Leder, pflanzlich gegerbt: Rinde, Grube, Zeit
Pflanzlich gegerbtes Leder entsteht mit Tanninen aus Rinde und Holz, früher über Monate in Gruben. Ein EU-Merkblatt nannte 2003 etwa 90 Prozent Chromleder.
Pflanzlich gegerbtes Leder ist Tierhaut, die mit Gerbstoffen aus Rinde, Holz oder Blättern so behandelt wurde, dass sie nicht mehr fault; diesen Schritt nennt man Gerben. Über Jahrhunderte geschah es mit Rinde, Holz und Wasser, in Gruben und über Monate, doch im Jahr 2003 war dieser Weg nach einem europäischen Merkblatt die Ausnahme. Dieser Text erklärt, was beim Gerben geschieht, worin sich pflanzliche Gerbung und Chromgerbung unterscheiden und wo man das alte Handwerk noch sehen kann.
Was Gerben ist
Das Lexikon der Chemie von Spektrum der Wissenschaft beschreibt Gerberei als Herstellung von Leder aus Tierhäuten oder Fellen. Verarbeitet wird nur die Lederhaut, in der Fachsprache Corium. Oberhaut mit Haaren und das Bindegewebe darunter werden entfernt. Das Ergebnis der Gerbung ist ein Material, das nicht mehr fault und nicht mehr verleimbar ist. Das europäische BVT-Merkblatt zur Lederindustrie (deutsche Fassung beim Umweltbundesamt, 2003) formuliert es ähnlich: Gerben verwandelt hochgradig fäulnisfähige rohe Häute in ein haltbares Material.
Was dabei im Inneren geschieht, beschreibt Vicki Dirksen in einem Aufsatz im Journal of Conservation & Museum Studies des University College London (1997). Die Festigkeit des Leders stammt aus den Kollagenfasern der Lederhaut. Die Gerbstoffmoleküle binden sich an diese Fasern und halten sie auseinander. So bleibt die Haut beweglich, ohne zu verrotten.
Bevor gegerbt wird, ist viel Vorarbeit nötig. Spektrum nennt die Schritte: Die durch Salzen und Trocknen konservierten Häute werden in Wasser geweicht, im Äscher mit Kalkmilch von den Haaren gelöst, enthaart und auf der Fleischseite vom Unterhautgewebe befreit. Was übrig bleibt, heißt Blöße.
Drei Wege zum Leder
Gerbstoffe lassen sich nach Spektrum in drei Gruppen teilen: pflanzliche, mineralische und synthetische. Die mineralischen sind vor allem Aluminiumsalze wie Alaun, aus denen weißes Leder entsteht, und Chrom(III)-Salze, die ein graugrünes Leder ergeben. Daneben gibt es die Sämischgerbung mit Tran. Viele Lederarten kombinieren mehrere Verfahren.
Die pflanzlichen Gerbstoffe heißen Tannine. Chemisch sind es Polyhydroxyphenole. Sie fällen Eiweiße aus und reagieren mit Eisen zu blauen oder grünen Verbindungen. Gewonnen werden sie aus Pflanzenteilen, in denen sie sich anreichern. Spektrum nennt Gehalte: Fichtenrinde etwa 9 Prozent, Eichenrinde 13 Prozent, Kastanienholz 10 Prozent, das Kernholz des Quebrachobaums 20 Prozent, Sumachblätter 26 bis 30 Prozent. Das Merkblatt führt als Beispiele für pflanzliche Gerbstoffe Quebracho, Mimosa und Eiche an.
Die zerkleinerte Rinde heißt Lohe. Der Flyer des Gerbermuseums Lohmühle in Leustetten erklärt sie als getrocknete und zerkleinerte gerbstoffreiche Rinde, etwa aus Eiche oder Fichte. Daher kommt das Wort Lohgerber.
Rotgerber und Weißgerber
Im Handwerk waren die Verfahren auch Berufe. Das Historische Lexikon der Schweiz unterscheidet sie genau. Rotgerber, auch Lohgerber genannt, gerbten schwere Häute von Großvieh mit Lohe. Daraus entstanden Sohl-, Schuh-, Sattel- und Zaumzeugleder. Weißgerber arbeiteten mit Alaun, meist an Fellen von Kalb, Ziege und Schaf, und stellten dünnere Leder für Kleidung her. Sämischgerber walkten Felle mit Tran und erhielten wasserdichte Leder.
Archäologisch ist das Handwerk gut fassbar. In der Solothurner Löwengasse fanden sich in den Boden eingetiefte Holzbottiche; mindestens einer, wahrscheinlich zwei davon sind älter als die Holzbauten des 13. Jahrhunderts. Die Kantonsarchäologie beschreibt die Rotgerberei dort so: Verwendet wurde gehackte und fein gemahlene Eichen- oder Fichtenrinde. Für einen Zentner Leder brauchte man etwa die vier- bis fünffache Menge Lohe. Die ausgelaugte Lohe wurde gepresst, getrocknet und als Brennstoff verkauft. Die Bindung zwischen Gerbstoff und Haut ist nach derselben Quelle nicht umkehrbar, weshalb solches Leder im feuchten Boden oft erhalten bleibt.
