Assassinen und Haschisch: Wort und Legende

Assassinen und Haschisch: Belegt ist seit 1122/23 ein arabisches Schimpfwort, aus dem „Assassine“ wurde. Drogen als Methode der Nizari sind Legende.

Text: Redaktion · 7 Minuten · Stand

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Faktencheck läuft. Einzelne Angaben in diesem Beitrag prüfen wir gerade noch einmal an den Quellen.

Die Legende stimmt nur zur Hälfte: Laut dem Orientalisten Jerzy Hauziński ist „haschischiyya“ seit 1122/23 als arabisches Schimpfwort für die Nizari-Ismailiten belegt, und aus Varianten dieses Wortes wurde über die Kreuzfahrer das europäische „Assassine“. Dass die Gemeinschaft Haschisch planmäßig einsetzte, um ihre Anhänger zu lenken, belegt dagegen keine bekannte Quelle. Der Historiker Farhad Daftary vom Institute of Ismaili Studies hält diese Erzählung für eine Erfindung europäischer Beobachter, die wahrscheinlich aus dem Schimpfwort selbst entstand.

Wer waren die Nizari-Ismailiten?

Die Nizari sind ein Zweig der Ismailiten, einer Richtung des schiitischen Islam, und gingen aus einem Nachfolgestreit hervor. Als der Fatimidenkalif al-Mustansir 1094 starb, spaltete der Streit um seine Nachfolge die Ismailiten nach der Encyclopaedia Iranica dauerhaft in Nizari und Mustali. Hasan-i Sabbah, geboren um die Mitte des 11. Jahrhunderts in Qom, stellte sich auf die Seite Nizars. Schon 1090 hatte er Alamut durch Unterwanderung eingenommen, eine Bergfestung rund 45 Kilometer nordöstlich von Qazvin.

Nach Daftary führte Hasan-i Sabbah ein karges Leben und soll das religiöse Gesetz streng befolgt haben. Er starb 1124 in Alamut. Im Jahr 1256 nahmen die Mongolen die Festung ein, zerstörten sie teilweise und verbrannten ihre Bibliothek.

Zur Geschichte gehören auch Anschläge. Nach der Iranica führten Fida’is, Anhänger, die sich für die Gemeinschaft aufopferten, die Anschläge auf prominente Gegner aus. Daftary hält fest, dass viele vor und neben den Nizari zu diesem Mittel griffen, die Praxis aber bald übertrieben stark mit ihnen gleichgesetzt wurde.

Die Nizari-Ismailiten bestehen nach Daftary bis heute als schiitische Gemeinschaft in vielen Ländern. Ihr Imam trägt den Titel Aga Khan, den nach dem Glossar des Institute of Ismaili Studies 1818 ein persischer Schah dem damaligen Imam verlieh. Die Legende betrifft also das Bild einer lebenden Glaubensgemeinschaft.

Woher kommt das Wort „haschischiyya“?

Das Wort war ein Schimpfwort aus dem Mund der Gegner. Hauziński hat 2016 die arabischen Belege zusammengestellt. Nach ihm steht es in einem Anhang zur Schrift „al-Hidaya al-Amiriyya“, die dem ab 1101 regierenden Fatimidenkalifen al-Amir zugeschrieben wird; einen älteren arabischen Beleg nennt Hauziński nicht. Die Schrift bezeichnete damit abwertend die Gegner des mustalitischen Imamats, also der Linie der Mustali-Imame, und meinte die Nizari.

Später taucht das Wort bei Imad ad-Din al-Isfahani (Chronik von 1183, überliefert durch al-Bundari), beim syrischen Chronisten Abu Schama im 13. Jahrhundert und bei Ibn Chaldun (gestorben 1406) auf.

