Raphael Mechoulam: eine Forschungsgeschichte
Der israelische Chemiker Raphael Mechoulam (1930–2023) klärte 1963 die Struktur von CBD, isolierte 1964 mit Yehiel Gaoni das THC und fand 1992 das Anandamid.
Raphael Mechoulam (1930–2023) war ein israelischer Chemiker, der laut seinem eigenen Rückblick von 2022 rund 65 Jahre lang Naturstoffe erforschte, vor allem die Cannabinoide, also die typischen Inhaltsstoffe des Hanfs, über Jahrzehnte an der Hebräischen Universität Jerusalem. 1963 beschrieb er mit Y. Shvo die Struktur des Cannabidiols (CBD), 1964 isolierte er mit Yehiel Gaoni das Delta-9-Tetrahydrocannabinol (THC) in reiner Form und klärte seine Struktur auf. 1992 beschrieb seine Gruppe in der Zeitschrift Science das Anandamid, einen körpereigenen Stoff, der an den Cannabinoid-Rezeptor bindet, eine Andockstelle an Zellen. Geboren wurde Mechoulam in Sofia; gestorben ist er laut der International Cannabinoid Research Society am 9. März 2023 in seinem Haus in Jerusalem.
Woher kam Raphael Mechoulam?
Mechoulam wuchs in Bulgarien auf und kam als junger Mann nach Israel. Seinem Rückblick zufolge war der Vater Arzt mit Studium in Wien und leitete ein Krankenhaus in Sofia; die Mutter hatte in Berlin studiert. Bis 1941 besuchte der Sohn eine amerikanische Grundschule in Sofia, dann schloss die deutschfreundliche Regierung sie und erließ scharfe antisemitische Gesetze. Die meisten Kriegsjahre verbrachte die Familie in armen Dörfern, der Vater kam 1944 in ein Lager und überlebte.
1949 wanderte die Familie nach Israel aus. Mechoulam studierte an der Hebräischen Universität und schloss mit einem Master in Biochemie ab. Ab 1953 arbeitete er als Wehrpflichtiger etwa zwei Jahre in einer medizinischen Forschungseinheit der Armee, vor allem chemisch und zusammen mit Pharmakologen. Promoviert wurde er bei Franz Sondheimer am Weizmann-Institut in Rehovot, danach forschte er bei William Pelletier am Rockefeller Institute in New York.
Warum gerade Haschisch?
Den Anstoß gab eine Lücke in der Fachliteratur. Anfang der 1960er-Jahre erhielt Mechoulam eine Stelle am Weizmann-Institut. Aus Interesse an Naturstoffen las er, was über den Hanf veröffentlicht war, und stellte nach eigenen Worten fest, dass offenbar noch nie ein aktiver Bestandteil in reiner Form isoliert worden war. Das Cannabidiol war zwar mehr als zwei Jahrzehnte zuvor gewonnen worden, seine Struktur aber nicht vollständig aufgeklärt.
Das Material kam von der Polizei. 1963 erhielt Mechoulam über den Verwaltungsleiter seines Instituts, der einen hohen Beamten der israelischen Polizei kannte, rund fünf Kilogramm beschlagnahmtes Haschisch, nach seiner Vermutung aus dem Libanon geschmuggelt. Wie der Hanf als Kulturpflanze in die Welt kam, lange bevor sich Chemiker für ihn interessierten, erzählt unsere kurze Geschichte des Hanfs.
Was gelang 1963 und 1964?
1963 klärte Mechoulam die Struktur des Cannabidiols, 1964 isolierte er mit Gaoni das THC rein und bestimmte dessen Struktur. Die Arbeit über das CBD erschien 1963 in Tetrahedron unter dem Titel „Hashish—I“, verfasst mit Y. Shvo am Daniel Sieff Research Institute des Weizmann-Instituts.
Im April 1964 folgte im Journal of the American Chemical Society (Band 86, Seiten 1646 und 1647) ein kurzer Bericht von Yehiel Gaoni und Raphael Mechoulam, übersetzt betitelt „Isolierung, Struktur und Teilsynthese eines aktiven Bestandteils von Haschisch“. Nach Mechoulams Darstellung trennten die beiden etwa zehn Verbindungen ab; das THC gewannen sie in reiner Form und klärten seine Struktur auf. Auf die Frage, wer THC entdeckt hat, lautet die genaue Antwort deshalb: Gaoni und Mechoulam haben es 1964 als reine Substanz isoliert und seine Struktur beschrieben.
Damals sprachen die beiden von Delta-1-THC; nach Mechoulam wurde die Verbindung später in Delta-9-THC umbenannt. Warum die Forschung Hanfpflanzen inzwischen nach den Anteilen solcher Inhaltsstoffe ordnet, erklärt unser Beitrag über Chemotypen.
Wie kam es 1992 zum Anandamid?
