Diderots Encyclopédie: Wissen in Tafeln
Die Encyclopédie von Diderot und d'Alembert erschien 1751 bis 1772 in 17 Text- und 11 Tafelbänden, trotz Verboten. Die Kupfertafeln zeigen das Handwerk.
Die Encyclopédie ist ein Wörterbuch, das zwischen 1751 und 1772 unter der Leitung von Denis Diderot und Jean Le Rond d’Alembert erschien, in 17 Bänden Text und 11 Bänden mit Kupfertafeln. Ihr Titel nennt drei Felder: die Wissenschaften, die Künste und die Handwerke. Für das dritte Feld reichte Text nicht aus. Deshalb gehören zu den Artikelbänden die Tafelbände, und dort liegt bis heute ein großer Teil ihres Reizes.
Herausgeber und Umfang
Das Werk erschien unter der Leitung von Denis Diderot (1713 bis 1784) und Jean Le Rond d’Alembert (1717 bis 1783). Die ARTFL-Edition der University of Chicago fasst den Umfang zusammen: 17 Bände Text und 11 Bände Tafeln, erschienen zwischen 1751 und 1772, mit rund 74.000 Artikeln von mehr als 130 Beiträgern. Die digitale Edition ENCCRE gliedert ebenso: 28 Foliobände, davon 17 Textbände und 11 Tafelbände.
Die Herausgeberschaft kam nicht am Anfang. Nach der Chronologie von ARTFL lag die redaktionelle Verantwortung 1746 beim Abbé de Gua de Malves. Am 16. Oktober 1747 übernahmen Diderot und d’Alembert. Verleger waren Le Breton, Briasson, David und Durand. D’Alembert zog sich 1758 zurück, kam auf Drängen der Verleger noch einmal zurück und verließ das Projekt 1759 endgültig. Diderot führte es weiter.
Band I erschien am 28. Juni 1751, mit dem Discours préliminaire von d’Alembert und in 2.050 Exemplaren. Für Band III von 1753 nennt die Chronologie 3.100 Exemplare. Die Bände IV bis VII folgten zwischen 1754 und 1757.
Eine Ordnung des Wissens
Ein Wörterbuch ordnet alphabetisch. Die Herausgeber wollten zusätzlich zeigen, wie die Fächer zusammenhängen. Grundlage dafür war das Système des connaissances humaines im Discours préliminaire von 1751. Die ARTFL-Edition zeigt eine spätere Umsetzung als Stammbaum, angefertigt 1769 in Weimar von Chrétien Frederic Guillaume Roth und 1780 von Pierre Mouchon in Paris als ausklappbares Frontispiz veröffentlicht. Die Überschrift spricht von einer genealogischen Verteilung der Wissenschaften und Künste; nach ARTFL sollte der Baum das menschliche Wissen auf einen Blick zeigen.
Zensur und Verbote
Die Publikationsgeschichte ist eine Geschichte von Unterbrechungen. Am 7. Februar 1752 ordnete ein Erlass des Königlichen Rates die Unterdrückung der Bände I und II an. Marie Leca-Tsiomis von der Université Paris Nanterre beschreibt, wie Malesherbes, als Direktor der Buchverwaltung eine Art Kulturminister, das Projekt mehrfach schützte. Der Jansenist Abraham Chaumeix veröffentlichte eine Streitschrift gegen das Werk.
Nach der Chronologie von ARTFL sah 1757 ein Edikt des Parlaments für Autoren und Verleger tendenziöser Schriften die Todes- oder Galeerenstrafe vor. Am 8. März 1759 entzog der Königliche Rat das Privileg von 1746, Vertrieb und Nachdruck wurden verboten. Im selben Jahr verurteilte Papst Clemens XIII. die Encyclopédie; die Chronologie von ARTFL nennt die Enzyklika Ut primum vom 3. September 1759, nach Leca-Tsiomis war die Lektüre unter Androhung der Exkommunikation untersagt.
Die Arbeit ging trotzdem weiter. Die zehn letzten Textbände wurden im Verborgenen fortgeführt und gemeinsam ausgeliefert, nach Leca-Tsiomis 1765. Die Chronologie von ARTFL datiert die Auslieferung des letzten Textbandes auf Januar 1766, zusammen mit Tafelband IV. Der Titel nannte als Druckort Neufchatel und deutete so auf einen Druck im Ausland. 1764 entdeckte Diderot, dass Le Breton Artikel eigenmächtig gekürzt hatte, weil ihm ihre Philosophie zu gefährlich schien.
