Warnplakate vor Cannabis: eine Bildgeschichte

Warnplakate vor Cannabis setzten in den USA ab etwa 1936 auf Teufelsbilder, gestapelte Schlagwörter und das Versprechen, Verbotenes zu enthüllen.

Text: Redaktion · 7 Minuten · Stand

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Laut den Sammlungen des American Institute of the History of Pharmacy (AIHP) warnten in den USA ab etwa 1936 Aushänge privater Anti-Drogen-Verbände und Kinoplakate sogenannter Exploitationfilme vor Cannabis, etwa zum Film „Marihuana“ (1936). Exploitationfilme waren unabhängig produzierte Filme, die sich als Aufklärung ankündigten und mit Sensation warben. Ihre Plakate arbeiteten mit Teufelsbildern, großen Schlagwörtern, gestapelten Ausrufezeichen und dem Versprechen, etwas Verbotenes zu enthüllen. Sie erzählen weniger über Cannabis als über die Mittel, mit denen Angst sichtbar gemacht wurde.

Wer hat in den 1930er Jahren vor Cannabis gewarnt?

Gewarnt haben Behörden, Verbände und Filmverleiher. An der Spitze der Rauschgiftbehörde des US-Finanzministeriums, des Federal Bureau of Narcotics, stand nach der Ohio State University von 1930 bis 1962 Harry J. Anslinger. Seine Bildvorlage war zunächst ein Text: Im Juli 1937 erschien in The American Magazine „Marijuana: Assassin of Youth“, verfasst mit Courtney Ryley Cooper. Der Stanford-Rechtsprofessor George Fisher zeigt, wie der Artikel mit dem Körper eines jungen Mädchens auf dem Gehsteig beginnt und die Droge mit einer zusammengerollten Klapperschlange vergleicht. Nach der Online-Ausstellung „Contested Cannabis“ des American Institute of the History of Pharmacy stieß Anslingers Formel Jahrzehnte der Propaganda an. Wie das Gesetz von 1937 entstand, erzählt unser Beitrag Der Marihuana Tax Act von 1937.

Unter den erhaltenen Aushängen findet sich einer eines privaten Verbands: Das AIHP verwahrt einen Aushang der Inter-State Narcotic Association aus Chicago, datiert um 1940. Eine Anzeige von 1935 schreibt die Ohio State University dem Federal Bureau of Narcotics zu.

Was steht auf dem Aushang aus Chicago?

Der Aushang arbeitet mit Schrift und mit einer Figur, dem freundlichen Fremden. Nach dem Objekteintrag richtet er sich an Jung und Alt; die Marihuana-Zigarette könne einem von einem freundlichen Fremden gereicht werden; sie enthalte eine „Killerdroge“ (unsere Übersetzung), in der Mord, Wahnsinn und Tod lauerten. Jedes dieser drei Wörter steht im Original mit eigenem Ausrufezeichen. Händler, so der Aushang, könnten die Droge auch in Tee oder in eine Tabakzigarette mischen.

Wo ein Aushang mit diesem Wortlaut hängen sollte, sagt ein späterer Fund: Die Wisconsin Historical Society verzeichnet eine vergrößerte Fassung von September 1971 und beschreibt die Vorlage als Warnkarte für Eisenbahnen, Busse, Straßenbahnen und andere öffentliche Orte. Die Vergrößerung stammt aus einer Sammlung politischer Plakate, die J. Wesley Miller zwischen 1969 und 1976 in Madison zusammentrug; der Katalog spricht von einer spöttischen Karte. Dass beide Fassungen auf dieselbe Vorlage zurückgehen, schließen wir aus dem fast gleichen Wortlaut.

Wie warben die Exploitationfilme?

Die Filme warben mit dem Anspruch auf Aufklärung und mit Bildern, die das Gegenteil versprachen. Das UCLA Film & Television Archive beschreibt Exploitationfilme als unabhängige Produktionen, die außerhalb des Hollywood-Produktionskodex entstanden, als Lehrfilme angekündigt und mit jahrmarktartigem Getöse in unabhängigen Kinos gezeigt wurden. Am Anfang stand oft eine moralische Vorrede, im Gewerbe „square-up“ genannt.

Espers „Marihuana“ wurde nach dem AFI Catalog am 17. Mai 1936 urheberrechtlich eingetragen und von Road Show Attractions vertrieben; die Vorrede warnt, der Gebrauch nehme unter der Jugend des Landes stetig zu. Die Zensurbehörde des Staates New York lehnte den Film im Dezember 1936 ab. „Assassin of Youth“ von Elmer Clifton, produziert von BCM Productions, wurde 1937 ebenfalls von den New Yorker Zensoren abgelehnt. Sein Titel greift nach Wikipedia Anslingers Artikel auf.

Nach Bret Wood von Turner Classic Movies zogen Wanderkinobetreiber mit den Kopien von Stadt zu Stadt, traten mitunter als Ärzte verkleidet auf und verkauften Aufklärungsheftchen. Verleiher wechselten Titel und Werbefeldzüge: „Tell Your Children“ wurde fallen gelassen, weil der Titel zu wenig Sensation versprach; der Film lief 1939 als „The Burning Question“, als „Doped Youth“ und vermutlich ab 1947 als „Reefer Madness“. Mehr dazu in Reefer Madness: ein Lehrfilm und sein Nachleben.