Das Anandamid fand Mechoulams Gruppe, als sie im Gehirn nach einem körpereigenen Stoff suchte, der an den Cannabinoid-Rezeptor bindet. Wenige Jahre nach seiner Berufung ans Weizmann-Institut war Mechoulam an die Hebräische Universität gewechselt, wo er nach eigener Angabe 55 Jahre blieb. Mitte der 1980er-Jahre hatte Allyn Howlett, so Mechoulam, über einen Rezeptor für Cannabinoide berichtet, der heute CB1 heißt.
William Devane hatte als Doktorand in Howletts Labor an diesem Rezeptor gearbeitet und war nun Postdoktorand in Jerusalem. Gemeinsam mit Mechoulam fuhr er nach Tel Aviv, um Schweinehirne zu kaufen. Aus 4,5 Kilogramm Hirngewebe gewann die Gruppe nach Mechoulams Angaben 0,6 Milligramm der gesuchten Substanz.
Die Arbeit erschien am 18. Dezember 1992 in Science. Unter den zehn Autoren waren Lumír Hanuš und Aviva Breuer aus der Abteilung für Naturstoffe der Medizinischen Fakultät in Jerusalem, Roger Pertwee und Kollegen aus Aberdeen sowie Chemiker des Technion in Haifa. Nach der Kurzfassung leitet sich die Verbindung von der Arachidonsäure ab; die Struktur bestimmten die Autoren mit Massenspektrometrie und Kernspinresonanz und bestätigten sie durch Synthese. Den Namen leitete die Gruppe vom Sanskrit-Wort ananda ab, das Mechoulam mit „bliss“ wiedergibt, Glückseligkeit; man habe damals vermutet, der Stoff habe mit Gefühlen zu tun (unsere Übersetzung).
Was ist 2-AG, und was meint „Endocannabinoid-System“?
2-AG ist ein zweiter körpereigener Stoff dieser Art, den Mechoulams Gruppe 1995 beschrieb. In Biochemical Pharmacology berichteten 15 Autoren aus Jerusalem, Rehovot, Tel HaShomer, Aberdeen und von zwei US-Universitäten über ein körpereigenes 2-Monoglycerid aus dem Darm von Hunden, das an Cannabinoid-Rezeptoren bindet. In seinem Rückblick nennt Mechoulam den Stoff 2-Arachidonoylglycerin und merkt an, dass der Körper davon deutlich größere Mengen enthält als vom Anandamid. Im selben Jahr beschrieb eine Gruppe um Takayuki Sugiura von der Teikyo-Universität in Japan 2-Arachidonoylglycerin als möglichen körpereigenen Liganden des Cannabinoid-Rezeptors im Gehirn.
Unter dem Begriff Endocannabinoid-System fasst Mechoulam ein Netz zusammen: die körpereigenen Cannabinoide, die Enzyme, die sie bilden und abbauen, und zwei Rezeptoren, CB1 und CB2. Der Ausdruck bezeichnet also ein Forschungsfeld, keinen einzelnen Stoff. Ob es Cannabinoide auch in anderen Pflanzen gibt, untersucht unser Beitrag Cannabinoide außerhalb des Hanfs.
Einen weiteren Ausdruck setzte seine Gruppe 1998 in den Titel einer Arbeit im European Journal of Pharmacology: „An entourage effect“. Shimon Ben-Shabat, Mechoulam und Kollegen berichteten dort, dass körpereigene Fettsäure-Glycerinester, die selbst inaktiv sind, im Versuch die Cannabinoid-Aktivität von 2-AG verstärkten. Gemeint war ein Laborbefund über körpereigene Stoffe, keine Aussage über Hanf oder Erzeugnisse daraus.
Wie arbeitete Mechoulam?
Mechoulam arbeitete als Chemiker im Verbund mit anderen Fächern. Sein Gebiet beschreibt er als Chemie und Pharmakologie von Naturstoffen und betont die enge Zusammenarbeit mit Pharmakologen, Biologen und Klinikern. Die Autorenlisten zeigen das: An der Arbeit von 1998 waren Gruppen aus Jerusalem, Rehovot und Neapel beteiligt, dazu ein Mitglied der kriminaltechnischen Abteilung der israelischen Polizei. Das US-amerikanische National Institute on Drug Abuse förderte seine Forschung nach seinem Dank mehr als 40 Jahre lang. Was ihm am Berufsleben besonders viel bedeutete, war nach eigenen Worten die intellektuelle Freiheit.
Über seine Rolle als Lehrer sagen unsere Quellen wenig. Mechoulam dankt den vielen Mitgliedern seines Labors für ihre Hingabe an die Forschung. Wer die Arbeiten mittrug, zeigen die Autorenlisten: Devane kam als Postdoktorand, Shimon Ben-Shabat steht 1995 als Mitautor und 1998 als Erstautor. Auch Leitungsaufgaben übernahm Mechoulam: Als Rektor der Hebräischen Universität half er nach eigenen Worten, einen Fachbereich Informatik aufzubauen.
Häufige Fragen
Wer hat THC entdeckt?
Yehiel Gaoni und Raphael Mechoulam isolierten das THC 1964 in reiner Form und klärten seine Struktur auf. Sie berichteten darüber im April 1964 im Journal of the American Chemical Society.
Wann wurde die Struktur von CBD aufgeklärt?
