Vom Feuerschlag zum Tischfeuerzeug
Stahl und Stein, Platinschwamm, Reibzündholz, Cer-Eisen: Wie aus Chemie und Federmechanik ein Gestaltungsobjekt wurde, das auf dem Tisch steht.
Ein Tischfeuerzeug ist eine kleine Maschine. Es hat ein Ventil oder einen Docht, einen Funkengeber, eine Feder und ein Gehäuse, das all das verbirgt oder zeigt. Jedes dieser Teile hat eine eigene Herkunft, und die wichtigsten Stationen liegen zwischen 1823 und 1903. Diese Objektgeschichte folgt den Teilen, nicht den Marken.
Stahl, Stein und Zunder
Am Anfang steht das Feuerschlagen. Ein Feuerstahl wird über die scharfe Kante eines Feuersteins geschlagen, die Funken fallen auf Zunder und bringen ihn zum Glimmen. Zwei Feuersteine gegeneinander reichen dagegen nicht, schreibt das Sammlerportal gnegel.de: Es fehlten Menge und Temperatur der Funken. Früher diente Pyrit als Schlagpartner, der Stahl setzte sich nach der Eisenzeit durch.
Der Gedanke eines Rades, das Funken erzeugt, ist ebenfalls alt. Planet Wissen nennt Radschlossfeuerzeuge aus dem frühen 16. Jahrhundert, in denen Pyrit gegen ein rotierendes Eisenrad gedrückt wird. Das Zündrad späterer Feuerzeuge hat hier einen Vorläufer. Im 18. und 19. Jahrhundert wurden die Feuerstähle dekorativ: gnegel.de beschreibt Messinggriffe, oft in Tier- oder Figurenform.
Platin, Wasserstoff und ein Sockel aus Messing
1823 entdeckte Johann Wolfgang Döbereiner, dass sich Wasserstoff an Platinschwamm von selbst entzündet, und baute daraus ein Feuerzeug. So fasst es das Germanische Nationalmuseum im Katalogtext zu einem Exemplar zusammen, das aus Messing, Holz, Kupfer und Glas besteht, 26 Zentimeter hoch ist und in das zweite Viertel des 19. Jahrhunderts datiert wird. Hersteller unbekannt.
Die Mechanik ist chemisch. In einem Glasgefäß entsteht aus Zink und verdünnter Schwefelsäure Wasserstoff, wie gnegel.de erklärt. Ein Hebel öffnet das Ventil, das Gas strömt durch eine feine Öffnung auf das Platin und entzündet sich dort. Das Museum beschreibt zusätzlich, dass der Hebel über Zahnsegmente eine kleine Lampe in den Gasstrom dreht. Döbereiner selbst nannte fünf Jahre nach der Entdeckung rund 20 000 Geräte in Gebrauch, in Deutschland und England, und verzichtete auf ein Patent (GDCh). Der Brockhaus von 1838 hält sie für die bequemsten Feuerzeuge der Zeit, merkt aber an, dass sie nicht leicht zu transportieren und kostbarer als die chemischen Feuerzeuge seien. Nach gnegel.de kamen sie schon in den 1850er Jahren aus der Mode, weil Säure und Platin gepflegt werden mussten und die Geräte teuer waren.
Das Streichholz: ein Holzstab am Herd
Zur selben Zeit wanderte das Feuer in die Tasche. Der Chemiker John Walker aus Stockton-on-Tees entwickelte 1826 das Reibzündholz, verkaufte es ab dem 7. April 1827 in seinem Laden und ließ es, trotz eines Rats von Michael Faraday, nicht patentieren (Tees Valley Museums). Sein Geschäftsbuch im Science Museum verzeichnet 168 Verkäufe: 23 im Jahr 1827, 76 im Jahr 1828 und 69 im Jahr 1829 (bis zum 23. September). Gnegel.de datiert das Ende des Stahl-und-Stein-Feuerschlagens auf die 1830er Jahre, als Streichhölzer es verdrängten.
