Rattan und Geflecht: vom Stamm zum Stuhlsitz
Rattan ist der Stamm von Kletterpalmen aus Asien und Afrika. Daraus entstehen Peddigrohr und das Rohrgeflecht im Sitz des Thonet-Stuhls Nr. 14.
Rattan ist der Stamm von Kletterpalmen der tropischen Wälder Asiens und Afrikas. Auf diese Pflanzengruppe gehen das Geflecht in der Sitzfläche eines Kaffeehausstuhls, das Peddigrohr im Korb und der Rattansessel auf der Veranda zurück. Dieser Text ordnet die Begriffe, folgt dem Material zu einem Stuhl aus Wien und zu einer Korbmacherregion in Oberfranken und fragt, was über seine Herkunft heute bekannt ist.
Eine Palme, die klettert
Rattan ist der Stamm einer Palme. Das Rattan-Glossar der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) definiert es knapp als Kletterpalme aus der Unterfamilie Calamoideae. In einem Beitrag für einen FAO-Sammelband beschreiben die Botaniker Terry Sunderland und John Dransfield die Gruppe genauer: rund 600 Arten in 13 Gattungen, verbreitet in den Tropen und Subtropen der Alten Welt. Echte Rattanpalmen gibt es nach ihrer Darstellung in der Neuen Welt nicht.
Alle Kletterer dieser Unterfamilie sind bestachelt, schreiben die Autoren, eine Voraussetzung für das Klettern. Gemeinsam ist den Calamoideae außerdem eine Frucht mit überlappenden, zurückgebogenen Schuppen. Manche Arten wachsen einzeln, andere in Horsten, einige können beides. Die Gattung Calamus umfasst etwa 370 Arten, zu ihr gehören nach Sunderland und Dransfield die meisten der kommerziell bedeutenden Arten. Drei Gattungen kommen nur in Afrika vor.
Was in der Werkstatt ankommt, ist der Stamm ohne seine Blattscheiden. Er sei massiv, fest und gleichmäßig und dabei sehr biegsam, heißt es im FAO-Beitrag. Geerntet werden meist nur die unteren 10 bis 20 Meter. Für kultivierte Bestände nennen die Autoren Zuwachsraten, für Calamus caesius etwa 2,9 bis 5,6 Meter im Jahr. Für wild wachsendes Rattan gebe es keine Daten zum Wachstum. Nur etwa ein Fünftel der bekannten Arten hat demnach einen Handelswert, die übrigen sind zu spröde, zu steif oder zu selten.
Rattan, Peddigrohr, Stuhlrohr
Im Deutschen hat das Material mehrere Namen. Das FAO-Glossar unterscheidet die Teile des Stamms. Als Kern gilt der mittlere Teil nach dem Entfernen der Außenhaut, meist gehandelt als Stränge mit gleichmäßigem Durchmesser. Runder Kern hat demnach 2 bis 10 Millimeter Durchmesser und entsteht durch Schälen und Spalten. Die Schale dagegen ist flaches oder halbrundes Material von 2 bis 10 Millimetern Breite aus dem Randbereich des Stamms, einschließlich der Haut.
Das Drilandmuseum in Gronau verzeichnet einen Henkelkorb aus Peddigrohr aus dem 19. oder 20. Jahrhundert und erläutert dazu, Rattan und Peddigrohr seien Produkte aus dem Stamm der Rattanpalmen der Gattung Calamus. Im Zolltarif führt die Position 1401 für pflanzliche Flechtstoffe eine eigene Unterposition für „Peddig und Stuhlrohr“, getrennt von Bambus, Weiden und Binsen; so jedenfalls die Fassung 2025 im privaten Nachschlagewerk zolltarifnummern.de.
Wiener Geflecht schließlich bezeichnet in Museumsangaben die Art, wie ein Stuhlsitz geflochten ist, etwa beim Stuhl aus Rabenau weiter unten. Das Glossar kennt außerdem maschinell gewebtes Stuhlrohr, ein grobes Gewebe für Sitze und Lehnen.
Der Stuhl Nr. 14
Das Kunstgewerbemuseum der Staatlichen Museen zu Berlin besitzt einen Sessel Nr. 14 der Firma Thonet, datiert Wien 1859, aus gebogenem Buchenholz und Rohrgeflecht. Der Museumstext erklärt den Erfolg mit zwei Dingen: der neuen Technik des Holzbiegens und der Verkaufsstrategie von Michael Thonet. Anders als die reich geschnitzten Möbel der Zeit kam der Stuhl ohne Ornament aus. Er bestand aus sechs Teilen, zehn Schrauben und zwei Muttern, wurde zerlegt verschickt und erst am Bestimmungsort montiert. Der Name Nr. 14 sei zum Synonym für den Wiener Kaffeehausstuhl geworden, schreibt das Museum.
Das MAK in Wien führt unter der Modellbezeichnung Nr. 14 ein Canapé der Gebrüder Thonet von 1860. Als Material nennt die Sammlung Buchenholz, zum Teil gebogen und braun gebeizt, und Rohrgeflecht, in Klammern: Rattan. Ausgeführt wurde das Stück anonym in Österreich, irgendwann zwischen 1860 und 1920.
