Jazz und Cannabis in den 1930er Jahren

Jazz und Cannabis in den 1930er Jahren: Liedtitel, Louis Armstrongs Festnahme 1930 und eine Drogenbehörde, die Jazz mit rassistischen Klischees verknüpfte.

Text: Redaktion · 7 Minuten · Stand

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Faktencheck läuft. Einzelne Angaben in diesem Beitrag prüfen wir gerade noch einmal an den Quellen.

Cannabis war im Jazz der 1930er Jahre Liedthema und Strafsache zugleich: Laut Thomas Brothers, Autor eines Buches über Armstrong, wurde Louis Armstrong am 13. November 1930 in Kalifornien wegen Cannabisbesitzes festgenommen, und Aufnahmen wie „Muggles“ (1928) oder „Reefer Man“ (1932) trugen die Droge im Titel. Laut ABA Journal, der Zeitschrift der American Bar Association, stellte das Federal Bureau of Narcotics, die Drogenbehörde des US-Bundes, unter Harry J. Anslinger Jazzmusiker als Verbreiter dar und bediente sich dabei rassistischer Stereotype. 1937 folgte mit dem Marihuana Tax Act ein Bundessteuergesetz, das Besitz und Verkauf faktisch zu Bundesdelikten machte.

Welche Lieder griffen das Thema auf?

Mehrere Aufnahmen dieser Jahre trugen Cannabis im Titel, in Umgangswörtern der Zeit, die wir nur als Titel nennen. Liedtexte zitieren wir nicht.

Die Discography of American Historical Recordings der University of California in Santa Barbara verzeichnet „Muggles“ als Aufnahme des Louis Armstrong Orchestra vom 7. Dezember 1928 in Chicago, erschienen bei OKeh, komponiert von Armstrong und dem Pianisten Earl Hines. Gesang führt der Eintrag nicht auf. Das Titelwort war nach einem Beitrag im Blog der Oxford University Press damals ein Umgangswort für Marihuana, lange vor J. K. Rowling.

Bob Beach, der im Geschichtsblog Points über diese Lieder geschrieben hat, datiert Cab Calloways „Reefer Man“ auf 1932. Die Diskografie verzeichnet für den 17. Juni 1932 eine weitere Aufnahme in New York, von Harlan Lattimore und seinem Connie’s Inn Orchestra, erschienen bei Columbia; den Text schrieb Andy Razaf, die Musik J. Russel Robinson.

Einen dritten oft genannten Titel nahm der Geiger Stuff Smith nach Beach 1936 mit seinen Onyx Club Boys auf. Beach führt ihn als „You’se a Viper“; nach dem Biografietext auf der Personenseite der Diskografie war das der ursprüngliche Titel des Stücks, das als „If You’re a Viper“ bekannt wurde. Eine Aufnahme unter diesem Titel verzeichnet die Diskografie nicht.

Was geschah 1930 in Culver City?

Louis Armstrong wurde im November 1930 in Kalifornien wegen Besitzes von Cannabis festgenommen und saß rund neun Tage in Haft. Seit Juli 1930 leitete er nach Angaben des Red Hot Jazz Archive, heute bei The Syncopated Times, das Orchester des Sebastian New Cotton Club in Culver City bei Los Angeles; er blieb bis März 1931.

Thomas Brothers schildert den Fall in seinem Buch „Louis Armstrong: Master of Modernism“, aus dem die Website Jerry Jazz Musician 2014 einen Auszug veröffentlichte. Danach wurde Armstrong am 13. November 1930 auf dem Parkplatz des Clubs festgenommen. Verhandelt wurde im März 1931; die Mitschriften seien erst vor Kurzem aufgetaucht, schreibt Brothers. Das Gericht verurteilte Armstrong zu 30 Tagen Haft, von denen er neun verbüßte.

Das Louis Armstrong House Museum datiert die Festnahme in einem Blogbeitrag von 2019 dagegen auf März 1931 und spricht von etwas mehr als einer Woche Haft, was es seiner Bekanntheit zuschreibt. Die Abweichung könnte mit dem Prozesstermin zusammenhängen; geklärt haben wir sie nicht.