Gemeint war kein Bericht über Gewohnheiten. Daftary gibt den Sinn des Wortes mit „niederes Gesindel“ oder „Leute von lockerer Moral“ wieder (beides aus dem Englischen übersetzt). Hauziński vermutet, es habe einfache, eifernde Anhänger bezeichnet. In beiden Lesarten sagt das Wort mehr über den Blick der Gegner als über die Beschimpften.

Wie wurde aus dem Schimpfwort „Assassine“?

Die Kreuzfahrer übernahmen das Wort in Syrien. Nach Daftary hörten sie es dort von anderen Muslimen und benannten damit die syrischen Nizari, deren Macht unter Raschid ad-Din Sinan, gestorben 1193, ihren Höhepunkt erreichte. Im Mittelpunkt der westlichen Erzählungen stand, wie Daftary in der Einleitung zu „The Assassin Legends“ schreibt, ein geheimnisvoller „Alter vom Berge“, lateinisch „Vetus de Montanis“.

In europäischen Texten erscheint der Name in vielen Formen, darunter „assassini“, „assissini“ und „heyssisini“. Mit der Zeit löste sich das Wort von der Gemeinschaft: Es wurde, so Daftary, in europäischen Sprachen zu einem gewöhnlichen Wort für Mörder. Im Englischen ist es nach Wordorigins.org, das sich auf das Middle English Dictionary stützt, für das Jahr 1340 belegt, damals noch als Name der Gemeinschaft.

Was schreibt Marco Polo, und was nicht?

Polo erzählt von einem Garten und einem Schlaftrunk, Haschisch nennt er nicht. Wir haben Henry Yules englische Übersetzung gelesen (3. Auflage, bearbeitet von Henri Cordier, 1903). Polo schreibt im Rückblick über ein Land namens „Mulehet“, in dem der Alte vom Berge, in der Landessprache „Aloadin“, früher gelebt habe.

Der Alte habe ein Tal zwischen zwei Bergen als Garten anlegen lassen, mit Früchten, Pavillons, Palästen und Wasserläufen, nach der Paradiesbeschreibung des Propheten Mohammed. Junge Männer hätten „einen gewissen Trank“ (übersetzt) erhalten, der sie in tiefen Schlaf versetzte, und seien im Garten erwacht, den sie für das Paradies halten sollten. Für einen Auftrag habe der Alte ihnen die Rückkehr ins Paradies versprochen.

Der Trank bleibt bei Polo ohne Namen. Die Ausgesandten heißen in Yules Übersetzung „Ashishin“: Das Wort für die Gruppe steht im Text, die Droge nicht. In einer anderen englischen Fassung, die Manuel Komroff 1926 nach William Marsden herausgab, steht an dieser Stelle Opium, wie Ștefan Ionete von der Universität Bukarest zitiert.

Die Gleichsetzung mit Haschisch stammt aus der Überlieferung, in die Polo seine Geschichte stellte. Schon vor ihm hatten westliche Beobachter nach Daftary den Gehorsam der Fida’is einer Droge wie Haschisch zugeschrieben. Polo habe diese Legende mit anderen verbunden und den Garten hinzugefügt. Noch in der Yule-Ausgabe erklärt eine Fußnote, gestützt auf de Sacy, den Namen mit dem Gebrauch eines Hanfpräparats.

Was hat Silvestre de Sacy 1809 gezeigt?

De Sacy klärte die Wortgeschichte, nicht die Geschichte der Gemeinschaft. Der französische Orientalist Antoine-Isaac Silvestre de Sacy (1758–1838) trug am 7. Juli 1809 in einer öffentlichen Sitzung des Institut seine „Mémoire sur la dynastie des Assassins et sur l’origine de leur nom“ vor; so verzeichnet es das Digitalisat der Universitätsbibliothek in Halle. Eine vollständige Fassung erschien nach Hauziński 1818.

De Sacy verwarf darin ältere Erklärungen des Namens und zeigte, dass die Formen in lateinischen Kreuzfahrerquellen und europäischen Sprachen mit dem arabischen Wort „haschisch“ zusammenhängen. Er stützte sich unter anderem auf eine Handschrift Abu Schamas; die ältere Schrift al-Amirs kannte er nach Hauziński nicht.

