Braun, violett, blau: Glas in der Apotheke
Farbiges Glas gehört zur Apotheke. Was es leistet, ist weniger klar, als die Gefäße vermuten lassen: eine Materialgeschichte aus Sammlungen und Arzneibüchern.
Wer ein altes Standgefäß aus der Apotheke betrachtet, sieht zuerst die Beschriftung und die Form. Das Glas selbst gilt als Nebensache. Dabei ist seine Farbe das Ergebnis von Schmelzchemie, Handwerk und späteren Prüfnormen. Dieser Text folgt dem, was sich zu Braun-, Violett- und Blauglas aus Museumsbeständen, Fachliteratur und Arzneibuchtexten belegen lässt, und trennt es von dem, was nur behauptet wird.
Glas im Regal: farblos, grün, braun
Glas war in der Apotheke lange kein selbstverständliches Material. Nach den Angaben des Apothekarium kam es im frühen 16. Jahrhundert zur Aufbewahrung von Flüssigkeiten und Pulvern in die Apotheken. Im 17. Jahrhundert war es dort noch zu teuer und selten, im 18. Jahrhundert wurde es für die Inhaber der Apotheken interessant. Die Hütten sind meist unbekannt, weil sie ihre Erzeugnisse nicht signierten.
Die Themenseite zu Apothekengläsern von museum-digital beschreibt die Glasmasse dieser Zeit als grünstichig in verschiedenen Tönen. Für aufwendig gestaltete Standgefäße habe man farbloses Glas bevorzugt, lichtempfindliche Substanzen dagegen in grünem oder braunem Glas aufbewahrt. Das Deutsche Apotheken-Museum in Heidelberg nennt als Gefäßmaterialien neben Glas auch glasierte Irdenware und später Porzellan. Seine Sammlung umfasst nach eigenen Angaben zehn vollständige Offizinen ab der Barockzeit. Standgefäße aus der Salzburger Hof-Apotheke von 1776, von denen das Heidelberger Museum sechs besitzt, bestehen aus bemaltem Lindenholz. Das Potsdam Museum erklärt den Vorzug des Hohlglases mit seiner Trägheit: Es reagiere weder physikalisch noch chemisch mit den Inhaltsstoffen.
Festhalten lässt sich also: Die Farbe des Glases war eine Frage der Funktion und des Auftritts, und sie fiel je nach Gefäß unterschiedlich aus.
Wie Braunglas zu seiner Farbe kommt
Braunes Glas ist nicht mit einem Pigment eingefärbt. Nach der Untersuchung von R. G. C. Beerkens (2003) entsteht der Bernsteinton aus Eisen-Schwefel-Komplexen im Silikatglas, genauer aus dreiwertigem Eisen und Sulfid. Sie bilden sich beim Abkühlen einer reduzierten Kalk-Natron-Schmelze. Die Intensität hängt von der höchsten Schmelztemperatur, dem Alkaligehalt, dem Eisengehalt und dem Oxidationszustand der Schmelze ab. Zu stark reduzierende Bedingungen und mehr Wasser im Glas schwächen sie.
Heutige Arzneibücher fassen den Lichtschutz in eine Zahl. Das Europäische Arzneibuch und die US-amerikanische USP messen die spektrale Durchlässigkeit farbiger Glasbehältnisse im Bereich von 290 bis 450 Nanometern. Für Zubereitungen, die nicht zur Injektion bestimmt sind, darf sie bei keiner Wellenlänge in diesem Bereich 10 Prozent überschreiten (geprüft: Europäisches Arzneibuch in der Ausgabe 7.0, USP in der Fassung von 2025; eine neuere Ausgabe des Europäischen Arzneibuchs war nicht einsehbar). Für Zubereitungen zur Injektion nennt das Europäische Arzneibuch farbloses Glas als Regel und farbiges Glas für Stoffe, die als lichtempfindlich bekannt sind. Nach der ECA Academy bestehen farbige Behältnisse des Glastyps III heute aus Eisen und Mangan. Eine Fachseite für die Arzneimittelherstellung nennt als schädlichen Bereich kurzwelliges Licht zwischen etwa 300 und 500 Nanometern, also Ultraviolett sowie violettes und blaues Licht.
