Filz: Wolle ohne Weben
Filz entsteht ohne Faden, Webstuhl und Klebstoff: Wärme, Feuchtigkeit und Reibung verhaken Wollfasern, deren Schuppen der Bewegung eine Richtung geben.
Filz ist ein Stoff ohne Faden, ohne Kette und Schuss: Lose Wollfasern werden so lange bearbeitet, bis sie sich zu einer festen Fläche verbinden. Für ein Gewebe braucht es Garn, für Garn eine Spindel, für das Gewebe einen Webstuhl; Filz überspringt all das. Dieser Text erklärt, warum das mit Wolle gelingt, wie aus dem Prinzip ein Handwerk und eine Industrie wurde und wo Filz heute in der Gestaltung auftaucht.
Was Filz ist
Die Encyclopaedia Britannica beschreibt Filz als eine Klasse von Stoffen oder Faserstrukturen, die durch das Ineinandergreifen von Fasern entstehen: Wolle, Fell oder bestimmte Haarfasern. Das Verfahren dahinter heißt Filzen. Britannica definiert es als Verdichtung bestimmter Faserstoffe durch Wärme, Feuchtigkeit und mechanische Einwirkung.
Ein Unterschied zu anderen Vliesstoffen ist wichtig. Filze brauchen nach Britannica keinen Klebstoff, anders als gebundene Stoffe. Was die Fläche zusammenhält, liegt in der Faser selbst.
Das hat Folgen für Mischungen. Andere Fasern lassen sich mit Wolle verbinden, die dann als Träger dient. Schon 10 Prozent Wolle in einer Mischung mit nicht filzenden Fasern genügen laut Britannica, um einen Filz zu erzeugen.
Warum Wolle verfilzt
Wolle, Fell und manche Haare verfilzen nach Britannica wegen ihres besonderen Aufbaus und ihrer starken Kräuselung. Auf die Schuppen an der Oberfläche der Wollfaser verweist ein Beitrag, der 1945 in der Zeitschrift Nature erschien.
Er stammt von L. Bohm aus der Forschungsabteilung einer Firma bei Rochdale, erschien im Mai 1945 und trägt den Titel „Mechanism of Felting of Wool Fibres“. Nach der Kurzfassung fasst Bohm eine damals vertretene Erklärung zusammen. Danach wandert Wolle unter wiederholtem Druck wegen ihrer Schuppen bevorzugt in eine Richtung. Die Fasern dehnen sich dabei örtlich und ziehen sich wieder zusammen. Bedingungen, die das fördern, verstärken das Schrumpfen beim Walken. Bohm ergänzt einen Gedanken: Die Reibungseigenschaften der Wolle seien mindestens so wichtig wie ihre Dehnbarkeit und ihr Rückstellvermögen.
Die Schuppen geben der Bewegung also eine Richtung. Was die Fasern tatsächlich ineinander treibt, ist Arbeit von außen. Britannica nennt für die industrielle Herstellung drei Größen: Wärme, Feuchtigkeit und Reibung genügen, um die Fasern zu verfilzen und zu verhaken.
Vom Vlies zum festen Stoff
Britannica beschreibt die Herstellung von Wollfilz in Stufen. Zuerst werden die Fasern zu flachen Lagen gekrempelt und aufeinandergelegt. Dann folgt das Härten: Die befeuchteten Lagen werden über eine Dampfkammer geführt. Eine Platte drückt auf das feucht-heiße Vlies, bewegt sich dabei hin und her und presst die Fasern zusammen.
Im nächsten Schritt, dem Walken, schrumpft der Filz weiter, nach Britannica um bis zu 50 Prozent. Gewalkt wird in einer Walkmaschine mit einer Seifen- oder Säurelösung. Erst danach hat der Stoff seine Dichte.
Das Walken ist nicht auf Filz beschränkt. Auch gewebte Stoffe aus Baumwolle oder Wolle lassen sich nach Britannica verfilzen. Sie werden dabei dicker und kompakter. Man nennt sie gelegentlich gewebte Filze, und sie erfüllen viele der gleichen Aufgaben wie echter Filz.
Ein Sonderfall ist der Hut. Für Wollfilzhüte wird nach Britannica ein schmales Krempelvlies auf einem eiförmigen Dorn gesammelt und anschließend durch weiteres Filzen geformt. Für Haarfilzhüte kommen Felle von Biber, Hase und Kaninchen in Frage. Sie werden behandelt, damit sie besser filzen; das Verfahren heißt im Englischen „carroting“.
Funde aus dem Eis
Wie alt Filz ist, lässt sich nur an erhaltenen Stücken zeigen. Britannica hält allgemein fest, dass ungewebte Filze in der Geschichte alter Kulturen vorkommen. Konkrete Stücke stammen aus Gräbern, in denen besondere Bedingungen sie bewahrt haben.