Feuer als Möbel
Das Tischgerät hatte da schon Vorgänger. Das Deutsche Museum zeigt in einem Depotbeitrag das Tischfeuerzeug des Münchner Instrumentenbauers Johann Gerzabeck: erfunden 1815, in Serie etwa ab 1830, 46 Zentimeter hoch, als Monopteros mit Sternenhimmelhaube gestaltet. Eine Elektrisiermaschine im Sockel liefert den Funken, der Wasserstoff entzündet. Das Museum ordnet es als Komfortobjekt ein, das Feuer verfügbar macht, ohne einen Bediensteten zu rufen. Schon hier gilt: Der Tisch ist die Bühne, die Technik steckt im Sockel.
Cer und Eisen
Den Funken im heutigen Sinn lieferte ein Werkstoff. Carl Auer von Welsbach ließ 1903 seine pyrophore Zündsteinlegierung patentieren, wie die Universität Wien festhält, mit einer nach der Patentschrift günstigsten Zusammensetzung von 70 Prozent Cer und 30 Prozent Eisen. Eine Dokumentation aus Althofen, die sich auf das dortige Auer von Welsbach Museum und die Treibacher Industrie AG stützt, nennt dafür die Nummer DE 154807; die Wikipedia-Seite zum Auermetall nennt dieselbe Nummer. 1907 wurde das Auer-von-Welsbach-Werk in Treibach in die Treibacher Chemische Werke G.m.b.H. umgewandelt, unter anderem zur Herstellung von Cereisen-Zündsteinen.
Wie ein solcher Stein funktioniert, erklärt das Lexikon knapp. Die Reibung löst kleinste Partikel aus dem Stab. Sie erhitzen sich, haben eine große Oberfläche und oxidieren schnell, genug Wärme für sichtbare Funken. Die Stäbe messen laut Wikipedia etwa 2 Millimeter im Durchmesser und 5 bis 10 Millimeter in der Länge.
Benzin, Gas und die Mechanik im Gehäuse
Im Benzinfeuerzeug wird aus der Chemie ein Federwerk. Laut gnegel.de sitzt der Brennstoff in benzingetränkter Watte, die ein Docht aufsaugt; beim Reibradfeuerzeug, das sich ab etwa 1910 durchsetzte, drückt eine Feder den Zündstein gegen ein geriffeltes Stahlrad. Dreht sich das Rad, springen Funken zum Docht.
Das Gasfeuerzeug verschiebt das Problem ins Ventil. Nach gnegel.de durfte die Zündung erst erfolgen, wenn genug Gas für ein entzündliches Gas-Luft-Gemisch ausgetreten war. Nach gnegel.de erschien das erste 1947 bei dem Franzosen Marcel Quercia, zunächst mit verdichtetem, in den frühen 1950er Jahren mit flüssigem Butan. Gas und Benzin sind leicht entzündlich; wer ein solches Gerät besitzt, sollte die Hinweise des Herstellers kennen. Die Tischfeuerzeuge verbreiteten sich laut derselben Quelle nach dem Zweiten Weltkrieg im Haushalt.
Dieter Rams und der Zylinder
Als Gestaltungsobjekt hat das Tischfeuerzeug im 20. Jahrhundert einen festen Platz. Das MoMA führt ein Table Lighter von Dieter Rams für Braun, 1968, aus Kunststoff, Chrom und lackiertem Metall, 8,6 mal 5,4 Zentimeter, Inventarnummer 1132.1969.1-3; laut Online-Sammlung war es am 2. Oktober 2026 nicht ausgestellt. DesignWissen beschreibt den langgestreckten Zylinder als Grundform und die ausschließliche Verwendung von Kreisformen im Detail. Die Zündung war zunächst magnetisch und wurde später piezoelektrisch (DesignWissen; designundtext.com), gebaut wurde das T 2 bis etwa 1984. Die Gestaltung blieb, die Mechanik im Inneren wechselte.
