappen in die Bibliothek. Am 14. April 1956 wurde das Museum eröffnet.
Seit dem 1. Dezember 2005 ist es in der Beletage des barocken Palais Mollard in der Herrengasse untergebracht. Nach Angaben der Bibliothek umfasst die Sammlung mehr als 820 Objekte, rund 250 sind dauerhaft ausgestellt. Dazu gehören ein Paar von Mercator, 1875 erworben und lange irrtümlich für einen Besitz Karls V. gehalten, sowie Mond- und Planetengloben. Ein eigener Raum gilt Vincenzo Coronelli: Ein Globenpaar mit 110 Zentimetern Durchmesser schenkte er Kaiser Leopold I., ein zweites, fast gleiches Paar gehörte Franz I. Ein Kabinett aus dem späten 17. Jahrhundert zeigt Armillarsphären, Planetarien und Tellurien. Seit 2005 lässt sich ein virtueller Mercator-Globus drehen und mit heutigen Küstenlinien überlagern, sodass das Wissen des 16. Jahrhunderts neben dem heutigen sichtbar wird.
Das National Maritime Museum in Greenwich verwahrt neben Erd- und Himmelsgloben auch Bögen mit Globussegmenten. An ihnen lässt sich ablesen, dass ein Globus zugleich Karte, Druck und Instrument ist.
Was ein Globus über sein Weltbild verrät
Ein Globus scheint neutral, weil er der Erde in der Form gleicht. Sein Inhalt ist es nicht. Der Erdapfel verzeichnet Gewürze und Gold und betont in Inschriften den möglichen Gewinn. Die Segmente aus Greenwich tragen um 1850 in der Polarregion die Namen Melville und Parry und markieren die Antipoden von Greenwich, also den Gegenpunkt des eigenen Standorts. Was auf einer Kugel steht, zeigt, wer sie bestellt hat und was man dort von der Welt wissen wollte. Wie flache Karten das Gelände darstellen, zeigt Höhenlinien: wie Karten Gelände zeigen.
Häufige Fragen
Was ist der Behaim-Globus?
Der Behaim-Globus ist ein Erdglobus im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg, entstanden nach Angaben des Museums zwischen 1492 und 1494. Der Nürnberger Rat gab ihn in Auftrag, Martin Behaim übernahm Konzeption und Ausführung und nannte ihn selbst „Erdapfel“. Er verzeichnet rund 2.000 Ortsnamen und etwa 100 bis 110 Miniaturen, Amerika ist nicht eingezeichnet; seit Mai 2023 gehört er zum UNESCO-Register „Memory of the World“.
Wie wird ein Globus gebaut?
Röntgenaufnahmen aus dem National Maritime Museum in Greenwich zeigen, dass die Kugel meist aus zwei Halbkugeln aus Pappmaché besteht, die zusammengesetzt und mit Gips überzogen werden. Darauf klebt man die Globussegmente, bedruckte Kartenstücke, die zusammen die Oberfläche bilden. Danach wurde die Kugel oft lackiert und in ein Gestell mit Meridianring und Horizontring gesetzt.
Was ist ein Himmelsglobus?
Ein Himmelsglobus ist nach dem History of Science Museum der Universität Oxford eine kugelförmige Karte des Himmels mit der Erde im Mittelpunkt. Er zeigt Sterne und Sternbilder von außen, also spiegelbildlich zu dem, was man von der Erde aus sieht. Erd- und Himmelsgloben wurden auch als Paar gefertigt, etwa von Gerard Mercator.
Was wir nicht wissen
Den Durchmesser und den genauen Aufbau der Kugel des Behaim-Globus nennen die geöffneten Quellen nicht. Die Angaben des Museums zur Zahl der Miniaturen und Ortsnamen weichen zwischen Projektseite und Pressemitteilung leicht voneinander ab, ebenso die Quellen zu Behaims Todesjahr. Wie viele Globen das National Maritime Museum insgesamt besitzt, haben wir nicht an einer Quelle des Museums geprüft. Ab wann Globussegmente regelmäßig im Kupferstich gedruckt wurden, belegen die hier verwendeten Quellen nicht.
Weiterlesen: Die Camera obscura: ein Raum, der Bilder macht · Die Wunderkammer: Sammeln, bevor es Museen gab
Stand: 13.10.2026. Quellen siehe unten.
Quellen
- Germanisches Nationalmuseum: Behaim-Globus wird UNESCO-Weltdokumentenerbe (Pressemitteilung, 18.05.2023) (öffnet in neuem Tab)
- Germanisches Nationalmuseum: Behaim-Globus digital (Pressemitteilung, 27.03.2024) (öffnet in neuem Tab)
- Germanisches Nationalmuseum: Digital Photographic Recording and Construction of a 3D Computer Model of the Behaim Globe (Forschungsprojekt) (öffnet in neuem Tab)
- German History Intersections (Deutsches Historisches Institut Washington): Martin Behaim, Earth Apple (c. 1491–94), Germanisches Nationalmuseum, Inv.-Nr. WI 1826 (öffnet in neuem Tab)
- Carl Rathjens: Behaim, Martin, in: Neue Deutsche Biographie 2 (1955), S. 2; Löwenberg: Behaim, Martin, in: Allgemeine Deutsche Biographie 2 (1875), S. 276 (Deutsche Biographie) (öffnet in neuem Tab)
- Megan Barford: Beneath the Earth's surface: using X-rays to find out how globes were made (Royal Museums Greenwich, 02.04.2020) (öffnet in neuem Tab)
- Royal Museums Greenwich: Terrestrial globe gores, George Woodward, um 1850 (GLB0263) (öffnet in neuem Tab)
- Royal Museums Greenwich: Terrestrial globe gores, George Woodward, um 1850 (GLB0265) (öffnet in neuem Tab)
- Royal Museums Greenwich: Globe gore, George Philip & Son, 1966 (ZBA0326.9) (öffnet in neuem Tab)
- Royal Museums Greenwich: Celestial table globe, George Philip & Son, um 1960 (öffnet in neuem Tab)
- History of Science Museum, University of Oxford: Celestial globes (Science in the Islamic World) (öffnet in neuem Tab)
- Österreichische Nationalbibliothek: The history of the Globe Museum (öffnet in neuem Tab)