Indica und Sativa: warum die Einteilung wackelt
Zwei Wörter aus der Botanik des 18. Jahrhunderts, die im Handel heute etwas anderes bedeuten: Herkunft, Fachstreit und Etikettengebrauch. Stand 30.09.2026.
Wer sich mit Cannabis beschäftigt, begegnet früh zwei Wörtern, die selbstverständlich klingen: Indica und Sativa. Sie stehen auf Etiketten, in Datenbanken und in Gesprächen, als wären sie feste Kategorien. Je nach Zusammenhang meinen sie aber Verschiedenes. In der Botanik sind es Namen aus dem 18. Jahrhundert, über die Fachleute bis heute streiten. Im Handel sind es Sammelbegriffe, die mit diesen Namen nur noch lose zusammenhängen. Und neuere Untersuchungen zeigen, dass sie auch als Sammelbegriffe brüchig sind.
Zwei Wörter, viele Bedeutungen
Dieses Stück erklärt, woher die beiden Wörter kommen und wie sie gebraucht werden. Es sagt nichts darüber, wie eine Pflanze oder ein Produkt wirkt, und es empfiehlt nichts. Grundlage sind begutachtete Fachartikel und die Pflanzendatenbank der Royal Botanic Gardens in Kew, die wir am 30. September 2026 geöffnet haben. Wo wir eine Aussage nur aus dem Kurztext eines Artikels kennen, schreiben wir „nach Angaben der Autoren“.
Um die Verwirrung zu ordnen, hilft eine einfache Unterscheidung. Es gibt die wissenschaftlichen Namen Cannabis sativa und Cannabis indica, mit Großbuchstaben und Autorenkürzel in Fachtexten. Und es gibt die Umgangswörter „Sativa“ und „Indica“, die seit den 1980er-Jahren für zwei Kategorien von Drogentyp-Pflanzen benutzt werden. Beides klingt gleich und ist nicht dasselbe.
Woher die Namen kommen
Der ältere Name ist der von Carl von Linné. Kew verzeichnet Cannabis sativa L. als erstveröffentlicht in der „Species Plantarum“ von 1753 (dort Seite 1027). Welche Pflanze Linné dabei vor Augen hatte, klärten erst spätere Botaniker: Nach Small und Cronquist hatte William Stearn 1974 eine Faserhanf-Kulturform als sogenannten Lectotypus bestimmt, also als Bezugspflanze, an der der Name hängt; Small und Cronquist übernahmen diese Festlegung 1976. Der Name sativa hängt damit ursprünglich an einer Faserpflanze, ein Thema, das wir in der kurzen Geschichte des Hanfs berühren.
Der zweite Name stammt von Jean-Baptiste Lamarck. Er beschrieb 1785 eine zweite Art, Cannabis indica, für Pflanzen vom Drogentyp (Kew nennt als Fundstelle „Encycl. 1: 695“). Nach Angaben von Barcaccia und Kollegen ordnete Lamarck diese Art Indien zu und hielt beide Arten für miteinander kreuzbar. McPartland und Small beschreiben den Schritt als Bruch mit der Linnéschen Lehrmeinung, wonach es nur eine Art gebe.
Im 20. Jahrhundert wurde aus der Namensfrage ein Fachstreit. Small und Cronquist fanden 1976 keine Kreuzungsbarrieren zwischen den Pflanzen und schlugen vor, nur eine Art anzuerkennen: Cannabis sativa, unterteilt in die Unterarten sativa und indica, jeweils mit einer wilden und einer kultivierten Varietät. Als Abgrenzung diente ihnen ein Gehalt von 0,3 Prozent Delta-9-THC in den jungen Blättern reifer Pflanzen. Hillig kam 2005 auf Grundlage von 157 Herkünften und 17 Genorten zu einem anderen Ergebnis: Er schlug drei Arten vor, C. sativa, C. indica und C. ruderalis, und sah die bisherigen Systeme als unzureichend an.
