Bakelit: Kunststoff aus dem Labor

Bakelit ist ein Phenolharz, das Leo Baekeland 1907 fand: unter Druck und Hitze gehärtet, nicht wieder schmelzbar, verbreitet in Telefonen und Schaltern.

Text: Redaktion · 7 Minuten · Stand

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Faktencheck läuft. Einzelne Angaben in diesem Beitrag prüfen wir gerade noch einmal an den Quellen.

Bakelit ist ein hartes Harz aus Phenol und Formaldehyd, das der Chemiker Leo Hendrik Baekeland 1907 fand und das nach ihm benannt ist. Ein schwarzes Tischtelefon, ein brauner Radiokasten, eine kantige Steckdose: Viele Gebrauchsdinge aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts haben dieselbe dunkle, harte Oberfläche, und oft besteht sie aus diesem Harz. Im Patent wird ihr Entwickler als Leo H. Baekeland aus Yonkers, New York, geführt.

Ein Chemiker aus Gent

Leo Hendrik Baekeland lebte von 1863 bis 1944. Die Linda Hall Library nennt als Geburtstag den 14. November 1863. Nach Angaben des Science History Institute wurde er an der Universität Gent promoviert und ging 1889 mit einem Stipendium nach New York. Vor dem Harz stand Velox, ein Fotopapier, das sich bei Gaslicht statt bei Sonnenlicht entwickeln ließ. 1899 kaufte Eastman Kodak das Papier. Mit dem Verkauf verpflichtete er sich laut dem Blog des Science Museum in London, keine weitere Fototechnik zu entwickeln, also wandte er sich einem neuen Feld zu.

Sein Ziel war nach Angaben des Science History Institute zunächst ein Ersatz für Schellack, dessen Herkunft unser Beitrag Schellack: Harz einer Laus beschreibt. Daraus wurde ein Werkstoff, den er 1907 fand und der nach ihm benannt ist.

Phenol, Formaldehyd, Druck

Die chemische Grundlage ist die Reaktion von Phenol mit Formaldehyd. Elisabeth Vaupel schreibt im Magazin des Deutschen Museums, Baekeland habe 1907 gezielt verschiedene Phenole in der Hitze mit Formaldehyd reagieren lassen. Die Reaktion verlangte hohe Drücke und Temperaturen, das Ergebnis waren unlösliche, harte Massen, die sich in hydraulischen Pressen formen ließen. Das Science History Institute beschreibt das Gerät dafür, den Bakelizer: Baekeland und seine Mitarbeiter nutzten es von 1907 bis 1910, um Phenol und Formaldehyd unter Druck bei hoher Temperatur umzusetzen.

Das Patent trägt die Nummer US 942,699 und den Titel „Method of making insoluble products of phenol and formaldehyde“. Es ist auf den 7. Dezember 1909 datiert, angemeldet wurde es im Juli 1907. Die Ansprüche beschreiben ein hartes, unlösliches und unschmelzbares Produkt, gehärtet durch Wärme und Druck. Ein Anspruch nennt das Mischen mit einem Füllstoff, die Beschreibung führt als Beispiele unter anderem Holzfaser und mineralische Pulver an.

1909 stellte Baekeland das Material öffentlich vor. Um es herzustellen, gründete er die General Bakelite Company, so die Linda Hall Library. Der Science-Museum-Blog nennt den chemischen Namen, unter dem das Harz zunächst lief, Polyoxybenzylmethylenglycolanhydride, und den kürzeren Handelsnamen, der sich durchsetzte. 1910 nahm in Erkner bei Berlin eine Bakelit-Fabrik den Betrieb auf, so das Magazin des Deutschen Museums.

Was die Beiwörter tragen

Bakelit wird oft mit einer Rangformel beschrieben. Das Science History Institute und das Magazin des Deutschen Museums ordnen es mit solchen Formeln ein, deren Beiwörter sich unterscheiden. Die Beiwörter tragen das Gewicht. Denn Kunststoffe gab es schon vorher: Nach dem Magazin des Deutschen Museums entstand ab 1872 zuerst in den USA und bald auch in Europa eine Celluloidindustrie.

