Altar von Tel Arad: Hanf im alten Israel

Am kleineren Altar von Tel Arad wies eine Studie 2020 Cannabisreste nach, am größeren Weihrauch. Warum „kaneh bosm“ als Cannabis trotzdem eine These bleibt.

Text: Redaktion · 7 Minuten · Stand

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Laut einer 2020 in der Zeitschrift Tel Aviv erschienenen Studie lagen auf dem kleineren von zwei Kalksteinaltären aus dem Heiligtum von Tel Arad im Süden Israels Reste von Cannabis, vermischt mit Tierdung; auf dem größeren fanden sich Weihrauch und Tierfett. Das Team um Eran Arie vom Israel Museum datiert die Nutzung des Heiligtums auf etwa 760 bis 715 v. Chr. Mit dem biblischen Ausdruck „kaneh bosm“ hat der Fund nichts Unmittelbares zu tun: Dass dieses „Würzrohr“ aus dem Salböl in Exodus 30 Cannabis gewesen sei, ist eine These der Anthropologin Sula Benet, die die meisten Lexika und Pflanzenbücher nicht teilen.

Was ist Tel Arad?

Tel Arad ist ein Siedlungshügel im Beerscheba-Tal, der in der Eisenzeit eine Festung an der Südgrenze des Königreichs Juda trug. Nach der Pressemitteilung des Verlags Taylor & Francis liegen dort zwei übereinander gebaute Festungen aus dem 9. bis frühen 6. Jahrhundert v. Chr.; ausgegraben wurden sie unter Yohanan Aharoni von der Universität Tel Aviv, das Heiligtum nach dem Madain Project 1962.

Das Heiligtum hat nach derselben Übersicht einen Hof mit Altar und eine kleine, über Stufen erreichbare Kammer, das „Allerheiligste“; an ihrem Eingang lagen die beiden Altäre. Das Madain Project setzt die Nutzung früher an, vom 9. bis zum Ende des 8. Jahrhunderts v. Chr.; die Berichte zur Studie nennen 760 bis 715 v. Chr. (Science News) beziehungsweise rund 750 bis 715 v. Chr. (Pressemitteilung).

Was wurde an den Altären gefunden?

Auf beiden Altären lag eine schwarze, verfestigte Masse. Nach der Pressemitteilung ist der kleinere Altar rund 40 Zentimeter hoch, mit einer Oberfläche von etwa 20 mal 20 Zentimetern; der größere misst rund 50 Zentimeter, oben etwa 30 mal 30. Chemische Untersuchungen Ende der 1960er Jahre hatten nach Science News kein Ergebnis gebracht.

Nach der Kurzfassung der Studie fanden sich auf dem kleineren Altar die Cannabinoide THC, CBD und CBN, also für die Hanfpflanze typische Inhaltsstoffe, sowie verschiedene Terpene, dazu Spuren von Tierdung. Terpene sind Duftstoffe vieler Pflanzen; mehr dazu in Terpene erklärt. Auf dem größeren Altar lagen Triterpene, die für Weihrauch kennzeichnend sind, darunter Boswelliasäure, zusammen mit Verbindungen aus tierischem Fett. Zwei Labore arbeiteten unabhängig voneinander, laut Associated Press an der Hebräischen Universität und am Technion. Mitautorin ist Dvory Namdar vom Volcani-Zentrum für Agrarforschung. Die Beimischungen deuten die Autoren technisch: Der Dung habe ein langsames Erhitzen erlaubt, das Fett das Verdampfen des Weihrauchs begünstigt.

Wie deuten die Forschenden den Fund?

Die Autoren halten den Cannabis für bewusst eingesetzt und nicht für ein Räuchermittel wegen des Geruchs. Nach der Jewish Telegraphic Agency schreiben sie, der Geruch von Cannabis sei nicht ansprechend und rechtfertige nicht, die Blütenstände von weit her zu holen (unsere Übersetzung). In der Pressemitteilung heißt es, der Stoff sei vermutlich gezielt verwendet worden, um im Kult Ekstase hervorzurufen. Das ist eine Deutung der Forschenden, kein Messergebnis: Die Chemie zeigt, was verbrannt wurde, nicht, was die Menschen im Raum erlebten oder beabsichtigten.

Arie, am Israel Museum Kurator für die Archäologie der Eisenzeit, hält laut Associated Press Ähnliches auch im gleichzeitigen Tempel in Jerusalem für möglich; einen Befund gibt es dort nicht.

Herkunft und Weg der Pflanze sind offen. Arie vermutet nach Science News einen Anbau weit entfernt, im heutigen China oder im Südosten Russlands. Der nicht beteiligte Archäobotaniker Robert Spengler vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena hält dort eine Verbreitung des Wissens über die Pflanze entlang früher Handelswege der Seidenstraße für wahrscheinlich; wie sie in den Nahen Osten kam, sei unklar. Ähnliche Rückstände in rund 2.500 Jahre alten Holzbecken aus dem Pamir beschreibt unser Beitrag Herodot, die Skythen und der Hanf.