Die Form blieb nicht bei Thonet. Das Deutsche Stuhlbaumuseum in Rabenau in Sachsen bewahrt einen Bugholzstuhl der Sächsischen Holzindustriegesellschaft Rabenau, entstanden vor 1900. Im Katalog dieser Firma trug er ebenfalls die Nummer 14 und gleicht dem Thonet-Modell. Die Museumsangaben nennen Rotbuche, Metall und Peddigrohr, das Holz massiv gebogen, die Teile verschraubt, den Sitz in Wiener Geflecht. Die Sitzhöhe liegt bei 47,5 Zentimetern.
Ein Handwerk am Obermain
Das Flechten selbst ist viel älter als der Stuhl, lässt sich aber schwer datieren, weil Pflanzenmaterial vergeht. So hält es Alfred Schneider in einem Bericht der Bayerischen Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft aus dem Jahr 2000 fest. Sein Thema ist das Flechthandwerk am Obermain, und dort war das Grundmaterial lange nicht Rattan, sondern Weide, die in Flusstälern auf feuchten Böden wächst. Eine Lichtenfelser Forstrechnung von 1579/80 verbucht bereits Weidenflechtarbeit zum Verkauf.
Schneider schreibt die Erfindung des Weidenhobels, eines Werkzeugs zum Spalten der Ruten, Johann Puppert aus Michelau zu. Dessen Meisterbrief datiert vom 27. Januar 1773. Ein Zunftverzeichnis für die Jahre 1795 bis 1811, nach Schneider nur bis 1807 ordentlich geführt, nennt 138 Meister, 95 davon in Michelau. Eine Gewerbezählung vom 5. Juni 1882 kam auf 2.844 Korbmacherbetriebe in Oberfranken, 1.600 davon im Bezirk Lichtenfels.
Zur Ausbildung entstand in Lichtenfels eine staatliche Fachschule, eröffnet am 5. Mai 1904. Zu ihrem dreijährigen Lehrplan gehörte nach Schneiders Bericht im Jahr 2000 neben Weidenarbeiten auch der Rohrmöbelbau. In Michelau begann 1928 eine Schulsammlung, aus der das Deutsche Korbmuseum hervorging. Am 14. Oktober 1934 zog die Sammlung als Museum in drei Räume des Rathauses, 1967 in die Bismarckstraße. Heute liegt das Museum nach Angaben des Portals Museen in Bayern in einer ehemaligen Korbwarenfabrik aus dem 19. Jahrhundert, auf rund 850 Quadratmetern Ausstellungsfläche. Gezeigt werden Materialien, Werkzeuge und Techniken, Flechtwerk aus vielen Ländern, von Möbeln über Hüte bis zu Kinderwagen, und Dokumente zu Handel und Versand.
2016 nahmen die Deutsche UNESCO-Kommission und die Kultusministerkonferenz das Flechthandwerk in das Bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes auf. Die Deutsche UNESCO-Kommission nennt in ihrem Eintrag 2016 als Aufnahmejahr; die Deutsche Handwerks Zeitung meldete die Aufnahme im Dezember 2016, und der Zentralverband des Deutschen Handwerks führt den Eintrag ebenfalls mit diesem Jahr. Es handelt sich um das deutsche Verzeichnis, nicht um eine der internationalen UNESCO-Listen.
Woher das Rohr kommt
Ein Teil des Rattans stammt aus Wildsammlung, und das hat Folgen. Sunderland und Dransfield sprechen von einer erheblichen Übernutzung der wilden Bestände, die das langfristige Fortbestehen der Rattanwirtschaft bedrohe. In ihrer Übersicht sind einzelne Handelsarten als gefährdet eingestuft, darunter Calamus manan. Ein Überblick chinesischer Autoren zur Plantagenwirtschaft, ebenfalls bei der FAO veröffentlicht, nennt zwei Ursachen: unkontrollierte Ernte für den Handel und den Verlust von Wald durch Holzeinschlag und Landwirtschaft. Systematische Studien zum Anbau begannen demnach erst Mitte der 1970er Jahre. Bis zur Ernte vergehen je nach Stammdurchmesser 6 bis 8, 8 bis 10 oder 12 bis 15 Jahre und mehr.
Wie das vor Ort aussieht, beschreibt die Umweltorganisation WWF für Kambodscha. Dort seien bislang 21 Rattanarten bestimmt. Waldverlust, Umwandlung von Flächen und Übernutzung setzten den Beständen zu, Rattan wachse inzwischen vor allem in Schutzgebieten. Für Bauernfamilien sei es ein zusätzliches Einkommen. Der WWF arbeitet nach eigenen Angaben in Laos, Vietnam und Kambodscha an Systemen für eine nachhaltige Ernte und Verarbeitung, Baumschulen für Rattan spielen dabei eine Rolle.
Für Gestalterinnen und Gestalter ergibt sich daraus ein nüchterner Befund. Das Material ist gut beschrieben: biegsam, gleichmäßig, in Kern und Schale teilbar. Die Herkunft des einzelnen Strangs ist es meist nicht. Ob ein Geflecht aus Wildsammlung oder Anbau stammt, verraten weder der Name Peddigrohr noch die Zolltarifnummer.
