Terrazzo: Stein im Guss
Terrazzo ist Marmorsplitt in Zement oder Kunstharz, gegossen und glatt geschliffen. Die Quellen verbinden seinen Ursprung mit Venedig und dem Friaul.
Terrazzo ist ein Belag für Böden und Wände aus Marmorsplitt in einem Bindemittel wie Zement oder Kunstharz, vor Ort gegossen oder vorgefertigt und glatt geschliffen. Die Quellen verbinden seinen Ursprung mit Venedig und dem Friaul. Er sieht aus wie Stein und verhält sich wie Guss: ein Boden, der in einem Stück entsteht, dann aber geschliffen wird, bis die Steine darin wie Intarsien wirken. Was technisch einfach klingt, hat eine lange Werkstattgeschichte, und sie hängt an Händen, Werkzeugen und Pflege.
Was Terrazzo ist
Das Fitzwilliam Museum in Cambridge beschreibt Terrazzo in seinem Begriffsverzeichnis, das auf dem Getty-Thesaurus aufbaut, als Beton mit Marmorzuschlag, vor Ort gegossen oder vorgefertigt und glatt geschliffen. Er dient vor allem als dekorative Oberfläche für Böden und Wände. Wie Beton selbst zur sichtbaren Oberfläche wird, zeigt Sichtbeton. Die US-Bundesbauverwaltung GSA fasst es in ihren Denkmalpflege-Unterlagen ähnlich: Marmorsplitt unterschiedlicher Größe wird in ein Bindemittel gemischt, mit der Kelle aufgezogen, geschliffen und poliert. Als Bindemittel nennt sie Portlandzement oder Kunstharz. Ein guter Terrazzo bestehe zu mindestens 70 Prozent aus grobem Marmorzuschlag und zu höchstens 30 Prozent aus Zementmatrix.
Das Wort kommt aus dem Italienischen. Terrazzo bedeutet dort Terrasse oder Balkon und ist mit dem englischen terrace verwandt, das auf das lateinische terra, Erde, zurückgeht. Im Englischen ist es als Bezeichnung für den Bodenbelag laut dem Online Etymology Dictionary seit 1893 belegt.
Den vor Ort gegossenen Boden nennt die Wissenschaftlich-Technische Arbeitsgemeinschaft für Bauwerkserhaltung und Denkmalpflege (WTA) Ortterrazzo und hat seiner Instandsetzung 2014 ein eigenes Merkblatt gewidmet. Dass es auch Platten gab, zeigt ein Fund im Museum Niesky: Bruchstücke eines Terrazzobodens von 1927 aus dem Konrad-Wachsmann-Haus, laut Objektbeschreibung aus Zement und verschieden getönten Steinchen, als Platten in einem Mörtelbett verlegt.
Handarbeit in Schichten
Wie viel Arbeit in einem solchen Boden steckt, beschreibt die Österreichische UNESCO-Kommission. Sie hat die traditionelle Herstellung von handwerklichem Terrazzo in das Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Das Bindemittel enthält Zement und wird portionsweise mit der Schaufel aufgetragen, die Steine von etwa 10 bis 22 Millimetern streut man von Hand. Dann wird der Splitt geschlagen, „geprackt“, mit einer eisernen Terrazzowalze gewalzt und mehrmals von Hand geglättet. Beim Schleifen wechseln mehrere nasse Durchgänge mit dem Auftragen einer Spachtelmasse, die die Handwerker selbst anmischen.
Der US-Verband National Terrazzo & Mosaic Association erinnert an das ältere Werkzeug: Geschliffen wurde zunächst von Hand, später mit der Galera, einem beschwerten Schleifstein mit langem Stiel. Auch die Wikipedia nennt die Galera als Werkzeug vor der elektrischen Schleifmaschine. Eine hölzerne Säge eines italienischen Terrazzoarbeiters in Australien bewahrt Museums Victoria in Melbourne in der Sammlung der Italian Historical Society auf.
Venedig: Kalk, Splitt, Leinöl
Die Quellen verbinden den Ursprung mit Venedig und dem Friaul; eine übereinstimmende Datierung nennen sie nicht. Die GSA schreibt allgemein, die Venezianer hätten vor mehreren hundert Jahren begonnen, Marmorsplitt wiederzuverwenden, indem sie ihn in Beton setzten. Der US-Verband verortet die Anfänge bei venezianischen Mosaikarbeitern im Friaul, die einen Weg gefunden hätten, Marmorreste wiederzuverwenden, und führt sie in seiner Zeitleiste unter dem 16. Jahrhundert.
Wie ein venezianischer Terrazzo aufgebaut ist, beschreibt Francesco Trovò in der Fachzeitschrift Arqueología de la Arquitectura. Auf einen Unterbau aus Kalkmörtel und Sand, manchmal mit Stein- oder Ziegelzuschlag, kommt eine Schicht aus Steinen und Marmor verschiedener Farbe und Herkunft. Sie wird geschlagen, eben geschliffen und poliert. Trovò vergleicht den Boden mit einer horizontalen Mauer, die dem Mauerwerk Stabilität gibt. Bewegungen der hölzernen Decke darunter fängt der Unterbau in feinen Rissen auf, größere Schäden wurden durch eine neue, darübergelegte Schicht behoben.