Wie die Botanik sie heute einordnet
Ein einheitliches Bild gibt es nicht. Kew führt Cannabis sativa L. als anerkannte Art mit 36 Synonymen, und Cannabis indica Lam. steht dort als eines dieser Synonyme. Als natürliches Verbreitungsgebiet nennt Kew Zentralasien bis Xinjiang und Pakistan. Zhang und Kollegen halten 2018 in einer Untersuchung von Chloroplasten-DNA fest, dass die Frage, ob drei Linien als eigene Arten gelten sollen, weiter debattiert wird.
Besonders aufschlussreich ist eine Arbeit von McPartland und Small aus dem Jahr 2020. Die Autoren untersuchten nach eigenen Angaben rund 1.100 Herbarbelege und werteten chemische und genetische Daten aus der Literatur aus. Sie erkennen die zwei Umgangskategorien an, geben ihnen aber eindeutige botanische Namen. Das Ergebnis überrascht: Das Umgangswort „Sativa“ entspricht danach der Varietät indica der Unterart indica (Ursprung in Südasien), das Umgangswort „Indica“ der Varietät afghanica derselben Unterart (Ursprung in Zentralasien). Beide Umgangswörter fallen damit botanisch unter die Unterart indica. Die Autoren schreiben, neuere Autoren hätten die Umgangswörter irrtümlich mit den Artnamen gleichgesetzt. Die Wörter des Handels sind also nicht die Wörter der Botanik, und an einer Stelle sind sie sogar vertauscht.
Hinzu kommt die Kreuzung. Nach McPartland und Small haben Züchter zentral- und südasiatische Herkünfte in den vergangenen 50 Jahren vielfach untereinander gekreuzt und ihre Unterschiede weitgehend verwischt. Die Abgrenzung, die sich für historische Herkünfte noch beschreiben lässt, trägt für heutige Zuchtlinien deshalb kaum noch.
Wie der Handel sie verwendet
Im Handel dienen die beiden Wörter als Etiketten. Watts und Kollegen schreiben 2021 in Nature Plants, Züchter, Händler und Nutzer verwendeten sie, um Wuchsform, Aroma oder zugeschriebene Wirkungen einer Zuchtlinie zu beschreiben, also ausdrücklich nicht nur die Abstammung. Häufig kommt eine dritte Kategorie dazu, „Hybrid“; Schwabe und McGlaughlin nennen die drei Typen, wie sie in Online-Datenbanken geführt werden, und merken an, dass sie nicht zur formalen botanischen Taxonomie passen.
Was die Forschung prüfte, ist ernüchternd, aber nicht einheitlich:
- Genetik. Sawler und Kollegen untersuchten 2015 mit 14.031 genetischen Markern 81 drogentypische und 43 Faserhanf-Proben. Nach ihrem Befund sagen die Namen der Zuchtlinien oft nichts Aussagekräftiges über die genetische Identität. Schwabe und McGlaughlin analysierten 2019 dann 122 Pflanzen aus 30 benannten Zuchtlinien. Die Proben teilten sich zwar klar in zwei genetische Gruppen, doch diese Gruppen entsprachen nicht den Etiketten Sativa, Indica und Hybrid. Auch Proben unter gleichem Namen wichen teils deutlich voneinander ab.
- Genom insgesamt. Watts und Kollegen fanden bei mehr als 100 Proben mit über 100.000 Markern, dass mit Sativa und Indica etikettierte Proben auf Genomebene „genetically indistinct“ seien, also genetisch nicht zu trennen.
- Chemie. Smith und Kollegen werteten 2022 die Laborwerte von 89.923 Proben aus sechs US-Bundesstaaten aus. Ihr Ergebnis: Die handelsüblichen Etiketten stimmen nicht durchgehend mit der chemischen Vielfalt überein, einzelne Etiketten haben aber eine Tendenz zu bestimmten chemischen Profilen.
Der letzte Punkt verdient Beachtung, weil er zeigt, dass die Etiketten nicht bedeutungslos sind. Nach Watts und Kollegen hängen sie mit einer kleinen Zahl von Terpenen zusammen, deren Menge von Genen für Terpen-Synthasen gesteuert wird. Die Etiketten wurden nach den Autoren vor allem nach Aromaprofilen und zugeschriebenen Wirkungen vergeben, weniger nach Abstammung oder allgemeiner chemischer Ähnlichkeit. Nach diesen Befunden hängt der Gebrauch der Wörter eher mit einem Teil des Duftprofils zusammen als mit der Herkunft der Pflanze. Was Terpene sind und wie sie Duft und Geschmack prägen, lesen Sie im Beitrag Terpene erklärt.
