Urushi: eine Materialgeschichte des Lacks
Urushi ist Lack aus dem Saft des ostasiatischen Lackbaums. Er härtet durch ein Enzym in feuchter Wärme, Schicht um Schicht; Europa konnte ihn nur nachahmen.
Urushi ist ein Lack aus dem Saft des Lackbaums in Ostasien, der nicht einfach trocknet, sondern mit Hilfe eines Enzyms in feuchter Wärme härtet, in vielen dünnen Schichten. Europa konnte den Lack selbst nicht herstellen und ahmte ihn mit eigenen Rezepten nach, in Großbritannien unter dem Namen Japanning.
Im Victoria and Albert Museum in London liegt eine schwarze Speisedose aus fünf Teilen: ein Kasten, ein Deckel, drei Etagen, 22 Zentimeter hoch. Der Lackkünstler Murose Kazumi hat sie 2004 in Tokio gefertigt, Lack auf Holz, verziert mit Streifen in maki-e. Das Museum merkt an, dass der Dekor schlicht wirkt, aber anspruchsvolle Arbeitsgänge verlangt. Was man sieht, ist eine Oberfläche. Was man nicht sieht, sind die Schichten darunter und die Zeit, die jede von ihnen gebraucht hat.
Der Saft
Urushi ist zunächst ein Naturstoff. Der Art & Architecture Thesaurus, den das neuseeländische Museum Te Papa für seine Sammlung verwendet, beschreibt urushi als harzige Absonderung aus dem Saft des Lackbaums Rhus verniciflua oder anderer Bäume derselben Familie in Ostasien. Der Begriff steht dort zugleich für die Objekte aus diesem Lack und für die Technik des Lackierens. Die Chemiezeitschrift der IUPAC nennt neben dem älteren Namen auch die heutige botanische Bezeichnung Toxicodendron vernicifluum.
Gewonnen wird der Saft laut dem Metropolitan Museum of Art einmal im Jahr: Man schneidet Kerben in die Bäume und fängt den zähen Saft auf. Der rohe Saft wird schonend erwärmt, damit Feuchtigkeit und Verunreinigungen entweichen. Die IUPAC-Zeitschrift spricht von Rühren und Erwärmen als Aufbereitung.
Das Met beschreibt den Saft als hochgiftig und den Baum als nahen Verwandten des Gifteffeus. Der Hauptbestandteil heißt Urushiol. Chemisch ist das kein einzelner Stoff, sondern ein Gemisch von Brenzcatechinen mit einer Seitenkette aus 15 oder 17 Kohlenstoffatomen und bis zu drei Doppelbindungen, so die IUPAC-Zeitschrift. Für eine glatte Schicht sollte der Urushiol-Anteil im Rohsaft über 45 Prozent liegen, besser bei 70 Prozent. Die genaue Zusammensetzung hängt von der Herkunft ab.
Härten statt trocknen
In Werkstattbeschreibungen heißt es oft, der Lack „trocknet“. Das Met schreibt, jede dünne Schicht werde in einem warmen, feuchten und zugfreien Schrank getrocknet. Chemisch passiert etwas anderes. Der Thesaurus formuliert es knapp: Urushi härtet durch oxidative Polymerisation, wenn dünne Schichten bei mäßiger Temperatur hoher Luftfeuchte ausgesetzt sind.
Die IUPAC-Zeitschrift nennt den Antrieb dieser Reaktion. Es ist ein kupferhaltiges Enzym, die Laccase, die etwa ein Prozent des Rohsafts ausmacht. Sie setzt an der Luft Elektronenübertragungen in Gang, an denen sowohl der aromatische Ring als auch die Seitenketten beteiligt sind. Im gehärteten Lack findet die Elementaranalyse keinen Stickstoff mehr; Reste des Enzyms liegen also unter der Nachweisgrenze von 0,01 Prozent. Kohlenhydrate aus dem Saft geben dem Polymer Struktur und beeinflussen, ob die Schicht glatt wird.
Für eine Schicht von guter Qualität nennt die Zeitschrift zwei Werte: eine hohe, gleichbleibende Luftfeuchte von 75 bis 85 Prozent und eine Temperatur von 25 bis 30 Grad Celsius. Das erklärt den Schrank, von dem das Met spricht. Er ist kein Trockenschrank im üblichen Sinn, sondern ein Raum, der Feuchte hält.
