Woher kommt Hanf? Herkunft und frühe Nutzung
Hanf stammt nach Genomdaten aus Ostasien, wo die Domestizierung vor rund 12.000 Jahren begann. Was Pollen, Samen und Fasern über seine Herkunft zeigen.
Laut einer Genomstudie unter Leitung der Universität Lausanne, 2021 in Science Advances erschienen, stammt der Kulturhanf aus Ostasien, wo seine Domestizierung vor rund 12.000 Jahren begann, also in der frühen Jungsteinzeit. Domestizierung meint die Überführung einer Wildpflanze in eine Kulturpflanze durch menschliche Auslese. Die Pflanze selbst ist weit älter: Pollenstudien verorten ihren Ursprung auf dem nordöstlichen Hochland von Tibet, und nach einer molekularen Uhr trennte sich die Gattung vor rund 28 Millionen Jahren vom Hopfen. Archäologische Spuren menschlicher Nutzung reichen in Ostasien rund 10.000 Jahre zurück, belastbare Belege aus Europa sind jünger.
Auf einen Blick
- Ren und Kollegen untersuchten 2021 Genome von 110 Hanfproben, werteten davon 104 aus und folgern eine einzige Domestizierung in Ostasien vor etwa 12.000 Jahren.
- Faserhanf und Hanf, der auf Inhaltsstoffe ausgelesen wurde (in der Fachliteratur „drug-type“), trennten sich nach derselben Studie erst vor rund 4.000 Jahren.
- Nach einer Pollenauswertung von John McPartland, William Hegman und Tengwen Long (2019) entstand die Gattung Cannabis auf dem nordöstlichen Tibetischen Plateau, nahe dem Qinghai-See.
- Nach einer Meldung zur Studie von Tengwen Long und Kollegen (2017) reichen frühe Nutzungsspuren in Europa und Ostasien etwa 11.500 bis 10.200 Jahre zurück.
- Für Europa fanden McPartland und Hegman 2018 in 136 Studien keinen belastbaren Beleg für Hanfnutzung in der Jungsteinzeit, wohl aber für die Kupfer- und Bronzezeit.
Was sagt die Genomstudie von 2021?
Die Studie spricht für einen einzigen Ursprung des Kulturhanfs in Ostasien. Das Team um Guangpeng Ren und Luca Fumagalli sequenzierte 82 Genome neu und wertete 28 bereits veröffentlichte aus; nach dem Ausschluss eng verwandter Proben blieben 104 für die Analyse. Nach dem Smithsonian Magazine stammten die Proben unter anderem aus der Schweiz, China, Indien, Pakistan und Peru, aus botanischen Sammlungen und aus dem Handel; die Analyse umfasste rund 12 Millionen genetische Varianten.
Die Forschenden teilen die Pflanzen in vier Gruppen. Eine davon nennen sie „Basal cannabis“: 14 verwilderte Pflanzen und Landsorten aus China sowie zwei verwilderte Pflanzen aus den USA. Landsorten sind örtlich überlieferte Kulturformen, die nicht aus moderner Züchtung stammen. Die Gruppe „Basal cannabis“ steht nach der Studie allen übrigen Proben als Schwestergruppe gegenüber; einige heutige chinesische Landsorten und verwilderte Pflanzen stehen nach den Autoren dem ursprünglichen Genpool besonders nahe. Von dieser Gruppe spalteten sich nach der Berechnung die frühen Vorfahren der heutigen Kulturformen vor etwa 12.000 Jahren ab.
Die Zahl ist eine Schätzung mit weitem Spielraum. Die Autoren geben ein 95-Prozent-Intervall von rund 6.500 bis 15.700 Jahren an und weisen selbst darauf hin, dass ihre Methode Zeitpunkte bei geringer Sequenziertiefe unterschätzen kann.
Warum gilt nicht mehr Zentralasien als Ursprung?
Die ältere Annahme stützte sich vor allem auf die Verbreitung verwilderter Pflanzen, nicht auf ihre Abstammung. Ren und Kollegen schreiben, ihre Ergebnisse widersprächen der verbreiteten Sicht, die den Hanf einem zentralasiatischen Zentrum der Domestizierung zuordnet. Das Smithsonian Magazine erklärt die ältere Sicht mit den vielen verwilderten Pflanzen an Straßenrändern in Zentralasien.
