Hip-Hop und Cannabis: eine Geschichte mit Fußnoten

Cannabis kehrt im Hip-Hop immer wieder, nicht von Anfang an und nicht in einer einzigen Bedeutung. Ein Rundgang mit Belegen statt Playlist. Stand 30.09.2026.

Text: Redaktion · 12 Minuten · Stand

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Faktencheck läuft. Einzelne Angaben in diesem Beitrag prüfen wir gerade noch einmal an den Quellen.

Wer in der Geschichte des Hip-Hop nach Cannabis sucht, findet es oft, aber nicht überall und nicht in einer einzigen Rolle. Mal ist es Alltagsmotiv, mal Geschäftsidee, mal politisches Bekenntnis, mal Pose, mal Gegenstand der Warnung. Dieser Beitrag folgt dem Motiv durch fünf Jahrzehnte, soweit Quellen es tragen, die wir am 30. September 2026 geöffnet haben. Er ist kein Katalog von Songs und keine Playlist. Er zitiert keine Liedzeilen und nennt Titel, Jahr und Künstler nur dort, wo ein Beleg vorliegt und der Titel etwas erklärt. Wo eine Angabe nur auf einer einzigen Quelle beruht, sagen wir es im Text. Interviews haben wir nicht geführt, ein Fachgespräch steht aus.

Ein Motiv, viele Bedeutungen

Die Arbeitshypothese dieses Stücks lautete: Cannabis ist ein wiederkehrendes Motiv der Hip-Hop-Geschichte, und man kann das dokumentieren, ohne es zu bewerben. Die Recherche stützt den ersten Teil, aber mit einer Einschränkung, die den Text prägt. Das Motiv war nicht von Beginn an da. Es wurde im Lauf der frühen 1990er Jahre in den Charts deutlich sichtbar, und seither ändert es seine Bedeutung. Die Zahlen, die wir dazu gefunden haben, stammen überwiegend aus der Suchtforschung und der Gesundheitsforschung. Sie zählen Erwähnungen und Darstellungen. Was ein Motiv für Hörerinnen und Hörer bedeutet, zählen sie nicht.

Frühe Belege: eher spät als früh

Wer die Vorgeschichte sucht, landet bei anderen Genres. Eine 1989 erschienene Kompilation mit dem Titel „Reefer Songs“ versammelt nach der Beschreibung bei Wikipedia Jazzstücke über Drogen aus den 1920er, 1930er und 1940er Jahren, aufgenommen zwischen Juni 1932 und November 1945, darunter Titel über Marihuana, mit Namen wie Cab Calloway, Ella Fitzgerald und Benny Goodman.1 Wir haben die Kompilation nicht gehört, die Angaben beruhen allein auf dieser Beschreibung. Parallel entstand das Recht: Das Marijuana-Steuergesetz der USA von 1937 machte, so die Darstellung von EBSCO, Bundessteuern zum Mittel, um Gebrauch, Besitz und Verkauf von Cannabis zu kontrollieren. Harry Anslinger, der erste Direktor des Federal Bureau of Narcotics, habe dazu möglicherweise das Wort „marijuana“ übernommen, um Cannabis mit Mexikanern zu verbinden und so Vorurteile in der US-Bevölkerung zu bedienen; EBSCO formuliert an dieser Stelle ausdrücklich vorsichtig.2 Eine Linie von diesen Jazzstücken zum Hip-Hop ziehen die Quellen, die wir gelesen haben, nicht. Wir ziehen sie deshalb auch nicht.

Der Hip-Hop selbst hat einen datierbaren Anfang. Am 11. August 1973 organisierten die Geschwister Cindy Campbell und Clive Campbell, bekannt als DJ Kool Herc, eine „Back-to-School Jam“ im Gemeinschaftsraum der Sedgwick Avenue 1520 in der West-Bronx. Der Eintritt kostete 25 Cent für Frauen und 50 Cent für Männer; die Einnahmen von rund 300 Dollar sollten Cindy Campbells Schulgarderobe finanzieren.3 Die Smithsonian-Autorin beschreibt die Bronx jener Jahre als Stadtteil im Verfall, mit Verdrängung, Armut, Bandengewalt und Brandstiftung; Drogen erwähnt sie als eine Folge dieser Verhältnisse. Zur Party selbst sagt sie dazu nichts.