Die National Historic Chemical Landmarks sind ein Programm der American Chemical Society. Eine Übersicht der State University of New York in Potsdam führt Bakelit dort mit dem Jahr 1907 und der Auszeichnung von 1993. Die Lehigh University Libraries datieren die Ehrung des Bakelizers in einer Bildunterschrift auf den 9. November 1993.

Duroplast und Thermoplast

Kunststoffe werden üblicherweise in drei Gruppen geteilt: Thermoplaste, Duroplaste und Elastomere. Thermoplaste werden beim Erhitzen weich, das Magazin des Deutschen Museums beschreibt Celluloid als in der Wärme immer wieder verformbar. Bakelit verhält sich anders. Unter Wärme und Druck polymerisiert es nach Vaupel irreversibel zu einer harten, unschmelzbaren Masse. Die Encyclopaedia Britannica erklärt, warum: Auf die Reaktion von Phenol mit Formaldehyd folgt eine Vernetzung der Polymerketten.

Daraus ergibt sich die Herstellung. Ein Duroplast wird einmal geformt, und zwar während er aushärtet. Gefülltes Phenolharz wurde nach dem Museum of Design in Plastics (MoDiP) der Arts University Bournemouth im Formpressen verarbeitet, als Pulver oder vorgeformte Tablette mit Holzmehl oder anderen Füllstoffen. Die Datenbank CAMEO des Museum of Fine Arts in Boston beschreibt das vernetzte Harz als spröde, aber beständig gegen Wasser. Was einmal ausgehärtet ist, lässt sich nicht wieder einschmelzen und neu formen.

Telefon, Radio, Schalter

Seinen Platz fand das Material vor allem in der Elektrotechnik. Vaupel schreibt, Bakelit sei vor allem zu Isoliermaterial und Gehäusen verarbeitet worden und habe dort teurere Isolierstoffe ersetzt. Die Linda Hall Library nennt einen hohen elektrischen Widerstand, Hitze- und Säurebeständigkeit. Das Science History Institute hebt die Automobil- und die Radioindustrie hervor. MoDiP datiert das gefüllte Phenolharz auf 1907, verbreitet sei es aber erst nach 1915 gewesen.

Die Liste der Anwendungen ist lang. Das Plastic Identification Tool, ein Bestimmungswerkzeug der niederländischen Kulturerbe-Behörde, nennt Gehäuse von Radios und Telefonen, Steckdosen, Lichtschalter, Elektroteile und Türgriffe. MoDiP ergänzt Uhren- und Föhngehäuse, Herdknöpfe und Wasserkesselgriffe. Der Blog des Science Museum in London zeigt aus der Sammlung unter anderem ein Tischtelefon Typ 232 von etwa 1934, einen Rundfunkempfänger von Philco mit gepresstem Gehäuse von etwa 1936 und ein Radio von Murphy aus dem Jahr 1940 mit braunem Gehäuse. Für die Zeit um Baekelands Tod nennt der Museumsblog eine geschätzte Weltproduktion von etwa 175.000 Tonnen und mehr als 15.000 Produkte.

Die Farbpalette blieb beim gefüllten Material begrenzt. MoDiP beschreibt es als meist dunkel, schwarz, grün, rot oder braun, oft marmoriert, manchmal mit Holzeffekt, und immer undurchsichtig.

Erkennen: eine Aufgabe für Sammlungen

Was im Alltag „Bakelit“ heißt, ist nicht immer Bakelit. Nach dem Ablauf der ursprünglichen Patente 1927 wurde der Name laut der Linda Hall Library zum Gattungsbegriff für harte Phenolkunststoffe. Dazu kommt gegossenes Phenolharz ohne Füllstoff, das bunt, durchscheinend und marmoriert sein kann und unter Namen wie Catalin lief. Das Science History Institute schreibt, die American Catalin Corporation habe farbige Phenolharze 1927 in die USA gebracht, nach Verfahren deutscher Chemiker. Das Plastic Identification Tool nennt für Catalin 1928 und eine Blüte bis 1945.