Was zeigen die Filmplakate?

Die Plakate verbinden drei Motive: Hölle, Enthüllung und Verbot. Das Plakat zu „Marihuana“ trägt nach dem AIHP den Untertitel „Kraut mit Wurzeln in der Hölle“ (unsere Übersetzung) und den Zusatz, der Film sei für Kinder nicht empfohlen. Dazu verspricht es „seltsame Orgien, wilde Partys, entfesselte Leidenschaften“ (unsere Übersetzung). Das UCLA-Archiv nennt Teufelsbilder. Ein zweites Plakat derselben Sammlung, um 1936, beginnt mit „Nur für Erwachsene“ und „Enthüllt“ (unsere Übersetzung) und spricht von zerbrochenen Hoffnungen und verworrenen Leben.

Der Hinweis „nicht für Kinder“ (unsere Übersetzung) wirkt hier doppelt. Er gibt sich als Schutz und ist zugleich Lockmittel, denn er markiert das Gezeigte als verboten und damit als sehenswert.

Die Farbe kennt man aus der Postkarte zu „Reefer Madness“ in den Digital Collections der National Library of Medicine. Nach dem Katalog ist der Grund rot, die Schrift rot, weiß und schwarz. Oben rechts und unten links stehen gezeichnete Figuren, die der Katalog als berauscht beschreibt, unten rechts ein Schwarzweißfoto zweier Darsteller. Die Zeichnung steigert, das Foto soll beglaubigen.

Was sagt diese Bildsprache?

Die Bildsprache sagt vor allem, dass Warnung und Werbung dieselben Mittel teilten. Rot und Schwarz auf der späteren Postkarte, die gesteigerte Reihung von Substantiven, die große Schrift und die Ausrufezeichen passen zu dem jahrmarktartigen Getöse, mit dem diese Filme nach dem UCLA-Archiv vorgeführt wurden. Sie sollten aufhalten, nicht erklären. Statt der Gefahr selbst stehen Stellvertreter im Bild: der Teufel, der Fremde mit der Zigarette, das Mädchen auf dem Gehsteig in Anslingers Text, die Jugend als Opfer.

Fisher hält fest, dass Anslinger in diesem Artikel kaum mit ethnischen Zuschreibungen arbeitete, wohl aber mit der Angst um die Jugend. Die Ausstellung „Contested Cannabis“ verweist darauf, dass die Propaganda zugleich Cannabis mit afroamerikanischen Jazzmusikern verband und rassistische Stereotype bediente. Den Zusammenhang mit der Musik beleuchtet unser Beitrag Jazz und Cannabis in den 1930er Jahren.

Was blieb von dieser Bildsprache?

Geblieben ist das Prinzip der einen, zugespitzten Formel, verloren ging der Jahrmarkt. Die Ausstellung „Contested Cannabis“ zeigt Aushänge aus den 1950er und 1960er Jahren, die weiter Wahnsinn, Zügellosigkeit und Gewalt behaupteten. In den 1980er Jahren verteilte die Partnership for a Drug-Free America Fernsehspots, nach JSTOR Daily darunter den Spot mit der Bratpfanne und dem Satz, dies sei Ihr Gehirn unter Drogen. Joseph Moreau beschreibt die Spots in einem Aufsatz im Journal of Social History als bewusste Weigerung, mit einem Gegenüber zu argumentieren. Das Bild ist sachlicher als ein Teufel, die Methode ähnlich.

Zugleich wurden die alten Stücke selbst zum Gegenstand, von der Warnkarte in Madison 1971 bis zu den Mitternachtsvorführungen von „Reefer Madness“ ab 1972, die Wood beschreibt. Welche Häuser Material zur Geschichte des Cannabis zeigen, finden Sie unter Sammlungen und Ausstellungen.

Häufige Fragen

Wie haben Plakate in den 1930er Jahren vor Cannabis gewarnt?

Plakate warnten in den 1930er Jahren mit Schrift, Farbe und Stellvertreterbildern. Aushänge wie der der Inter-State Narcotic Association aus Chicago reihten Wörter wie Mord, Wahnsinn und Tod. Filmplakate wie das zu „Marihuana“ (1936) arbeiteten mit Teufelsbildern und dem Hinweis „nicht für Kinder“ (unsere Übersetzung), die Postkarte zu „Reefer Madness“ mit Rot, Weiß und Schwarz.

Wer hat diese Plakate hergestellt?

Der Aushang aus Chicago stammt nach dem Objekteintrag des AIHP von der Inter-State Narcotic Association. Den Film „Marihuana“ (1936) vertrieb nach dem AFI Catalog Road Show Attractions; wer das Filmplakat gestaltet und gedruckt hat, nennen die Einträge nicht. Das Federal Bureau of Narcotics unter Harry J. Anslinger verbreitete nach der Ohio State University 1935 eine Anzeige.