Ein Bundesgesetz gegen Cannabis gab es damals nicht. John C. McWilliams, damals kürzlich pensionierter Associate Professor für Geschichte an der Penn State University und Autor einer Studie über Anslingers Behörde, sagte 2014 in einem Vortrag im Museum der Drug Enforcement Administration, vor den 1930er Jahren habe auf Bundesebene kein Verbot bestanden. Verfolgt wurde Armstrong also nicht nach Bundesrecht.

Was erzählt „Really the Blues“?

Die Erinnerungen des Musikers Mezz Mezzrow, 1946 zusammen mit dem Autor Bernard Wolfe veröffentlicht, sind ein Zeugnis aus der Szene, aber kein Protokoll. Beach zufolge beschreibt Mezzrow darin offen, Anfang der 1930er Jahre in Chicago mit Cannabis gehandelt zu haben. Der Kritiker Matt Hanson warnt in einer Besprechung der Neuausgabe, Mezzrow übertreibe und stilisiere seine Erlebnisse.

Wie verband das Federal Bureau of Narcotics Jazz und Cannabis?

Die Bundesbehörde machte Cannabis im Lauf der 1930er Jahre zu einem ihrer Themen und stellte den Jazz als Umfeld der Droge dar. Präsident Herbert Hoover ernannte Harry J. Anslinger nach dem ABA Journal am 25. September 1930 zu ihrem Leiter; nach Angaben der Truman Library war Anslinger zuvor im Finanzministerium tätig gewesen, zuletzt als stellvertretender Prohibition Commissioner, und blieb bis 1962 im Amt.

McWilliams beschrieb in seinem Vortrag, Cannabis sei wie der Jazz den Mississippi hinauf in den Mittleren Westen und weiter in den Norden gelangt. 1931 sprach ein Arzt aus Louisiana von einer Bedrohung, und der Bezirksstaatsanwalt von New Orleans, Eugene Stanley, forderte eine Regelung durch den Bund. Beach hat die Fallberichte in Anslingers Nachlass an der Penn State University beschrieben: meist kurze Blätter von weniger als einer Seite aus den Jahren 1932 bis 1934, oft nur mit Datum und Ort. Eine geschlossene „Gore File“, wie sie mitunter beschrieben wird, fand er dort nicht. Die Berichte hält er für reißerisch und womöglich erfunden, für die Geschichte der Strafverfolgung aber dennoch für aufschlussreich; in der Forschung gelten Anslingers Belege nach Beach verbreitet als zweifelhaft bis erfunden.

Die Musik kam in dieser Rhetorik ausdrücklich vor. In dem Artikel „Marijuana: Assassin of Youth“ im American Magazine, verfasst mit Courtney Cooper, verknüpfte Anslinger das Spiel von Jazzmusikern, ihr Gefühl für Takt und Tempo, mit der Droge; nach Beach wurde diese Behauptung in weiteren Blättern der Zeit wiederholt. Das Ziel war ein Bundesgesetz. Das ABA Journal beschreibt, wie Anslinger auf das Marihuana-Steuergesetz von 1937 drängte, das Besitz und Verkauf faktisch zu Bundesdelikten machte. Seine Entstehung erzählt unser Beitrag Der Marihuana Tax Act von 1937; wie das Kino derselben Jahre warnte, zeigt der Beitrag über Reefer Madness.

In Anslingers Unterlagen gab es nach einem Beitrag von F. Norman Vickers in The Syncopated Times, einem Interview mit dem Journalisten Martin Torgoff, eine Akte mit dem Titel „Marijuana and Musicians“, in der unter anderen Duke Ellington, Louis Armstrong und Dizzy Gillespie geführt worden seien. Wann sie entstand, sagt der Beitrag nicht.

Welche Rolle spielte Rassismus?