Museen gehen beim Bestimmen schrittweise vor. Das Plastic Identification Tool ist ausdrücklich für Kunststoffe in Sammlungen gedacht. Die Behörde schreibt, es helfe, Kunststoffe zu bestimmen oder sie zumindest einer Hauptgruppe zuzuordnen. Für Phenolharz nennt es Merkmale, die ohne Eingriff auskommen: Es fühlt sich vergleichsweise kühl an, ist hart und zäh und klingt beim Anklopfen hell. Reibt man die Oberfläche sanft, wird ein Geruch stärker, den das Werkzeug mit dem einer Leiterplatte vergleicht. MoDiP beschreibt den Geruch als karbolartig. Solche Merkmale grenzen ein, sie ersetzen keine Materialanalyse.

Wie Bakelit altert

Das Plastic Identification Tool zählt Phenolharz nicht zu den Problemkunststoffen. Als den hauptsächlichen Alterungsvorgang nennt es die Photooxidation. Typische Zeichen sind Verfärbung, eine matte Oberfläche und feine Risse. Gegenüber Licht, Sauerstoff und Temperatur gilt das Material als wenig empfindlich, gegenüber Luftfeuchte als mittel, und der Füllstoff kann das verändern. Als Rahmen für die vorbeugende Pflege nennt das Werkzeug wenig Licht, übliche Innenraumtemperaturen zwischen 10 und 30 °C und eine relative Luftfeuchte zwischen 30 und 70 Prozent.

MoDiP beschreibt, was das Licht bewirkt: Gefülltes Phenolharz dunkelt nach, Grün wird braun, die Oberfläche wird stumpf. Gegossenes Phenolharz wird spröde und verfärbt sich. Ein braunes Gehäuse muss also nicht braun gewesen sein. Die CAMEO-Datenbank nennt außerdem Rissbildung, Ausbleichen und Ausblühungen, eine Empfindlichkeit gegenüber Säuren und Laugen und einen Punkt, der für Sammlungen praktisch zählt: Beim Abbau kann das Harz Formaldehyd und Ammoniak abgeben und Kupfer und Messing angreifen. Wie diese Metalle sonst altern, lesen Sie in Patina: wie Kupfer und Messing altern.

Wer Bakelit betrachtet, sieht also selten den Zustand ab Werk. Das Material ist stabil, aber nicht unveränderlich, und seine Oberfläche erzählt von Licht, Luft und Gebrauch.

Weiterlesen: Steinzeug und die Deckeldose · Terrazzo: Stein im Guss · Washi: Papier aus Bast

Häufige Fragen

Was ist Bakelit?

Bakelit ist ein Kunststoff aus Phenol und Formaldehyd, die unter hohem Druck und hoher Temperatur zu einer harten, unlöslichen Masse reagieren. Es ist ein Duroplast: Die Polymerketten vernetzen sich, und was einmal ausgehärtet ist, lässt sich nicht wieder einschmelzen und neu formen. Verbreitet war es vor allem in der Elektrotechnik, etwa für Gehäuse von Telefonen und Radios, Steckdosen und Lichtschalter.

Wer hat Bakelit erfunden?

Entwickelt hat das Material der Chemiker Leo Hendrik Baekeland, der von 1863 bis 1944 lebte, in Gent promoviert wurde und 1889 nach New York ging. Er fand den Werkstoff 1907, stellte ihn 1909 öffentlich vor und gründete zur Herstellung die General Bakelite Company. Sein Patent US 942,699 ist auf den 7. Dezember 1909 datiert.

Wie erkennt man Bakelit?

