Cannabinoide außerhalb des Hanfs

Cannabinoide gibt es nicht nur im Hanf: Lebermoose der Gattung Radula und die südafrikanische Strohblume Helichrysum umbraculigerum bilden sie ebenfalls.

Text: Redaktion · 8 Minuten · Stand

KI-Agenten haben diesen Text nach festen Regeln recherchiert, geschrieben und geprüft. Verantwortlich: siehe Impressum.

Faktencheck läuft. Einzelne Angaben in diesem Beitrag prüfen wir gerade noch einmal an den Quellen.

Ja, Cannabinoide kommen auch außerhalb des Hanfs vor: Laut einer 2023 in Nature Plants erschienenen Studie des Weizmann-Instituts bildet die südafrikanische Strohblume Helichrysum umbraculigerum Cannabinoide wie die Cannabigerolsäure (CBGA) auf eigenem Weg. Lebermoose der Gattung Radula bilden das Perrottetinen, das dem Tetrahydrocannabinol (THC) aus dem Hanf im Bau ähnelt; 2018 beschrieb ein Team der Universität Bern und der ETH Zürich in Science Advances, dass es im Mausversuch über den Cannabinoid-Rezeptor CB1 ansetzt. Daneben gibt es Pflanzenstoffe, die Cannabinoiden nur ähneln, und solche, die im Labor an Cannabinoid-Rezeptoren binden, ohne im Bau welche zu sein.

Auf einen Blick

  • Phytocannabinoide sind nach einer Übersichtsarbeit von 2021 Naturstoffe mit einem Resorcin-Kern und einem Terpen-Anteil; Endocannabinoide wie das 1992 beschriebene Anandamid bildet der Körper selbst.
  • Das Perrottetinen aus Radula-Lebermoosen identifizierte der japanische Pflanzenchemiker Yoshinori Asakawa 1994.
  • Helichrysum umbraculigerum speichert Cannabigerolsäure in Drüsenhaaren der Blätter, mit bis zu 4,3 Prozent des Trockengewichts.
  • Säuren vom Typ des THC oder des Cannabidiols (CBD) fand das Weizmann-Team in dieser Pflanze nicht.
  • Rhododendron dauricum bildet Daurichromensäure, deren Bau und Bildungsweg der Forschung zufolge Cannabinoiden ähneln.
  • Beta-Caryophyllen, ein Duftstoff aus Pfeffer, Oregano und Zimt, bindet im Labor an den Cannabinoid-Rezeptor CB2, ist im Bau aber kein Cannabinoid.

Was ist ein Cannabinoid, und was unterscheidet Phyto- von Endocannabinoiden?

Der Begriff wird in zwei Bedeutungen gebraucht: nach dem chemischen Bau und nach der Bindung an bestimmte Rezeptoren. Wer chemisch denkt, meint mit Phytocannabinoiden pflanzliche Stoffe einer bestimmten Bauart. Die Übersichtsarbeit von Arif und Kollegen in der Zeitschrift Plants beschreibt sie als Meroterpenoide mit Resorcin-Kern, also Moleküle, die aus einem Polyketid- und einem Terpen-Teil zusammengesetzt sind; die Seitenkette hat meist eine ungerade Zahl von Kohlenstoffatomen. THC, CBD und Cannabigerol (CBG) aus dem Hanf gehören dazu.

Endocannabinoide sind dagegen körpereigene Stoffe. 1992 berichtete eine Gruppe um William Devane und Raphael Mechoulam in Science, dass sie aus Schweinehirn einen Abkömmling der Arachidonsäure gewonnen hatte, der an den Cannabinoid-Rezeptor bindet; sie nannte ihn Anandamid. Chemisch hat er mit den Pflanzenstoffen wenig gemein. Wie es zu dieser Entdeckung kam, erzählt unser Beitrag Raphael Mechoulam, eine Forschungsgeschichte.

Die zweite, funktionale Bedeutung zählt jeden Stoff zu den Cannabinoiden, der an die Rezeptoren CB1 oder CB2 bindet, gleich wie er gebaut ist; in diesem Sinn verwenden Jürg Gertsch und Kollegen den Begriff 2008. Diese Unterscheidung erklärt, warum Fachartikel scheinbar Widersprüchliches sagen: Ein Stoff kann im Bau ein Cannabinoid sein und im Labor kaum an Rezeptoren binden, ein anderer bindet und ist im Bau keines.

Was bildet das Lebermoos Radula?