Die Tafeln
Für die Tafeln schlugen die Verleger einen anderen Weg ein. Am 8. September 1759, ein halbes Jahr nach dem Entzug des Privilegs, erhielten sie ein Privileg für einen Recueil de mille planches in vier Foliobänden. Daraus wurden elf Bände. Tafelband I erschien im Januar 1762, die Bände II und III folgten 1763, Band IV im Januar 1766, die Bände V bis XI zwischen 1767 und 1772. Das Metropolitan Museum of Art verwahrt einen Satz dieser Bände, betitelt „Recueil de planches, sur les sciences, les arts libéraux, et les arts méchaniques, avec leur explication“. Zu den Tafeln gehören erklärende Texte. Im MOOC der Université Paris Nanterre nennen die Herausgeberinnen der ENCCRE-Edition rund 2.600 Tafeln.
Für die Tafeln brauchte es Zeichner, Stecher und Drucker. Das Metropolitan Museum nennt für den Band von 1762 Louis Jacques Goussier und J. R. Lucotte als Zeichner und Robert Bénard als Stecher; für den siebten Band von 1769 kommen der Stecher Laurent und der Zeichner Harguiniez hinzu. Leca-Tsiomis bezeichnet Goussier als Diderots Hauptmitarbeiter für die mechanischen Künste. Er recherchierte und zeichnete, unter anderem zur Papierherstellung, zu Schmieden, zum Ankerbau und zur Seefischerei.
Wie die Herausgeber an ihr Material kamen, beschreibt Leca-Tsiomis so: Diderot setzte Erhebungen und Fragebögen ein, las Fachtraktate und ging in die Werkstätten, um die Handwerker zu befragen. Ziel war nach ihrer Darstellung, die Bedeutung der Handarbeit anerkannt zu sehen, die damals gering geschätzt wurde. Sie spricht von einer Feier der Arbeit und des menschlichen Tuns.
Buchdruck, Zinn und Pergament
Die Tafelbände folgen dem Alphabet der Handwerke. Ein Blick in zwei Inhaltsverzeichnisse zeigt, wie fein die Einteilung ist. Der siebte Band, 1769 bei Le Breton erschienen und als Digitalisat der Universidad de Granada zugänglich, führt Tafeln unter dem Stichwort Imprimerie en caractères, also zum Buchdruck mit Lettern, und zum Kupferdruck, der Imprimerie en taille-douce. Dazu kommen die Forge des ancres, die Ankerschmiede, sowie Tafeln zur Bautischlerei, zur Möbeltischlerei und zur Tischlerarbeit an Wagen. Für den Schriftguss verweist der Band auf die bereits erschienenen Tafeln zur Fonderie des caractères. Wer sich für die Lettern und den Winkelhaken interessiert, findet die Arbeitsschritte in unserem Beitrag über den Bleisatz.
Ein Blatt der Kupferdruck-Tafel besitzt die National Gallery of Art in Washington: „Imprimerie en Taille Douce“, Tafel I, gestochen nach Goussier und Benard. Die NGA datiert ihr Blatt auf 1771/1779, also nach dem Erscheinen des siebten Bandes. Die Platte misst 35,4 mal 22,3 Zentimeter. Nach der Beschreibung der NGA zeigt sie eine Werkstatt mit Presse, Arbeitsplätzen und an der Wand hängenden Drucken, darunter Werkzeuge einzeln. Auch die Tafel der Dachdecker trägt nach Leca-Tsiomis oben eine Vignette: Handwerker verlegen Ziegel, gezeichnet mit einer humorvollen Einzelheit.
Das Inhaltsverzeichnis des achten Bandes von 1771 führt den Potier d’étain, den Zinngießer, und einen eigenen Abschnitt Potier d’étain bimblotier. Dazu kommen der Relieur, der Buchbinder, der Parcheminier, der Plombier und das Walzen von Blei. Daneben finden sich Münzprägung, Goldschmiede, Mosaik, Ölmalerei und Bildhauerei. Die Liste liest sich wie eine Inventur von Werkstätten.
Nachdrucke und Forschung
Das Werk blieb nicht auf Paris beschränkt. Das Metropolitan Museum verwahrt eine elfbändige Tafelausgabe, die zwischen 1765 und 1776 in Lucca bei Vincenzo Giuntini erschien. Die Tafeln werden bis heute erforscht. Für Mai 2021 kündigte eine Ausschreibung an der Sorbonne Université eine Tagung mit dem Titel „Les Planches de l’Encyclopédie en lumière“ an. Die Ausschreibung fragte nach den Vorlagen der Tafeln, nach erhaltenen Vorzeichnungen und nach den beteiligten Zeichnern und Stechern. Diese Fragen galten zum Einsendeschluss im September 2020 also als offen.
Mit ENCCRE gibt es inzwischen eine kritische, digitale Edition, die Artikel und Tafeln durchsuchbar macht. Sie beruht auf dem Exemplar der Bibliothèque Mazarine in Paris. Allein für Diderot verzeichnet sie 5.637 mit einem Sternchen gezeichnete Artikel. Wer die Encyclopédie heute aufschlägt, findet darin eine Ordnung des Wissens, die Hand- und Kopfarbeit in dieselben Bände stellt. Wie Sammler vor ihr die Welt in Räume ordneten, erzählt unser Beitrag über die Wunderkammer.