Rassismus war nach der Mehrzahl der hier ausgewerteten Darstellungen ein tragendes Element der Kampagne. Das ABA Journal schreibt, Anslinger habe Cannabis als Einfuhr mexikanischer Einwanderer gesehen, die Schwarze Jazzmusiker verbreitet hätten, und sich rassistischer Stereotype und anekdotischer Belege bedient. Der Historiker Christian Cipollini beschreibt für das Mob Museum Anslingers Abneigung gegen prominente Angehörige von Minderheiten und gegen die Populärkultur; in einem internen Vermerk habe er Jazzmusiker herabgesetzt. McWilliams beschreibt, der Gebrauch sei vor den 1930er Jahren weitgehend auf den Südwesten beschränkt gewesen und dort mit mexikanischen Arbeitern in Verbindung gebracht worden; als Beleg nennt er die Schilderung eines Einwohners von Arizona aus den 1930er Jahren. Beach ergänzt, der Jazz sei zum Sündenbock für Jugendkriminalität und Drogen geworden, weil seine Beliebtheit bei Afroamerikanern und Jugendlichen die ältere Generation alarmiert habe.

Charles Lutz, ein pensionierter Beamter der Drug Enforcement Administration, hielt bei derselben Veranstaltung dagegen, viele Anslinger zugeschriebene Aussagen stammten in Wahrheit von anderen, manche seien verzerrt wiedergegeben, andere erfunden. Auch deshalb bringt dieser Beitrag keine Anslinger-Zitate.

Wie lässt sich das heute einordnen?

Die Aufnahmen zeigen, dass das Thema Teil der Unterhaltungsmusik war, eingespielt in Chicago und New York und veröffentlicht bei Firmen wie OKeh und Columbia. Eine besondere Nähe von Musik und Droge belegen sie nicht, und dieser Beitrag stellt keine her. Politisch zeigt der Fall Armstrong, dass Cannabis in Kalifornien schon vor dem Bundesgesetz verfolgt wurde; mit dem Gesetz von 1937 wurde daraus Bundessache, begleitet von einer Rhetorik, die Musik, Herkunft und Hautfarbe verknüpfte. Torgoff sieht darin den Beginn eines institutionellen Rassismus in der Drogenpolitik; das ist seine Deutung. Wie Strafverfolgung und Hautfarbe später in einer anderen Musik wiederkehren, beschreibt der Beitrag Hip-Hop und Cannabis.

Häufige Fragen

Warum wurde Louis Armstrong 1930 verhaftet?

Louis Armstrong wurde nach Thomas Brothers am 13. November 1930 auf dem Parkplatz eines Clubs in Kalifornien wegen Cannabisbesitzes festgenommen. Das Gericht verurteilte ihn im März 1931 zu 30 Tagen Haft, von denen er neun verbüßte.

Welche Jazzstücke nennen Cannabis im Titel?

Bekannte Beispiele sind Louis Armstrongs „Muggles“ von 1928, „Reefer Man“ von 1932, unter anderem von Cab Calloway aufgenommen, und Stuff Smiths „You’se a Viper“ von 1936. Die Titel verwenden Umgangswörter der Zeit.

Was hatte Harry Anslinger mit dem Jazz zu tun?

Harry J. Anslinger leitete von 1930 bis 1962 das Federal Bureau of Narcotics. Nach dem ABA Journal und weiteren Darstellungen verband Anslinger Cannabis mit Jazzmusikern und bediente sich dabei rassistischer Stereotype, um ein Bundesgesetz zu erreichen, das 1937 kam.

Was wir nicht wissen

Das Datum der Festnahme ist nicht einheitlich überliefert, und das Urteil kennen wir nur aus Brothers’ Darstellung; Prozessakten haben wir nicht eingesehen. Wer außer Armstrong festgenommen wurde, nennt nur eine der geöffneten Quellen, ohne Beleg; wir übernehmen das nicht. Für Calloways Aufnahme von „Reefer Man“ fanden wir in der Diskografie kein Datum, für Smiths Aufnahme von 1936 keinen Eintrag. Anslingers Artikel, Mezzrows Buch, die Akte „Marijuana and Musicians“ und Anslingers Nachlass haben wir nicht selbst eingesehen, ebenso wenig den Gesetzestext von 1937. Ein Fachgespräch mit einer Jazzhistorikerin oder einem Drogenhistoriker steht aus.