Die Genomdaten deuten darauf, dass solche Bestände keine Wildformen sind. Nach der Studie sind alle untersuchten verwilderten Pflanzen historische Abkömmlinge aus Kulturformen; die reinen wilden Vorfahren seien vermutlich ausgestorben. Die Autoren verlangen weitere Proben verwilderter Pflanzen aus den entscheidenden Regionen.
Fachkollegen, die an der Studie nicht beteiligt waren, sehen Lücken. Der Biologe Nolan Kane von der University of Colorado wies im Smithsonian Magazine darauf hin, dass etwa Proben aus Afghanistan und Russland fehlen. Das Ergebnis bleibt damit vorläufig.
Was zeigen die Pollenstudien?
Die Pollenstudien zeigen, dass Hanf als Pflanze Millionen Jahre vor dem Menschen entstand. Der Botaniker John McPartland und seine Kollegen werteten 2019 insgesamt 155 Pollenstudien aus Asien aus. Weil sich Hanf- und Hopfenpollen kaum unterscheiden lassen, nutzten sie die Begleitvegetation, also die Pflanzen, deren Pollen in derselben Probe liegen, als Hinweis: Steppenpflanzen wie Beifuß deuten auf Hanf, Waldpflanzen wie Erle oder Weide eher auf Hopfen.
Nach der Kurzfassung passen Pollen aus dem Nordwesten Chinas, die rund 19,6 Millionen Jahre alt sind, zu Cannabis. Eine molekulare Uhr, also eine Datierung über die Zahl genetischer Unterschiede, setzt die Trennung von Hanf und Hopfen auf etwa 27,8 Millionen Jahre. Als Ursprungsgebiet nennen die Autoren das nordöstliche Tibetische Plateau nahe dem Qinghai-See; Phys.org gibt die Höhe dort mit etwa 3.200 Metern an. Von dort habe sich die Pflanze nach Westen bis Europa ausgebreitet, vor rund 6 Millionen Jahren, und nach Osten bis Ostchina, vor rund 1,2 Millionen Jahren.
Diese Studien handeln von der Pflanze, nicht von ihrer Domestizierung. Eine Vorgängerstudie aus dem Jahr 2018 kam für Europa zum selben Schluss: In 479 Pollenstudien aus dem Europäischen Pollenarchiv fanden McPartland, Geoffrey Guy und Hegman Hinweise auf wilden Hanf in Steppen und trockener Tundra der Eiszeiten. Hanf sei in Europa einheimisch.
Seit wann nutzen Menschen Hanf?
Die Spuren reichen in Ostasien rund 10.000 Jahre zurück, in Europa sind sie jünger und umstrittener. McPartland und Kollegen nennen 2019 Japan als Ort der frühen archäologischen Belege, gefolgt von China. Ren und Kollegen erwähnen Samen aus Japan, die zusammen mit Keramik gefunden wurden und etwa 10.000 Jahre alt sind, und Fundstellen mit Hanf-Artefakten in China und Japan ab etwa 7.500 Jahren vor heute. Fasergegenstände treten nach ihrer Darstellung in Ostasien gehäuft vor etwa 4.000 Jahren auf.
Ein Team um Tengwen Long von der Freien Universität Berlin wertete 2017 Fasern, Pollen, Früchte (botanisch Achänen, die harten Hanfnüsschen) und deren Abdrücke aus. Nach einer Meldung des Archaeology Newsroom setzen die Autoren die frühen Nutzungsspuren in Europa und Asien auf etwa 11.500 bis 10.200 Jahre vor heute. Weil sie in beiden Regionen etwa gleichzeitig auftreten, schlagen sie einen mehrfachen Ursprung der Nutzung vor. Zwischen etwa 5.000 und 4.000 Jahren vor heute steigen die Samenfunde in Ostasien deutlich an; die Autoren verbinden das mit einem Austausch über die eurasische Steppe, in dem der Hexi-Korridor im Nordwesten Chinas als Drehscheibe diente.