Das Ergebnis beschreibt das Met als eine Art natürlichen Kunststoff. Gehärteter Lack widersteht Wasser und Säure und bis zu einem gewissen Grad auch Hitze.
Schicht um Schicht
Weil jede Schicht dünn sein muss und einzeln härtet, ist Lackarbeit langsam. Das Met schreibt, dass hochwertige Stücke dreißig und mehr Schichten brauchen können, was die Herstellung langsam und aufwendig macht.
Das Getty Museum hat den Aufbau für eine Ausstellung japanischen Exportlacks im Jahr 2009 Schritt für Schritt beschrieben. Am Anfang steht ein Kern aus Kiefer oder Zypresse, dessen Holz bis zu 50 Jahre lagern kann. Auf zwei Grundschichten Lack wird Leinen gebunden, das Fugen verdeckt und die Fläche ausgleicht. Darauf folgen 20 bis 25 Lackschichten. Jede härtet im Schrank und wird mit Holzkohle und Poliersteinen geschliffen. Die ersten dieser Schichten enthalten zunehmend feineren Ton, damit sich das Gewebe nicht abzeichnet. Danach kommt schwarz pigmentierter Lack in immer feineren Lagen. Für die letzten Schichten wird der Lack viele Male gefiltert.
Erst dann beginnt der Dekor. Bei maki-e, wörtlich „gestreutes Bild“, wird Gold- oder Silberpulver auf Lack gestreut, der noch nicht gehärtet ist. Nach Getty geschieht das in vielen Arbeitsgängen und fügt noch einmal rund 15 Schichten hinzu. Das Met zählt maki-e zu den großen dekorativen Leistungen Japans. Gold- und Silberfolie als Einlage kam laut Met in der Nara-Zeit auf, vermutlich aus dem China der Tang-Zeit übernommen, und entwickelte sich in Japan eigenständig weiter.
Dosen im Museum
Die Formen, in denen Lack heute in Museen liegt, sind oft klein und gegliedert. Um Dosen aus einem anderen Material geht es in Steinzeug und die Deckeldose. Das Met verwahrt einen Schreibkasten, japanisch suzuribako, aus dem 18. Jahrhundert: 2,9 Zentimeter hoch, 19,1 breit, 20,3 tief. Der Deckel trägt Gold und Silber in togidashi maki-e auf schwarzem Grund. Innen liegt ein Grund aus nashiji. Der Katalog vermerkt, dass der Deckel wahrscheinlich im 19. Jahrhundert neu lackiert wurde. Lack wurde also nicht nur gemacht, sondern auch erneuert.
Noch kleiner ist das inrō. Das Met beschreibt es in einem Essay über Netsuke als gestapelte, ineinandergesetzte Behälter für Siegel oder Arznei. Ursprünglich trugen Männer des Kriegerstands sie zum Kimono. Weil der Kimono ein einfaches, T-förmiges Gewand war, hingen kleine Dinge an Schnüren vom Gürtel, dem obi. Das Netsuke hielt als Gegengewicht, eine Perle auf der Schnur, das ojime, ließ sich verschieben, um den Behälter zu öffnen und zu schließen. Ein inrō im Met aus dem 19. Jahrhundert misst 6,3 mal 5,4 mal 2,8 Zentimeter. Auf so wenig Fläche zeigt es einen Fuchs-Hochzeitszug in Gold und Farbe, innen ist es mit Silberlack ausgekleidet.
Die Speisedose von Murose Kazumi im V&A gehört in dieselbe Reihe gegliederter Behälter, aber in die Gegenwart. Murose arbeitet laut Museum auch als Restaurator historischen Lacks und wurde 2008 in Japan als Träger eines wichtigen immateriellen Kulturguts anerkannt, bekannt als „Lebender Nationalschatz“. Die Dose ist nicht ausgestellt; das V&A zeigt sie nach Vereinbarung.