Eine Schallplatte, die dem Hip-Hop den Weg in den breiten Markt öffnete, erschien 1979: „Rapper’s Delight“ der Sugarhill Gang, produziert von Sylvia Robinson. Das Essay der Library of Congress, die die Aufnahme 2011 in ihr National Recording Registry aufnahm, nennt mehr als zwei Millionen verkaufte Exemplare in Kanada, Großbritannien und den USA, Platz vier der „Hot Singles Chart“ der USA im Dezember 1979 und Platz 36 der Billboard Hot 100.4 Cannabis kommt in diesem Essay ebenso wenig vor wie in dem des Smithsonian. Auch das ist ein Befund.

Die einzige systematische Zählung, die wir für diese Zeit gefunden haben, stammt von Denise Herd, damals an der School of Public Health der University of California in Berkeley. Sie wertete 341 der in den Charts führenden Rap-Songs der Jahre 1979 bis 1997 aus. Im Zeitraum 1979 bis 1984 enthielten nur 11 Prozent von 38 Titeln überhaupt Drogenbezüge, und diese beschrieben nach Herds Darstellung vor allem die zerstörerische Wirkung von Kokain.5 Auch Calvin John Smiley beschreibt die sogenannte Goldene Ära des Hip-Hop, etwa 1987 bis 1993, als Zeit, in der afrozentrische Gruppen Distanz zur Drogenkultur hielten.6 Das Cannabismotiv taucht in den frühen Jahren also, wenn überhaupt, am Rand auf. Belege für einzelne frühe Stücke haben wir nicht geöffnet und nennen deshalb keine.

Der Wandel im Lauf der Jahrzehnte

Herds Zahlen zeigen einen Sprung. In den frühen 1990er Jahren enthielten 45 Prozent der ausgewerteten Titel Drogenbezüge, in den Jahren 1994 bis 1997 waren es 69 Prozent von 125 Titeln. Die Erwähnungen von Marihuana hätten sich zwischen 1979 und 1997 verdreifacht; in den Songs sei es mit Kreativität, Reichtum und Status verbunden worden. Herd deutet das als Begleiterscheinung der Kommerzialisierung und äußerte die Sorge, wie sich langfristiges Hören auf junge Menschen auswirke, die Rapper als Vorbilder sähen.5 Das ist eine Deutung aus der Perspektive der Gesundheitsforschung. Sie gehört zum Bild, ebenso wie die Einschränkung, dass die Auswahl aus Chart-Titeln bestand und nichts über Alben abseits der Charts aussagt.

In diese Jahre fallen zwei Veröffentlichungen, die in den Quellen immer wieder auftauchen. Wir nennen sie, weil sie belegen, dass das Motiv den Mainstream erreicht hatte, nicht um eine Rangfolge zu bilden.

Die erste ist Cypress Hill aus South Gate in Kalifornien. Die Gruppe entstand nach Wikipedia 1988; Encyclopedia.com nennt für 1989 einen Plattenvertrag.78 Das Album „Black Sunday“ von 1993 stieg laut beiden Quellen direkt auf Platz eins der US-Albumcharts ein, mit mehr als 260.000 verkauften Exemplaren in der ersten Woche; diese Zahl nennt allein Encyclopedia.com.78 Dieselbe Quelle berichtet, die Mitglieder hätten sich früh für die Legalisierung ausgesprochen, Informationen dazu in den Beiheften abgedruckt und seien Sprecher einer amerikanischen Legalisierungsorganisation gewesen. Dazu liegt uns nur dieses Nachschlagewerk vor, das wir deshalb als Bericht behandeln. Über den Ursprung des Themas gibt das Mitglied B-Real dort an, es habe sich ergeben, als für ein Demo Textstoff gefehlt habe.8 Am 18. April 2019 erhielt die Gruppe einen Stern auf dem Hollywood Walk of Fame in der Kategorie „Recording“; die Betreiber sprechen von der ersten lateinamerikanischstämmigen Hip-Hop-Aufnahmegruppe, die so geehrt wird, NBC Los Angeles von der ersten mit einer Platin-Auszeichnung.9 Beide Formulierungen weichen leicht voneinander ab, wir geben sie deshalb nur als Bericht wieder.