Das Plastic Identification Tool der niederländischen Kulturerbe-Behörde nennt Merkmale, die ohne Eingriff auskommen: Phenolharz fühlt sich vergleichsweise kühl an, ist hart und zäh und klingt beim Anklopfen hell. Reibt man die Oberfläche sanft, wird ein Geruch stärker, der an eine Leiterplatte erinnert. Solche Merkmale grenzen ein, ersetzen aber keine Materialanalyse; nicht alles, was im Alltag Bakelit heißt, ist auch Bakelit.

Was wir nicht wissen

Die Landmark-Seite der American Chemical Society konnten wir nicht am Original lesen; Programm und Jahr 1993 stützen sich auf eine Universitätsübersicht und eine Bibliotheksausstellung. Die Lehigh University Libraries schreiben, Bakelit sei 1907 patentiert worden, das Patent selbst ist auf 1909 datiert; 1907 ist das Jahr der Anmeldung. Für gegossenes Phenolharz nennen die Quellen 1927 und 1928. Das Plastic Identification Tool gibt für Phenolharz einen Schmelzbereich an, der zur Beschreibung als unschmelzbar nicht passt; wir haben ihn nicht übernommen. Wie viele Bakelit-Objekte das Deutsche Museum oder andere deutsche Sammlungen besitzen, haben wir nicht ermittelt.

Stand: 13.10.2026. Dieser Beitrag beschreibt Geschichte, Chemie und Erhaltung eines Werkstoffs. Er enthält keine Gesundheitsaussagen und keine Kaufempfehlungen. Die Quellen stehen am Ende des Beitrags.

Quellen

  1. Leo Hendrik Baekeland (Science History Institute, Scientific Biographies) (öffnet in neuem Tab)sciencehistory.org · abgerufen am
  2. Leo Hendrik Baekeland (Science History Institute, Historical Profile) (öffnet in neuem Tab)sciencehistory.org · abgerufen am
  3. Bakelite: The First Synthetic Plastic (Science Museum Blog, Sophie Waring, 2017) (öffnet in neuem Tab)blog.sciencemuseum.org.uk · abgerufen am
  4. US 942,699: Method of making insoluble products of phenol and formaldehyde (Google Patents) (öffnet in neuem Tab)patents.google.com · abgerufen am
  5. Scientist of the Day: Leo Baekeland (Linda Hall Library) (öffnet in neuem Tab)lindahall.org · abgerufen am
  6. Leo Hendrik Baekeland (Lehigh University Libraries, Ausstellung Innovation) (öffnet in neuem Tab)exhibits.lib.lehigh.edu · abgerufen am
  7. National Historic Chemical Landmark (SUNY Potsdam, WikiChem) (öffnet in neuem Tab)wiki.potsdam.edu · abgerufen am
  8. Kultur & Technik 2/2011, Das Magazin aus dem Deutschen Museum (u. a. Elisabeth Vaupel: Die Welt der Riesenmoleküle; Isabel Martin: Freizeit und Sport) (öffnet in neuem Tab)deutsches-museum.de · abgerufen am
  9. Bakelite (Encyclopaedia Britannica) (öffnet in neuem Tab)britannica.com · abgerufen am
  10. Phenol formaldehyde, Curator's Guide (Museum of Design in Plastics, Arts University Bournemouth) (öffnet in neuem Tab)modip.ac.uk · abgerufen am
  11. Phenol formaldehyde, Materials (Museum of Design in Plastics, Arts University Bournemouth) (öffnet in neuem Tab)modip.ac.uk · abgerufen am
  12. Plastic Identification Tool: Phenol Formaldehyde (PF) (öffnet in neuem Tab)plastic-en.tool.cultureelerfgoed.nl · abgerufen am
  13. Plastic Identification Tool (Cultural Heritage Agency of the Netherlands, Publikationsseite) (öffnet in neuem Tab)english.cultureelerfgoed.nl · abgerufen am
  14. Phenol formaldehyde resin (CAMEO Materials Database, Museum of Fine Arts, Boston) (öffnet in neuem Tab)cameo.mfa.org · abgerufen am

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