Grube und Zeit
Das Kennzeichen der alten pflanzlichen Gerbung ist die Grube. Nach Spektrum liegen die Blößen dort in Schichten mit dem Gerbmittel, und zwar einige Monate. Die Solothurner Archäologie beschreibt mit Lehm ausgekleidete Gruben von bis zu zwei Metern Tiefe. Das Wasser wurde regelmäßig gewechselt und durch stärkere Lohe ersetzt. Die Dauer reichte je nach Tierart und Verfahren von einigen Tagen bis zu 18 Monaten.
Für das schwere Leder der Rotgerber nennt das Historische Lexikon der Schweiz ein bis zwei Jahre in den Lohgruben, für die Alaungerbung der Weißgerber höchstens drei Monate. Auch Dirksen schreibt, pflanzlich gegerbtes Leder könne bis zu zwei Jahre in der Herstellung brauchen.
Kürzer wurde es mit anderen Techniken. Höher konzentrierte Brühen und das rotierende Gerbfass verkürzen nach Spektrum die Dauer. Das Merkblatt nennt 2003 für die pflanzliche Gerbung zwei übliche Systeme: die Grubengerbung im Gegenstromprinzip und die Fassgerbung mit Kreislaufführung des Gerbstoffs.
Chrom und der Wandel
Den größeren Einschnitt brachte das Chrom. Nach Dirksen wurde die Chromgerbung ab 1884 in großem Maßstab eingesetzt; aus Tagen wurden Stunden. Das Historische Lexikon der Schweiz nennt „ab 1893 die Chromgerbung“ unter den Neuerungen, die die Gerbprozesse verkürzten. Das europäische BVT-Merkblatt nennt in der deutschen Fassung von 2003 etwa 90 Prozent der Leder als mit Chromsalzen gegerbt.
Für die Umwelt ist die Frage nicht so einfach, wie sie aussieht. Bei konventioneller Chromgerbung gehen nach dem Merkblatt von 2003 30 bis 50 Prozent des eingesetzten Chroms mit dem Abwasser verloren; zur Rückgewinnung beschreibt es Fällungsverfahren. Zugleich steht dort, dass die Wahl eines bestimmten Gerbstoffs, Chrom oder pflanzlich, die Folgen des Verfahrens für die Umwelt an sich nicht geringer werden lässt. Das Merkblatt betrachtet die pflanzliche Gerbung deshalb nicht als Ersatz für die Chromgerbung. Beide dienen der Herstellung unterschiedlicher Produkte.
Licht, Alter, Pflege
Pflanzlich gegerbtes Leder hat eigene Stärken und Schwächen. Spektrum nennt als Vorteil die hohe Formbeständigkeit des Leders. Als Nachteile führt das Lexikon die schwankende Zusammensetzung der Gerbstoffe, die geringe Lichtechtheit heller Leder und die Empfindlichkeit gegenüber Eisen an. Dass helles, pflanzlich gegerbtes Leder sich im Licht verändert, ist also keine Laune, sondern Teil des Materials.
Das Altern hat auch eine Kehrseite. Dirksen beschreibt den Schaden, den die Konservierung red rot nennt: eine rötliche, pulvrige Oberfläche, die mit fortschreitendem Zerfall dunkler wird. Sie führt ihn auf eine Reaktion des Gerbstoffs mit Schwefelsäure zurück und nennt Leder aus der Zeit zwischen 1850 und 1900 als besonders betroffen. Heilen lasse sich der Schaden nicht. Für die Aufbewahrung in Sammlungen nennt der Aufsatz eine Temperatur von 18 bis 20 Grad und eine relative Luftfeuchte, die je nach Fachquelle zwischen 45 und 65 Prozent liegt; oberhalb von 65 Prozent drohe Schimmel.
Wo man das Handwerk sieht
Das Deutsche Ledermuseum in Offenbach am Main wurde am 13. März 1917 von dem Architekten Hugo Eberhardt gegründet. Es begann als Lehr- und Mustersammlung an den Technischen Lehranstalten, der heutigen Hochschule für Gestaltung, und bezog 1938 sein jetziges Haus an der Frankfurter Straße. Die Sammlung umfasst nach eigenen Angaben mehr als 30.000 Objekte aus fünf Kontinenten und rund sechs Jahrtausenden, darunter das Deutsche Schuhmuseum. Der Ort ist kein Zufall. Das Museum datiert das Offenbacher Lederwarengewerbe auf das späte 18. Jahrhundert: 1776 gründeten Joseph Anton Mönch und sein Sohn Johann Karl eine Manufaktur für Etuis und Andenken. Zum Gewerbe gehörten Gerbereien, Schuhfabriken und Färbereien.