Europa ahmt nach
Ostasiatische Lackarbeiten erreichten Europa laut V&A etwa im frühen 16. Jahrhundert, zuerst über die portugiesischen Seewege um Afrika, im frühen 17. Jahrhundert verstärkt über die niederländische und die englische Ostindien-Kompanie. Von etwa den 1570er Jahren bis 1630 fertigten japanische Werkstätten den sogenannten Nanban-Lack für portugiesische Kunden, in westlichen Formen wie Kabinetten und Schalen, meist Gold auf Schwarz. Ab den 1630er Jahren wurde der Dekor bildhafter, passend zum Geschmack der Niederländer.
Das Getty Museum beschreibt den Weg vieler kleiner Behälter: Sie entstanden in Kyoto und gingen nach Deshima, einer kleinen Insel im Hafen von Nagasaki, von wo niederländische Kaufleute sie nach Europa verschifften. Ein Beispiel ist die sogenannte Van-Diemen-Dose von 1636 bis 1639, in der Form eines japanischen Dokumentenkastens, auf der Deckelunterseite mit dem Namen von Maria van Diemen. Ihr Mann war von 1636 bis 1645 niederländischer Generalgouverneur in Ostindien.
Den Lack selbst konnte Europa nicht herstellen. Das V&A verweist darauf, dass das Harz auf den langen Seereisen härtete, was echten Lack zusätzlich rar machte. In Großbritannien wurde „japan“ zum Wort für Lack, so wie „china“ für Porzellan. Das V&A fasst alle europäischen Nachahmungen asiatischen Lacks unter dem Begriff „japanned“ zusammen. Die Werkstätten arbeiteten mit eigenen Rezepten, vor allem mit Sandarak, dem Harz eines nordafrikanischen Baums, und Schellack, einem Harz aus Insektenabsonderungen. Manche Stücke sind nach V&A ohne genaue Untersuchung kaum von ostasiatischem Lack zu unterscheiden.
Die Zentren lagen verstreut. Im belgischen Spa entstanden früh Kästchen und Toilettenkästen für Kurgäste. Gérard Dagly arbeitete für den Berliner Hof, sein Bruder Jacques ging nach Dresden, das unter August II. ein wichtiger Ort des Japanning wurde. In Paris wurde ein glänzender Farbfirnis nach den Brüdern Guillaume und Étienne-Simon Martin benannt: Vernis Martin. In England verbreitete 1688 der Treatise of Japaning and Varnishing von Stalker und Parker Vorlagen. Nach etwa 1765 verlor Lack auf Möbeln nach dem V&A an Beliebtheit. In einem Eisenwerk in Pontypool in Wales entstand ein Verfahren, einen lackähnlichen Firnis auf verzinntes Eisenblech aufzutragen; später wurde es auch in Birmingham und auf Pappmaché angewandt. Der Firnis wurde dabei langsam in Öfen getrocknet.
Darin liegt der Unterschied der Materialien. Urushi härtet mit Hilfe eines Enzyms in feuchter Wärme. Für die europäische Nachahmung auf Blech beschreibt das V&A dagegen das langsame Trocknen im Ofen.
Wo Lack heute zu sehen ist
Bis Anfang 2024 gab es in Münster ein Museum für Lackkunst. Nach einer Pressemitteilung von BASF vom 15. Dezember 2023 hat der Landschaftsverband Westfalen-Lippe die Sammlung übernommen: rund 1.250 Lackkunstobjekte aus Südostasien, Südkorea, Japan, China und der islamischen Welt, dazu historische Bücher. Das Museum schloss zum 1. Februar 2024, die Sammlung sollte im selben Jahr in die Bestände des LWL-Museums für Kunst und Kultur eingehen. Ältere Darstellungen, nach denen das Münsteraner Lackmuseum weiterbesteht, sind überholt.
Vom 4. April bis 27. Juli 2025 zeigte das LWL-Museum die Ausstellung „Faszination Lack – Kunst aus Asien und Europa“ mit Objekten der ehemaligen Sammlung, wie auch das Asienzentrum der Universität Münster angekündigt hat. Unter den Pressebildern ist ein inrō mit Jagdfalken, Japan, erste Hälfte des 19. Jahrhunderts.
Häufige Fragen
Was ist Urushi?