Die zweite Veröffentlichung ist „The Chronic“ von Dr. Dre, erschienen Ende 1992. Das Library-of-Congress-Essay von Rashad Grove beschreibt den Klang als G-Funk, nennt Platz drei der Billboard 200 und Platz eins der R&B/Hip-Hop-Charts, mehr als drei Millionen verkaufte Exemplare und bringt das Album zeitlich und thematisch mit den Unruhen in Los Angeles nach dem Rodney-King-Urteil von 1992 in Verbindung; als Reaktion darauf beschreibt es das Album nicht ausdrücklich. Zur Bedeutung des Titels sagt das Essay nichts.10 Die Aufnahme ins National Recording Registry erfolgte 2020.11 Das Magazin NME schreibt in einer Rückschau vom 20. April 2020, der Titel spiele auf Cannabis an, das Album habe die Cannabiskultur aufgegriffen.12 Das ist die einzige Quelle für diese Titelbedeutung, die wir geöffnet haben. Das Erscheinungsdatum nennen die Quellen unterschiedlich: Das Essay verweist auf eine erste Single im November 1992, NME auf Dezember 1992.

Später wandelt sich die Rolle des Motivs. Smiley wertete für seine 2017 im Journal of Hip Hop Studies erschienene Arbeit 501 Songs aus, die zwischen April 2014 und April 2015 auf zwölf Hip-Hop-Websites Drogenkonsum erwähnten, und untersuchte davon 50 zufällig gewählte im Detail. Marihuana kam in 15 dieser 50 Titel vor; das Codein-Mischgetränk „Purple Drank“ in 34, Tabletten und MDMA in je 13, Kokain in 11. Smiley beschreibt den Übergang vom Drogenhandel zum Drogenkonsum als Thema und Cannabis dabei als älteres Muster neben neueren.6 Eine Auswertung von 769 Videos zu 1.250 Songs aus den Top 50 der Billboard-Liste „Hot R&B/Hip Hop Songs“ der Jahre 2013 bis 2017, die die Universität Dartmouth in Zusammenarbeit mit der Johns Hopkins University veröffentlichte, fand Tabak- und Marihuana-Produkte zusammen in 40 bis 50 Prozent der Videos.13 Marijuana Moment berichtete im Januar 2026 über eine Studie des Instituts für Therapie- und Gesundheitsforschung, die vom Justiz- und Gesundheitsministerium des Landes Schleswig-Holstein gefördert wurde: Unter den Videos der YouTube-Top-100 des Jahres 2024 zeigten oder erwähnten 37 Prozent der US-Hip-Hop- und Rap-Videos Cannabis, in anderen US-Genres seien es 2 Prozent gewesen.14 Wir kennen die Studie nur aus diesem Bericht, den Originalaufsatz konnten wir nicht öffnen.

Alle diese Untersuchungen zählen Darstellungen, keine Wirkungen. Mehrere stammen aus der Gesundheitsforschung und fragen danach, wie viel Substanz in Popkultur vorkommt, nicht danach, wie sie darin vorkommt. Wer aus 37 Prozent eine Aussage über Hörgewohnheiten oder Konsumverhalten ableiten will, überschreitet, was die Zahl trägt.

