Leinen: Flachs als Faser

Leinen wird aus den Bastfasern des Flachses gewonnen: raufen, rösten, brechen, schwingen, hecheln, spinnen, weben. Angebaut wird er vor allem in Westeuropa.

Text: Redaktion · 7 Minuten · Stand

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Leinen ist ein Gewebe aus den Fasern des Leins oder Flachses, die als Bast zwischen äußerer Rinde und verholztem Kern des Stängels sitzen. Man erkennt es an der Hand, fest im Griff, glatt, mit Falten, die bleiben, und dahinter steht eine lange Kette von Handgriffen vom Raufen bis zum Weben. Dieser Text folgt der Faser vom Stängel bis zum Stoff, ordnet ein, was archäologische Funde belegen, und zeigt, wo Flachs in Europa heute wächst.

Eine Faser aus dem Stängel

Der Botanische Garten der TU Dresden führt den Saat-Lein unter dem Namen Linum usitatissimum. Er ist einjährig und lässt sich als Sommer- oder als Winterlein anbauen. Die Gattung umfasst nach derselben Quelle etwa 200 Arten, acht davon kommen in Deutschland vor.

Die Faser sitzt nicht im Holz, sondern daneben. Das Glossar der Alliance for European Flax-Linen & Hemp, des europäischen Branchenverbands für Flachs und Hanf, beschreibt Flachs- und Hanffasern als lang gestreckte Zellen, den Bast, zwischen äußerer Rinde und verholztem Kern des Stängels. Ein Stängel enthält demnach 30 bis 40 Faserbündel, jedes aus 10 bis 40 Fasern. Jede Faser ist eine einzelne Zelle von 6 bis 10 Zentimetern Länge und 7 bis 40 Mikrometern Durchmesser. Cellulose macht 70 bis 80 Prozent der Faser aus, Lignin 2 bis 5 Prozent der Trockenmasse.

Die Sächsische Landesanstalt für Landwirtschaft nennt für Faserlein Stängel von 0,8 bis 1,2 Metern Länge und 1,2 bis 1,8 Millimetern Dicke. Fasern und Holz sind miteinander verbunden. Diese Verbindung zu lösen, ist der Kern der ganzen Verarbeitung.

Der Weg zum Stoff, in sieben Schritten erzählt

Raufen. Flachs wird nicht gemäht, sondern mit der Wurzel aus dem Boden gezogen. Nach der Sächsischen Landesanstalt geschieht das etwa 100 Tage nach der Aussaat, meist von Ende Juli bis Mitte August. Die Stängel werden parallel in Schwaden abgelegt. Das Heimat- und Burgmuseum Kirkel beschreibt dasselbe für die historische Arbeit: Im Sommer wurden die Stängel ausgerauft und in Bündeln zum Trocknen auf das Feld gelegt. Vor der Röste wurden die Samenkapseln entfernt.

Rösten. Die Röste löst die Fasern vom Holz. Bei der Tauröste, so das Alliance-Glossar, bauen Feuchtigkeit, Sonne und Mikroorganismen des Bodens die natürlichen Kittstoffe zwischen Fasern und Holzteil ab. Die Sächsische Landesanstalt nennt dafür mehrere Wochen auf dem Feld, die Schwaden werden mindestens einmal gewendet. Das Museum Kirkel beschreibt für die ältere Praxis das Rösten im Wasser: Die Stängel kamen ins Wasser, damit die holzigen Teile verrotten.

Brechen. Danach wird der Holzkern zerkleinert. Ein Nürnberger Holzschnitt von 1583, den das Museum Kirkel zeigt, bildet eine Frau an der Flachsbreche ab.

Schwingen. Mit einem hölzernen Schwert werden die gebrochenen Holzteilchen aus dem Faserbündel geschlagen. Heute geschieht das maschinell. Das Alliance-Glossar beschreibt das Schwingen als Trennung des Flachsstrohs in kurze Fasern, lange Fasern, Schäben und Samen. Schäben sind die holzigen Teile der Pflanze.