Urushi ist eine harzige Absonderung aus dem Saft des Lackbaums, botanisch Rhus verniciflua oder heute Toxicodendron vernicifluum, und anderer Bäume derselben Familie in Ostasien. Der Hauptbestandteil heißt Urushiol, ein Gemisch von Brenzcatechinen. Das Wort steht zugleich für die Objekte aus diesem Lack und für die Technik des Lackierens.
Wie härtet Urushi-Lack?
Urushi trocknet nicht im üblichen Sinn, sondern härtet durch oxidative Polymerisation, angetrieben von dem kupferhaltigen Enzym Laccase im Saft. Dafür braucht jede dünne Schicht eine hohe, gleichbleibende Luftfeuchte von 75 bis 85 Prozent und 25 bis 30 Grad Celsius, meist in einem warmen, feuchten Schrank. Hochwertige Stücke können dreißig und mehr Schichten haben.
Was ist Japanning?
Japanning heißt in Großbritannien die Nachahmung ostasiatischen Lacks mit europäischen Mitteln; das Victoria and Albert Museum fasst alle europäischen Nachahmungen unter dem Begriff „japanned“ zusammen. Weil Europa Urushi nicht herstellen konnte, arbeiteten die Werkstätten mit eigenen Rezepten, vor allem mit den Harzen Sandarak und Schellack. Anders als Urushi wurde der Firnis etwa auf Eisenblech langsam im Ofen getrocknet.
Was wir nicht wissen
Woher das Wort urushi stammt, haben wir in keinem Wörterbuch nachgeschlagen. Die Schichtzahlen unterscheiden sich je nach Quelle: Das Met spricht von dreißig und mehr, Getty von 20 bis 25 und rund 15 weiteren für den Dekor; es hängt vom Stück ab. Die Beschreibung der Ernte beim Met gilt für Ostasien allgemein, nicht eigens für Japan. Wie und wo die Münsteraner Sammlung nach dem Ende der Ausstellung im Juli 2025 zu sehen ist, haben wir auf einer Seite des LWL nicht geprüft.
Weiterlesen: Patina: wie Kupfer und Messing altern · Kork: ein Material aus Rinde
Stand: 13.10.2026. Quellen siehe unten.
Quellen
- Lacquerware of East Asia (The Metropolitan Museum of Art, Heilbrunn Timeline of Art History, Department of Asian Art, Oktober 2004) (öffnet in neuem Tab)
- Properties and Processing of Qi-Lacquer (IUPAC, Chemistry International, Bd. 27, Nr. 1, Januar–Februar 2005; Autor auf der Seite nicht genannt, verweist auf Langhals und Bathelt 2003) (öffnet in neuem Tab)
- urushi (Te Papa, Collections Online, Begriff nach dem Art & Architecture Thesaurus) (öffnet in neuem Tab)
- Tales in Sprinkled Gold: Japanese Lacquer for European Collectors (J. Paul Getty Museum, Ausstellung 2009) (öffnet in neuem Tab)
- East Asian lacquer influence (Victoria and Albert Museum) (öffnet in neuem Tab)
- Box, Murose Kazumi, 2004 (Victoria and Albert Museum, Museumsnummer FE.318:1 to 5-2005) (öffnet in neuem Tab)
- Case (Inrō) with Design of Fox Wedding Procession (The Metropolitan Museum of Art, 13.67.46) (öffnet in neuem Tab)
- Writing box (Suzuribako) with Pines, Hawk, and Sparrows (The Metropolitan Museum of Art, 38.25.94a–d) (öffnet in neuem Tab)
- Netsuke: From Fashion Fobs to Coveted Collectibles (The Metropolitan Museum of Art, Heilbrunn Timeline, November 2009) (öffnet in neuem Tab)
- Neuzugang beim LWL-Museum für Kunst und Kultur (BASF, Pressemitteilung, 15. Dezember 2023) (öffnet in neuem Tab)
- Faszination Lack – Kunst aus Asien und Europa, Pressebilder (LWL-Museum für Kunst und Kultur, Stand 31.03.2025) (öffnet in neuem Tab)
- Ausstellung „Faszination Lack“ (Universität Münster, Asienzentrum, 2025) (öffnet in neuem Tab)