Ein solcher Ort ist Pazyryk im Hochaltai im südlichen Sibirien. St John Simpson, Assistant Keeper in der Nahost-Abteilung des British Museum, beschreibt die Anlage in einem Beitrag von 2017. In die Grabkammern unter den großen Hügeln sickerten im Winter Schnee und Regen. Der Boden dort erwärmte sich im Sommer nie genug, um aufzutauen. So blieb der Inhalt im Eis erhalten.
Zu diesem Inhalt gehört Filz. In den Grabkammern wurden nach Simpson Filzbahnen auf den Boden gelegt und an die Wände genagelt. Der meiste Filz war ungefärbt und dunkel, manche Stücke trugen farbige Muster, etwa Reihen von Löwenköpfen. Aus demselben Grabhügel, Nummer 5, stammen ein großer Filzbehang, ein importierter Florteppich und ein vierrädriger Wagen.
Die Datierung ist ungewöhnlich genau. Die Jahrringe der Hölzer zeigen, dass die fünf großen Gräber von Pazyryk innerhalb von 48 Jahren gebaut wurden. Radiokarbondaten setzen sie in die Mitte des vierten bis frühe dritte Jahrhundert v. Chr. Der Beitrag erschien zur Ausstellung „Scythians: warriors of ancient Siberia“, die vom 14. September 2017 bis 14. Januar 2018 im British Museum zu sehen war. Was Pazyryk mit einem antiken Bericht über die Skythen verbindet, lesen Sie in Herodot, die Skythen und der Hanf.
Filz in Zentralasien
Filz ist in Zentralasien keine Geschichte allein der Vergangenheit. Nach Britannica stellen nomadische Gruppen im nördlichen Zentralasien bis heute Filze für Kleidung und Behausung her. Eine Bildunterschrift im selben Artikel zeigt runde weiße Filzzelte in der Mongolei, die Ger heißen.
Für Kirgistan gibt es einen Eintrag der UNESCO. Seit 2012 steht „Ala-kiyiz and Shyrdak, art of Kyrgyz traditional felt carpet making“ auf der Liste des immateriellen Kulturerbes, das dringend erhalten werden muss. Der Zwischenstaatliche Ausschuss beschloss das auf seiner siebten Sitzung in Paris. Nach der UNESCO stellen die Kirgisen traditionell zwei Arten von Filzteppichen her: Ala-kiyiz und Shyrdak. Wissen, Fertigkeiten, die Bedeutung der Ornamente und die Zeremonien rund um die Herstellung gelten dort als Teil des Erbes. Die Arbeit verlangt nach dem Eintrag den Zusammenhalt der Gemeinschaft.
Weitergegeben wird das Können in der Regel von älteren Frauen an jüngere Frauen der Familie, vor allem in ländlichen und gebirgigen Gegenden. Die UNESCO nennt auch, warum der Eintrag auf der Liste für dringende Erhaltung steht. Die Zahl der Ausübenden sinkt, die meisten sind älter als vierzig. Jüngere zeigen wenig Interesse, billige synthetische Teppiche beherrschen den Markt, Rohstoffe sind knapp und von schlechter Qualität. Ala-kiyiz seien aus kirgisischen Wohnungen praktisch verschwunden, Shyrdaks ernsthaft gefährdet.
Filz als Werkstoff der Industrie
Was in Zentralasien Zelt und Teppich ist, ist in der Industrie ein technisches Bauteil. Britannica führt eine lange Liste von Aufgaben an: Dochtwirkung, Aufsaugen, Schwingungsdämpfung, Isolierung, Polsterung und Verpackung, dazu Polieren, Abdichten und Dichtungen. Filzpolster stecken in Kleidung und Möbeln.
Ein Beispiel zeigt die Maßstäbe. Für die Papierherstellung werden besondere Filze als Endlosbänder gefertigt, 5 Meter breit oder breiter. Auch das Billardtuch gehört in diese Reihe: Die Spielfläche eines Billardtischs ist nach Britannica meist eine polierte Schieferplatte mit Filzbezug.
Filz in Kunst und Gestaltung
Bei Joseph Beuys wurde Filz selbst zum Thema. Er schuf 1970 einen Anzug aus Filz und Holz, den die National Galleries of Scotland und die Tate unter dem Titel „Felt Suit“ führen. Das Werk gehört heute zu ARTIST ROOMS, einer Sammlung, die beide Häuser gemeinsam halten; es kam 2008 mit der d’Offay-Schenkung dorthin. Nach den National Galleries ging der Anzug aus einer Aktion von 1970 hervor. Beuys sah ihn als Fortsetzung seiner Filzskulpturen, in denen die isolierende Eigenschaft des Materials die Bedeutung trug. Wärme verstand er dabei in einem weiteren Sinn.