Ausbreitung: Paläste, Wohnhäuser, öffentliche Bauten
Getragen wurde die Ausbreitung von Menschen, die das Handwerk mitnahmen. Die Turiner Abschlussarbeit schreibt, der Terrazzo habe sich ab dem 18. Jahrhundert dank der Auswanderung friaulischer Handwerker in Italien und in ganz Europa verbreitet. Sie dokumentiert Böden aus dem 18. und frühen 19. Jahrhundert in savoyischen Residenzen wie Racconigi und Stupinigi.
In die Niederlande brachten Handwerker aus dem Friaul den Terrazzo laut dem Internationalen Institut für Sozialgeschichte in Amsterdam Ende des 19. Jahrhunderts. Bekannt wurden sie mit den Böden des Friedenspalasts in Den Haag, der am 28. August 1913 eröffnete. Aufträge für neue Wohnungen folgten. Nach Österreich kam der Terrazzo laut UNESCO-Kommission in der Ringstraßenzeit des 19. Jahrhunderts, mit Arbeitern aus anderen Teilen der Habsburgermonarchie. Im Jugendstil zählte er neben Keramikfliesen zu den gängigen Bodenbelägen, ab den 1920er Jahren und stärker in den 1950er und 1960er Jahren im öffentlichen Wohnbau.
In den Vereinigten Staaten kamen nach Angaben des Verbands um 1875 italienische Mosaikarbeiter an. Bis 1890 seien alle Mosaikarbeiter dort Italiener gewesen, die ihr Handwerk in Venedig gelernt hatten. Die Einladung zu einer Studientagung im friaulischen Cavasso Nuovo setzt die Ankunft von Terrazzoarbeitern aus dem westlichen Friaul in New York um 1880 an. Anfang der 1920er Jahre überholte der Terrazzo laut Verband das Mosaik und wurde in öffentlichen Gebäuden und Mehrfamilienhäusern üblich. Die elektrische Schleifmaschine um 1919 habe die Verbreitung beschleunigt. Laut Wikipedia griffen Art déco und Moderne den Terrazzo von den 1920er bis in die 1940er Jahre auf.
Pflege als Materialfrage
Terrazzo gilt als pflegeleicht. Die GSA nennt den geringen Aufwand als einen Hauptgrund, warum er in stark begangenen Gebäuden liegt, und hält zugleich fest, dass er empfindlich auf scharfe Reiniger reagiert. In ihren Pflegerichtlinien rät sie von Säuren ab, ebenso von Lösungen mit Carbonaten oder Trinatriumphosphat und von Reinigern mit Laugen oder anderen starken Bestandteilen. Kehrmittel mit Öl dringen ein und verfärben den Boden dauerhaft, Stahlwolle kann rosten und Flecken hinterlassen. Empfohlen wird ein neutrales Reinigungsmittel. Zur Versiegelung schreibt die GSA in ihrer Materialbeschreibung, zementgebundene Systeme müssten nach dem letzten Polieren mit einem eindringenden Mittel versiegelt werden, harzgebundene könnten mit einem oberflächlichen versiegelt werden. Terrazzo mit abrasiven Zuschlägen soll nach den Pflegerichtlinien nie versiegelt werden.
Die älteren Methoden setzten auf Naturstoffe. Der US-Verband schreibt, ein Anstrich mit Ziegenmilch habe Farbe und Glanz des Marmors hervorgehoben. Für Venedig hält Trovò fest, dass häufig Leinöl aufgetragen wurde, um den Boden zu festigen, und dass seine Haltbarkeit von ständiger Pflege abhing.
Altern heißt beim Terrazzo deshalb nicht zwingend verlieren. Laut Wikipedia lässt sich ein gealterter Boden durch erneutes Polieren auffrischen. Im Konrad-Wachsmann-Haus in Niesky wurden bei der Sanierung lose Randstücke entfernt und durch neuen, angepassten Terrazzo ergänzt. Das WTA-Merkblatt widmet der Bestandserfassung, den Instandsetzungszielen und der Pflege jeweils eigene Kapitel. Schon die Gliederung zeigt, dass es den Boden als Bestand behandelt, der dokumentiert wird, bevor man eingreift.
Vom Boden zum Objekt
Seit den 1970er Jahren gibt es nach der Wikipedia Terrazzo auf Polymerbasis, heute als Dünnschicht-Terrazzo bezeichnet, und der Großteil des heute verlegten Terrazzos sei Epoxidharz-Terrazzo. Mit der dünneren Schicht ändert sich, was möglich ist: Die Wikipedia zählt Wände, Arbeitsplatten, Böden, Waschbecken und Paneele auf. Wo der Terrazzo vorgefertigt wird, löst er sich vom Bauplatz und wird zum Objekt.