Deutschland und DACH

In Deutschland kommt der Hip-Hop in den 1980er Jahren an. Medienradar, das Portal der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen, nennt als Weg US-amerikanische Soldaten, die ihn mitbrachten, zunächst als Untergrundkultur aus Sprayern, Breakdancern und DJs.15 Für die 1990er Jahre gilt Die Fantastischen Vier aus Stuttgart als Gruppe, die deutschsprachigen Rap populär machte; mit ihrem Erfolg 1992 kam der Vorwurf der Kommerzialisierung auf. Der Jugendkulturforscher Klaus Farin beschrieb 2010 für die Bundeszentrale für politische Bildung, wie die Musikindustrie eine „Rap light“ genannte Variante formte und wie in den 1990er Jahren deutschstämmige Künstler aus der Mittelschicht in der Szene dominierten. Zur Rolle von Drogen notiert er einen Wandel: Die ursprüngliche Grundidee des Hip-Hop habe sich gegen Gewalt und harte Drogen gerichtet, seit den 1990er Jahren sei ein „Gewalt- und Drogenkult“ hinzugekommen.16

Ein datierbarer Beleg für das Cannabismotiv im deutschsprachigen Rap ist das Album „Deluxe Soundsystem“ der Hamburger Gruppe Dynamite Deluxe. Es erschien am 26. März 2000 und stieg auf Platz vier der deutschen Albumcharts ein; am 2. Oktober 2000 folgte die Single „Grüne Brille“.17 Das Magazin Musikexpress führt das Stück, ungefähr auf das Jahr 2000 datiert, in einer Übersicht deutschsprachiger Lieder über Cannabis, die es am 23. Februar 2024 anlässlich des Bundestagsbeschlusses zur Legalisierung veröffentlichte.18 Wir zitieren daraus nichts und geben nur die Einordnung der Redaktion wieder. Dieselbe Zeitschrift schrieb 2021, Drogen im Deutschrap erschienen in einer Bandbreite von Glorifizierung bis zu klarer Ablehnung; einzelne Künstler hätten ihre Haltung mit den Jahren geändert.19

Die neuere Forschung zeichnet ein uneinheitliches Bild. Eine Arbeitsgruppe der Medizinischen Hochschule Hannover wertete nach einem Bericht der Pharmazeutischen Zeitung vom 24. September 2026 sieben Studioalben eines einzelnen Rappers mit zusammen 121 Songs aus und ordnete jede Drogenerwähnung einer Substanzklasse zu. Kokain kam danach in 82,6 Prozent der Songs vor, Cannabis in 52,9 Prozent, Alkohol in 38 Prozent. Für Cannabis fanden die Forschenden 33 verschiedene Slangbegriffe.20 Das ist ein Einzelfall und kein Bild der Szene. Es zeigt aber, dass Cannabis selbst dort, wo es häufig vorkommt, nicht das einzige Thema ist. Eine im Fachjournal Pneumologie 2025 erschienene Analyse aller 600 deutschsprachigen Musikvideos, die 2023 in den YouTube-Top-100-Charts geführt wurden, fand in 54,7 Prozent mindestens eine Darstellung oder Erwähnung von Cannabis oder Tabak; im Genre „German Rap“ lag der Anteil bei 67,0 Prozent, in den übrigen Genres bei 20,6 Prozent.21

Für Österreich und die Schweiz ist die Quellenlage zum Cannabismotiv dünn. Zur Geschichte des Hip-Hop selbst gibt es Belege. Für die Schweiz nennt der Schweizer Rundfunk SRF das Jahr 1991 als Beginn des Mundart-Raps, als Black Tiger einen ersten Titel auf Baseldeutsch aufnahm; 1995 folgte mit E.K.R. das erste Album in Mundart. Als frühe Themen nennt SRF Graffiti und das Leben auf der Straße, später persönliche Erzählungen.2223 Für Österreich gliedert der Musikwissenschaftler Frederik Dörfler-Trummer in seiner 2021 erschienenen Dissertation die Geschichte des Hip-Hop in vier Phasen, von der ersten Aneignung ab 1981 bis zur Professionalisierung seit 2005; der Standard verweist auf Falco, der 1981 erstmals auf die neue Musik aus New York aufmerksam machte.2425 Die Luzerner Zeitung hält zum Mundart-Rap in einem Nebensatz fest, dass gerade in den ersten Jahren „über den Konsum von Haschisch berichtet wurde“, ernste Themen hätten aber stets ihren Platz gehabt; mehr gibt der Text dazu nicht her. In den anderen drei Quellen finden wir keine Aussagen zu Cannabis. Wir behaupten deshalb weder, dass es dort ein Motiv gab, noch, dass es keines gab.

