Frauen und Cannabis: die Zahlen und die Lücke
Unter jungen Erwachsenen hat sich der Anteil der Frauen, die Cannabis konsumieren, in fünfzehn Jahren mehr als verdoppelt. In den Medien kommen sie kaum vor.
Über Cannabis wird in Deutschland viel gesprochen, meist in einer Tonlage, die sich an Männer richtet. Die Bilder zeigen Männer, die Witze sind Männerwitze, die Experten, die in Talkshows sitzen, sind häufig Männer. Das ist eine Beobachtung, keine Statistik. Die Statistik erzählt eine andere, genauere Geschichte. Es lohnt sich, beide nebeneinanderzulegen.
Die Zahlen
Der Epidemiologische Suchtsurvey ist eine der großen Erhebungen dazu, wie Erwachsene in Deutschland mit Alkohol, Tabak und anderen Substanzen umgehen. Für das Jahr 2024 haben 7.534 Menschen zwischen 18 und 64 Jahren Auskunft gegeben. Das Ergebnis, zusammengefasst im Jahrbuch Sucht 2026 der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen: 9,8 Prozent der Erwachsenen dieser Altersgruppe, hochgerechnet 5,1 Millionen Menschen, haben in den zwölf Monaten vor der Befragung Cannabis konsumiert. Bei den Männern waren es 12,3 Prozent, bei den Frauen 7,1 Prozent.
Man kann diese Zahlen auf zwei Arten lesen. Die erste Lesart betont den Abstand: Männer konsumieren deutlich häufiger. Die zweite betont die Größe: Wenn 7,1 Prozent der Frauen zwischen 18 und 64 im vergangenen Jahr Cannabis konsumiert haben, dann ist das keine Randgruppe. Es ist ein beträchtlicher Teil der erwachsenen Bevölkerung, der in der öffentlichen Wahrnehmung kaum vorkommt.
Die Kurve der jungen Frauen
Noch deutlicher wird das Bild, wenn man auf die Jüngeren schaut. Die Drogenaffinitätsstudie des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit befragt regelmäßig Jugendliche und junge Erwachsene. Eine Auswertung im Journal of Health Monitoring des Robert Koch-Instituts zeigt den langen Trend: Unter den 18- bis 25-jährigen Frauen stieg der Anteil derer, die in den letzten zwölf Monaten Cannabis konsumiert hatten, von 8,3 Prozent im Jahr 2008 auf 19,4 Prozent im Jahr 2023. Bei den jungen Männern im selben Alter stieg er von 14,8 auf 26,9 Prozent.
Rechnet man nach, ergibt sich ein bemerkenswerter Befund. Bei den jungen Frauen hat sich der Anteil in diesen fünfzehn Jahren mehr als verdoppelt, bei den jungen Männern fast. Der Abstand zwischen beiden Gruppen ist dabei kaum gewachsen, er lag 2008 bei 6,5 und 2023 bei 7,5 Prozentpunkten. Im Verhältnis haben die jungen Frauen aufgeholt.
Die aktuelle Welle der Studie, veröffentlicht im September 2025, verschiebt das Bild wieder ein Stück. Für 2025 weist sie bei den 18- bis 25-jährigen Frauen 18,8 Prozent aus, bei den Männern 31,6 Prozent. Der Anteil der jungen Frauen blieb damit etwa auf dem Niveau von 2023, während er bei den jungen Männern weiter stieg. Zum Vergleich nennt die Studie das Jahr 2015: Damals lagen die Werte bei 9,7 und 20,6 Prozent.
Was Zahlen nicht sagen
Solche Zahlen verführen zu schnellen Erklärungen. Wir bieten keine an. Beide Erhebungen beruhen auf Befragungen, sie decken unterschiedliche Altersgruppen ab und lassen sich nicht einfach miteinander verrechnen. Eine Zwölf-Monats-Prävalenz sagt, wie viele Menschen in einem Jahr mindestens einmal konsumiert haben. Sie sagt nichts darüber, wie oft, in welchem Rahmen und aus welchen Gründen. Und sie sagt nichts über Gesundheit, weder in die eine noch in die andere Richtung. Darüber schreiben wir auch nicht; dafür gibt es Fachleute und Beratungsstellen.
Was die Zahlen aber zeigen, ist eine Verschiebung im Alltag. Die 18- bis 25-Jährigen des Jahres 2008 sind heute zwischen 36 und 43 Jahre alt. Mit ihnen ist eine Erfahrung älter geworden, die in der Öffentlichkeit kaum vorkommt. Das ist zunächst ein Befund, keine Bewertung.
Wenn 7,1 Prozent der erwachsenen Frauen in einem Jahr Cannabis konsumieren, ist das keine Randgruppe. Es ist ein Publikum, das kaum jemand anspricht.