Lebermoose der Gattung Radula bilden das Perrottetinen, einen Stoff, der dem THC im Bau ähnelt. Nach der Medienmitteilung der Universität Bern identifizierte Yoshinori Asakawa ihn 1994 im Lebermoos Radula perrottetii, das demnach in Japan, Neuseeland und Costa Rica wächst. Die Übersichtsarbeit von Arif und Kollegen nennt dazu die Arten R. marginata und R. laxiramea.

Chemisch ist Perrottetinen ein Bibenzyl-Cannabinoid. Die Kurzfassung der Studie von 2018 beschreibt das natürliche cis-Perrottetinen als dem trans-Δ9-THC aus Cannabis sativa ähnlich; nach der Berner Mitteilung sind die Atome ähnlich verknüpft, aber räumlich anders angeordnet, und es trägt zusätzlich eine Benzylgruppe.

Anlass der Untersuchung war nach der Kurzfassung, dass Radula-Zubereitungen im Internet als legaler Rauschstoff, in der Studie „legal high“ genannt, angeboten wurden, obwohl pharmakologische Daten fehlten. Die Gruppe von Erick Carreira an der ETH Zürich entwickelte eine Synthese, mit der sich der Stoff in ausreichender Menge und in beiden räumlichen Formen herstellen ließ; aus dem Moos allein wäre das laut Mitteilung nicht möglich gewesen.

Was zeigte die Studie von 2018?

Die Studie zeigte im Tierversuch, dass Perrottetinen über den CB1-Rezeptor ansetzt. Andrea Chicca, Jürg Gertsch und Kollegen berichten, dass beide Formen des Stoffs bei Mäusen das Gehirn erreichten und die beobachteten Veränderungen vom CB1-Rezeptor abhingen; an anderen wichtigen Rezeptoren des Gehirns fanden sie ein selektives Cannabinoid-Profil. Zugleich beschreiben sie Unterschiede zum THC.

Es handelt sich um Grundlagenforschung an Mäusen und Zellen, nicht um Befunde am Menschen. Für die Autoren ist der Fund vor allem ein Beleg dafür, dass sich Cannabinoide im Pflanzenreich mehrfach unabhängig entwickelt haben. Gertsch nannte es in der Mitteilung erstaunlich, dass nach damaligem Wissen nur zwei Pflanzenarten, getrennt durch 300 Millionen Jahre Evolution, solche Cannabinoide bilden (Stand: Oktober 2018).

Was fand das Weizmann-Institut in Helichrysum umbraculigerum?

In der südafrikanischen Strohblume Helichrysum umbraculigerum fand das Team um Paula Berman und Asaph Aharoni Cannabinoide, die die Pflanze auf eigenem Weg bildet. Sie ist nach Angaben des Instituts eine schnellwachsende Staude aus Südafrika und gehört zur Familie der Korbblütler, zu der auch Sonnenblume und Lattich zählen; mit dem Hanf ist sie nicht näher verwandt.

Laut Pressemitteilung identifizierte die Gruppe mehr als 40 Cannabinoide, über 30 davon bis dahin unbekannt. Sechs stimmen mit Stoffen aus dem Hanf überein, darunter das Cannabigerol, aber nicht THC und CBD. Die Studie selbst nennt Cannabigerolsäure mit bis zu 4,3 Prozent des Trockengewichts der Blätter sowie Cannabichromensäure; Cannabinoide vom Typ der THC- oder CBD-Säure wiesen die Forschenden in keinem Gewebe nach.

Anders als beim Hanf, wo die Blütenstände den Hauptort bilden, sammeln sich die Stoffe hier vor allem in Drüsenhaaren der Blätter. Was diese Drüsenhaare sind, erklärt unser Beitrag Trichome, die Drüsenhaare der Pflanzen.

Zur Vorgeschichte: Nach der Studie berichteten Bohlmann und Hoffmann bereits 1979 über Cannabigerolsäure in der Pflanze; eine Untersuchung von 2017 konnte das nicht bestätigen. Berman und Kollegen bestätigen den Befund nun und beschreiben die Enzyme dazu. Ihr Vergleich der Gene zeigt nach eigenen Worten, dass sich die Cannabinoid-Bildung in Helichrysum und im Hanf parallel entwickelt hat. Welche Aufgabe die Stoffe für die Pflanze haben, ist laut Aharoni noch offen.

Was haben Rhododendron und Pilze damit zu tun?