Was das Motiv verdeckt: Politik, Recht, Klischee

Wer über Cannabis im Hip-Hop schreibt, schreibt auch über Strafrecht. In den USA trat 1973 im Bundesstaat New York das Gesetzespaket in Kraft, das nach dem damaligen Gouverneur Rockefeller benannt ist. Es sah laut Time Pflichtmindeststrafen von 15 Jahren bis lebenslang schon für den Besitz von vier Unzen Narkotika vor. Der Anteil der Drogendelikte an der Gefängnisbevölkerung von New York stieg demnach von 11 Prozent 1973 auf 35 Prozent 1994. Time zitiert den damaligen Gouverneur Paterson mit der Angabe, 92 Prozent der wegen Drogendelikten Inhaftierten seien Schwarze und Latinos gewesen, bei einem Bevölkerungsanteil von 32 Prozent. Eine Reform von 2009 beseitigte Pflichtmindeststrafen für einen Teil der Drogendelikte und öffnete für weniger schwere Fälle den Weg in eine Behandlung.2627 Zu Cannabis nennt Time nur, dass die Strafen für Marihuanabesitz 1979 gesenkt wurden; die zweite Quelle sagt dazu nichts. Weitere Einzelheiten lassen wir weg.

Die Ungleichheit der Strafverfolgung endete nicht mit den 1990er Jahren. Die Bürgerrechtsorganisation ACLU wertete Daten der Jahre 2010 bis 2018 aus: In diesem Zeitraum gab es in den USA mehr als 6,1 Millionen Festnahmen wegen Marihuana, im Jahr 2018 rund 693.000, davon fast 90 Prozent wegen Besitzes. Schwarze Menschen wurden 3,64-mal so häufig festgenommen wie Weiße, obwohl der Konsum nach den Bundesdaten, auf die sich die ACLU stützt, etwa gleich verbreitet sei.28 Ob und wie sich Rapperinnen und Rapper darauf beziehen, haben wir nicht untersucht, und die Quellen, die wir gelesen haben, stellen diese Verbindung nicht her. Sie ist Kontext, kein Nachweis. Er erinnert aber daran, dass in einer Kultur, deren Publikum von dieser Praxis stärker betroffen war, ein Thema kaum nur Geschmackssache sein kann.

In Deutschland hat sich die Rechtslage in diesem Zeitraum stark verändert. Das Bundesverfassungsgericht entschied am 9. März 1994, dass die Strafvorschriften des Betäubungsmittelgesetzes für Cannabis grundsätzlich verfassungsgemäß sind, dass es kein Grundrecht auf Berauschung gibt und dass die Ungleichbehandlung von Cannabis und Alkohol nicht gegen den Gleichheitssatz verstößt. Zugleich sollten die Strafverfolgungsbehörden bei gelegentlichem Eigenverbrauch geringer Mengen ohne Fremdgefährdung grundsätzlich von der Verfolgung absehen.29 Mit dem Konsumcannabisgesetz gilt seit dem 1. April 2024 ein neuer Rahmen; die Anbauvereinigungen wurden nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums ab dem 1. Juli 2024 möglich.3018 Was heute gilt, lesen Sie im Beitrag Was in Deutschland gilt.

Für die Kulturberichterstattung enthält das Gesetz eine Grenze, die dieser Text beachtet. Paragraf 6 lautet: „Werbung und jede Form des Sponsorings für Cannabis und für Anbauvereinigungen sind verboten.“31 Werbung definiert Paragraf 1 Nummer 14 als jede Art von kommerzieller Kommunikation mit dem Ziel, der Wirkung oder der wahrscheinlichen Wirkung, den Konsum oder die Weitergabe von Cannabis unmittelbar oder mittelbar zu fördern.32 Ein Beitrag über Musikgeschichte ist keine solche Kommunikation, solange er beschreibt und nicht empfiehlt. Deshalb steht hier keine Titelliste zum Anhören, kein Hinweis auf Bezugsquellen und keine Empfehlung.