Was verrät der Weihrauch auf dem zweiten Altar?

Der Weihrauch zeigt nach der Pressemitteilung, dass Juda schon vor der assyrischen Vorherrschaft am südarabischen Handel teilhatte. Das Harz stammt von Bäumen der Gattung Boswellia. Nach Angaben der Autoren gab es zuvor keinen älteren Beleg für Weihrauch in einem eindeutig kultischen Zusammenhang. An derselben Schwelle wurden also zwei verschiedene Stoffe getrennt verbrannt.

Was bedeutet „kaneh bosm“?

„Kaneh bosm“ heißt wörtlich „Würzrohr“ oder „duftendes Rohr“ und bezeichnet einen Bestandteil des heiligen Salböls in Exodus 30,23. Die Interlinearfassung bei Bible Hub zerlegt den Ausdruck in qaneh, Rohr oder Halm, und bosem, Duft oder Gewürz; verlangt werden 250 Schekel davon, neben Myrrhe und Zimt; im folgenden Vers kommen Kassia und Olivenöl hinzu (Exodus 30,24). Die King James Bible und die jüdische Übersetzung von 1917 schreiben „sweet calamus“, neuere englische Übersetzungen „fragrant cane“; die Septuaginta, die antike griechische Übersetzung der Hebräischen Bibel, wird mit „wohlriechender Kalmus“ wiedergegeben. Der Ausdruck erscheint in ähnlicher Form auch im Hohelied 4,14.

Welche Pflanze gemeint war, ist seit Langem unklar. Nach der Übersicht der Wikipedia deuten die Septuaginta und mittelalterliche jüdische Gelehrte wie Saadia Gaon den Ausdruck als Kalmus (Acorus calamus), Maimonides als ein duftendes Gras. Der israelische Botaniker Michael Zohary hielt es nach einem Beitrag des Bibelgartens von Temple Sinai für aussichtslos, über die genaue Art zu spekulieren, und nannte Arten der Gattung Cymbopogon, etwa das Ingwergras.

Ist „kaneh bosm“ Cannabis?

Dass „kaneh bosm“ Cannabis sei, ist eine These, die sich nicht durchgesetzt hat. Sie geht auf die polnische Anthropologin Sula Benet zurück, die 1903 in Warschau geboren wurde und 1982 in New York starb. Benet vertrat sie nach der Wikipedia zuerst 1936 in Warschau; ihr Text erschien 1967 auf Englisch in dem Sammelband „The Book of Grass“. Ausführlicher legte sie die Idee in „Early Diffusion and Folk Uses of Hemp“ dar, erschienen 1975 in dem von Vera Rubin herausgegebenen Band „Cannabis and Culture“.

Benet stützte sich vor allem auf den Klang: Sie sah eine Ähnlichkeit zwischen dem hebräischen kaneh bosm und dem skythisch-griechischen kannabis und hielt die Wiedergabe als Kalmus für einen Übersetzungsfehler der Septuaginta.

Gegen die These stehen die Übersetzungstradition und die Pflanzenkunde. Nach der Wikipedia ordnen Pflanzenbücher von Michael Zohary, Hans Arne Jensen und James A. Duke den Ausdruck Kalmus oder einem Duftgras zu, nicht dem Hanf. Die Wikipedia zur Wortgeschichte hält fest, Benets Herleitung sei nie breit akzeptiert worden; für das Wort kannabis werden andere Wege diskutiert, etwa über iranische oder indoeuropäische Sprachen.

Auch Arad entscheidet die Frage nicht. In den Kurzfassungen und Berichten, die wir geöffnet haben, verbinden die Autoren ihren Fund nicht mit kaneh bosm. Der Altar zeigt, dass in einem judäischen Heiligtum Cannabis verbrannt wurde; über das biblische Salböl sagt er nichts. Wie sich die Pflanze über Asien und Europa verbreitete, erzählt Eine kurze Geschichte des Hanfs.

Wo stehen die Altäre heute?

Die Altäre gehören zur Sammlung der Israelischen Altertumsbehörde und befinden sich im Israel Museum in Jerusalem, wo das Heiligtum nach Popular Archaeology nachgebaut und nach Archaeology ausgestellt ist. Weitere Häuser mit kulturgeschichtlichen Beständen finden Sie unter Sammlungen und Ausstellungen.

Häufige Fragen

Was wurde am Altar von Tel Arad gefunden?

Am kleineren der beiden Kalksteinaltäre von Tel Arad fanden Forschende die Cannabinoide THC, CBD und CBN sowie Terpene, vermischt mit Tierdung. Am größeren Altar lagen Reste von Weihrauch und Tierfett. Die Studie von Eran Arie, Baruch Rosen und Dvory Namdar erschien 2020 in der Zeitschrift Tel Aviv.

Ist kaneh bosm in der Bibel Cannabis?