Zwei Einschränkungen gehören dazu. Die Prüfung misst eine Glasprobe, nicht die Haltbarkeit eines bestimmten Inhalts. Und diese Grenzwerte sind neuzeitlich: Wann und mit welcher Begründung braune Apothekengefäße im deutschen Sprachraum üblich wurden, ließ sich aus den hier gelesenen Quellen nicht belegen.
Mangan: Entfärber und Sonnenviolett
Violettes Glas hat in der Glasgeschichte einen anderen Ursprung als Braunglas, und er lag oft nicht in der Absicht der Glasmacher. Waldglas ist grün, weil Holzasche und Sand Eisen enthalten. Dagegen setzte man Braunstein ein, bei Plinius dem Älteren als „magnes lapis“ beschrieben, wie Archäologie Online berichtet. Beim Erhitzen zerfällt Mangan(IV)-oxid, der freigesetzte Sauerstoff oxidiert Eisen(II) zu Eisen(III), und Mangan(III) färbt das Glas rotviolett. Das Grün wird dadurch nicht entfernt, sondern überdeckt: Die Töne ergänzen sich zu einem wenig auffälligen Grau.
Der violette Stich tritt später auf. Nach Bill Lockhart verlangt die Verfärbung direktes Sonnenlicht oder künstliche Bestrahlung. Ultraviolette Strahlung färbt das Glas violett, mit nach innen abnehmender Intensität. Erhitzung auf etwa 450 bis 500 Grad Fahrenheit (rund 232 bis 260 Grad Celsius, eigene Umrechnung) macht die Veränderung rückgängig. Wikipedia beschreibt den Vorgang als Reaktion zwischen Entfärber und ultravioletter Strahlung, die über Jahre bis Jahrzehnte abläuft. Lockhart weist zugleich darauf hin, dass Mangan auch gezielt als Farbmittel diente, violettes Glas also nicht in jedem Fall nachträglich sonnenverfärbt ist.
Nach Lockhart war das Verfahren mit Mangandioxid bei der Firma Whitall Tatum um 1870 verbessert; die Firma blies Apothekenflaschen noch bis etwa 1924 von Hand, danach entstanden alle ihre Arzneiflaschen maschinell. Selen löste Mangan als Entfärber ab; die Quellen, die Lockhart auswertet, widersprechen sich beim Beginn (genannt werden etwa die 1890er-Jahre, um 1910 und wenige Jahre vor dem Krieg). Ein zeitgenössischer US-Bericht von 1918 nennt 1917 als Jahr des Wechsels; als praktisches Ende der Manganverwendung außerhalb von Spezialflaschen sieht Lockhart etwa das Jahr 1920. Die verbreitete Erzählung, der Erste Weltkrieg habe die Manganlieferungen aus Deutschland unterbrochen, widerlegt er mit Einfuhrzahlen: Deutschland lieferte 1910 nur gut 2 Prozent der amerikanischen Manganimporte.
Für die Frage nach dem Lichtschutz bedeutet das: Das Sonnenviolett ist ein Alterungsmerkmal von ursprünglich farblosem Glas. Es zeigt, dass UV-Strahlung das Glas verändert hat. Dass es den Inhalt schützen sollte, ist aus den gelesenen Quellen nicht ableitbar.
Kobaltblau: Farbe mit anderer Durchlässigkeit
Kobalt ist ein sehr kräftiges Farbmittel, schon wenig davon färbt eine Schmelze deutlich. Kobaltglas hält das gelbe Natriumlicht zurück, lässt aber violette und blaue Wellenlängen passieren, schreibt Wikipedia. Nach der oben genannten Fachseite zählen violettes und blaues Licht zu den kurzwelligen Anteilen, die als schädlich gelten. Als Material für Lichtschutz wird Blauglas in den hier gelesenen Quellen nicht eingeordnet; zur Verwendung in Apotheken lieferte die Recherche nichts Belastbares.