Auch im Alltag der Dinge ist Filz präsent, oft unauffällig. Britannica nennt ihn als Stoff für Hüte und Hausschuhe, als Material für Kleidung und Vorhänge und als Polsterung in Möbeln. Damit schließt sich ein Kreis. Der Stoff, der im Grab von Pazyryk Boden und Wände bedeckte und der in Zentralasien Zelte bildet, bringt dieselben Eigenschaften mit, die in der Papiermaschine und unter dem Billardball gefragt sind: eine dichte Fläche aus Fasern, ohne Faden gebaut. Wie eng Faser, Verarbeitung und Gebrauch zusammenhängen, zeigt auch die Geschichte einer pflanzlichen Faser, die den Weg über Spinnen und Weben geht.
Weiterlesen: Leinen: Flachs als Faser · Rattan und Geflecht: vom Stamm zum Stuhlsitz
Häufige Fragen
Was ist Filz?
Filz ist nach der Encyclopaedia Britannica eine Klasse von Stoffen oder Faserstrukturen, die durch das Ineinandergreifen von Fasern aus Wolle, Fell oder bestimmten Haaren entstehen. Er braucht weder Faden noch Webstuhl noch Klebstoff, denn was die Fläche zusammenhält, liegt in der Faser selbst. Schon 10 Prozent Wolle in einer Mischung mit nicht filzenden Fasern genügen laut Britannica für einen Filz.
Warum verfilzt Wolle?
Wolle verfilzt nach Britannica wegen ihres besonderen Aufbaus und ihrer starken Kräuselung. Die Schuppen an der Oberfläche der Faser lassen sie unter wiederholtem Druck bevorzugt in eine Richtung wandern, so eine 1945 in Nature zusammengefasste Erklärung. Wärme, Feuchtigkeit und Reibung von außen treiben die Fasern dann ineinander.
Wie alt sind die Filzfunde aus Pazyryk?
Die Filzbahnen aus den Grabkammern von Pazyryk im Hochaltai stammen aus Gräbern, die Radiokarbondaten in die Mitte des vierten bis ins frühe dritte Jahrhundert v. Chr. setzen. Nach den Jahrringen der Hölzer wurden die fünf großen Gräber innerhalb von 48 Jahren gebaut. Erhalten blieb der Filz, weil der Boden dort im Sommer nicht auftaute und der Inhalt im Eis lag.
Was wir nicht wissen
Die Pazyryk-Angaben stützen sich auf eine Quelle, den Blog des British Museum. Eine Seite der Eremitage in Sankt Petersburg haben wir nicht im Original geöffnet; wo die einzelnen Filzstücke heute liegen, steht deshalb nicht im Text. Die UNESCO beschreibt nicht, wie Ala-kiyiz und Shyrdak gefertigt werden und worin sie sich technisch unterscheiden. Vom Nature-Beitrag von 1945 war nur die Kurzfassung zugänglich, die heutige Forschung zur Schuppenschicht haben wir nicht ausgewertet. Für das Filzen von Hand und für das Nadelfilzen haben wir keine Fachquelle gelesen, beide Verfahren bleiben hier außen vor.
Stand: 13. Oktober 2026. Quellen siehe unten.
Quellen
- Encyclopaedia Britannica: Felt (Druckfassung, Artikel 204052) (öffnet in neuem Tab)
- Encyclopaedia Britannica: Felting (öffnet in neuem Tab)
- Encyclopaedia Britannica: Felt (Artikelseite mit Bildunterschriften) (öffnet in neuem Tab)
- L. Bohm: Mechanism of Felting of Wool Fibres, Nature 155 (1945), S. 547–548 (Kurzfassung) (öffnet in neuem Tab)
- British Museum, St John Simpson: Scythians, ice mummies and burial mounds (Blog, 23. August 2017) (öffnet in neuem Tab)
- UNESCO Intangible Cultural Heritage: Ala-kiyiz and Shyrdak, art of Kyrgyz traditional felt carpet making (Liste des dringend erhaltungsbedürftigen immateriellen Kulturerbes, 2012) (öffnet in neuem Tab)
- UNESCO Intangible Cultural Heritage: Decision of the Intergovernmental Committee 7.COM 8.5 (öffnet in neuem Tab)
- National Galleries of Scotland: Joseph Beuys, Felt Suit, 1970 (ARTIST ROOMS) (öffnet in neuem Tab)
- Tate: Joseph Beuys, Felt Suit, 1970 (Werkseite) (öffnet in neuem Tab)