Daftary würdigt die Lösung des Namensrätsels, hält aber fest, dass de Sacy Teile der Legenden weiter für glaubhaft hielt. Er arbeitete nach Daftary vor allem mit arabischen Handschriften sunnitischer Autoren und sah die Ismailiten daher aus sunnitischer Sicht. Seine verzerrte Einschätzung habe, wenn auch unbeabsichtigt, den Rahmen für spätere Orientalisten gesetzt.

Was ist belegt, was ist Legende?

Belegt sind das Schimpfwort und die Wortgeschichte, Legende ist der Drogengebrauch als Methode. Daftary schreibt, es gebe keinen Beleg dafür, dass Haschisch oder eine andere Droge planmäßig eingesetzt wurde, um die Fida’is anzutreiben. Auch die zeitgenössischen muslimischen Quellen, die den Ismailiten feindlich gegenüberstanden, schweigen dazu. Wahrscheinlich, so Daftary, habe erst der abwertende Name die Geschichten hervorgebracht, die die Kreuzfahrer verbreiteten.

Die Forschung, die heute mit ismailitischen Quellen arbeitet, hat nach Daftary begonnen, die Legenden abzutragen, die er „in Feindseligkeit und fantasievoller Unwissenheit“ (übersetzt) verwurzelt sieht. Der wahre Kern der Legende ist ein Wort.

Mit der Faser- und Nutzpflanze, deren Geschichte wir in der kurzen Geschichte des Hanfs erzählen, hat diese Legende wenig zu tun. Weitere Behauptungen prüfen wir im Faktencheck zu Hanf-Mythen; wie die europäische Literatur später über Haschisch schrieb, erzählt das Stück über den Club des Hashischins.

Häufige Fragen

Woher kommt das Wort „Assassine“?

Das Wort „Assassine“ geht auf das arabische Schimpfwort „haschischiyya“ zurück, mit dem Gegner die Nizari-Ismailiten bezeichneten; nach Jerzy Hauziński ist es seit 1122/23 belegt. Die Kreuzfahrer übernahmen es in Syrien, und in europäischen Sprachen wurde daraus nach Farhad Daftary ein gewöhnliches Wort für Mörder.

Nahmen die Assassinen Haschisch?

Für einen planmäßigen Drogengebrauch der Nizari-Ismailiten gibt es nach dem Historiker Farhad Daftary keinen Beleg. Auch die zeitgenössischen muslimischen Quellen, die den Ismailiten feindlich gegenüberstanden, schweigen dazu. Ob einzelne Nizari Haschisch kannten, sagen die Quellen nicht.

Hat Marco Polo über Haschisch geschrieben?

Marco Polo erzählt vom Alten vom Berge, von einem Paradiesgarten und einem Schlaftrunk, nennt in Henry Yules Übersetzung aber keine Droge. Die Verbindung mit Haschisch zogen andere: nach Daftary westliche Beobachter schon vor Polo, später auch eine Fußnote der Yule-Ausgabe, gestützt auf Silvestre de Sacy.

Was wir nicht wissen

  • Ob einzelne Nizari Haschisch kannten, sagen die Quellen nicht; aus fehlenden Belegen lässt sich darüber nichts ableiten.
  • Polos Text kennen wir nur aus zwei englischen Fassungen; wie die übrigen Handschriften den Trank benennen, wissen wir nicht.
  • De Sacys Abhandlung haben wir nicht im Wortlaut gelesen; vom Digitalisat in Halle waren nur die Katalogangaben zugänglich.
  • Die arabischen Belege kennen wir nur aus Hauzińskis Aufsatz. Das Ende von al-Amirs Regierungszeit geben Quellen unterschiedlich an.
  • Wann das Wort „Assassine“ ins Deutsche kam, konnten wir nicht belegen; das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache und der Eintrag der Encyclopaedia Britannica ließen sich am Recherchetag nicht öffnen.

