Schellack: Harz einer Laus

Schellack ist das Harz einer in Indien heimischen Schildlaus. Daraus entstanden die Möbelpolitur French polish und bis in die 1950er Jahre Schallplatten.

Text: Redaktion · 6 Minuten · Stand

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Schellack ist das Harz eines kleinen Insekts aus der Gruppe der Schildläuse, das in Indien heimisch ist. Das Tier sitzt an einem Zweig, und seine Ausscheidung umhüllt den Zweig nach und nach. Aus dieser Kruste entstehen eine Möbelpolitur, ein Wachs, ein Farbstoff und, über Jahrzehnte, die Schallplatte.

Die Laus und ihr Harz

Die CAMEO-Materialdatenbank des Museum of Fine Arts in Boston beschreibt Lack als harzige Ausscheidung der weiblichen Lackschildlaus. Die Datenbank führt das Tier unter mehreren wissenschaftlichen Namen, darunter Laccifer lacca, Coccus lacca und Kerria lacca. Die Encyclopaedia Britannica ordnet es den Schildläusen zu. Heimisch ist es nach CAMEO in Indien.

Die Tiere setzen den Lack an Zweigen und weichen jungen Ästen verschiedener Bäume ab, genannt werden Seifenbaum- und Akazienarten sowie die Pappelfeige, Ficus religiosa. Als Regionen der Lackproduktion nennt die Britannica Indien, Thailand, Myanmar und weitere Gebiete Südostasiens. Ein Fachbeitrag aus dem Repositorium des Indian Council of Agricultural Research beschreibt, dass das Insekt an zarten Zweigen bestimmter Wirtsbäume lebt und dass Lack in Indien seit Langem kultiviert wird. In Zentral- und Ostindien sichert er dort Einkommen.

Die Geschichte des Materials reicht weit zurück. CAMEO und Britannica datieren die Verwendung in Indien auf etwa 1200 vor unserer Zeitrechnung. Nach Europa kamen Lackfarbstoff und Schellack nach beiden Quellen im 17. Jahrhundert. Eine bei CAMEO zitierte ältere Enzyklopädie der Malmaterialien nennt dagegen das 16. Jahrhundert für die europäische Verwendung.

Vom Stocklack zum Schellack

Die harzbedeckten Zweige heißen Stocklack, englisch sticklac. Die Britannica schreibt, dass sie im Juni und im November gesammelt werden, um einen hohen Ertrag an Harz und Farbstoff zu erzielen. Aus dem gemahlenen Stocklack wird der Farbstoff mit heißem Wasser oder heißer Sodalösung herausgelöst. Was danach an Harz zurückbleibt, ist der Körnerlack, englisch seedlac.

Für den eigentlichen Schellack wird der Körnerlack nach der Britannica geschmolzen, durch Segeltuch gepresst, ausgestrichen, abgekühlt und in Flocken gebrochen. CAMEO beschreibt denselben Weg knapper: Der Rohlack wird gewaschen, erhitzt und zu dünnen Schichten ausgezogen, die erkaltet in kleine Flocken gebrochen werden. Je heller die orange Sorte, desto höher ist nach der Britannica ihr Wert.

Der Fachbeitrag aus dem ICAR-Repositorium beziffert die Zusammensetzung des Lacks: rund 65 Prozent Harz, etwa 1 Prozent Farbstoff und 5 bis 6 Prozent Wachs. Für Indien nennt der Beitrag eine durchschnittliche Produktion von etwa 20.000 Tonnen in den fünf Jahren vor seiner Veröffentlichung 2020.

Eigenschaften

CAMEO nennt für Schellack einen Schmelzbereich von 75 bis 90 °C. Die Farbe reicht von Blassgelb bis Tiefrot. Frischer Schellack löst sich in bestimmten organischen Lösemitteln, mit dem Alter wird er unlöslich. In Wasser und Terpentin löst er sich nicht. Feuchtigkeit kann auf einer Schellackoberfläche einen weißen Schleier hinterlassen. Schon früh wurde das Harz gestreckt: CAMEO verweist auf eine Quelle von 1934, nach der Schellack häufig mit Kolophonium verfälscht wurde.

Die Politur im Möbelbau

Im Möbelbau ist Schellack vor allem als Politur bekannt, im Englischen French polish. Der Royal Collection Trust beschreibt das Verfahren so: Viele Schichten Schellack, in einem Lösemittel gelöst, werden mit einem Stoffballen auf das Holz aufgetragen. Der Glanz bringt die Farben der Maserung hervor. Die Politur war laut Royal Collection Trust auf Mahagoni und anderen kostbaren Hölzern verbreitet und galt als veredelnde Oberfläche für feine Möbel und Musikinstrumente. Zwei französische Brüder sollen die Technik im 17. Jahrhundert in Großbritannien eingeführt haben. CAMEO bezeichnet die Politur als Hochglanz-Finish auf vielen europäischen Möbeln des 19. Jahrhunderts.