Nach den Genomdaten blieb der frühe Kulturhanf lange eine Pflanze für vieles zugleich. Ren und Kollegen schreiben, er sei bis vor etwa 4.000 Jahren vorwiegend als Mehrzweckpflanze genutzt worden; erst danach habe die Auslese getrennt auf Faser oder auf Inhaltsstoffe gezielt. Wie sich die Typen heute unterscheiden, erklärt Chemotypen: wie die Forschung Hanf ordnet.
Seit wann wird Hanf in Europa angebaut?
Belastbare Belege für Hanf in Europa gibt es nach heutiger Auswertung erst ab der Kupferzeit. McPartland und Hegman prüften 2018 136 Studien zu Textilien, Schnüren, Fasern, Samen und Abdrücken auf Keramik und bewerteten jeden Beleg nach seiner Belastbarkeit. Für die Jungsteinzeit fanden sie keinen belastbaren Nachweis. Einen solchen gibt es nach ihrer Auswertung erst für eine kupferzeitliche Fundstelle in Südosteuropa, die der Kultur von Gumelnița-Varna zugeordnet wird, und für die Bronzezeit im Umfeld der Jamnaja- und der Katakombengrab-Kultur.
Die Pollenstudie von 2018 kommt zu einem ähnlichen Bild: Pollen, die zu angebautem Hanf passen, erscheinen früh im Steppengebiet nördlich von Schwarzem und Kaspischem Meer. Eine Studie aus Ungarn von 2025 setzt den wahrscheinlichen Beginn des Anbaus im Osten des Landes auf etwa 3450 v. Chr., im Westen auf etwa 3150 v. Chr., rund 1.000 Jahre nach den Belegen aus Bulgarien.
Weiter nach Westen und Norden trugen den Anbau nach McPartland und Hegman (2018) vermutlich die Skythen der Eisenzeit, zu keltischen, slawischen und finno-ugrischen Kulturen. Was Herodot über diese Reiterkultur berichtet, lesen Sie in Herodot, die Skythen und der Hanf. Wie es in Mitteleuropa vom Mittelalter bis zur Gegenwart weiterging, erzählt Eine kurze Geschichte des Hanfs; wie aus dem Stängel Faser wird, steht in Hanffaser als Material.
Häufige Fragen
Woher kommt Hanf ursprünglich?
Als Pflanze stammt Hanf nach einer Pollenauswertung von McPartland und Kollegen aus dem Jahr 2019 vom nordöstlichen Tibetischen Plateau nahe dem Qinghai-See. Domestiziert wurde Hanf nach einer Genomstudie von 2021 in Ostasien. Die ältere Annahme eines zentralasiatischen Ursprungs stützte sich vor allem auf die Verbreitung verwilderter Pflanzen.
Seit wann nutzen Menschen Hanf?
Nach der Genomstudie von Ren und Kollegen begann die Domestizierung des Hanfs vor etwa 12.000 Jahren, mit einer großen Unsicherheitsspanne. Archäologische Spuren aus Ostasien und Europa reichen nach einer Meldung zur Studie von Long und Kollegen etwa 11.500 bis 10.200 Jahre zurück. Belastbare Nachweise für Europa gibt es nach McPartland und Hegman erst ab der Kupferzeit.
Ist Hanf in Europa einheimisch?
Nach einer Pollenstudie von McPartland, Guy und Hegman aus dem Jahr 2018 wuchs wilder Hanf während der Eiszeiten in europäischen Steppen und gilt deshalb als in Europa einheimisch. Angebaut wurde Hanf in Europa nach derselben Forschungsgruppe ab der Kupfer- oder Bronzezeit, zunächst im Südosten.
Was wir nicht wissen
Die Verlagsseite von Science Advances war am 15. Oktober 2026 nicht erreichbar; wir haben die Genomstudie im Volltext bei PubMed Central gelesen. Die Studien von McPartland und Long kennen wir nur aus ihren Kurzfassungen und aus Meldungen; Fundstellen, Einzeldatierungen und die Belastbarkeit jedes Fundes konnten wir nicht prüfen. Die Spanne von 11.500 bis 10.200 Jahren steht in einer Meldung zur Studie von Long und Kollegen, nicht in deren Kurzfassung. Die Angaben zu den japanischen Samen weichen in der Form voneinander ab: Ren und Kollegen nennen rund 10.000 Jahre vor heute, die Kurzfassung von McPartland und Kollegen nach unserer Lesart etwa 10.000 v. Chr. Welche Fundstelle gemeint ist, haben wir nicht in einer Originalpublikation geöffnet.