Die Struktur von Cannabidiol (CBD) wurde 1963 aufgeklärt, in einer Arbeit von Raphael Mechoulam und Y. Shvo in der Zeitschrift Tetrahedron. Gewonnen worden war das Cannabidiol nach Mechoulam schon mehr als zwei Jahrzehnte früher, seine Struktur war aber nicht vollständig bekannt.
Wann wurde das Anandamid entdeckt?
Das Anandamid wurde 1992 beschrieben: Die Arbeit erschien am 18. Dezember 1992 in Science, mit William Devane als Erst- und Raphael Mechoulam als Letztautor. Die Gruppe in Jerusalem gewann 0,6 Milligramm des Stoffs aus 4,5 Kilogramm Schweinehirn.
Was wir nicht wissen
Das Sterbedatum stützt sich auf den Nachruf der International Cannabinoid Research Society; eine amtliche Quelle haben wir dafür nicht geöffnet. Ehrungen wie Preise haben wir nicht an Originalquellen geprüft und nennen sie deshalb nicht.
Vieles stützt sich auf seine eigene Erinnerung, aufgeschrieben mit 91 Jahren; eine unabhängige Biografie haben wir nicht gelesen. Der Rückblick nennt weder das Jahr der Promotion noch das des Wechsels nach Jerusalem oder die Amtszeit als Rektor, und er sagt nicht, wer das Cannabidiol vor 1963 gewonnen hatte. Frühere Versuche anderer, das THC zu fassen, haben wir nicht geprüft.
Die Originalarbeiten kennen wir nur aus bibliografischen Datensätzen, die von 1992 zusätzlich aus ihrer Kurzfassung; die Verlagsseite der American Chemical Society war nicht zugänglich. Wer den Begriff Endocannabinoid geprägt hat, wissen wir nicht. Über Mechoulam als Lehrer fehlen Stimmen seiner Schülerinnen und Schüler.
Hinweis: Dieser Beitrag informiert über Geschichte, Kultur und Forschungsstand und ruft weder zum Konsum noch zum Erwerb von Cannabis auf. Stand: 15.10.2026.
Quellen
- Raphael Mechoulam (2022, Band 2023): A Delightful Trip Along the Pathway of Cannabinoid and Endocannabinoid Chemistry and Pharmacology. Annual Review of Pharmacology and Toxicology 63, S. 1–13 (Volltext, PDF, CC BY 4.0) (öffnet in neuem Tab)
- Raphael Mechoulam (2022, Band 2023): A Delightful Trip Along the Pathway of Cannabinoid and Endocannabinoid Chemistry and Pharmacology (Artikelseite mit Kurzfassung und Literaturliste, Annual Reviews) (öffnet in neuem Tab)
- Mechoulam, R., Shvo, Y. (1963): Hashish—I. The structure of cannabidiol. Tetrahedron 19(12), S. 2073–2078 (bibliografischer Datensatz mit Autorenadressen, OpenAlex) (öffnet in neuem Tab)
- Gaoni, Y., Mechoulam, R. (1964): Isolation, Structure, and Partial Synthesis of an Active Constituent of Hashish. Journal of the American Chemical Society 86(8), S. 1646–1647 (bibliografischer Datensatz, Crossref) (öffnet in neuem Tab)
- Devane, W. A., Hanuš, L., Breuer, A., Pertwee, R. G. u. a., Mechoulam, R. (1992): Isolation and Structure of a Brain Constituent That Binds to the Cannabinoid Receptor. Science 258(5090), S. 1946–1949 (Datensatz mit Kurzfassung, Europe PMC) (öffnet in neuem Tab)
- Devane, W. A. u. a. (1992): Isolation and Structure of a Brain Constituent That Binds to the Cannabinoid Receptor. Science 258 (Datensatz mit Autorenadressen, OpenAlex) (öffnet in neuem Tab)
- Mechoulam, R., Ben-Shabat, S., Hanuš, L. u. a. (1995): Identification of an endogenous 2-monoglyceride, present in canine gut, that binds to cannabinoid receptors. Biochemical Pharmacology 50(1), S. 83–90 (bibliografischer Datensatz, OpenAlex) (öffnet in neuem Tab)
- Sugiura, T., Kondo, S., Sukagawa, A. u. a. (1995): 2-Arachidonoylglycerol. A Possible Endogenous Cannabinoid Receptor Ligand in Brain. Biochemical and Biophysical Research Communications 215(1), S. 89–97 (bibliografischer Datensatz, OpenAlex) (öffnet in neuem Tab)
- Ben-Shabat, S., Fride, E., Sheskin, T. u. a., Mechoulam, R. (1998): An entourage effect. Inactive endogenous fatty acid glycerol esters enhance 2-arachidonoyl-glycerol cannabinoid activity. European Journal of Pharmacology 353(1), S. 23–31 (bibliografischer Datensatz, OpenAlex) (öffnet in neuem Tab)
- International Cannabinoid Research Society: In Memoriam Raphael Mechoulam (Nachruf mit Sterbedatum) (öffnet in neuem Tab)