Einige Rhododendren und Pilze bilden Stoffe, die Cannabinoiden im Bau und Bildungsweg ähneln, ohne dass sie im engeren Sinn welche sein müssen. Rhododendron dauricum bildet die Daurichromensäure. Taura und Kollegen beschreiben 2016 in Frontiers in Plant Science die bauliche Ähnlichkeit mit Cannabinoiden und einen Bildungsweg in drei Schritten, wie man ihn vom Hanf kennt: Aufbau eines Polyketids, Anhängen eines Terpen-Bausteins, Ringschluss.

2017 beschrieb eine Gruppe um Iijima und Taura in Plant Physiology das Enzym für den letzten Schritt. Es formt aus Grifolsäure die Daurichromensäure, die in Drüsenschuppen an der Oberfläche der Pflanze entsteht und sich außerhalb der Zellen anreichert. Der Reaktionsweg gleicht nach den Autoren teilweise dem der Cannabinoid-Synthasen aus dem Hanf; neu ist nach der Kurzfassung die Zyklisierung eines Farnesyl-Rests, eines anderen Terpen-Bausteins als beim Hanf.

Die Übersicht von Arif und Kollegen nennt weitere Beispiele, darunter den Pilz Cylindrocarpon olidum und die Pflanzen Amorpha fruticosa und Glycyrrhiza foetida. Die Autoren fassen den Begriff dabei weit; viele dieser Stoffe weichen vom typischen Bau des Hanfs ab.

Ist Beta-Caryophyllen ein Cannabinoid?

Im chemischen Sinn nicht, im funktionalen nach einem Laborbefund schon. Beta-Caryophyllen ist ein Sesquiterpen, also ein Duftstoff ohne Resorcin-Kern. Nach der ETH Zürich kommt es in Gewürzpflanzen wie Oregano, Basilikum, Zimt und schwarzem Pfeffer vor; die Studie spricht von den ätherischen Ölen zahlreicher Gewürz- und Nahrungspflanzen. Mehr zu diesem und anderen Duftstoffen lesen Sie in Terpene erklärt.

Jürg Gertsch und Kollegen berichteten 2008 in PNAS, dass der Stoff in Zellversuchen selektiv an den CB2-Rezeptor bindet, mit einer Bindungskonstante von 155 Nanomol. An den CB1-Rezeptor bindet er nach der ETH-Mitteilung nicht. Die Autoren gaben ihrer Arbeit den Titel „Beta-caryophyllene is a dietary cannabinoid“, sinngemäß „ein Cannabinoid aus der Nahrung“ (unsere Übersetzung). Der Titel folgt der funktionalen Bedeutung des Begriffs; eine Aussage über die Gesundheit von Menschen ist damit nicht verbunden.

Häufige Fragen

Welche Pflanzen außer Hanf bilden Cannabinoide?

Belegt sind Lebermoose der Gattung Radula, die das Perrottetinen bilden, und die südafrikanische Strohblume Helichrysum umbraculigerum mit Cannabigerolsäure und Cannabichromensäure. Rhododendron dauricum bildet mit der Daurichromensäure einen verwandten Stoff. Die Grenzen hängen davon ab, wie weit man den Begriff fasst.

Was ist der Unterschied zwischen Phytocannabinoiden und Endocannabinoiden?

Phytocannabinoide sind pflanzliche Stoffe mit Resorcin-Kern und Terpen-Anteil, etwa THC, CBD und CBG. Endocannabinoide bildet der Körper selbst; das Anandamid wurde 1992 als Abkömmling der Arachidonsäure aus Schweinehirn beschrieben. Verbunden sind beide Gruppen über die Cannabinoid-Rezeptoren: An sie binden etwa THC und das Anandamid. Im chemischen Bau unterscheiden sich Phytocannabinoide und Endocannabinoide deutlich.

Enthält Helichrysum umbraculigerum THC?

Nach der Studie des Weizmann-Instituts von 2023 wurde in Helichrysum umbraculigerum kein THC nachgewiesen. Das Weizmann-Team fand Cannabigerolsäure und Cannabichromensäure, aber in keinem Gewebe Cannabinoide vom Typ der THC- oder CBD-Säure.

Was wir nicht wissen

Den Volltext der Studie von Chicca und Kollegen konnten wir am 15. Oktober 2026 nicht öffnen; PubMed Central verlangte eine Browserprüfung. Die Angaben dazu stammen aus der Kurzfassung und der Berner Medienmitteilung. Auch die Volltexte von Gertsch 2008 und Iijima 2017 haben wir nur über Kurzfassungen geprüft, ebenso Devane 1992. Die Arbeiten von Asakawa (1994) und von Bohlmann und Hoffmann (1979) kennen wir nur aus späteren Darstellungen.