Offen ist auch der Widerspruch zwischen den Ansätzen: Long und Kollegen sehen frühe Nutzung in Europa und Ostasien gleichzeitig, McPartland und Hegman finden für das jungsteinzeitliche Europa keinen belastbaren Beleg, und die Genomstudie spricht für eine einzige Domestizierung in Ostasien. Nutzung wilder Pflanzen und Domestizierung sind dabei nicht dasselbe. Die Schweizer Meldung der SDA nennt im Vorspann Nordwestchina, in Überschrift und Text Ostasien; die Studie selbst legt keine engere Region fest.
Hinweis: Dieser Beitrag informiert über Geschichte, Kultur und Forschungsstand und ruft weder zum Konsum noch zum Erwerb von Cannabis auf. Stand: 15.10.2026.
Quellen
- Ren, G., Zhang, X., Li, Y., Ridout, K., Serrano-Serrano, M. L., Yang, Y., Liu, A., Ravikanth, G., Nawaz, M. A., Mumtaz, A. S., Salamin, N., Fumagalli, L. (2021): Large-scale whole-genome resequencing unravels the domestication history of Cannabis sativa. Science Advances 7(29), eabg2286 (Volltext, PubMed Central) (öffnet in neuem Tab)
- Alex Fox: New Study Suggests Cannabis' Wild Ancestors Likely Came from China (Smithsonian Magazine, 16.07.2021) (öffnet in neuem Tab)
- SDA: Botaniker finden heraus: Cannabis stammt wohl aus Ostasien (Blick, 16.07.2021) (öffnet in neuem Tab)
- McPartland, J. M., Hegman, W., Long, T. (2019): Cannabis in Asia: its center of origin and early cultivation, based on a synthesis of subfossil pollen and archaeobotanical studies. Vegetation History and Archaeobotany 28, 691–702 (Verlagsseite mit Kurzfassung) (öffnet in neuem Tab)
- Phys.org: Results of study suggest cannabis first evolved on the Tibetan Plateau (22.05.2019) (öffnet in neuem Tab)
- McPartland, J. M., Guy, G. W., Hegman, W. (2018): Cannabis is indigenous to Europe and cultivation began during the Copper or Bronze age: a probabilistic synthesis of fossil pollen studies. Vegetation History and Archaeobotany 27(4), 635–648 (Verlagsseite mit Kurzfassung) (öffnet in neuem Tab)
- McPartland, J. M., Hegman, W. (2018): Cannabis utilization and diffusion patterns in prehistoric Europe: a critical analysis of archaeological evidence. Vegetation History and Archaeobotany 27(4), 627–634 (Katalogeintrag mit Kurzfassung, AGRIS der FAO) (öffnet in neuem Tab)
- Long, T., Wagner, M., Demske, D., Leipe, C., Tarasov, P. E. (2017): Cannabis in Eurasia: origin of human use and Bronze Age trans-continental connections. Vegetation History and Archaeobotany 26(2), 245–258 (Verlagsseite mit Kurzfassung) (öffnet in neuem Tab)
- Freie Universität Berlin, Fachrichtung Paläontologie: Meldung zur Studie Cannabis in Eurasia (13.07.2016) (öffnet in neuem Tab)
- Archaeology Newsroom: Cannabis in Eurasia (Archaeology Wiki, 11.07.2016) (öffnet in neuem Tab)
- Ofosu-Brakoh, A. A., Bede-Fazekas, Á., Korponai, J. u. a. (2025): Late Holocene hemp (Cannabis sativa) retting in NE Hungary and the Holocene spread of hemp cultivation in eastern-central Europe. Vegetation History and Archaeobotany 34, 761–780 (öffnet in neuem Tab)