Hinweis: Dieser Beitrag informiert über Geschichte, Kultur und Forschungsstand und ruft weder zum Konsum noch zum Erwerb von Cannabis auf. Stand: 15.10.2026.

Quellen

  1. Farhad Daftary: Assassin. Institute of Ismaili Studies (bearbeitete Fassung aus: Medieval Islamic Civilization. An Encyclopaedia, Bd. 1, Routledge 2006) (öffnet in neuem Tab)iis.ac.uk · abgerufen am
  2. Farhad Daftary: Introduction, in: The Assassin Legends. Myths of the Isma'ilis, I.B. Tauris 1994, S. 1–7 (PDF, Institute of Ismaili Studies) (öffnet in neuem Tab)iis.ac.uk · abgerufen am
  3. Farhad Daftary: Ismaili Studies. Antecedents and Modern Developments. ISIM Newsletter 9 (2002), S. 37 (Universität Leiden) (öffnet in neuem Tab)scholarlypublications.universiteitleiden.nl · abgerufen am
  4. Institute of Ismaili Studies: Special Collections. Ismailis in History and Myth (Gespräch mit Farhad Daftary, Glossar) (öffnet in neuem Tab)iis.ac.uk · abgerufen am
  5. Farhad Daftary: Ḥasan Ṣabbāḥ. Encyclopaedia Iranica, Bd. XII, Fasz. 1, S. 34–37 (2003, aktualisiert 2017) (öffnet in neuem Tab)iranicaonline.org · abgerufen am
  6. Farhad Daftary: Alamut. Institute of Ismaili Studies (zuerst in: The Oxford Dictionary of Islam, 2004) (öffnet in neuem Tab)iis.ac.uk · abgerufen am
  7. Jerzy Hauziński: Three Excerpts Quoting a Term al-ḥašīšiyya. Rocznik Orientalistyczny 69 (2016), Heft 2, S. 89–93 (öffnet in neuem Tab)journals.pan.pl · abgerufen am
  8. Antoine-Isaac Silvestre de Sacy: Mémoire sur la dynastie des Assassins et sur l'origine de leur nom, lu le 7 juillet 1809 (Digitalisat, Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt, Katalogangaben) (öffnet in neuem Tab)opendata.uni-halle.de · abgerufen am
  9. Marco Polo, übersetzt von Henry Yule: Buch 1, Kap. XXIII, Concerning the Old Man of the Mountain (Text von Project Gutenberg, Wiedergabe bei BookRags) (öffnet in neuem Tab)bookrags.com · abgerufen am
  10. Marco Polo, übersetzt von Henry Yule: Buch 1, Kap. XXIII, Fortsetzung mit Fußnote (Text von Project Gutenberg, Wiedergabe bei BookRags) (öffnet in neuem Tab)bookrags.com · abgerufen am
  11. Marco Polo, übersetzt von Henry Yule: Buch 1, Kap. XXIV, How the Old Man used to train his Assassins (Text von Project Gutenberg, Wiedergabe bei BookRags) (öffnet in neuem Tab)bookrags.com · abgerufen am
  12. Project Gutenberg: The Travels of Marco Polo, Bd. 1 (Yule-Cordier-Ausgabe, 3. Auflage 1903, Vorspann) (öffnet in neuem Tab)gutenberg.org · abgerufen am
  13. Ștefan Ionete: Il Milione and the Old Man of the Mountain (Zeitschriftenportal der Universität Bukarest) (öffnet in neuem Tab)journals.unibuc.ro · abgerufen am
  14. Wordorigins.org: hashish / assassin (25.08.2021, mit Verweis auf Middle English Dictionary und OED) (öffnet in neuem Tab)wordorigins.org · abgerufen am

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