Hinweis: Dieser Beitrag informiert über Geschichte, Kultur und Forschungsstand und ruft weder zum Konsum noch zum Erwerb von Cannabis auf. Stand: 15.10.2026. Keine Rechtsberatung.

Quellen

  1. Discography of American Historical Recordings (UC Santa Barbara): OKeh matrix W402200, Muggles, Louis Armstrong Orchestra (7.12.1928) (öffnet in neuem Tab)adpprod2.library.ucsb.edu · abgerufen am
  2. Discography of American Historical Recordings (UC Santa Barbara): Columbia matrix W152220, Reefer man, Harlan Lattimore and his Connie's Inn Orchestra (17.06.1932) (öffnet in neuem Tab)adpprod2.library.ucsb.edu · abgerufen am
  3. Discography of American Historical Recordings (UC Santa Barbara): Stuff Smith (Lebensdaten, Aufnahmen) (öffnet in neuem Tab)adp.library.ucsb.edu · abgerufen am
  4. OUPblog (Oxford University Press): Louis Armstrong, a history in eight songs (öffnet in neuem Tab)blog.oup.com · abgerufen am
  5. Bob Beach: That Funny, Funny Reefer Man, Reading Reefer Madness through Jazz Music during the 1930s (Points, Blog der Alcohol and Drugs History Society, 30.04.2015) (öffnet in neuem Tab)pointshistory.org · abgerufen am
  6. Bob Beach: Reckoning with Anslinger, or How I Learned to Stop Worrying and Love the Gore File (Points, 24.02.2015) (öffnet in neuem Tab)pointshistory.org · abgerufen am
  7. Jerry Jazz Musician: Louis Armstrong and Gage, Auszug aus Thomas Brothers, Louis Armstrong: Master of Modernism (25.03.2014) (öffnet in neuem Tab)jerryjazzmusician.com · abgerufen am
  8. Louis Armstrong House Museum, West End Blog: Beitrag über Louis Armstrong und Marihuana, mit Angaben zur Festnahme (10.10.2019) (öffnet in neuem Tab)louisarmstronghouse.org · abgerufen am
  9. The Syncopated Times (Red Hot Jazz Archive): Louis Armstrong and his Sebastian New Cotton Club Orchestra (öffnet in neuem Tab)syncopatedtimes.com · abgerufen am
  10. The Arts Fuse: Book Review, Really the Blues (Matt Hanson, 26.03.2016) (öffnet in neuem Tab)artsfuse.org · abgerufen am
  11. Harry S. Truman Library: Harry J. Anslinger Papers (Biografie, Bestand) (öffnet in neuem Tab)trumanlibrary.gov · abgerufen am
  12. DEA Museum: Standing in the Shadows, The Legacy of Harry J. Anslinger (Vortragsreihe, 15.10.2014, Mitschrift, mit John C. McWilliams und Charles Lutz) (öffnet in neuem Tab)museum.dea.gov · abgerufen am
  13. ABA Journal: Sept. 25, 1930, U.S. names its first drug czar (Allen Pusey, 01.08.2023) (öffnet in neuem Tab)abajournal.com · abgerufen am
  14. The Mob Museum: Bureau of Narcotics Commissioner Harry Anslinger led America's crusade against drugs (Christian Cipollini, 17.12.2024) (öffnet in neuem Tab)themobmuseum.org · abgerufen am
  15. The Syncopated Times: Bop Apocalypse, Jazz, Race, the Beats and Drugs, Interview mit Martin Torgoff (F. Norman Vickers, 01.01.2017) (öffnet in neuem Tab)syncopatedtimes.com · abgerufen am

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