Wo kann man solche Plakate heute ansehen?

Digitalisate und Katalogeinträge zu Warnplakaten vor Cannabis bieten unter anderem das American Institute of the History of Pharmacy, die National Library of Medicine und die Wisconsin Historical Society. Die Rechte sind nach den Einträgen teils ungeklärt.

Was wir nicht wissen

Die Datierung der Plakate ist unsicher. Das Plakat „Marihuana“ mit dem Untertitel über die Wurzeln in der Hölle trägt im Eintrag des American Institute of the History of Pharmacy das Datum 1939, die Beschreibung nennt um 1936; die Ausstellung desselben Instituts setzt ihre Beispiele in die 1950er und 1960er Jahre. Gestalter und Druckereien nennen die Einträge nicht. Ob das Federal Bureau of Narcotics eigene Plakate drucken ließ und ob die Anzeige von 1935 dem Aushang aus Chicago gleicht, konnten wir nicht prüfen; ihren Text haben wir nicht gesehen. Worauf sich der Spott im Eintrag der Wisconsin Historical Society bezieht, bleibt offen.

Die Kataloge der Library of Congress konnten wir am 15. Oktober 2026 nicht öffnen, einen Eintrag der National Library of Medicine zum Plakat „Marihuana“ (nlmuid 101460258) ebenfalls nicht. Die Farben des Plakats „Marihuana“ kennen wir nicht. Eric Schaefers Buch zur Geschichte des Exploitationfilms haben wir nicht eingesehen. Die Bilder selbst binden wir bewusst nicht ein.

Hinweis: Dieser Beitrag informiert über Geschichte, Kultur und Forschungsstand und ruft weder zum Konsum noch zum Erwerb von Cannabis auf. Stand: 15.10.2026.

Quellen

  1. American Institute of the History of Pharmacy: Marihuana-Filmplakat mit dem Zusatz Not Recommended for Children, um 1936 (Objekteintrag 216, Digitalsammlung; Originaltitel verkürzt und ohne Ausrufezeichen wiedergegeben) (öffnet in neuem Tab)aihp.omeka.net · abgerufen am
  2. American Institute of the History of Pharmacy: Adults Only. Exposed. Marihuana Poster (Objekteintrag, Digitalsammlung; Titel ohne Ausrufezeichen wiedergegeben) (öffnet in neuem Tab)aihp.omeka.net · abgerufen am
  3. American Institute of the History of Pharmacy: Beware of Marihuana Placard, Inter-State Narcotic Association, um 1940 (Objekteintrag, Digitalsammlung) (öffnet in neuem Tab)aihp.omeka.net · abgerufen am
  4. American Institute of the History of Pharmacy: Contested Cannabis, Abschnitt Propaganda and Education (Online-Ausstellung) (öffnet in neuem Tab)aihp.omeka.net · abgerufen am
  5. Wisconsin Historical Society: Inter-State Narcotic Association Marijuana Warning Poster, September 1971 (Bildeintrag, Madison People's Poster and Propaganda Collection) (öffnet in neuem Tab)wisconsinhistory.org · abgerufen am
  6. National Library of Medicine, Digital Collections: Postkarte mit dem Plakat zu Reefer Madness (Objekteintrag nlmuid 101460274) (öffnet in neuem Tab)collections.nlm.nih.gov · abgerufen am
  7. UCLA Film & Television Archive: Forbidden Fruit. The Golden Age of the Exploitation Picture (Filmreihe, September 2019) (öffnet in neuem Tab)cinema.ucla.edu · abgerufen am
  8. UCLA Film & Television Archive: She Shoulda Said No / Narcotic / Marihuana (Programmtext, 20.09.2019) (öffnet in neuem Tab)cinema.ucla.edu · abgerufen am
  9. AFI Catalog of Feature Films: Marihuana (1936), Regie Dwain Esper (American Film Institute) (öffnet in neuem Tab)catalog.afi.com · abgerufen am
  10. AFI Catalog of Feature Films: Assassin of Youth (1937), Regie Elmer Clifton (American Film Institute) (öffnet in neuem Tab)catalog.afi.com · abgerufen am
  11. Bret Wood: Reefer Madness (Turner Classic Movies, Artikel, 18.08.2020) (öffnet in neuem Tab)tcm.com · abgerufen am
  12. George Fisher: Racial Myths of the Cannabis War. Boston University Law Review 101 (2021), S. 933 ff. (PDF) (öffnet in neuem Tab)bu.edu · abgerufen am
  13. Origins (Ohio State University): The Illegalization of Marijuana. A Brief History, Bildteil mit Bildunterschriften (öffnet in neuem Tab)origins.osu.edu · abgerufen am
  14. Livia Gershon: The Story Behind This Is Your Brain on Drugs (JSTOR Daily, 19.10.2022) (öffnet in neuem Tab)daily.jstor.org · abgerufen am
  15. Wikipedia (englisch, ergänzend): Assassin of Youth (öffnet in neuem Tab)en.wikipedia.org · abgerufen am

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