Eine Einschränkung gehört dazu: Wo wir die Herkunft der Proben prüfen konnten, stammen sie aus den USA (Schwabe und McGlaughlin, Smith und Kollegen). Wie deutsche oder europäische Produkte etikettiert werden und ob sich dort dasselbe Bild zeigt, haben wir nicht untersucht.
Was dieses Stück nicht sagt
Wir beschreiben den Gebrauch zweier Wörter, nicht die Eigenschaften einer Pflanze. Sie finden hier deshalb keine Aussage darüber, wie sich eine Kategorie auswirkt, und keine Empfehlung für eine bestimmte Zuchtlinie oder ein Produkt. Die Studien, die wir gelesen haben, untersuchen Genetik und Laborchemie. Ob und was ein Etikett über Wirkungen aussagt, war nicht Gegenstand unserer Recherche, und wir treffen dazu keine Aussage. Fragen zur eigenen Gesundheit gehören in ärztliche Hände.
Für den Alltag bleibt eine nüchterne Folgerung. Ein Etikett ist eine Konvention des Handels, kein botanischer Befund. Wer die Wörter hört, tut gut daran, sie als das zu lesen, was sie sind: als Namen mit langer Geschichte, die im Lauf der Jahrzehnte ihre Bedeutung verändert haben.
Stand und Grenzen dieses Textes
Alle Angaben beziehen sich auf den 30. September 2026 und auf die genannten, an diesem Tag abgerufenen Quellen. Einige Fachartikel, darunter die Übersicht von McPartland (2018) zur Systematik der Gattung, ließen sich am selben Tag nicht öffnen; wir zitieren sie nicht. Ein Fachgespräch mit einer Botanikerin oder einem Pflanzenwissenschaftler steht aus. Die Taxonomie ist in Bewegung; Beiträge veralten.
Hinweis: Dieser Beitrag informiert über Begriffe und Forschungsstand und ruft weder zum Konsum noch zum Erwerb von Cannabis auf. Stand: 30.09.2026.
Quellen
- Royal Botanic Gardens, Kew, Plants of the World Online: Cannabis sativa L. (öffnet in neuem Tab)
- Royal Botanic Gardens, Kew, Plants of the World Online: Cannabis indica Lam. (öffnet in neuem Tab)
- Small, E., Cronquist, A. (1976): A practical and natural taxonomy for Cannabis. Taxon 25(4) (Universität Kalifornien, Davis, Hanf-Forschungsseite) (öffnet in neuem Tab)
- Hillig, K. W. (2005): Genetic evidence for speciation in Cannabis (Cannabaceae). Genetic Resources and Crop Evolution (Springer) (öffnet in neuem Tab)
- McPartland, J. M., Small, E. (2020): A classification of endangered high-THC cannabis (Cannabis sativa subsp. indica) domesticates and their wild relatives. PhytoKeys 144 (öffnet in neuem Tab)
- Zhang, Q. et al. (2018): Latitudinal adaptation and genetic insights into the origins of Cannabis sativa L. Frontiers in Plant Science (öffnet in neuem Tab)
- Barcaccia, G. et al. (2020): Potentials and challenges of genomics for breeding cannabis cultivars. Frontiers in Plant Science (öffnet in neuem Tab)
- Sawler, J. et al. (2015): The genetic structure of marijuana and hemp. PLOS ONE (öffnet in neuem Tab)
- Schwabe, A. L., McGlaughlin, M. E. (2019): Genetic tools weed out misconceptions of strain reliability in Cannabis sativa. Journal of Cannabis Research (öffnet in neuem Tab)
- Watts, S. et al. (2021): Cannabis labelling is associated with genetic variation in terpene synthase genes. Nature Plants 7 (öffnet in neuem Tab)
- Smith, C. J. et al. (2022): The phytochemical diversity of commercial Cannabis in the United States. PLOS ONE (öffnet in neuem Tab)