Bleibt das Klischee. Es hat zwei Seiten. Die eine reduziert eine Kultur auf eine Substanz. Die Zahlen dieses Beitrags widersprechen dem: In Smileys Stichprobe von 2014 und 2015 kam Cannabis in 15 von 50 Titeln vor, das Codein-Mischgetränk in 34, und in der Hannoveraner Auswertung steht es nach Kokain an zweiter Stelle. Die andere Seite verklärt das Motiv zur Rebellion. Auch sie hält den Quellen nicht stand, die es je nach Zeit als Warnung, Geschäft, Selbstbeschreibung oder Protest ausweisen. Zur Frage, wie Künstlerinnen und Künstler heute mit dem Thema umgehen, finden Sie eine Auswahl im Beitrag Künstler, die Cannabis nicht verstecken; die längere Geschichte der Pflanze erzählt Eine kurze Geschichte des Hanfs.

Was wir nicht wissen

Einiges bleibt offen. Wir haben keine Interviews geführt und kein Fachgespräch mit einer Musikwissenschaftlerin oder einem Musikjournalisten. Eine Monografie, die Cannabis im Hip-Hop eigens untersucht, haben wir nicht gefunden; die geöffneten Werke zu Österreich und zur Schweiz sagen zum Thema nichts oder, wie die Luzerner Zeitung, nur einen Nebensatz. Mehrere Zahlen stammen aus Berichten über Studien, nicht aus den Studien selbst. Die Angaben zu Cypress Hill beruhen auf zwei Nachschlagewerken, die nicht in allen Punkten übereinstimmen. Und alle Zählungen erfassen Darstellungen, keine Absichten und keine Wirkungen.

Fußnoten

Hinweis: Dieser Beitrag beschreibt ein Motiv der Musikgeschichte. Er ruft weder zum Konsum noch zum Erwerb von Cannabis auf und empfiehlt keine Titel, Künstler oder Anbieter. Stand: 30. September 2026. Keine Rechtsberatung.

Footnotes

  1. Wikipedia, „Reefer Songs“, Kompilation von 1989 (Stash/Mojo), Aufnahmen von Juni 1932 bis November 1945. https://en.wikipedia.org/wiki/Reefer_Songs. Einzige Quelle; die Kompilation wurde nicht gehört. ↩

  2. EBSCO Research Starters, „Marijuana Tax Act of 1937“. https://www.ebsco.com/research-starters/law/marijuana-tax-act-1937 ↩

  3. Briana A. Thomas, „How Hip-Hop Was Born 50 Years Ago at a Block Party in the Bronx“, Smithsonian Magazine, 10.08.2022, aktualisiert 11.08.2023. https://www.smithsonianmag.com/smithsonian-institution/how-the-block-party-became-an-urban-phenomenon-180980560/ ↩

  4. Eric Reese, „Rapper’s Delight, Sugarhill Gang (1979)“, Library of Congress, National Recording Registry, aufgenommen 2011. https://www.loc.gov/static/programs/national-recording-preservation-board/documents/RappersDelight.pdf ↩

  5. Bericht zur Studie von Denise Herd (UC Berkeley), „Changes in drug use prevalence in rap music songs, 1979–1997“, ScienceDaily, 01.04.2008. https://www.sciencedaily.com/releases/2008/04/080401095221.htm. Wir kennen die Studie nur aus diesem Bericht. ↩ ↩2

  6. Calvin John Smiley, „Addict Rap? The Shift from Drug Distributor to Drug Consumer in Hip Hop“, Journal of Hip Hop Studies 4 (1), 2017. https://scholarscompass.vcu.edu/cgi/viewcontent.cgi?article=1062&context=jhhs ↩ ↩2