Hecheln. Das Niederlausitzer Sorbische Dorfmuseum Bloischdorf verzeichnet eine Hechel aus dem 19. Jahrhundert, Holz und Metall auf einem Ständer. Die Fasern werden durch Metallstifte gezogen, letzte Holzteilchen fallen heraus. Das Museum nennt das Hecheln den letzten Arbeitsschritt der Flachsverarbeitung vor dem Spinnen. Die Reste dienten für Sackleinwand oder Seile. Nach dem Alliance-Glossar werden die gehechelten langen Fasern parallel gelegt und zu weichen, glänzenden Bändern geformt, die kurzen Fasern, das Hechelwerg, gehen in die Trockenspinnerei.

Spinnen. Das Museum Kirkel beschreibt die Handspindel mit Wirtel, an der die Fasern vom Rocken gezogen und verdreht wurden. Für das Garn eines Hemdes rechnet die Ausstellung mit elf Stunden Spinnarbeit. Das Spinnrad war in Europa nach derselben Darstellung wohl seit dem 13. Jahrhundert in Gebrauch. Industriell werden die langen Fasern nass gesponnen. Das Alliance-Glossar beschreibt dabei ein Bad in Wasser von 60 °C.

Weben. Für den Trittwebstuhl, im Gebrauch seit dem 12. Jahrhundert, nennt das Museum Kirkel etwa 20 Schüsse pro Minute. Bei feinem Tuch mit 20 Schussfäden je Zentimeter ergab das rund 60 Zentimeter Stoff in der Stunde. Die Breite war durch die Armlänge des Webers auf etwa 70 Zentimeter begrenzt.

Was das Gewebe ausmacht

Die Encyclopaedia Britannica fasst die Eigenschaften knapp zusammen. Leinen ist fester als Baumwolle, trocknet schneller und wird von Sonnenlicht langsamer angegriffen. Es nimmt Feuchtigkeit schnell auf und gibt sie schnell wieder ab. Es leitet Wärme gut. Die geringe Elastizität der Faser gibt dem Stoff eine harte, glatte Oberfläche und ist zugleich der Grund, warum er leicht knittert.

Für die Gestaltung folgt daraus ein Abwägen. Festigkeit und schnelles Trocknen sprechen für Leinen, wo ein Stoff oft gewaschen wird. Die Falte dagegen gehört zum Material und lässt sich nicht wegdenken.

Was die Funde zeigen

Die Faser ist lange vor dem Leinen da. In der Höhle Dzudzuana im Vorland des Kaukasus in Georgien fand ein Team um Eliso Kvavadze und Ofer Bar-Yosef Fasern von wildem Flachs. Die Arbeit erschien 2009 in der Zeitschrift Science. Die Fundschicht D ist nach kalibrierten Radiokarbondaten auf etwa 36.000 bis 31.000 Jahre vor heute datiert. Aus ihr stammen 488 Fasern, 13 davon gesponnen, 58 gefärbt, überwiegend schwarz bis grau und türkis. In einer jüngeren Schicht fand sich eine Schnur mit zahlreichen Knoten.

In Mitteleuropa ist Flachs nach dem Historischen Lexikon der Schweiz ab dem jüngeren Neolithikum durch Pflanzenreste und Textilreste belegt. Ein dichtes Bild liefert die Feuchtbodensiedlung Hornstaad-Hörnle IA am Bodensee, datiert auf 3917 bis 3902 v. Chr. Die Archäologin Johanna Banck-Burgess nennt dort mehr als 1.200 Textilobjekte. Ihre These: Flachsfasern tauchen zunächst vor allem im Zusammenhang mit dem Fischfang auf, als feine Netze. Gewebe aus Flachs waren demnach bereits etabliert.

Wie fein Leinen werden konnte, zeigt ein Stück im Metropolitan Museum of Art in New York. Es stammt aus einem Grab in Theben, datiert auf etwa 1491 bis 1473 v. Chr., und misst 515 mal 161 Zentimeter bei 140 Gramm Gewicht. Gezählt wurden 46 Kettfäden und 30 Schussfäden je Quadratzentimeter. Das Museum schließt aus der Feinheit, dass der Flachs sehr jung geerntet worden sein muss. Es hält fest, dass das Tuch schon in der Antike geflickt und gewaschen wurde.