Die Lücke
Hier beginnt der zweite Teil der Geschichte, der mediale. Als wir für dieses Magazin die deutschsprachige Medienlandschaft zu Cannabis durchgesehen haben, fanden wir Fachportale für Recht und Anbau, Branchenmedien, politische Berichterstattung und Titel mit Szene-Ästhetik. Einen deutschsprachigen Titel, der Frauen als Leserinnen ernst nimmt, mit Anspruch an Bild und Text, fanden wir nicht.
International gab es einen Versuch, der zeigt, wie so etwas aussehen kann. In Portland, Oregon, gründete Anja Charbonneau 2017 das Magazin Broccoli. Charbonneau hatte zuvor beim Magazin Kinfolk gearbeitet. Broccoli wurde, so die Lokalzeitung Willamette Week, vollständig von Frauen gemacht, über Frauen, und betrachtete Cannabis durch die Linse von Kunst, Mode und Kultur. Die erste Ausgabe war nach Angaben des Portland Monthly vollständig vergriffen. Die Lücke, sagte Charbonneau damals, liege nicht bei den Produkten, sondern bei den Medien.
Heute beschreibt sich Broccoli als unabhängiger, von Frauen geführter Verlag „ungewöhnlicher Freuden”. Cannabis erwähnt die Selbstbeschreibung nicht mehr. Man kann das als Scheitern lesen oder als Entwicklung. Für den deutschsprachigen Raum bleibt jedenfalls festzuhalten: Die Lücke, von der Charbonneau sprach, haben wir im deutschsprachigen Raum nicht geschlossen gefunden.
Warum das mehr ist als eine Marktfrage
Man könnte die Lücke rein ökonomisch betrachten, als unbesetzte Zielgruppe. Das wäre zu kurz gedacht. Wer in Medien nicht vorkommt, dessen Erfahrungen werden nicht erzählt, dessen Fragen werden nicht gestellt. Frauen, die Cannabis konsumieren, begegnen in der Berichterstattung meist in zwei Rollen: als Randnotiz in einer Statistik oder als Zielgruppe für Wellness-Versprechen. Beides wird ihnen nicht gerecht.
Die erste Rolle macht sie unsichtbar. Die zweite macht sie zu Kundinnen für Heilsversprechen, die niemand halten kann. Dazwischen fehlt, was ein gutes Magazin leisten kann: Menschen zu zeigen, wie sie sind, in ihren Räumen, bei ihrer Arbeit, mit ihrer Haltung.
Was wir daraus machen
Wir wollen diese Lücke nicht mit Behauptungen füllen, sondern mit Menschen. In der Rubrik Menschen porträtieren wir Frauen, die gestalten, gastgeben, schreiben und Unternehmen führen, und für die Cannabis ein Teil des Lebens ist, nicht dessen Mittelpunkt. Wir fragen nach Räumen, Objekten, Ritualen und Reisen. Wir geben keine Gesundheitsratschläge, und wir versprechen keine Wirkungen. Eine Frau, die abends Gäste empfängt, braucht kein Versprechen. Sie braucht ein Gegenüber, das ihren Geschmack ernst nimmt.
Das heißt auch: Wir zeigen keine Frauen als Dekoration und keine Körper als Blickfang. Wir fotografieren Hände, Räume, Tische und Licht, und wir fragen, bevor wir jemanden zeigen. Eine Leserin soll in diesem Magazin sich selbst wiedererkennen können, nicht das Bild, das sich andere von ihr gemacht haben. Das klingt selbstverständlich. In der Berichterstattung über Cannabis ist es das nicht immer.
Die Zahlen zeigen, dass es dieses Publikum gibt. Ob es sich angesprochen fühlt, entscheidet sich an der Art, wie man mit ihm spricht. Wir beginnen damit in den kommenden Ausgaben, mit Porträts, Gesprächen und Orten. Und wer wissen will, was rechtlich gilt, findet es mit Quellen und Stand-Datum im CULTIVÉ Atlas.
Stand: 30.09.2026. Alle Zahlen stammen aus den am Ende genannten Quellen; die Vergleiche zwischen Jahren und Gruppen sind eigene Rechnungen auf dieser Grundlage.
Quellen
- Hoch et al.: 2.6 Cannabis. In: DHS Jahrbuch Sucht 2026 (Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen), Daten: Olderbak et al. 2025, ESA 2024 (öffnet in neuem Tab)
- Drogenaffinitätsstudie 2025 (Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit, Pressemitteilung vom 23.09.2025) (öffnet in neuem Tab)
- Cannabiskonsum Jugendlicher und junger Erwachsener in Deutschland: Studienergebnisse und Präventionsangebote des BIÖG. Journal of Health Monitoring 2025 (Robert Koch-Institut) (öffnet in neuem Tab)
- Former Kinfolk Creative Director Is Releasing a Hipster Cannabis Lifestyle Magazine Called Broccoli (Willamette Week, 25.09.2017) (öffnet in neuem Tab)
- This Portland-Based Cannabis Magazine for Women Is Wonderfully Weird (Portland Monthly, Januar 2018) (öffnet in neuem Tab)
- About (Broccoli) (öffnet in neuem Tab)