Häufige Fragen
Wer gab die Encyclopédie heraus?
Die Encyclopédie erschien unter der Leitung von Denis Diderot und Jean Le Rond d’Alembert, die am 16. Oktober 1747 die Herausgeberschaft übernahmen. Davor lag die redaktionelle Verantwortung beim Abbé de Gua de Malves. D’Alembert verließ das Projekt 1759 endgültig, Diderot führte es weiter. Verleger waren Le Breton, Briasson, David und Durand.
Wann wurde die Encyclopédie verboten?
Am 7. Februar 1752 ordnete ein Erlass des Königlichen Rates die Unterdrückung der Bände I und II an. Am 8. März 1759 entzog der Königliche Rat das Privileg, Vertrieb und Nachdruck wurden verboten, und im selben Jahr verurteilte Papst Clemens XIII. das Werk. Die letzten zehn Textbände wurden danach im Verborgenen fortgeführt und gemeinsam ausgeliefert.
Was zeigen die Tafelbände der Encyclopédie?
Die elf Tafelbände erschienen zwischen 1762 und 1772 und zeigen in Kupfertafeln mit erklärenden Texten vor allem die Handwerke, geordnet nach deren Alphabet. Der siebte Band von 1769 enthält etwa Tafeln zum Buchdruck mit Lettern, zum Kupferdruck und zur Ankerschmiede. Der achte Band von 1771 führt unter anderem den Zinngießer, den Buchbinder und den Pergamentmacher.
Was wir nicht wissen
Die Quellen datieren den Abschluss der Textbände unterschiedlich: auf 1765 und auf Januar 1766. Für die Zahl der Beiträger nennt ARTFL mehr als 130. Wie viele Tafeln die einzelnen Handwerke umfassen, haben wir nicht am Bild der Inhaltsverzeichnisse geprüft und nennen es deshalb nicht. Welche Vorlagen die Zeichner nutzten und wie viele Tafeln nach eigener Anschauung in Werkstätten entstanden, beantworten die hier genannten Quellen nicht.
Weiterlesen: Zinn: Gießen und Gebrauch
Stand: 13.10.2026. Quellen siehe unten.
Quellen
- The ARTFL Encyclopédie (University of Chicago) (öffnet in neuem Tab)
- General Chronology of the Encyclopédie (ARTFL, University of Chicago, nach J. und M. Charpentier, 1967) (öffnet in neuem Tab)
- Arbre généalogique: Essai d'une distribution généalogique des sciences et des arts principaux (ARTFL, University of Chicago) (öffnet in neuem Tab)
- La bataille de la publication de l'Encyclopédie (Marie Leca-Tsiomis, Université Paris Nanterre, MOOC Le combat des Lumières) (öffnet in neuem Tab)
- Les planches et la célébration des arts et métiers (Marie Leca-Tsiomis, Université Paris Nanterre, MOOC Le combat des Lumières) (öffnet in neuem Tab)
- L'Encyclopédie en 2018: une édition numérique collaborative et critique (M. Leca-Tsiomis, I. Passeron, MOOC Le combat des Lumières) (öffnet in neuem Tab)
- Démonstration de l'édition ENCCRE (Alexandre Guilbaud, MOOC Le combat des Lumières) (öffnet in neuem Tab)
- Recueil de planches, septième volume, 1769 (Digitalisat, Universidad de Granada, DIGIBUG) (öffnet in neuem Tab)
- Recueil de planches, huitième volume, 1771 (Digitalisat, Universidad de Granada, DIGIBUG) (öffnet in neuem Tab)
- Recueil de Planches … Premiere Livraison, 1762 (The Metropolitan Museum of Art, 33.23(1)) (öffnet in neuem Tab)
- Recueil de Planches … Septieme Volume, 1769 (The Metropolitan Museum of Art, 33.23(7)) (öffnet in neuem Tab)
- Recueil de planches … avec leur explication, 1762–1772 (The Metropolitan Museum of Art, Thomas J. Watson Library) (öffnet in neuem Tab)
- Planches pour l'Encyclopédie, Lucca 1765–1776 (The Metropolitan Museum of Art, Thomas J. Watson Library) (öffnet in neuem Tab)
- Imprimerie en Taille Douce: pl. I (National Gallery of Art, Washington, 1996.20.13) (öffnet in neuem Tab)
- Les Planches de l'Encyclopédie en lumière, Call for Papers, Sorbonne Université 2021 (Herzog August Bibliothek, Digitale Gesamtausgabe Ernst Jünger) (öffnet in neuem Tab)