Vom Hausgewerbe zur Randkultur

Die Aufbereitung von Flachs war arbeitsintensiv. Das Historische Lexikon der Schweiz zählt sie im Mittelalter und in der frühen Neuzeit zu den Tätigkeiten bäuerlicher Haushalte. In der Nordostschweiz war St. Gallen das Zentrum des Leinwandgewerbes, Händler kauften Garn und rohe Leinwand direkt bei den Bauern. Im Rheinland war Beeck bei Wegberg nach Angaben des Kulturlandschafts-Portals KuLaDig bis etwa 1920 Hauptanbaugebiet für Flachs und trug den Beinamen Flachsbeeck. Ein Flachsmuseum dort zeigt den ganzen Weg von der Aussaat bis zum Leinen.

Mit der Baumwolle änderte sich das. Nach dem Botanischen Garten der TU Dresden ging der Flachsanbau in Deutschland mit den steigenden Baumwollimporten im 19. Jahrhundert stark zurück. Flachs wird in Deutschland laut KuLaDig (Stand 2013) kaum noch angebaut.

Leinen in Europa heute

Anders in Westeuropa. Die Europäische Kommission beziffert die Anbaufläche für Faserflachs auf 80.000 Hektar im Jahr 2014 und 182.000 Hektar im Jahr 2024. Hauptproduzenten sind Frankreich, Belgien und die Niederlande. Die Alliance for European Flax-Linen & Hemp, gegründet 1951 und früher unter dem Kürzel CELC bekannt, meldete im November 2024 eine Aussaatfläche von 185.849 Hektar für europäischen Flachs. Davon lagen 162.124 Hektar in Frankreich, 20.156 in Belgien und 3.569 in den Niederlanden. In Frankreich nennt der Verband die Normandie, Hauts-de-France und die Île-de-France als Anbauregionen.

Rund drei Viertel der Weltproduktion langer Flachsfasern stammen nach Angaben des Verbands aus Frankreich, Belgien und den Niederlanden. Am Textilmarkt bleibt der Anteil klein: Flachsfasern, lang und kurz, machen demnach weniger als 0,5 Prozent der Textilfaserproduktion auf der Welt aus. Die Kommission nennt neben Leinen für Kleidung und Haustextilien auch technische Wege. Flachsfaser kann in Kunststoff-Verbundwerkstoffen Glasfaser ersetzen, kurze Fasern gehen in Verbundmöbel und Dämmmatten.

Die Nachbarfaser

Flachs und Hanf sind verschiedene Pflanzen, liefern aber den gleichen Fasertyp. Das Alliance-Glossar behandelt beide gemeinsam als Bastfasern aus dem Stängel, und der Verband vertritt beide Branchen. Auch beim Hanf löst eine Röste die Fasern vom Holz. Wie die Hanffaser vom Segeltuch zum Baustoff wurde und woran ihre Verarbeitung heute hakt, zeigt unser Text zur Hanffaser.

Weiterlesen: Hanffaser als Material: vom Segeltuch zum Hanfkalk · Hanfstoff: wie Gewebe aus Hanf entsteht · Linoleum: Leinöl, Kork, Jute

Häufige Fragen

Wie wird aus Flachs Leinen?

Der Flachs wird mit der Wurzel aus dem Boden gerauft und dann geröstet, damit sich die Fasern vom Holz lösen. Beim Brechen wird der Holzkern zerkleinert, beim Schwingen werden die Holzteilchen herausgeschlagen, beim Hecheln werden die Fasern durch Metallstifte gezogen. Danach wird die Faser zu Garn gesponnen und zu Stoff gewebt.

Warum knittert Leinen so leicht?

Nach der Encyclopaedia Britannica liegt das an der geringen Elastizität der Flachsfaser. Sie gibt dem Stoff eine harte, glatte Oberfläche und ist zugleich der Grund für die Falten. Zugleich ist Leinen fester als Baumwolle und trocknet schneller.

Wo wird heute Flachs für Leinen angebaut?

