Der Aschenbecher als Designobjekt
Vom Bauhaus bis zu Studios in Wuppertal, Toulouse und Kopenhagen: acht Objekte, die zeigen, wie viel Gestaltung in einer kleinen Schale stecken kann.
Es gibt Objekte, an denen sich zeigt, ob jemand gestalten kann. Der Aschenbecher gehört dazu. Er ist klein, er muss Hitze aushalten, er soll stehen, ohne zu kippen, und er soll etwas aufnehmen, das man lieber nicht sieht. Dazu kommt, dass er meist auf dem Tisch steht, mitten im Blickfeld, neben Gläsern und Büchern. Ein schlechter Aschenbecher fällt auf. Ein guter auch, aber anders.
Wie ernst die Designgeschichte diese Aufgabe genommen hat, zeigt ein Blick in eine der großen Sammlungen. Das Museum of Modern Art in New York bewahrt in seiner Abteilung für Architektur und Design Aschenbecher von Marianne Brandt, Bruno Munari, Arne Jacobsen und Achille Castiglioni auf. Das sind nicht irgendwelche Namen. Es sind Gestalterinnen und Gestalter, die an einem Alltagsgegenstand vorgeführt haben, was ihre Haltung ausmacht: Geometrie am Bauhaus, Witz in Mailand, Präzision in Kopenhagen.
Als Form lebt der Aschenbecher weiter, und zeitgenössische Studios greifen ihn mit neuen Materialien auf. Manche Entwürfe sind ausdrücklich doppelt gedacht, als Schale und als Halter für Räucherwerk. Wir zeigen acht Objekte: vier Klassiker, eine Wiener Werkstatt und drei zeitgenössische Studios. Sie stehen hier als Objekte, nicht als Gebrauchsanleitung.
1. Marianne Brandt: Aschenbecher, 1924
Am Anfang steht eine Studentin. Marianne Brandt entwarf diesen Aschenbecher 1924 in der Metallwerkstatt des Bauhauses in Weimar. Das Exemplar im Museum of Modern Art ist aus Messing und vernickeltem Messing, nach Angaben des Museums 6,7 mal 7,9 Zentimeter groß. Es war dort in den Ausstellungen „Design for Modern Life” und „Bauhaus and Beyond” zu sehen. Der Kontrast zwischen warmem Messing und kühlem Nickel ist ihr einziger Schmuck. Tecnolumen stellt den Entwurf heute in Lizenz als MB 24 her, mit einer Schale aus Messing und einem vernickelten Deckel. Hundert Jahre später wirkt er weder alt noch nostalgisch, sondern schlicht richtig.
2. Bruno Munari: Cubo, 1957
Man sieht dem Cubo an, dass Bruno Munari das Spiel ernst nahm. Der Entwurf von 1957 für Danese in Mailand ist ein Würfel von sechs Zentimetern Kantenlänge aus Melaminharz und eloxiertem Aluminium. Der Hersteller beschreibt das Prinzip genau: Eine an einer Seite offene Würfelschale nimmt ein gebogenes Blech auf. Der spitze Winkel an einem Ende lässt die Asche hineinfallen, die Überlappung am anderen Ende verbirgt den Inhalt. Von außen bleibt ein ruhiger Würfel, der nichts von seiner Aufgabe verrät.
3. Arne Jacobsen: Cylinda, 1964 bis 1967
Der Name sagt es: Die Cylinda-Serie, die Arne Jacobsen für Stelton in Kopenhagen entwarf, baut auf dem Zylinder auf, in Edelstahl. Der Aschenbecher der Serie ist ein zylindrischer Becher mit eingesetzter, drehbarer Halbkugel. Dreht man sie, verschwindet der Inhalt im Inneren, und die Oberfläche bleibt ruhig. Das Museum of Modern Art datiert den Entwurf auf 1964 bis 1967. Stelton stellt das Objekt nach Händlerangaben bis heute her, in zwei Größen.
4. Achille Castiglioni: Spirale, 1970
Achille Castiglioni hatte ein Talent dafür, mit einem einzigen Einfall ein Objekt zu erfinden. Beim Spirale ist es eine Metallspirale in einer Edelstahlschale, die als Ablage dient. Der Entwurf stammt von 1970. Nach Angaben des Händlers Connox wurde er zunächst von Bacci produziert; 1986 übernahm Alessi die Herstellung. Das Museum of Modern Art besitzt zwei Ausführungen in unterschiedlicher Größe, beide als Geschenk des Herstellers. Die Handschrift ist unverkennbar: technische Logik, die am Ende heiter aussieht.
5. Werkstätte Carl Auböck, Wien
Die Werkstätte Auböck in Wien besteht bis heute, in vierter Generation, in der Bernardgasse im siebten Bezirk. Gearbeitet wird mit Messing, Leder, Horn, Holz und Naturfasern. Carl Auböck II entwickelte ab den 1940er-Jahren die biomorphe, auf die Funktion reduzierte Formensprache, für die der Name steht; sein Sohn Carl Auböck III erweiterte das Programm nach 1950 um Kleinmöbel, Leuchten, Tisch- und Schreibtischobjekte und Rauchutensilien. Aschenbecher aus Messing entstehen dort nach wie vor in Handarbeit. Das MAK in Wien widmete der Werkstätte 2024 die Ausstellung „Iconic Auböck” mit rund 400 Objekten.