  7. Wikipedia, „Cypress Hill“ (Gründung 1988, Chartplatzierungen). https://en.wikipedia.org/wiki/Cypress_Hill ↩ ↩2

  8. Encyclopedia.com, „Cypress Hill“, Contemporary Musicians. https://www.encyclopedia.com/education/news-wires-white-papers-and-books/cypress-hil ↩ ↩2 ↩3

  9. Hollywood Walk of Fame, „Cypress Hill“ (Kategorie Recording, Zeremonie 18.04.2019), https://walkoffame.com/cypress-h/; NBC Los Angeles, https://www.nbclosangeles.com/news/cypress-hill-hollywood-walk-of-fame-star-ceremony/81907/ ↩

  10. Rashad Grove, „The Chronic, Dr. Dre (1992)“, Library of Congress, National Recording Registry. https://www.loc.gov/static/programs/national-recording-preservation-board/documents/the-chronic.pdf ↩

  11. Rolling Stone, „Dr. Dre’s The Chronic, Cheap Trick at Budokan among Library of Congress inductees“, 2020. https://www.rollingstone.com/music/music-news/dr-drs-the-chronic-cheap-trick-at-budokan-among-dusty-in-memphis-library-of-congress-inductees-972810/ ↩

  12. Will Lavin, „Dr. Dre’s The Chronic: a 4/20 deep dive“, NME, 20.04.2020. https://www.nme.com/features/music-interviews/dr-dre-the-chronic-4-20-deep-dive-hip-hop-game-changer-classic-snoop-dogg-2649617 ↩

  13. Dartmouth Institute, Bericht zur Studie von Knutzen und Soneji (JAMA Internal Medicine). https://healthsciences.dartmouth.edu/news-events/new-research-use-tobacco-and-marijuana-products-regularly-featured-hip-hop-music-videos ↩

  14. Marijuana Moment, Bericht über eine Studie in Substance Use & Misuse (YouTube-Videos 2024). https://www.marijuanamoment.net/more-than-a-third-of-rap-and-hip-hop-music-videos-feature-marijuana-government-funded-study-shows. Originalaufsatz nicht geöffnet. ↩

  15. Christian Kitter und Markus Sator, „Deutscher Rap: von den Ursprüngen bis heute“, Medienradar (FSF), Juni 2020. https://www.medienradar.de/hintergrundwissen/artikel/deutscher-rap-von-den-urspruengen-bis-heute ↩

  16. Klaus Farin, „Rap light“, Bundeszentrale für politische Bildung, 2010. https://www.bpb.de/geschichte/zeitgeschichte/jugendkulturen-in-deutschland/36300/rap-light ↩

  17. Wikipedia (deutsch), „Deluxe Soundsystem“ (Veröffentlichung, Charts, Singles). https://de.wikipedia.org/wiki/Deluxe_Soundsystem ↩

  18. Musikexpress, „Cannabis wird legal: 10 deutsche Songs über Marihuana“, 2024. https://www.musikexpress.de/cannabis-wird-legal-10-deutsche-songs-ueber-marihuana-2544793/ ↩ ↩2

  19. Musikexpress, „So finden Drogen im Deutschrap statt“, 30.01.2021. https://www.musikexpress.de/so-finden-drogen-im-deutschrap-statt-1822679/ ↩

  20. Jennifer Evans, „Drogen-Slang im Deutsch-Rap ist vielfältig“, Pharmazeutische Zeitung, 24.09.2026, zur Studie von Carina Spark und Kolleginnen und Kollegen, Medizinische Hochschule Hannover. https://www.pharmazeutische-zeitung.de/drogen-slang-im-deutsch-rap-ist-vielfaeltig-168612/. Studie nicht selbst geöffnet. ↩

  21. „Cannabis and nicotine in German music videos“, Pneumologie 2025;79(6):421–426, Kurzfassung bei PubMed. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/39672191/ ↩

  22. Reena Thelly, „30 Jahre Mundart-Rap“, SRF, 14.02.2021. https://www.srf.ch/kultur/musik/wochenende-musik/30-jahre-mundart-rap-wie-mundart-rap-vom-untergrund-in-die-charts-aufstieg ↩