Hauptproduzenten sind nach der Europäischen Kommission Frankreich, Belgien und die Niederlande. Der Branchenverband Alliance for European Flax-Linen & Hemp meldete im November 2024 eine europäische Aussaatfläche von 185.849 Hektar, davon 162.124 Hektar in Frankreich. In Deutschland wird Flachs laut KuLaDig mit Stand 2013 kaum noch angebaut.

Was wir nicht wissen

Die Quellen nennen für den Aufbau des Stängels unterschiedliche Spannen. Die Sächsische Landesanstalt spricht von 20 bis 50 Faserbündeln mit etwa 10 bis 30 Elementarfasern, das Alliance-Glossar von 30 bis 40 Bündeln mit 10 bis 40 Fasern. Auch die Flächenangaben für 2024 unterscheiden sich leicht zwischen Kommission und Verband. Für die Fundschicht D der Dzudzuana-Höhle nennt die Studie etwa 32.000 bis 26.000 unkalibrierte Radiokarbonjahre, kalibriert etwa 36.000 bis 31.000 Jahre vor heute; wir geben die kalibrierte Angabe wieder. Eine aktuelle amtliche Zahl zum Flachsanbau in Deutschland haben wir nicht gefunden. Ebenso fehlt eine belastbare Angabe dazu, wie viel des in Europa geschwungenen Flachses hier auch gesponnen und gewebt wird.

Stand: 13. Oktober 2026. Quellen siehe unten.

Quellen

  1. Alliance for European Flax-Linen & Hemp: A Flax-Linen Glossary (öffnet in neuem Tab)allianceflaxlinenhemp.eu · abgerufen am
  2. Alliance for European Flax-Linen & Hemp: Flax-Linen and Hemp Economic Observatory, Figures 2024 (öffnet in neuem Tab)allianceflaxlinenhemp.eu · abgerufen am
  3. Alliance for European Flax-Linen & Hemp: Alliance Flyer (EN) (öffnet in neuem Tab)allianceflaxlinenhemp.eu · abgerufen am
  4. Europäische Kommission, Generaldirektion Landwirtschaft: Flax (öffnet in neuem Tab)agriculture.ec.europa.eu · abgerufen am
  5. Sächsische Landesanstalt für Landwirtschaft: Faserlein (Linum usitatissimum L.), Anbau und Verwertung (Redaktionsschluss Oktober 2002) (öffnet in neuem Tab)publikationen.sachsen.de · abgerufen am
  6. Botanischer Garten der TU Dresden: Pflanze der Woche, Der Lein (KW 32/2019) (öffnet in neuem Tab)tu-dresden.de · abgerufen am
  7. Heimat- und Burgmuseum Kirkel: Textilhandwerk, Ausstellung 2012 (öffnet in neuem Tab)zeitensprung.de · abgerufen am
  8. Niederlausitzer Sorbisches Dorfmuseum Bloischdorf, museum-digital: Hechel eingebaut auf Ständer (Inv.-Nr. Fl00004) (öffnet in neuem Tab)brandenburg.museum-digital.de · abgerufen am
  9. Encyclopaedia Britannica: Linen (öffnet in neuem Tab)britannica.com · abgerufen am
  10. Kvavadze, Bar-Yosef, Belfer-Cohen u. a.: 30,000 years old wild flax fibers, testimony for fabricating prehistoric linen, Science 325 (2009), S. 1359 (DASH-Fassung, Harvard) (öffnet in neuem Tab)dash.harvard.edu · abgerufen am
  11. Johanna Banck-Burgess: The cultural-historical importance of textile production in the prehistoric wetland settlements on Lake Constance and Upper Swabia, Archaeological Textiles Review 61 (öffnet in neuem Tab)tidsskrift.dk · abgerufen am
  12. The Metropolitan Museum of Art: Length of Very Sheer Linen Cloth, Inv.-Nr. 36.3.111 (öffnet in neuem Tab)metmuseum.org · abgerufen am
  13. Margrit Irniger: Gewerbepflanzen, in: Historisches Lexikon der Schweiz (Version vom 05.01.2021) (öffnet in neuem Tab)hls-dhs-dss.ch · abgerufen am
  14. KuLaDig (LVR): Flachsmuseum Beeck in Wegberg (öffnet in neuem Tab)kuladig.de · abgerufen am

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