Zur Technik schreibt CAMEO: eine verdünnte Schellacklösung, manchmal mit kleinen Mengen Sandarak, Mastix, Dammar oder Benzoeharz. Sie wird in vielen dünnen Lagen aufgetragen, oft mit einigen Tropfen Öl, und jede Lage härtet und wird poliert, bevor die nächste folgt.

Eine Seite auf mhnsw.au zur Restaurierung der Innenräume des Justice & Police Museum fasst es so zusammen: Die Schellackpolitur sei ein Verfahren, kein Material, das Hauptmaterial sei Schellack. Dort wurden unter anderem Zedernholzvertäfelungen bearbeitet. Zunächst entfernten die Handwerker alte Schellackreste und Schmutz mit einer Mischung aus Leinöl, Balsamterpentin und einem Lösemittel. Kleinere Schäden wurden eingeblendet, tiefere Kerben mit farbgleichem Porenfüller gefüllt, bevor neue Schellacklagen folgten.

Was die Restaurierung daran schätzt

Schellack ist weicher und empfindlicher als moderne Lacke, schreibt dieselbe Seite. Wasser und Alkohol hinterlassen weiße, trübe Flecken, Hitze trübe Ringe. Zugleich lasse sich die Politur leichter ausbessern als ein Firnis, weil sich örtliche Reparaturen in die umgebende Oberfläche einfügen. Der Royal Collection Trust hält fest, dass Schellack Hitze und verschütteten Speisen bis zu einem gewissen Grad widersteht, stark beschädigte Schichten aber entfernt und neu aufgebaut werden müssen.

Auch die Sorte zählt. Gordon Fairbairn vom Canadian Conservation Institute hielt 1980 auf einem Symposium zu Möbeln und Holzobjekten fest, dass Restauratoren und Handwerker für die Politur wohl meist orangefarbenen Schellack verwenden und gebleichter Schellack dafür ungeeignet sei. Er selbst sprach sich nach langjähriger Erfahrung für blonden Schellack aus, weil er sich leichter ansetzen lasse und ein besseres Erscheinungsbild ergebe.

Die Schellackplatte

Bevor es Vinyl gab, wurde Musik in Schellack gepresst. Das Deutsche Patent- und Markenamt schreibt, dass der in Hannover geborene Emile Berliner 1887 Patente auf sein Grammophon erhielt, in Deutschland unter der Nummer DE45048, in den Vereinigten Staaten mit Wirkung vom 8. November 1887. Für die Tonträger probierte er nacheinander Glas, Zink und Hartgummi, schließlich eine Mischung mit Schellack.

Die Library of Congress bewahrt Versuchsplatten aus Zink sowie frühe Platten aus Zelluloid und Gummi auf. Die meisten Berliner-Platten im Bestand der Library of Congress sind in einer Schellackmasse der Duranoid Company oder der Burt Company gepresst, die veröffentlichten Platten messen etwa sieben Zoll. Die Berliner Gramophone Company in Philadelphia stellte die Produktion 1900 ein.

Das Preservation Self-Assessment Program der University of Illinois Library datiert die kommerzielle Herstellung von Schellackplatten von 1897 bis in die späten 1950er Jahre. Die Masse bestand aus Schellackharz mit Füllstoffen, typischerweise Ton, Schiefer und Kalkstein, dazu Ruß für die Farbe und Baumwollfasern für die Festigkeit. Gängig waren Durchmesser von 7, 10, 12 und 16 Zoll, gespielt mit 30, 70 oder 78 Umdrehungen pro Minute. Das Patentamt ergänzt, dass die Vinylproduktion in den 1950er Jahren begann und sich 33 und 45 Umdrehungen als Standard durchsetzten.

Für Archive bleibt die Platte heikel. Sie ist starr und spröde, biegt sich nicht wie Vinyl und zerspringt beim Herunterfallen. Die Bibliothek rät, sie nur am Rand zu halten und keine alkoholhaltigen Reinigungsflüssigkeiten zu verwenden, weil Alkohol den Schellack anlösen kann. Etiketten wurden in die Masse eingepresst, nicht aufgeklebt. Wie ein Pressstoff aus dem Labor die Naturharze ablöste, beschreibt Bakelit: Kunststoff aus dem Labor. CAMEO nennt weitere gepresste Schellackobjekte des 19. Jahrhunderts: Knöpfe, Bilderrahmen, Etuis für Daguerreotypien und Ambrotypien, später auch Spiegelrahmen und Broschen.

Ein Zusatzstoff mit Nummer

Im Lebensmittelrecht der Europäischen Union trägt Schellack die Nummer E 904. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit veröffentlichte 2024 im EFSA Journal eine Neubewertung, die zwei Formen unterscheidet, wachsfreien und wachshaltigen Schellack. Mit der Verordnung (EU) 2026/189 vom 28. Januar 2026 hat die Kommission die Vorschriften zur Verwendung von E 904 geändert. Bewertungen zur Gesundheit übernehmen wir hier nicht.

Weiterlesen: Linoleum: Leinöl, Kork, Jute · Bakelit: Kunststoff aus dem Labor · Marmorpapier: Farbe auf dem Schleimgrund · Seladon: Grün aus Eisen und Feuer

Häufige Fragen

Woraus wird Schellack gewonnen?