Violettglas als Markenversprechen
Aktuell wird Violettglas als Verpackung mit besonderen Eigenschaften beworben, etwa unter dem Markennamen Miron. Was der Hersteller selbst auf seinen Seiten schreibt, ist knapp. Das Glas filtere das sichtbare Spektrum und lasse bestimmte ultraviolette und infrarote Anteile passieren. Es soll den lichtbedingten Abbau empfindlicher Stoffe verlangsamen. Wellenlängen in Nanometern nennt die ausgewertete Seite nicht, Studien, Institute oder Prüfberichte ebenfalls nicht. Eine zweite Herstellerseite zum Thema Infrarot ließ sich nicht automatisiert abrufen und wurde deshalb nicht ausgewertet.
Eine Einordnung lässt sich dennoch aus zwei belegten Angaben ableiten. Der Bereich UV-A umfasst nach CIE 315 bis 400 Nanometer, und die Arzneibuchprüfung begrenzt die Durchlässigkeit von 290 bis 450 Nanometer. Ultraviolette Strahlung zwischen 315 und 400 Nanometern liegt damit vollständig im geprüften Bereich. Ein Glas, das ultraviolette Anteile gezielt durchlässt, würde daher voraussichtlich anders abschneiden als ein Glas, das die Prüfnorm erfüllt. Ob ein bestimmtes Violettglas den Test besteht, lässt sich aus den Herstellerangaben nicht ablesen. Die Behauptung eines Schutzes bleibt solange eine Herstellerbehauptung, wie sie keine veröffentlichte Messung stützt, und eine solche konnte nicht gefunden werden.
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Zur Frage, wie Aufbewahrung im Wohnraum gestaltet wird, siehe Aufbewahrung, die nach Zuhause aussieht. Praktische Hinweise zum Lagern finden Sie in Richtig lagern.
Was wir nicht wissen
Unklar bleibt, seit wann und warum braune Gefäße in deutschen Apotheken verbreitet waren; die gelesenen Museumsquellen erwähnen braunes und grünes Glas für lichtempfindliche Substanzen, aber ohne Datierung. Die Angaben zu Mangan und Solarisation stammen überwiegend aus der US-amerikanischen Flaschenarchäologie, ob deutsche Apothekengläser dem gleichen Zeitplan folgen, ist offen. Für Violettglas als Verpackung fehlen veröffentlichte, unabhängige Messungen in den gelesenen Quellen. Auch zur Rolle von Kobaltglas in der Apotheke ließ sich nichts belegen.
Quellen
- Bill Lockhart: The Color Purple: Dating Solarized Amethyst Container Glass (Historical Archaeology 40/2, 2006) (öffnet in neuem Tab)
- Solarized architectural glass (Wikipedia, englisch) (öffnet in neuem Tab)
- Das Märchen vom entfärbten Glas (Archäologie Online, 2008) (öffnet in neuem Tab)
- Apothekengläser (museum-digital, Themenseite) (öffnet in neuem Tab)
- Glasflaschen (Apothekarium) (öffnet in neuem Tab)
- Sammlungsschwerpunkte (Deutsches Apotheken-Museum, Heidelberg) (öffnet in neuem Tab)
- Apotheken- und Drogeriegefäße aus Glas (Potsdam Museum, museum-digital Brandenburg) (öffnet in neuem Tab)
- Apothekenstandgefäß aus der fürsterzbischöflichen Hof-Apotheke Salzburg (Deutsches Apotheken-Museum, museum-digital Baden-Württemberg) (öffnet in neuem Tab)
- R. G. C. Beerkens: Amber chromophore formation in sulphur- and iron-containing soda-lime-silica glasses (Glass Science and Technology 76/4, 2003; Eintrag im Forschungsportal der TU Eindhoven) (öffnet in neuem Tab)
- European Pharmacopoeia 7.0, 3.2.1 Glass containers for pharmaceutical use (öffnet in neuem Tab)
- USP 38, <660> Containers, Glass (öffnet in neuem Tab)
- Protective Properties of Colored Glass Containers (ECA Academy) (öffnet in neuem Tab)
- Protection of Light Sensitive Products (Pharmaguideline) (öffnet in neuem Tab)
- Cobalt glass (Wikipedia, englisch) (öffnet in neuem Tab)
- Classification of the spectral ranges (Opsytec, Stand 24.07.2024) (öffnet in neuem Tab)
- Frequently asked questions (Herstellerseite eines Violettglas-Anbieters, Quelle für Herstellerbehauptungen) (öffnet in neuem Tab)