Nachfüllen, Austauschen, Wegwerfen
Reparierbarkeit war bei diesen Geräten nie nur eine Frage der Schrauben, sondern des Brennstoffs. Gnegel.de zeichnet die Tankgeschichte der Gasfeuerzeuge nach: erst getrennte, nicht nachfüllbare Tanks, dann Tanks mit Füllventil, dann fest eingebaute Tanks, die sich aus Kartuschen nachfüllen lassen, und schließlich, 1961, das erste Wegwerffeuerzeug.
In diese Zeit fällt ein österreichisches Patent. AT213117B, angemeldet am 24. Mai 1957 und veröffentlicht am 25. Januar 1961 von Colibri Lighters und Hans Lowenthal, beschreibt einen auswechselbaren Brennstoffbehälter für flüssig betriebene Feuerzeuge. Statt aufzufüllen, soll man einen vorgefüllten Behälter einsetzen, dessen Wand der Docht durchsticht. Beides, Nachfüllventil und Wechselkartusche, löst dieselbe Frage anders: Wer pflegt das Gerät, der Besitzer oder die Industrie?
Beim Döbereiner-Gerät verlangten Säure und Platin laufende Pflege, beim Gasfeuerzeug entschied die Bauart des Tanks, ob das Gehäuse weiterlebt oder das ganze Gerät ersetzt wird.
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Was wir nicht wissen
Für Bauhaus-Entwürfe, die Sammlung der Neuen Sammlung in München und das Vitra Design Museum haben wir kein belegtes Tischfeuerzeug gefunden und deshalb nichts behauptet. Die Patentnummer DE 154807 konnten wir im Originalregister nicht einsehen; sie stützt sich auf die Dokumentation aus Althofen und die Wikipedia-Seite zum Auermetall, Jahr und Zusammensetzung zusätzlich auf die Universität Wien und ein US-Patent von Auer von Welsbach (US 837017). Wie lange einzelne Tischfeuerzeuge tatsächlich im Gebrauch blieben und wie oft sie repariert wurden, geben die Quellen nicht her.
Quellen
- Feuerstein und Feuerstahl (gnegel.de) (öffnet in neuem Tab)
- Feuer: Feuerzeug (Planet Wissen) (öffnet in neuem Tab)
- Feuerzeug, in: Brockhaus Bilder-Conversations-Lexikon, Bd. 2, Leipzig 1838 (Zeno.org) (öffnet in neuem Tab)
- Döbereiner Feuerzeug; Platin-Feuerzeug, Ph.M.3642 (Germanisches Nationalmuseum, Objektkatalog) (öffnet in neuem Tab)
- Döbereiner'sche Feuerzeuge (gnegel.de) (öffnet in neuem Tab)
- Mitteilungen der Fachgruppe Geschichte der Chemie, Bd. 23 (2013), Beitrag zu Döbereiner (GDCh) (öffnet in neuem Tab)
- John Walker and the friction match (Tees Valley Museums) (öffnet in neuem Tab)
- The Day-book of John Walker (Science Museum Group Collection) (öffnet in neuem Tab)
- Depotfund des Monats: Tischfeuerzeug von Johann Gerzabeck (Deutsches Museum, Blog) (öffnet in neuem Tab)
- Carl Auer von Welsbach (Universität Wien, Geschichte der Universität) (öffnet in neuem Tab)
- Cer-Eisen-Zündsteine, Althofen (Auer von Welsbach Museum / Treibacher Industrie AG, via Yumpu) (öffnet in neuem Tab)
- Zündstein (Wikipedia, deutsch) (öffnet in neuem Tab)
- Benzinfeuerzeuge (gnegel.de) (öffnet in neuem Tab)
- Gasfeuerzeuge (gnegel.de) (öffnet in neuem Tab)
- Dieter Rams, Table Lighter, 1968 (MoMA Collection) (öffnet in neuem Tab)
- Braun Tischfeuerzeug Cylindric T 2/TFG 2 (DesignWissen) (öffnet in neuem Tab)
- Feuerzeuge, Braun Design (designundtext.com) (öffnet in neuem Tab)
- AT213117B, Auswechselbarer Brennstoffbehälter für ein Feuerzeug (Google Patents) (öffnet in neuem Tab)