Dass kaneh bosm Cannabis sei, ist eine These der Anthropologin Sula Benet, zuerst 1936 vertreten und 1967 auf Englisch erschienen. Die meisten Lexika und Pflanzenbücher deuten den Ausdruck als Kalmus oder duftendes Gras. Der Fund von Tel Arad betrifft diese Frage nicht unmittelbar.

Wo kann man den Altar von Arad sehen?

Die Altäre von Tel Arad befinden sich im Israel Museum in Jerusalem, wo das Heiligtum von Arad nachgebaut wurde. Ob beide Altäre derzeit ausgestellt sind, hat die Redaktion nicht beim Museum geprüft.

Was wir nicht wissen

Den Volltext der Studie bei Taylor & Francis konnten wir am 15. Oktober 2026 nicht öffnen; die Angaben folgen der Kurzfassung, der Pressemitteilung und Presseberichten. Die Website des Israel Museum haben wir nicht geöffnet; ob und wo die Altäre aktuell gezeigt werden, wissen wir nicht. Wann genau die Proben analysiert wurden, nennen die Quellen nicht; 2020 ist das Jahr der Veröffentlichung. Benets Texte von 1936, 1967 und 1975 sowie die Pflanzenbücher von Zohary, Jensen und Duke kennen wir nur aus zweiter Hand; das Erscheinungsjahr von Zoharys Pflanzenbuch wird in den Quellen unterschiedlich angegeben (1983 und 1985). Woher der Cannabis von Arad stammte und wie er nach Juda kam, ist ungeklärt; ebenso, ob die Deutung als Mittel der Ekstase zutrifft.

Hinweis: Dieser Beitrag informiert über Geschichte, Kultur und Forschungsstand und ruft weder zum Konsum noch zum Erwerb von Cannabis auf. Stand: 15.10.2026.

Quellen

  1. Eran Arie, Baruch Rosen, Dvory Namdar: Cannabis and Frankincense at the Judahite Shrine of Arad. Tel Aviv 47(1), 2020, S. 5–28, doi:10.1080/03344355.2020.1732046 (Eintrag mit Kurzfassung, Forschungsportal der Universität Haifa) (öffnet in neuem Tab)cris.haifa.ac.il · abgerufen am
  2. Taylor & Francis Newsroom: New research reveals Cannabis and Frankincense at the Judahite Shrine of Biblical Arad (Pressemitteilung, 29.05.2020) (öffnet in neuem Tab)newsroom.taylorandfrancisgroup.com · abgerufen am
  3. Popular Archaeology: New research reveals Cannabis and Frankincense at the Judahite Shrine of Biblical Arad (28.05.2020) (öffnet in neuem Tab)popular-archaeology.com · abgerufen am
  4. Bruce Bower: A biblical-era Israeli shrine shows signs of the earliest ritual use of marijuana (Science News, 28.05.2020) (öffnet in neuem Tab)sciencenews.org · abgerufen am
  5. Jessica Esther Saraceni: Cannabis Detected on 2,700-Year-Old Altar in Israel (Archaeology, 29.05.2020) (öffnet in neuem Tab)archaeology.org · abgerufen am
  6. Marcy Oster: Cannabis residue discovered on ancient Israelite altar (Jewish Telegraphic Agency, 01.06.2020) (öffnet in neuem Tab)jta.org · abgerufen am
  7. Associated Press: Scientists dig up cannabis traces in ancient Israelite temple (Ynetnews, 01.06.2020) (öffnet in neuem Tab)ynetnews.com · abgerufen am
  8. Religion Unplugged: Archaeologists Find Cannabis Residue At Ancient Jewish Temple (09.06.2020) (öffnet in neuem Tab)religionunplugged.com · abgerufen am
  9. Madain Project: Tel Arad Temple (Übersicht zu Grabung und Grundriss) (öffnet in neuem Tab)madainproject.com · abgerufen am
  10. Exodus 30:23 in Übersetzungsvergleich und Interlinearfassung (Bible Hub) (öffnet in neuem Tab)mail.biblehub.com · abgerufen am
  11. Kaneh bosm (Wikipedia, englisch; ergänzend) (öffnet in neuem Tab)en.wikipedia.org · abgerufen am
  12. Etymology of cannabis (Wikipedia, englisch; ergänzend) (öffnet in neuem Tab)en.wikipedia.org · abgerufen am
  13. Sula Benet (Wikipedia, englisch; ergänzend) (öffnet in neuem Tab)en.wikipedia.org · abgerufen am
  14. WorldCat: Vera Rubin (Hrsg.), Cannabis and Culture, Mouton, Den Haag 1975 (Katalogeintrag) (öffnet in neuem Tab)search.worldcat.org · abgerufen am
  15. Temple Sinai Biblical Garden: The Mystery Ingredient (Beitrag zu Kalmus und Ingwergras im Salböl, mit Zohary-Zitat) (öffnet in neuem Tab)templesinairi.org · abgerufen am

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