Die Österreichische UNESCO-Kommission beschreibt zugleich, wie schmal die Basis des Handwerks geworden ist. In Wien gab es 1970 noch 35 Terrazzobetriebe. Seit 2015 ist die Terrazzoherstellung kein Lehrberuf mit anerkannter Ausbildung mehr. Gerade bei Objekten aus Terrazzo lohnt deshalb die Frage, wie sie gemacht sind: gegossen oder gestreut, mit Zement oder Harz gebunden, wie fein geschliffen, wie versiegelt. Davon hängt ab, wie das Stück altert und wie man es pflegt.
Weiterlesen: Steinzeug und die Deckeldose
Häufige Fragen
Was ist Terrazzo?
Terrazzo ist ein Belag aus Marmorsplitt in einem Bindemittel wie Portlandzement oder Kunstharz, der vor Ort gegossen oder vorgefertigt und dann geschliffen und poliert wird. Er dient vor allem als Oberfläche für Böden und Wände. Das Wort kommt aus dem Italienischen und bedeutet dort Terrasse oder Balkon.
Woher kommt Terrazzo?
Die Quellen verbinden den Ursprung mit Venedig und dem Friaul, nennen aber keine übereinstimmende Datierung. Ab dem 18. Jahrhundert verbreitete sich der Terrazzo mit der Auswanderung friaulischer Handwerker in Italien und Europa. Ende des 19. Jahrhunderts brachten sie ihn in die Niederlande, und um 1875 kamen nach Angaben eines US-Branchenverbands italienische Mosaikarbeiter in die Vereinigten Staaten.
Wie reinigt man einen Terrazzoboden?
Die US-Bundesbauverwaltung GSA empfiehlt ein neutrales Reinigungsmittel und rät von Säuren, Laugen, Lösungen mit Carbonaten oder Trinatriumphosphat und anderen scharfen Reinigern ab. Kehrmittel mit Öl dringen ein und verfärben den Boden dauerhaft, Stahlwolle kann rosten und Flecken hinterlassen. Nach der Wikipedia lässt sich ein gealterter Boden durch erneutes Polieren auffrischen.
Was wir nicht wissen
Die Quellen datieren die Anfänge des Terrazzos nicht übereinstimmend, und eine venezianische Fachquelle haben wir nicht am Original gelesen. Die Angaben zur Ankunft in den USA, um 1875 und um 1880, betreffen verschiedene Gruppen; sie stammen von einem Branchenverband und aus einer Tagungseinladung ohne genannten Herausgeber. Den Inhalt des WTA-Merkblatts kennen wir nur aus seinem Inhaltsverzeichnis.
Stand: 13.10.2026. Quellen siehe unten.
Quellen
- Terrazzo, Terminologie-Eintrag mit Verweis auf den Getty AAT (Fitzwilliam Museum, Cambridge) (öffnet in neuem Tab)
- Terrazzo (Online Etymology Dictionary) (öffnet in neuem Tab)
- Terrazzo: Characteristics, Uses And Problems (U.S. General Services Administration, Historic Preservation Technical Procedures) (öffnet in neuem Tab)
- Routine Preventive Maintenance Guidelines For Terrazzo (U.S. General Services Administration, Historic Preservation Technical Procedures) (öffnet in neuem Tab)
- Trovò, Francesco: Aspetti di continuità di lungo periodo dell'architettura di Venezia (Arqueología de la Arquitectura 7, 2010, CSIC) (öffnet in neuem Tab)
- Zoia, Patrizia: Tradizione e innovazione nelle pavimentazioni lapidee monolitiche (Abschlussarbeit, Politecnico di Torino, Zusammenfassung italienisch) (öffnet in neuem Tab)
- Zoia, Patrizia: Tradition and Innovation in Monolithic Flooring (Abschlussarbeit, Politecnico di Torino, Zusammenfassung englisch) (öffnet in neuem Tab)
- Terrazzo (Wikipedia, englisch) (öffnet in neuem Tab)
- The History of the NTMA (National Terrazzo & Mosaic Association, Verband) (öffnet in neuem Tab)
- I terrazzieri della pedemontana del Friuli occidentale negli Stati Uniti, Einladung zum Studientag 30.09.2006 (cestim.it) (öffnet in neuem Tab)
- Italian terrazzo workers (Internationaal Instituut voor Sociale Geschiedenis, Amsterdam) (öffnet in neuem Tab)
- Production of Traditionally Hand-Crafted Terrazzo (Österreichische UNESCO-Kommission, Immaterielles Kulturerbe) (öffnet in neuem Tab)
- Terrazzobruchstücke, Inv. 170/18 (Museum Niesky, Konrad-Wachsmann-Haus, museum-digital Sachsen) (öffnet in neuem Tab)
- Saw - Terrazzo, Wood, SH 940600 (Museums Victoria, Italian Historical Society Co.As.It Collection) (öffnet in neuem Tab)
- WTA-Merkblatt 3-15: Instandsetzung von Ortterrazzo, Inhaltsverzeichnis (WTA e. V., 2014) (öffnet in neuem Tab)