Schellack stammt aus der harzigen Ausscheidung einer weiblichen Schildlaus, die unter anderem als Kerria lacca geführt wird. Die harzbedeckten Zweige heißen Stocklack; aus dem gemahlenen Stocklack wird der Farbstoff herausgelöst, zurück bleibt der Körnerlack. Dieser wird nach der Encyclopaedia Britannica geschmolzen, durch Segeltuch gepresst, ausgestrichen, abgekühlt und in Flocken gebrochen.

Was ist eine Schellackpolitur?

Die Schellackpolitur, englisch French polish, ist eine Oberfläche für Möbel und Musikinstrumente. Nach dem Royal Collection Trust werden viele Schichten Schellack, in einem Lösemittel gelöst, mit einem Stoffballen auf das Holz aufgetragen, und der Glanz bringt die Farben der Maserung hervor. Die Politur ist weicher als moderne Lacke, lässt sich aber leichter örtlich ausbessern als ein Firnis.

Woraus bestehen Schellackplatten?

Die Masse bestand nach dem Preservation Self-Assessment Program der University of Illinois Library aus Schellackharz mit Füllstoffen, typischerweise Ton, Schiefer und Kalkstein, dazu Ruß für die Farbe und Baumwollfasern für die Festigkeit. Kommerziell hergestellt wurden die Platten von 1897 bis in die späten 1950er Jahre. Sie sind starr und spröde und zerspringen beim Herunterfallen.

Was wir nicht wissen

Wann die Schellackpolitur nach Europa kam, beantworten die Quellen unterschiedlich: Der Royal Collection Trust nennt das 17. Jahrhundert für Großbritannien, CAMEO verbindet sie mit Möbeln des 19. Jahrhunderts. Auch für den Import nach Europa stehen das 16. und das 17. Jahrhundert nebeneinander. Das Ende der Schellackplatte setzen die Quellen in die 1950er Jahre, ein genaues Jahr haben wir nicht. Den deutschen Namen Lackschildlaus haben wir in keiner der geöffneten Quellen gefunden. Wie viel Schellack heute außerhalb Indiens gewonnen wird, haben wir nicht ermittelt.

Stand: 14.10.2026. Dieser Beitrag beschreibt Herkunft, Verarbeitung und Erhaltung eines Werkstoffs. Er enthält keine Gesundheitsaussagen und keine Kaufempfehlungen. Die Quellen stehen am Ende des Beitrags.

Quellen

  1. Lac (CAMEO Materials Database, Museum of Fine Arts, Boston) (öffnet in neuem Tab)cameo.mfa.org · abgerufen am
  2. Sticklac (CAMEO Materials Database, Museum of Fine Arts, Boston) (öffnet in neuem Tab)cameo.mfa.org · abgerufen am
  3. Shellac (CAMEO Materials Database, Museum of Fine Arts, Boston) (öffnet in neuem Tab)cameo.mfa.org · abgerufen am
  4. French polish (CAMEO Materials Database, Museum of Fine Arts, Boston) (öffnet in neuem Tab)cameo.mfa.org · abgerufen am
  5. Lac (Encyclopaedia Britannica, Druckfassung) (öffnet in neuem Tab)britannica.com · abgerufen am
  6. Chemistry and Applications of Lac and Its By-Product (K. K. Sharma, A. Roy Chowdhury, S. Srivastava, 2020; ICAR-Repositorium KRISHI) (öffnet in neuem Tab)krishi.icar.gov.in · abgerufen am
  7. French polish (Royal Collection Trust, Conservation) (öffnet in neuem Tab)rct.uk · abgerufen am
  8. Some notes on shellacs for French polishing (Gordon Fairbairn, Canadian Conservation Institute, 1980; Katalogeintrag Smithsonian Museum Conservation Institute) (öffnet in neuem Tab)mci.si.edu · abgerufen am
  9. Finishing the interiors at Justice & Police Museum (mhnsw.au) (öffnet in neuem Tab)mhnsw.au · abgerufen am
  10. Phonodisc, Collection ID Guide (Preservation Self-Assessment Program, University of Illinois Library) (öffnet in neuem Tab)psap.library.illinois.edu · abgerufen am
  11. Berliner Recordings (Library of Congress, Emile Berliner and the Birth of the Recording Industry) (öffnet in neuem Tab)loc.gov · abgerufen am
  12. Gramophone, Inventions that made history (Deutsches Patent- und Markenamt) (öffnet in neuem Tab)dpma.de · abgerufen am
  13. Re-evaluation of shellac (E 904) as a food additive (EFSA Journal 22, Nr. 8, 2024) (öffnet in neuem Tab)efsa.europa.eu · abgerufen am
  14. Re-evaluation of shellac (E 904), bibliografische Angaben (DOAJ) (öffnet in neuem Tab)doaj.org · abgerufen am
  15. Verordnung (EU) 2026/189 der Kommission vom 28. Januar 2026 (EUR-Lex) (öffnet in neuem Tab)eur-lex.europa.eu · abgerufen am

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