6. Bureau of Entropy: Regolith
Aus Wuppertal kommt ein Objekt, das aussieht wie ein Fundstück vom Mond, und so ist es auch gemeint. Regolith heißt die staubige Gesteinsschicht auf der Mondoberfläche. Das Studio Bureau of Entropy setzt die Schale aus sechs Teilen aus gegossenem Aluminium zusammen, die nur durch ihre Geometrie zusammenhalten, ohne Schrauben und ohne Klebstoff. Ein aufgesetzter Deckel schützt vor Wind. Das Objekt ist elf mal elf Zentimeter groß und ausdrücklich doppelt gedacht: als Aschenbecher und als Halter für Räucherwerk.
7. Pierre Klein: Brasa 02
Pierre Klein arbeitet in Toulouse. Brasa 02 stammt aus der Kollektion „Intemporal” (Soledre), die aus einfachen, gegossenen Formen besteht. Die quadratische Schale misst zwölf mal zwölf Zentimeter bei fünf Zentimetern Höhe. Weil Terrazzo aus eingegossenen Steinsplittern besteht, trägt jedes Stück ein eigenes Muster, und der Gestalter bietet unterschiedliche Farbstellungen an. Es ist ein Objekt, das an Fußböden in italienischen Treppenhäusern erinnert und auf einem Tisch wie ein kleines Stück Architektur wirkt.
8. Sugoi Studio: Scallop Ashtray
Charlotte Kølkjær arbeitet unter dem Namen Sugoi Studio in Kopenhagen. Ihre Keramiken sind hyperrealistische Skulpturen von Dingen, die man sonst übersieht; die Künstlerin spricht von „hässlichen Resten”, die sie poliert, überästhetisiert und vollendet. Der Scallop Ashtray hat die Form einer Jakobsmuschel, von Hand aufgebaut aus weißem Steinzeug mit Glasur, zwölf mal zehn Zentimeter groß. Er ist Skulptur und Schale zugleich, lebensmittelecht und spülmaschinenfest, und damit das Gegenteil eines Wegwerfobjekts.
Ein Aschenbecher, der aussieht wie eine Skulptur, darf auch eine sein. Er muss nur stehen können.
Was die acht verbindet
Keines dieser Objekte versteckt, was es ist, und keines stellt es aus. Brandt löst die Aufgabe mit Geometrie, Munari mit einem Trick, Jacobsen mit Mechanik, Castiglioni mit einem Einfall, Auböck mit Handwerk. Die zeitgenössischen Studios gehen einen Schritt weiter und lösen den Aschenbecher aus seiner alten Rolle: als Mondlandschaft, als Stück Architektur, als Muschel.
Was sie verbindet, ist ein Anspruch, den man auf fast jedes Objekt im Haus übertragen kann. Es sollte auch dann auf dem Tisch stehen dürfen, wenn niemand es benutzt. Wie derselbe Gedanke für Gefäße und Dosen aussieht, zeigen wir in Aufbewahrung, die nach Zuhause aussieht.
Stand: 30.09.2026. Die Auswahl ist redaktionell und unabhängig; für die Nennung wurde nicht bezahlt. Angaben zu Material, Maßen und Herstellung stammen von Museen, Herstellern und Händlern, die am Ende genannt sind.
Quellen
- Marianne Brandt: Ashtray, 1924 (The Museum of Modern Art) (öffnet in neuem Tab)
- Aschenbecher MB 24 von Marianne Brandt, Tecnolumen (markanto) (öffnet in neuem Tab)
- Bruno Munari: Cubo Ashtray, 1957 (The Museum of Modern Art) (öffnet in neuem Tab)
- Cubo, Bruno Munari (Danese Milano) (öffnet in neuem Tab)
- Arne Jacobsen: Cylinda Ashtray, 1964–67 (The Museum of Modern Art) (öffnet in neuem Tab)
- Cylinda Line Revolving Ashtray, Arne Jacobsen, Stelton (Hive Modern) (öffnet in neuem Tab)
- Achille Castiglioni: Spirale Ashtray (7690), 1970 (The Museum of Modern Art) (öffnet in neuem Tab)
- Alessi Spirale Ashtray, Achille Castiglioni (Connox) (öffnet in neuem Tab)
- Werkstätte Carl Auböck im MAK Wien (Falstaff Living) (öffnet in neuem Tab)
- Werkstätte Carl Auböck, Österreich (markanto) (öffnet in neuem Tab)
- Werkstätte Carl Auböck (Wien Tourismus) (öffnet in neuem Tab)
- Werkstätte Carl Auböck, Kollektion (Die Sellerie, Wien) (öffnet in neuem Tab)
- Regolith, Bureau of Entropy (Adorno) (öffnet in neuem Tab)
- Brasa 02, Pierre Klein (Adorno) (öffnet in neuem Tab)
- Scallop Ashtray, Sugoi Studio (Adorno) (öffnet in neuem Tab)