Ob die Angabe der Berner Mitteilung, Radula perrottetii wachse nur in Japan, Neuseeland und Costa Rica, dem heutigen Stand entspricht, haben wir nicht geprüft. Unklar bleibt, welche Aufgabe Cannabinoide für Moos, Strohblume und Hanf haben. Ob es weitere Pflanzen mit Cannabinoiden gibt, ist eine offene Forschungsfrage; die Zählung hängt davon ab, wie eng man den Begriff fasst.

Hinweis: Dieser Beitrag informiert über Geschichte, Kultur und Forschungsstand und ruft weder zum Konsum noch zum Erwerb von Cannabis auf. Er macht keine Aussagen über gesundheitliche Wirkungen. Stand: 15.10.2026.

Quellen

  1. Chicca, A., Schafroth, M. A., Reynoso-Moreno, I., Erni, R., Petrucci, V., Carreira, E. M., Gertsch, J. (2018): Uncovering the psychoactivity of a cannabinoid from liverworts associated with a legal high. Science Advances 4, eaat2166 (Eintrag mit Kurzfassung, ETH Research Collection) (öffnet in neuem Tab)research-collection.ethz.ch · abgerufen am
  2. Universität Bern / ETH Zürich: Medienmitteilung zur Perrottetinen-Studie (24.10.2018, über idw – Informationsdienst Wissenschaft) (öffnet in neuem Tab)idw-online.de · abgerufen am
  3. Berman, P., de Haro, L. A., Jozwiak, A., Panda, S., Pinkas, Z. u. a., Aharoni, A. (2023): Parallel evolution of cannabinoid biosynthesis. Nature Plants 9, S. 817–831 (PDF, Publikationsserver der Max-Planck-Gesellschaft) (öffnet in neuem Tab)pure.mpg.de · abgerufen am
  4. Weizmann Institute of Science: Plant Research Reaches a New High (Weizmann Wonder Wander, 01.05.2023) (öffnet in neuem Tab)wis-wander.weizmann.ac.il · abgerufen am
  5. Gertsch, J. u. a. (2008): Beta-caryophyllene is a dietary cannabinoid. Proceedings of the National Academy of Sciences 105(26), S. 9099–9104 (Datensatz mit Kurzfassung, BORIS, Universität Bern) (öffnet in neuem Tab)boris.unibe.ch · abgerufen am
  6. ETH Zürich: Why Cannabis Stems Inflammation (Pressemitteilung über ScienceDaily, 22.07.2008) (öffnet in neuem Tab)sciencedaily.com · abgerufen am
  7. Iijima, M., Munakata, R., Takahashi, H. u. a., Taura, F. (2017): Identification and characterization of daurichromenic acid synthase active in anti-HIV biosynthesis. Plant Physiology 174(4), S. 2213–2230 (Datensatz mit Kurzfassung, Universität Toyama) (öffnet in neuem Tab)toyama-kaken.devel.elsevierpure.com · abgerufen am
  8. Taura, F., Iijima, M., Yamanaka, E. u. a., Morita, H. (2016): A Novel Class of Plant Type III Polyketide Synthase Involved in Orsellinic Acid Biosynthesis from Rhododendron dauricum. Frontiers in Plant Science 7, 1452 (PDF) (öffnet in neuem Tab)frontiersin.org · abgerufen am
  9. Arif, Y., Singh, P., Bajguz, A., Hayat, S. (2021): Phytocannabinoids Biosynthesis in Angiosperms, Fungi, and Liverworts and Their Versatile Role. Plants 10(7), 1307 (Übersichtsarbeit, MDPI) (öffnet in neuem Tab)mdpi.com · abgerufen am
  10. Devane, W. A., Hanuš, L., Breuer, A. u. a., Mechoulam, R. (1992): Isolation and structure of a brain constituent that binds to the cannabinoid receptor. Science 258(5090), S. 1946–1949 (Datensatz mit Kurzfassung, Hebräische Universität Jerusalem) (öffnet in neuem Tab)cris.huji.ac.il · abgerufen am

Weiterlesen

Die Sonntagsausgabe

Drei Objekte, ein Ort und eine Frage, mit Quelle und Stand-Datum. Jeden Sonntag.

Mehr über die Sonntagsausgabe

Sie erhalten eine E-Mail zur Bestätigung (Double-Opt-in). Abmelden ist jederzeit möglich.

CULTIVÉ

CULTIVÉ richtet sich an Erwachsene. Bitte bestätigen Sie, dass Sie mindestens 18 Jahre alt sind.

Seite verlassen

Wir speichern Ihre Bestätigung nur auf diesem Gerät.