Kleinere Häuser zeigen das Handwerk am Ort. Die Lohmühle in Leustetten bei Frickingen ist ein Fachwerkbau von 1835 und gehörte zu einer Gerberei, die seit dem 18. Jahrhundert im Ort ansässig war. Mit deren Stilllegung in den 1960er Jahren endete auch der Betrieb der Mühle. Heute zeigt sie, wie Wasserkraft Zahnräder, Rindenmühle und Walkfass antreibt. In Dippoldiswalde im Osterzgebirge ist eine um 1750 erbaute Lohgerberei nach Sanierung als ruhende Schauanlage zu sehen; die Stadt kündigte die Eröffnung des Lohgerber Museums für den 27. März 2022 an.
Wer ein Stück pflanzlich gegerbtes Leder in der Hand hält, hält also Zeit: die der Rinde, die der Grube und die des Gebrauchs.
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Häufige Fragen
Was ist der Unterschied zwischen pflanzlicher Gerbung und Chromgerbung?
Die pflanzliche Gerbung arbeitet mit Tanninen aus Pflanzenteilen wie Eichen- oder Fichtenrinde, Kastanienholz oder dem Kernholz des Quebrachobaums, die Chromgerbung mit Chrom(III)-Salzen, die ein graugrünes Leder ergeben. Nach Vicki Dirksen wurde die Chromgerbung ab 1884 in großem Maßstab eingesetzt, und aus Tagen wurden Stunden. Das europäische BVT-Merkblatt von 2003 betrachtet die pflanzliche Gerbung nicht als Ersatz für die Chromgerbung, weil beide unterschiedliche Produkte ergeben.
Wie lange dauert die Grubengerbung von Leder?
Die Quellen nennen unterschiedliche Spannen. Spektrum der Wissenschaft spricht von einigen Monaten, die Solothurner Kantonsarchäologie je nach Tierart und Verfahren von einigen Tagen bis zu 18 Monaten, das Historische Lexikon der Schweiz für das schwere Leder der Rotgerber von ein bis zwei Jahren. Höher konzentrierte Brühen und das rotierende Gerbfass verkürzen die Dauer.
Wo kann man in Deutschland sehen, wie früher Leder gegerbt wurde?
Das Deutsche Ledermuseum in Offenbach am Main, 1917 gegründet, umfasst nach eigenen Angaben mehr als 30.000 Objekte. Die Lohmühle in Leustetten bei Frickingen, ein Fachwerkbau von 1835, zeigt, wie Wasserkraft Rindenmühle und Walkfass antreibt. In Dippoldiswalde im Osterzgebirge ist eine um 1750 erbaute Lohgerberei als ruhende Schauanlage zu sehen.
Was wir nicht wissen
Die Quellen nennen für die Dauer der Grubengerbung unterschiedliche Spannen, von einigen Monaten bis zu zwei Jahren; sie hing von Tierart, Lederdicke und Verfahren ab. Für den Beginn der Chromgerbung stehen 1884 und 1893 nebeneinander; die Quellen nennen keinen gemeinsamen Bezugsraum. Die Zahl von etwa 90 Prozent Chromleder stammt von 2003; eine neuere Behördenzahl haben wir nicht geprüft. Wie viel Leder heute in Gruben gegerbt wird und wie viel im Fass, nennen die gelesenen Quellen nicht. Eine fachliche Beschreibung dessen, was im Alltag Patina heißt, haben wir nicht gefunden.
Stand: 13.10.2026. Quellen siehe unten.
Quellen
- Spektrum der Wissenschaft, Lexikon der Chemie: Gerbstoffe (öffnet in neuem Tab)
- Spektrum der Wissenschaft, Lexikon der Chemie: Gerberei (öffnet in neuem Tab)
- Europäische Kommission, deutsche Übersetzung im Auftrag des Umweltbundesamts: Referenzdokument über die Besten Verfügbaren Techniken für die Lederindustrie (BVT-Merkblatt, deutsche Fassung, Februar 2003) (öffnet in neuem Tab)
- Historisches Lexikon der Schweiz: Gerberei (Anne-Marie Dubler, Version vom 12.04.2012) (öffnet in neuem Tab)
- Archäologie und Denkmalpflege Kanton Solothurn: Andrea Nold, Archäologische Hinweise auf mittelalterliche Gerber in Solothurn (öffnet in neuem Tab)
- Vicki Dirksen: The Degradation and Conservation of Leather, Journal of Conservation & Museum Studies 3 (1997), University College London (öffnet in neuem Tab)
- Deutsches Ledermuseum Offenbach: Museum (öffnet in neuem Tab)
- Deutsches Ledermuseum Offenbach: History (öffnet in neuem Tab)
- Gemeinde Frickingen: Flyer Gerbermuseum Lohmühle Leustetten (öffnet in neuem Tab)
- museum.de: Audioguide Gerbermuseum Lohmühle (öffnet in neuem Tab)
- Große Kreisstadt Dippoldiswalde: Museumseröffnung Lohgerber Museum und Galerie Dippoldiswalde (Pressemitteilung, 23.03.2022) (öffnet in neuem Tab)