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Häufige Fragen
Was ist Rattan?
Rattan ist der Stamm einer Kletterpalme aus der Unterfamilie Calamoideae. Nach den Botanikern Terry Sunderland und John Dransfield umfasst die Gruppe rund 600 Arten in 13 Gattungen, verbreitet in den Tropen und Subtropen der Alten Welt; in der Neuen Welt gibt es keine echten Rattanpalmen. Verarbeitet wird der Stamm ohne seine Blattscheiden, er ist massiv, fest, gleichmäßig und sehr biegsam.
Was ist der Unterschied zwischen Rattan und Peddigrohr?
Beide stammen aus derselben Pflanze: Das Drilandmuseum in Gronau beschreibt Rattan und Peddigrohr als Produkte aus dem Stamm der Rattanpalmen der Gattung Calamus. Das Rattan-Glossar der FAO unterscheidet beim Stamm den Kern, den mittleren Teil nach dem Entfernen der Außenhaut, und die Schale aus dem Randbereich einschließlich der Haut. Im Zolltarif haben Peddig und Stuhlrohr eine eigene Unterposition.
Woraus besteht der Thonet-Stuhl Nr. 14?
Der Sessel Nr. 14 der Firma Thonet im Kunstgewerbemuseum Berlin, datiert Wien 1859, besteht aus gebogenem Buchenholz und Rohrgeflecht. Er bestand aus sechs Teilen, zehn Schrauben und zwei Muttern und wurde zerlegt verschickt. Das MAK in Wien nennt für ein Canapé desselben Modells Rohrgeflecht, in Klammern Rattan.
Was wir nicht wissen
Wir haben keine Fachquelle gefunden, die Wiener Geflecht technisch beschreibt, also Muster, Schienenbreite und Herkunft des Namens. Die Museen datieren Thonets Modell Nr. 14 auf 1859 (Sessel, Berlin) und 1860 (Canapé, Wien); ein Entwurfsjahr aus einer weiteren Quelle fehlt. Wie viel des heute verarbeiteten Rattans aus Anbau stammt und wie viel aus Wildsammlung, nennen die gelesenen Quellen nicht. Die Zahlen zum Obermain stammen aus einem Bericht von 2000; neuere Zahlen zu Betrieben und Auszubildenden haben wir nicht geprüft.
Stand: 13.10.2026. Quellen siehe unten.
Quellen
- Terry C. H. Sunderland, John Dransfield: Species Profiles Rattans (Palmae: Calamoideae), in: FAO, Rattan. Current Research Issues and Prospects for Conservation and Sustainable Development (öffnet in neuem Tab)
- FAO: Rattan. Current Research Issues and Prospects for Conservation and Sustainable Development (Inhaltsverzeichnis) (öffnet in neuem Tab)
- Dennis V. Johnson (Afrika-Teil Terry C. H. Sunderland): Rattan Glossary, FAO, Forest Products and Economics Division (öffnet in neuem Tab)
- Yang Jinchang, Xu Huangcan, Yin Guangtian, Li Rongsheng: An Overview of Rattan Plantation Management (FAO) (öffnet in neuem Tab)
- WWF Kambodscha: The rattan sector (öffnet in neuem Tab)
- Drilandmuseum Gronau: Henkelkorb aus Peddigrohr, Inv. 1986-105 (museum-digital westfalen) (öffnet in neuem Tab)
- Zolltarif, Position 1401 und Unterposition 1401 20 00 Peddig und Stuhlrohr (zolltarifnummern.de) (öffnet in neuem Tab)
- Kunstgewerbemuseum, Staatliche Museen zu Berlin: Sessel Nr. 14, Firma Thonet, Wien 1859, Inv. W-1978,24 (museum-digital smb) (öffnet in neuem Tab)
- MAK Wien, Sammlung Möbel und Holzarbeiten: Canapé Modell Nr. 14, Gebrüder Thonet, 1860, Inv. H 2207 (öffnet in neuem Tab)
- Deutsches Stuhlbaumuseum Rabenau: Bugholzstuhl (Kaffeehausstuhl), Sächsische Holzindustriegesellschaft Rabenau, vor 1900, Inv. 4821 (museum-digital sachsen) (öffnet in neuem Tab)
- Alfred Schneider: Das Flechthandwerk am Obermain, Geschichte und Gegenwart, LWF-Bericht Nr. 24, Kapitel 13, Bayerische Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft, April 2000 (öffnet in neuem Tab)
- Museen in Bayern: Deutsches Korbmuseum Michelau (öffnet in neuem Tab)
- Deutsche Handwerks Zeitung: Neue Handwerke in Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen (13. Dezember 2016) (öffnet in neuem Tab)
- Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH): Handwerk als Immaterielles Kulturerbe (öffnet in neuem Tab)
- Deutsche UNESCO-Kommission: Flechthandwerk (Bundesweites Verzeichnis, Aufnahme 2016) (öffnet in neuem Tab)