  23. Luzerner Zeitung, „Schweizerdeutsch statt Englisch: wie der Rap 1991 Mundart lernte“. https://www.luzernerzeitung.ch/kultur/trendsetter-1991-veroeffentlichte-black-tiger-den-ersten-rapsong-in-mundart-und-startete-so-eine-erfolgsgeschichte-ld.2168490 ↩

  24. Frederik Dörfler-Trummer, „HipHop aus Österreich: Lokale Aspekte einer globalen Kultur“, transcript Verlag, Bielefeld 2021 (Open Access). https://library.oapen.org/bitstream/id/5966b897-ca77-4c62-9168-bd6c82b60899/PUB_693_D%C3%B6rfler_HipHop_aus_%C3%96sterreich.pdf ↩

  25. „Falco, EAV und Co: Die Anfänge des Austro-Rap“, Der Standard, 13.04.2021. https://www.derstandard.at/story/2000125782760/falco-eav-und-co-die-anfaenge-des-austro-rap ↩

  26. „New York’s Rockefeller Drug Laws“, Time. https://time.com/archive/6914297/new-yorks-rockefeller-drug-laws/ ↩

  27. Vera Institute of Justice, zu den Reformen der Rockefeller-Gesetze. https://www.vera.org/newsroom/vera-institute-of-justice-study-examines-the-impact-of-the-rockefeller-drug-law-reforms-in-new-york-city ↩

  28. ACLU, „A Tale of Two Countries: Racially Targeted Arrests in the Era of Marijuana Reform“, 2020 (Daten 2010 bis 2018). https://www.aclu.org/news/criminal-law-reform/a-tale-of-two-countries-racially-targeted-arrests-in-the-era-of-marijuana-reform ↩

  29. Bundesverfassungsgericht, Beschluss vom 9. März 1994, 2 BvL 43/92 u. a. https://www.bundesverfassungsgericht.de/SharedDocs/Entscheidungen/DE/1994/03/ls19940309_2bvl004392.html ↩

  30. Bundesgesundheitsministerium, Fragen und Antworten zum Cannabisgesetz. https://www.bundesgesundheitsministerium.de/themen/cannabis/faq-cannabisgesetz.html ↩

  31. Konsumcannabisgesetz, § 6 (Werbung und Sponsoring), Wortlaut nach lxgesetze.de. https://www.lxgesetze.de/kcang/6 ↩

  32. Konsumcannabisgesetz, § 1 Nr. 14 (Werbung). https://www.gesetze-im-internet.de/kcang/__1.html ↩

Quellen

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  2. Library of Congress, National Recording Registry: "Rapper's Delight" (Essay von Eric Reese) (öffnet in neuem Tab)loc.gov · abgerufen am
  3. Library of Congress, National Recording Registry: "The Chronic" (Essay von Rashad Grove) (öffnet in neuem Tab)loc.gov · abgerufen am
  4. Rolling Stone: Dr. Dre's The Chronic, Cheap Trick at Budokan among Library of Congress inductees (2020) (öffnet in neuem Tab)rollingstone.com · abgerufen am
  5. NME: Dr. Dre's The Chronic, a 4/20 deep dive (Will Lavin, 20.04.2020) (öffnet in neuem Tab)nme.com · abgerufen am
  6. ScienceDaily: Glamorization of drugs in rap music jumped dramatically over two decades (Bericht zur Studie von Denise Herd, UC Berkeley, 2008) (öffnet in neuem Tab)sciencedaily.com · abgerufen am
  7. Calvin John Smiley: Addict Rap? The Shift from Drug Distributor to Drug Consumer in Hip Hop (Journal of Hip Hop Studies, 2017) (öffnet in neuem Tab)scholarscompass.vcu.edu · abgerufen am
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  33. KCanG § 6 Werbung und Sponsoring (lxgesetze.de, Spiegel des Gesetzestexts) (öffnet in neuem Tab)lxgesetze.de · abgerufen am

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